Vossische Zeitung – Morgen-Ausgabe (Nr. 242)
Der Bericht der Vossischen Zeitung vom 25. Mai 1926 dokumentiert das Ende des Rif-Krieges in Marokko. Nach der Einnahme seines Hauptquartiers durch französische Truppen steht der Rebellenführer Abd el-Krim vor der endgültigen Unterwerfung – ein Wendepunkt der Kolonialgeschichte.
Berlin, Dienstag, 25. Mai 1926
Abd el Krim unterwirft sich
Sein Hauptquartier genommen
Nachrichtendienst der Vossischen Zeitung
Paris, 24. Mai
Die französischen Truppen in Marokko haben gestern die Stadt Targuist, wo Abd el Krim nach der Eroberung von Agdir durch die Spanier sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, ohne Schwertstreich eingenommen. Der Widerstand wird vor der französischen Front immer schwächer. In den letzten drei Tagen konnten die französischen Truppen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, 30 bis 40 Kilometer Gelände gewinnen.
Das Havasbüro meldet aus Fes: Der französische Militärarzt Parent, der nach Abbruch der Friedenskonferenz von Udjda mit einer Mission ins Lager Abd el Krims gesandt wurde, ist in Fes angekommen, wo er eine längere Unterredung mit dem Generalresidenten Steeg hatte. Es wird versichert, dass Parent ein Handschreiben Abd el Krims an Steeg mitgebracht habe, das ein formelles Friedensgesuch Abd el Krims darstelle. Es verlautet, dass der Generalresident am Donnerstag zur Front reisen wird, um Abd el Krims Unterwerfung entgegenzunehmen.
Was geschah noch an diesem Tag im Mai 1926?
Die Ausgabe vom 25. Mai 1926 (die die Ereignisse des Vortages, 24. Mai, zusammenfasst) zeigt eine Welt im radikalen Umbruch, zwischen Friedenssehnsucht und kolonialer Gewalt:
- „Ohne Rot! Ruhige Pfingsten“ in Berlin: Entgegen den hysterischen Warnungen der rechtskonservativen Presse vor einem kommunistischen Umsturz verliefen die Pfingsttage in Deutschland absolut friedlich. Weder bei den Aufmärschen des rechtsradikalen Stahlhelms in Düsseldorf noch beim Treffen des kommunistischen Roten Frontkämpferbundes in Berlin kam es zu nennenswerten Zwischenfällen. Die Zeitung konstatiert eine schwere politische Blamage für den Hugenberg-Presseapparat.
- Faschistisches Attentat auf Stjepan Radić: In Syrmien (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) scheiterte ein Sprengstoffattentat auf den bekannten kroatischen Bauernführer Stjepan Radić. Der 25-jährige Attentäter Slavko Mihitić stammte aus der faschistischen Geheimorganisation „Orjuna“.
- Die Proklamation der Libanonrepublik: In Beirut verkündete der französische Oberkommissar für Syrien, Henri de Jouvenel, feierlich die Gründung der neuen Libanesischen Republik unter französischem Mandat.
- Durchbruch bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen: Im Vorfeld des deutschen Beitritts zum Völkerbund einigten sich Frankreich und Großbritannien (vertreten durch Paul-Boncour und Lord Robert Cecil) auf ein wichtiges Kompromisspaket zur Beschleunigung von Militär- und Wirtschaftssanktionen im Falle von künftigen Aggressionen. Zudem debattierte man bereits über ein internationales Verbot chemischer und bakteriologischer Kriegsführung.
- Weltrekord durch Paavo Nurmi: Auf sportlicher Ebene lief der finnische Jahrhundertathlet Paavo Nurmi im Berliner Stadion einen spektakulären neuen Weltrekord, den die Vossische Zeitung in ihrer Sportbeilage feierte.
Der Jahrhundertvergleich: Mai 1926 vs. Mai 2026
Genau ein Jahrhundert liegt zwischen den Depeschen der Vossischen Zeitung und unserer heutigen Realität im Mai 2026. Die Dynamiken haben sich fundamental verschoben:
Kolonialismus vs. Postkoloniale Realität
- 1926: Die europäische Hegemonie schien auf ihrem Höhepunkt. Frankreich und Spanien schlugen den antikolonialen Aufstand der Rif-Kabylen im Norden Marokkos unter Abd el-Krim mit brutaler Härte und dem völkerrechtswidrigen Einsatz von Senfgas nieder. Zur selben Zeit diktierte Paris die Grenzen und Verfassungen im Nahen Osten (Libanon/Syrien).
- 2026: Einhundert Jahre später ist die koloniale Ära längst Geschichte, doch die tektonischen Verschiebungen wirken fort. Marokko ist heute ein selbstbewusster, eigenständiger Akteur in Nordafrika mit engen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa auf Augenhöhe. Der Libanon hingegen leidet im Jahr 2026 unter den Spätfolgen jahrzehntelanger regionaler Stellvertreterkriege und schwerer Staatskrisen – die damals von den Mandatsmächten gezogenen konfessionellen Grenzen prägen das Land bis heute.
Multilaterale Sicherheitsarchitektur
- 1926: In Genf rang der Völkerbund um Mechanismen, um Kriege durch schnelle Kommunikation und vertragliche Schiedsgerichte zu verhindern. Man erkannte damals visionär, dass ein Kriegsausbruch im Oktober 1925 zwischen Griechenland und Bulgarien nur verhindert wurde, weil ein Telegramm rechtzeitig eintraf. Die Hoffnung ruhte ganz auf dem Prinzip der kollektiven Sicherheit.
- 2026: Der Völkerbund scheiterte bekanntlich wenig später am Aufstieg des Faschismus. Die heutigen Vereinten Nationen (UN) stehen im Mai 2026 vor ähnlich existenziellen Zerreißproben. In einer multipolaren Weltordnung, die von digitaler Kriegsführung, KI-gestützten Konflikten und Cyber-Angriffen dominiert wird, wirken die alten Mechanismen oft blockiert. Die Parallele bleibt jedoch: Auch heute hängen Deeskalationen im Sekundentakt von globaler, digitaler Krisenkommunikation ab – nur dass anstelle des Völkerbund-Telegramms heute abhörsichere Quantenkommunikation und Satelliten-Hotlines treten.
Medien und gesellschaftliche Resilienz
- 1926: Der Leitartikel atmet Erleichterung darüber, dass die deutsche Bevölkerung sich nicht von der gezielten Desinformation und Angstmacherei der rechten Hugenberg-Presse hat anstecken lassen („Ein sich selbst ordnendes und in Zucht haltendes Volk...“).
- 2026: Hundert Jahre später ist die Widerstandskraft von Demokratien gegen mediale Manipulation und Spaltung (heute getrieben durch algorithmische Echokammern, Deepfakes und hybride Desinformationskampagnen aus dem Netz) die Kernfrage moderner Sicherheitspolitik. Die Resilienz der Bürger, die Georg Bernhard 1926 beschwor, ist im Jahr 2026 dringlicher denn je.
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