Vossische Zeitung – Morgen-Ausgabe (Nr. 244)
Berlin, Mittwoch, 26. Mai 1926
Petljura erschossen
Der antibolschewistische Staatschef der Ukraine in Paris ermordet / Der Täter verhaftet
Nachrichtendienst der „Vossischen Zeitung“
Paris, 25. Mai
Der frühere Hetman und Präsident der ukrainischen Nationalrepublik, Simon Petljura, ist heute Nachmittag auf offener Straße im Quartier Latin Opfer eines Revolverattentats geworden.
Petljura ging gegen 2 Uhr nachmittags die Rue Racine hinab und blieb vor dem Schaufenster einer Buchhandlung an der Ecke des Boulevard Saint-Michel stehen. Ein junger Mann trat von hinten an ihn heran, zog einen Revolver und feuerte sieben Schüsse auf den ehemaligen Staatschef ab. Fünf Kugeln trafen Petljura in die Brust und den Unterleib. Er brach schwer verletzt auf dem Bürgersteig zusammen.
Ein in der Nähe stehender Polizeibeamter eilte sofort herbei und entwaffnete den Attentäter, der keinen Widerstand leistete. Er rief der herbeiströmenden Menschenmenge zu: „Ich habe einen großen Mörder gerächt!“ Petljura wurde in das nahegelegene Hôpital de la Charité gebracht, erlag dort jedoch wenige Minuten nach seiner Ankunft seinen schweren Verletzungen.
Der Täter wurde zur Polizeiwache gebracht. Bei der Vernehmung stellte sich heraus, dass es sich um den 38-jährigen jüdischen Uhrmacher Samuel Schwarzbard handelt, der aus der Ukraine stammt. Schwarzbard gab zu Protokoll, das Attentat von langer Hand vorbereitet zu haben. Er erklärte, er habe in Petljura den Hauptverantwortlichen für die grausamen Pogrome gesehen, denen in den Jahren 1919 und 1920 während des ukrainischen Bürgerkrieges zehntausende Juden – darunter Schwarzbards gesamte Familie – zum Opfer gefallen waren. Die Pariser Behörden haben eine umfassende Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, ob es sich um die Einzeltat eines Verzweifelten oder um ein politisch gesteuertes Komplott handelt.
Was geschah noch am 26. Mai 1926?
Der Blick in die weitere Ausgabe der Vossischen Zeitung zeigt eine Welt voller wirtschaftlicher und diplomatischer Spannungen:
- Zollkrieg-Debatte zwischen Deutschland und Schweden: Das Reichswirtschaftsministerium verhandelte erbittert über Agrarzölle. Die Vossische Zeitung kritisiert in ihren Wirtschaftsseiten die Schutzzollpolitik und weist anhand von Importstatistiken nach, dass die Angst vor einer „Ueberschwemmung mit schwedischem Getreide“ völlig unbegründet sei, da Schweden selbst ein Netto-Importeur von Weizen ist.
- Marokko nach Abd el-Krim: Nach der Kapitulation des Rif-Rebellen Abd el-Krim am Vortag berieten Paris und Madrid über die zukünftige Aufteilung der Einflusssphären. In der französischen Abgeordnetenkammer kam es zu hitzigen Debatten, da die Linksparteien Aufklärung über die Kriegskosten forderten.
- Vorbereitung der Genfer Wirtschaftskonferenz: Im Völkerbund wurden die Richtlinien für eine internationale Wirtschaftskonferenz konkreter. Ziel war es, die europäischen Handelsbarrieren abzubauen, um den Kontinent nach dem Ersten Weltkrieg dauerhaft zu stabilisieren.
Der Jahrhundertvergleich: Mai 1926 vs. Mai 2026
Genau ein Jahrhundert liegt zwischen den Ereignissen in der Rue Racine und unserer heutigen Realität im Mai 2026. Die Parallelen im geopolitischen Raum sind von bedrückender Aktualität:
Die Ukraine als geopolitischer Brennpunkt
- 1926: Simon Petljura stand für den gescheiterten Versuch, nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches eine unabhängige, demokratische ukrainische Nationalrepublik aufzubauen, die letztlich von den sowjetischen Bolschewiki zerschlagen wurde. Seine Regierungszeit war überschattet von den brutalen Wirren des Bürgerkriegs und verheerenden antisemitischen Pogromen. Seine Ermordung in Paris brachte die ungelöste „ukrainische Frage“ und die Traumata Osteuropas auf die Bühne der westlichen Weltöffentlichkeit.
- 2026: Einhundert Jahre später ist die Ukraine erneut das Epizentrum eines historischen Ringens um Souveränität, Unabhängigkeit und europäische Integration. Die Frage der ukrainischen Eigenstaatlichkeit, die 1926 gewaltsam durch Moskau und interne Konflikte begraben wurde, ist im Mai 2026 der zentrale Dreh- und Angelpunkt der globalen Sicherheitsarchitektur.
Politische Attentate und Exilkonflikte
- 1926: Paris war das weltweite Zentrum für politische Emigranten, Dissidenten und gestürzte Staatschefs. Konflikte aus den Bürgerkriegen Osteuropas wurden physisch auf den Boulevards Westeuropas ausgetragen. Das Attentat von Schwarzbard war ein Akt der Selbstjustiz, getrieben von historischem Trauma und Rache.
- 2026: Auch heute werden Konflikte aus autoritären Staaten durch Geheimdienste, Oppositionelle und Exil-Netzwerke in europäische Metropolen getragen. Anstelle von Revolverattentaten im Quartier Latin treten im Jahr 2026 jedoch oft hochtechnologisierte Cyber-Angriffe, gezielte Desinformationskampagnen zur Zersetzung von Exilbewegungen oder hybride Bedrohungen. Das Phänomen, dass europäische Hauptstädte zum Schauplatz globaler politischer Abrechnungen werden, hat sich ins Digitale und Asymmetrische verlagert.
Wirtschaftlicher Nationalismus vs. Globale Verflechtung
- 1926: Die Agrardebatten um deutsche und schwedische Zölle zeigten den beginnenden Trend zum Protektionismus, der nur wenige Jahre später in der Weltwirtschaftskrise münden sollte.
- 2026: Im Mai 2026 ringt die Weltwirtschaft mit ganz ähnlichen Fragen. Die Debatten über „De-Risking“, Handelsschranken bei kritischen Technologien (wie Halbleitern und KI-Infrastruktur) und strategische Autonomie spiegeln die alten Sorgen von 1926 wider – allerdings in einer ungleich stärker vernetzten, globalisierten Infrastruktur.
Das Schicksal von Samuel Schwarzbard nach den Schüssen in der Rue Racine gehört zu den spektakulärsten und folgenschwersten Kriminal- und Justizgeschichten der Zwischenkriegszeit. Da der Prozess in Paris stattfand, zog er weltweite Aufmerksamkeit auf sich.
Hier ist der historische Verlauf nach seiner Verhaftung:
Der Prozess als Tribunal über die Pogrome (1927)
Schwarzbard wurde im Oktober 1927 vor einem pariserischen Geschworenengericht angeklagt. Sein genialer Verteidiger, der berühmte linke Anwalt Henry Torres, stellte eine radikale Strategie auf: Er verteidigte nicht die Tat an sich, sondern klagte stattdessen das Opfer und dessen historische Rolle an.
- Die Beweisaufnahme: Torres lud zahlreiche jüdische Überlebende der Pogrome in der Ukraine als Zeugen vor. Diese schilderten vor Gericht die unvorstellbaren Grausamkeiten, Massaker und Vergewaltigungen, die unter der formellen Herrschaft von Petljuras Truppen verübt worden waren.
- Das Motiv: Schwarzbard betonte unentwegt, dass er rein als Rächer seines gequälten Volkes und seiner ermordeten Familie gehandelt habe und kein persönliches oder parteipolitisches Interesse besaß.
Das sensationelle Urteil: Freispruch
Nach nur acht Tagen Verhandlungszeit passierte das, womit die Staatsanwaltschaft kaum gerechnet hatte:
- Die Geschworenen sprachen Samuel Schwarzbard am 26. Oktober 1927 in allen Punkten frei.
- Das Gericht erkannte an, dass er in einem Zustand tiefer emotionaler Verzweiflung über die Verbrechen an seinem Volk gehandelt hatte (ein sogenannter Crime passionnel im weiteren Sinne).
- Er musste lediglich eine symbolische Entschädigung von einem Franc an Petljuras Witwe und dessen Bruder für die Gerichtskosten zahlen.
Das spätere Leben von Schwarzbard
Nach dem Prozess blieb Schwarzbard eine hochgradig symbolische, aber auch umstrittene Figur:
- Literarisches Wirken: Er arbeitete wieder als Uhrmacher, betätigte sich aber zunehmend als Schriftsteller und verfasste Gedichte sowie seine Memoiren unter dem Titel „In dem Kroym von Bund“ (Im Kampfgetümmel) auf Jiddisch.
- Flucht nach Südafrika: Da er in Europa weiterhin von ukrainischen Nationalisten bedroht wurde und das politische Klima in den 1930er Jahren immer gefährlicher wurde, emigrierte er später nach Südafrika.
- Tod: Samuel Schwarzbard starb am 3. März 1938 im Alter von 51 Jahren in Kapstadt an einem Herzinfarkt.
Historische Nachwirkung
Der Prozess hatte eine unerwartete juristische und humanitäre Nebenwirkung: Der spätere polnisch-jüdische Jurist Raphaël Lemkin verfolgte den Fall Schwarzbard (wie auch den Fall des armenischen Rächers Soghomon Tehlirian) sehr genau. Lemkin war schockiert, dass es zwar ein Gesetz gab, um einen einzelnen Mörder auf der Straße zu bestrafen, aber kein internationales Gesetz, um Staatschefs für den Massenmord an Hunderttausenden zur Rechenschaft zu ziehen. Dies inspirierte Lemkin maßgeblich dazu, später den völkerrechtlichen Begriff des Genozids (Völkermord) zu definieren.
Samuel Schwarzbard, Prozess 1927, Simon Petljura, Pogrome Ukraine, Justizgeschichte
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