Vossische Zeitung – Sonntags-Ausgabe (Nr. 241)

Der historische Leitartikel „Die Machtschleicher“ aus der Vossischen Zeitung von 1926 deckt auf, wie rechte Kräfte die Weimarer Verfassung durch das Erschleichen von Notverordnungen aushöhlen wollten. Ein flammendes Plädoyer für den Demokratieschutz, das bis heute erschreckend aktuell bleibt.

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Vossische Zeitung – Sonntags-Ausgabe (Nr. 241)
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Rekonstruktion des Originalartikels (23. Mai 1926)

Berlin, Sonntag, 23. Mai 1926

Die Machtschleicher

Von Georg Bernhard

Pfingsten, das liebliche Fest! Dieses anheimelnde Wort des Dichters trifft gut die Gefühle des Großstädters angesichts der Tage, die ihm zuerst im Jahre die Pforten ins Freie öffnen. Die Aussicht auf zwei Ferientage unter grünen Bäumen, im bunten Blühen der Natur, das sind Seltenheiten für den, der in den Arbeitsrhythmus einer Stadt mit hohen Schornsteinen eingezwängt ist.

Dem Berliner gönnt man diesmal nicht seine Ruhe. Seit Wochen schon wird ihm das Furchtbare an die Wand gemalt, das zu Pfingsten passieren wird. Und nicht nur den Bewohnern Berlins, sondern allen Deutschen schildert der gesamte Hugenbergsche Presseapparat, wie gefährlich die Unachtsamkeit der preußischen Regierung ist, die den Roten Frontkämpferbund eine Tagung in der Reichshauptstadt abhalten lässt, zu der sich angeblich 80.000 Kommunisten aus allen deutschen Gauen, untermischt mit russischen Gästen, in Berlin versammeln werden.

Was sollte die preußische Regierung eigentlich tun, ohne die Verfassung zu verletzen? Dieselben Blätter, die jetzt Zeter und Mordio schreien, haben in den höchsten Jubeltönen von den Deutschen Tagen berichtet, die der Stahlhelm und andere Verbände abgehalten haben. Darf der Stahlhelm Deutsche Tage abhalten, so muss man es den Kommunisten, solange sie sich im Rahmen der Ordnung halten, freistellen, sich zu versammeln und Tagungen ihrer Verbände zu veranstalten. Beide Verbände unterscheiden sich gewiss in ihren politischen Idealen, aber eines haben sie gemeinsam: Sie sind Kampfverbände gegen die demokratische Republik. Für den Republikaner ist die Gefahr von links und rechts gleich groß. Ob der Terror weiß oder rot übertüncht ist, macht etwa denselben Unterschied aus wie die Frage: „Halten Sie es für angenehmer, von einem Leichenwagen oder von einer Brautkutsche überfahren zu werden?“ 

Die Gräuelereien einer bestimmten Presse verfolgen systematisch den Zweck, das Bürgertum zu verschüchtern. Nichts ist kennzeichnender als die Aufbauschung des Vorfalles, dass Kommunisten verrostete Theaterwaffen für eine Aufführung über die Straße getragen haben. Dieselben Zeitungen, die Waffenfunde bei rechtsradikalen Verbänden verschweigen oder bagatellisieren, machen über jede Zündhütchenpistole eines Kommunisten ein Geschrei.

Das Schwergewicht der wahren Pläne lag indes nicht in phantastischen Aufmarschplänen, sondern im Verfahren zur Erschleichung der Macht. Weil man an einem gewaltsamen Putsch zweifelt, sollte unter dem Schein der Gesetzlichkeit über den Artikel 48 der Reichsverfassung die Diktatur eingeführt werden. Der voraussichtliche Diktator sollte während der Parlamentswirren vom Reichspräsidenten ganz gesetzmäßig zum Reichskanzler ernannt werden. Dieser wollte vor den Reichstag treten, die Auflösungsorder bereits in der Mappe haltend. Nach der Auflösung des Reichstags wollte man durch Lockspitzel aus irgendeinem kommunistischen Haufen eine Pistole losknallen lassen. Damit wäre die Störung der öffentlichen Sicherheit bewiesen, um auf Basis des Artikels 48 den Ausnahmezustand ohne parlamentarische Kontrolle zu verhängen.

Braun zur Putschgefahr

Unterredung mit dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun

Der preußische Ministerpräsident Otto Braun äußerte sich gegenüber Dr. Paul Goldmann („Neue Freie Presse“) zu den polizeilichen Untersuchungen über die rechtsradikalen Verbände und die „vorgeschützte Kommunistenfurcht“ der Rechtsparteien:

„Ich weiß aus meiner Kenntnis des Materials [...], dass ein erheblicher Teil der bisher als Organisatoren tätig gewesenen Männer nicht daran denkt, die Flinte ins Korn zu werfen, sondern dass sie weiter ihre unheilvolle und volksfeindliche Arbeit im Geheimen treiben werden. Im Gegensatz zu den Kommunisten, die sehr viel schreien [...], sprechen und schreiben die rechtsradikalen Verbände verhältnismäßig wenig, um desto intensiver ihre Ausbildungsarbeit im Geheimen zu betreiben. Schon aus dieser grundverschiedenen Taktik geht hervor, wie ungleich größer die Gefahr ist, die Deutschland von den rechtsradikalen Verbänden droht.“

Braun betonte, dass die preußische Regierung unentwegt alle staatsfeindlichen Machenschaften im rechts- oder linksradikalen Lager ans Tageslicht ziehen wird. Wenn die Justiz ihre Schuldigkeit tue und jede Verbindung der rechtsradikalen Kreise mit der Reichswehr rücksichtslos ausgemerzt werde, wird es gelingen, diesen republikfeindlichen Umtrieben die Spitze abzubrechen.

Was geschah noch am 23. Mai 1926?

Der Pfingstsonntag 1926 war weltweit und national von tiefen politischen Spannungen, aber auch vom sportlichen Aufbruch geprägt:

  • Der Rote Pfingststurm in Berlin: Wie im Artikel angekündigt, strömten zehntausende Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes (RFB) zu ihrem zweiten Reichstreffen nach Berlin. Es blieb trotz der massiven Warnungen der konservativen Hugenberg-Presse weitgehend friedlich.
  • Der Rif-Krieg in Marokko: An diesem Tag zeichnete sich das endgültige Ende des Rif-Krieges ab. Der marokkanische Widerstandskämpfer Abd el-Krim stand in Verhandlungen mit den französischen Truppen und kapitulierte nur wenige Tage später (am 27. Mai), was die französisch-spanische Kolonialherrschaft in Nordafrika festigte.
  • Libanesische Republik gegründet: Unter französischem Mandat wurde am 23. Mai 1926 die Verfassung der Libanesischen Republik verkündet. Damit wurde der Grundstein für den modernen libanesischen Staat gelegt, obgleich er vorerst unter französischer Kontrolle verblieb.
  • Gründung der „Deutschen Luft Hansa AG“ wirft Schatten voraus: Die im Januar 1926 gegründete Fluglinie baute im Mai ihr Streckennetz massiv aus. Fliegen wurde in diesem Frühjahr endgültig zum transnationalen Verkehrsmittel in Europa.

Der Vergleich: 23. Mai 1926 vs. Heute (24. Mai 2026)

Genau ein Jahrhundert und ein Tag liegen zwischen der historischen Zeitung und dem heutigen Datum im Mai 2026. Die Parallelen und Unterschiede sind frappierend:

Die Parallelen: Bedrohung der Demokratie

  • 1926: Die Weimarer Republik kämpfte gegen die „Machtschleicher“ – Akteure von rechts, die versuchten, die Schwachstellen der Verfassung (wie den Notverordnungs-Artikel 48) auszunutzen, um eine legale Diktatur zu errichten.
  • 2026: Auch heute erlebt die westliche Welt Debatten über „Demokratie-Resilienz“. Autokraten und linksextreme Bewegungen weltweit versuchen oft nicht mehr, über klassische Militärputsche an die Macht zu kommen, sondern nutzen die Werkzeuge der Demokratie selbst (Gesetze, Medien, Gerichte), um diese von innen heraus auszuhöhlen („Salami-Taktik“ oder „Verfassungsschleichend“).

Die Medienlandschaft

  • 1926: Georg Bernhard kritisiert den „Hugenbergschen Presseapparat“ , der durch gezielte Desinformation, das Aufbauschen von Vorfällen und das Schüren von Angst (Kommunistenfurcht) das Bürgertum radikalisierte.
  • 2026: Der Hugenberg-Konzern war der Prototyp moderner Medienmonopole. Heute übernehmen Algorithmen, soziale Netzwerke und KI-gestützte Desinformationskampagnen (wie Deepfakes oder Bot-Netzwerke) die Rolle, Ängste im Bürgertum systematisch zu bewirtschaften.

Die großen Unterschiede

  • Stabilität der Institutionen: 1926 war die Reichswehr ein „Staat im Staate“ und tief mit rechtsradikalen Kräften verstrickt. Das Vertrauen in die Republik war extrem gering. Im Jahr 2026 sind das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Sicherheitsorgane institutionell ungleich fester verankert, auch wenn sie sich neuen hybriden Bedrohungen ausgesetzt sehen.
  • Geopolitik: Standen 1926 noch die Folgen des Ersten Weltkriegs, Reparationen und geheime Verträge mit der Sowjetunion im Fokus, bewegt sich die Welt 2026 in einer multipolaren Ordnung, die von technologischen Kalten Kriegen (KI, Mikrochips) und dem globalen Klimawandel dominiert wird.

Georg Bernhard (1875–1944) war in den 1920er Jahren einer der profiliertesten, streitbarsten und einflussreichsten Wirtschaftsjournalisten und Chefredakteure der Weimarer Republik. Er leitete die Vossische Zeitung von 1914 bis 1930 und prägte ihren Kurs als das liberale, demokratische Leitmedium des Berliner Bürgertums.

Hier sind die wichtigsten Eckpunkte zu seiner Person:

  • Der Prototyp des politischen Journalisten: Bernhard verstand Journalismus nie als bloße Berichterstattung, sondern als aktive politische Mitgestaltung. Er war glühender Verfechter der Republik und nutzte seine Leitartikel (wie „Die Machtschleicher“), um unermüdlich vor den Gefahren des Rechtsradikalismus und der schleichenden Aushöhlung der Verfassung zu warnen.
  • Wirtschaftliche Expertise: Vor seiner Zeit bei der „Tante Voss“ gründete er das renommierte Fachblatt Plutus und war als Wirtschaftsexperte hoch geschätzt. Diese ökonomische Brille prägte auch seine präzisen Analysen der außen- und innenpolitischen Krisen der Weimarer Zeit.
  • Politisches Engagement: Er beließ es nicht beim Schreiben. Bernhard war zeitweise Reichstagsabgeordneter für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) und engagierte sich stark im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dem überparteilichen Bündnis zum Schutz der demokratischen Republik.
  • Flucht und Exil: Als prominenter jüdischer Demokrat und unerbittlicher Kritiker der Nationalsozialisten musste er sofort nach deren Machtübernahme 1933 fliehen. Im Pariser Exil gründete er das Pariser Tageblatt, ein wichtiges Sprachrohr des deutschen Widerstands im Ausland. 1941 gelang ihm die Flucht in die USA, wo er 1944 in New York starb.

Bernhard war die publizistische Stimme der vernunftorientierten, demokratischen Mitte der Zwanziger Jahre – ein Intellektueller, der früh erkannte, dass eine Demokratie Wehrhaftigkeit und klare Worte braucht.


Zeitungshistorie, Weimarer Republik, Demokratieschutz, Geopolitik 1926