Wenn politische Abweichung zur Diagnose wird: Robert Misiks kranker Wähler
Robert Misik beschreibt rechte Weltbilder als Ergebnis von Ansteckung, Kränkung und Konformismus. Doch sein Modell bleibt einseitig: Die Linke, Grüne, NGOs und Antifa unterzieht er nicht denselben Maßstäben. Eine Kritik an politischer Pathologisierung und an asymmetrischer Gesellschaftsanalyse.
Robert Misiks Essay „Der affektive Furor der Gekränkten“ in der taz will erklären, warum rechte und rechtsextreme Weltbilder insbesondere in Teilen Ostdeutschlands an gesellschaftlicher Normalität gewinnen. Sein Text ist anspruchsvoller als manche der üblichen Erklärungsversuche. Misik begnügt sich nicht mit der schlichten Behauptung, wirtschaftlicher Abstieg, DDR-Sozialisation oder bloße Protesthaltung führten automatisch zur AfD. Er beschreibt vielmehr ein Milieu, in dem politische Überzeugungen durch Netzwerke, Wiederholung, Gruppendruck, emotionale Verstärkung und gegenseitige Bestätigung entstehen und sich verfestigen.
Gerade deshalb verdient sein Essay eine ernsthafte Antwort.
Denn Misiks Argument besitzt einen fundamentalen blinden Fleck. Er beschreibt ausführlich, wie bestimmte politische Überzeugungen entstehen und zirkulieren können, beantwortet aber kaum die Frage, warum gerade diese Überzeugungen überhaupt Resonanz finden. Zugleich verschiebt seine Sprache politische Auseinandersetzung zunehmend in Kategorien von Infektion, Paranoia, Verhetzung, Kränkung und psychischer Deformation.
Und noch etwas fällt auf: Misiks analytisches Instrumentarium funktioniert offenbar fast ausschließlich in eine Richtung.
Wenn es um die AfD, rechte Bürgerinitiativen, alternative Medien, politische Netzwerke oder ostdeutsche Milieus geht, diagnostiziert er soziale Ansteckung, Konformismus, Autoritarismus und affektive Radikalisierung. Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, linksgerichtete NGOs, aktivistische Netzwerke und militante antifaschistische Strukturen tauchen dagegen nicht als vergleichbare Untersuchungsgegenstände auf.
Dabei wären genau dort viele seiner Kategorien ebenfalls überprüfbar.
Wer eine Theorie gesellschaftlicher Radikalisierung formuliert, muss sie gegen alle politischen Milieus richten können.
Sonst ist sie keine allgemeine Theorie mehr.
Dann ist sie politische Psychologie des Gegners.
Wenn aus politischer Opposition eine Diagnose wird
Misik greift auf Leo Löwenthal, Theodor W. Adorno, Sigmund Freud und andere Vertreter psychoanalytischer und sozialpsychologischer Faschismustheorien zurück. Das ist zunächst legitim. Autoritäre Bewegungen besitzen selbstverständlich psychologische, soziale und kulturelle Voraussetzungen.
Doch Misiks Sprache zeigt, wie schnell Analyse in Pathologisierung übergehen kann.
Er schreibt von „neurotischen und paranoiden“ Menschen, von „Gefühlsansteckung“, von „Infektionen“, vom „verhetzten Menschen“ und vom „Paranoiker“. Er beschreibt einen Menschen, der seine Kränkung „wie einen Besitz“ pflege.
Diese Begriffe sind nicht nebensächlich. Sie bilden den erkenntnistheoretischen Rahmen seines Essays.
Der politische Gegner erscheint nicht in erster Linie als Bürger, dessen Argumente möglicherweise falsch oder richtig sind. Er erscheint als Produkt eines Milieus.
Seine Überzeugung wird zum Symptom.
Seine politische Entscheidung wird zur Folge von Sozialisation.
Seine Empörung wird zur Kränkung.
Seine Kommunikation wird zur Ansteckung.
Damit verändert sich die demokratische Fragestellung fundamental.
Nehmen wir einen Bürger, der Migration begrenzen will, weil er Schulen, Kommunen, Wohnungsmarkt oder Sozialstaat überfordert sieht.
Vielleicht irrt er.
Vielleicht übertreibt er.
Vielleicht stützt er sich auf schlechte Quellen.
Vielleicht hat er in einzelnen Punkten recht.
In einer demokratischen Öffentlichkeit müsste nun über die Sache gestritten werden.
Wie viele Menschen wandern ein?
Welche Auswirkungen hat das auf Kommunen?
Was geschieht auf dem Wohnungsmarkt?
Welche Integrationsprobleme gibt es?
Welche wirtschaftlichen Vorteile entstehen?
Welche Belastungen entstehen?
Welche politischen Alternativen existieren?
Sobald dieselbe Position primär als Resultat eines rechten Kommunikationsmilieus, als „Ansteckung“ oder als Ausdruck von Kränkung interpretiert wird, verändert sich die Frage.
Dann lautet sie nicht mehr:
Ist dieses Argument richtig?
Sondern:
Warum glaubt dieser Mensch so etwas?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Die Herkunft einer Meinung widerlegt ihren Inhalt nicht
Hier liegt eine der zentralen Schwächen von Misiks Argument.
Er beschreibt ausführlich die soziale Entstehung politischer Überzeugungen. Doch selbst wenn seine Beschreibung vollständig zuträfe, wäre über deren Wahrheitsgehalt noch nichts entschieden.
Eine Meinung kann durch Freunde, Nachbarn, Medien, Parteien, soziale Netzwerke oder politische Vorbilder verbreitet werden und trotzdem richtig sein.
Sie kann ebenso falsch sein.
Die Soziologie einer Überzeugung ist keine Widerlegung dieser Überzeugung.
Menschen entwickeln politische Weltbilder fast nie isoliert.
Sozialdemokraten werden in sozialdemokratischen Milieus geprägt.
Konservative in konservativen.
Grüne Überzeugungen entstehen in Familien, Universitäten, Medien, NGOs und politischen Gruppen.
Sozialistische Vorstellungen werden in Parteien, Jugendorganisationen, Hochschulgruppen und sozialen Bewegungen weitergegeben.
Feminismus, Umweltschutz, Liberalismus, Nationalismus oder Antikapitalismus besitzen jeweils eigene Kommunikationsräume.
Das ist keine Besonderheit rechter Weltbilder.
Wenn Misik also feststellt, dass Menschen politische Ansichten häufiger übernehmen, wenn sie wiederholt mit ihnen konfrontiert werden, beschreibt er zunächst einen normalen Mechanismus menschlicher Gesellschaft.
Interessant würde seine Theorie erst dann, wenn sie universell angewendet würde.
Warum heißt derselbe Vorgang rechts „Ansteckung“, links aber häufig „Politisierung“?
Warum wird ein konservativer Jugendlicher, der in einem sächsischen Ort immer wieder ähnliche politische Aussagen hört, sozialpsychologisch untersucht, während ein Student, der mehrere Jahre in einem politisch homogenen Hochschulmilieu verbringt, als aufgeklärter politischer Akteur gilt?
Warum werden rechte Netzwerke als ideologisches Ökosystem beschrieben, linke oder progressive Netzwerke dagegen als Zivilgesellschaft?
Eine Theorie, die identische soziale Mechanismen abhängig vom politischen Vorzeichen unterschiedlich benennt, verliert ihre analytische Neutralität.
Misiks blinder Fleck: Die politische Linke
Genau hier wird Misiks Essay auffallend einseitig.
Er benennt die AfD ausdrücklich. Er beschreibt rechte Parteien, Bürgerinitiativen, Buchhandlungen, Kampfsportgruppen, Festivals, Unternehmernetzwerke und alternative Medien als Bestandteile einer gesellschaftlichen Infrastruktur, in der sich bestimmte Einstellungen gegenseitig verstärken.
Das ist als Untersuchungsansatz legitim.
Aber warum endet dieser Blick dort?
Warum wird dieselbe Analyse nicht auf Die Linke angewandt?
Warum nicht auf Bündnis 90/Die Grünen?
Warum nicht auf politisch aktive NGOs?
Warum nicht auf linksgerichtete Hochschulgruppen?
Warum nicht auf aktivistische Netzwerke?
Warum nicht auf militante antifaschistische Strukturen?
Nicht weil all diese Akteure identisch wären.
Nicht weil demokratische Parteien mit Extremisten gleichgesetzt werden dürften.
Und selbstverständlich auch nicht, weil jede NGO oder jeder politische Aktivist radikal wäre.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer:
Wenn Misiks Mechanismen allgemein gelten, müssen sie überall gelten.
Wenn Wiederholung politische Einstellungen festigt, geschieht das auch in linken Milieus.
Wenn Gruppendruck Konformität produziert, geschieht das auch in grünen oder progressiven Milieus.
Wenn soziale Netzwerke Weltbilder normalisieren, geschieht das auch in NGOs.
Wenn politische Feindbilder Aggression verstärken können, gilt das auch in der radikalen Linken.
Wenn die Masse dem Einzelnen eine moralische „Carte blanche“ verschaffen kann, wie Misik selbst schreibt, dann muss man diese Frage auch dort stellen, wo Menschen sich im Namen des Antifaschismus gegenseitig in ihrer moralischen Gewissheit bestärken.
Eine Theorie des Autoritarismus, die nur nach rechts blickt, ist unvollständig.
Die Linke und die Mechanismen politischer Milieubildung
Gerade Die Linke wäre für Misiks Modell ein naheliegender Untersuchungsgegenstand.
Parteien besitzen soziale Milieus.
Sie besitzen Jugendorganisationen, Hochschulgruppen, politische Vorfeldstrukturen, Unterstützernetzwerke und eigene publizistische Räume.
Innerhalb solcher Strukturen entstehen politische Deutungsmuster.
Begriffe werden übernommen.
Erfahrungen werden kollektiv interpretiert.
Bestimmte gesellschaftliche Ursachen werden hervorgehoben, andere zurückgestellt.
Politische Gegner werden kategorisiert.
All das ist zunächst normaler politischer Betrieb.
Aber dann gilt das auch für die AfD.
Misik müsste deshalb dieselben Fragen auf beiden Seiten stellen.
Wo entsteht Konformitätsdruck?
Welche politischen Grundannahmen werden innerhalb des eigenen Milieus kaum noch infrage gestellt?
Wann wird Opposition nicht mehr als legitimer Widerspruch, sondern als moralischer Defekt verstanden?
Wann schlägt politische Gegnerschaft in Feindbildproduktion um?
Wann wird Gewalt relativiert, weil sie vermeintlich den Richtigen trifft?
Wann wird aus demokratischer Mobilisierung eine Mentalität, nach der politische Gegner aus öffentlichen Räumen verdrängt werden sollen?
Wer diese Fragen nur der AfD und ihrem Umfeld stellt, untersucht nicht allgemeine politische Radikalisierung.
Er untersucht einen politischen Gegner.
Auch die Grünen sind ein politisches Milieu
Dasselbe gilt in anderer Form für Bündnis 90/Die Grünen.
Eine demokratische Partei kann vollständig innerhalb der Verfassungsordnung arbeiten und dennoch starke Milieubindungen, Konformitätsmechanismen und moralische Selbstgewissheiten entwickeln.
Gerade politische Umfelder, die eng mit akademischen, kulturellen, journalistischen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken verbunden sind, können wirkungsvolle soziale Normen hervorbringen.
Welche Begriffe gelten als akzeptabel?
Welche Positionen werden als moralisch geboten präsentiert?
Welche Gegenargumente gelten noch als legitim?
Wo endet politische Kritik und wo beginnt moralische Delegitimierung?
Wie stark beeinflusst das soziale oder berufliche Umfeld die Bereitschaft, bestimmte Positionen offen zu vertreten?
Das sind keine Anschuldigungen gegen eine einzelne Partei.
Es sind exakt die sozialpsychologischen Fragen, die Misik selbst zum Kern seiner Analyse macht.
Wer das Instrument baut, muss akzeptieren, dass es auch gegen das eigene politische Milieu verwendet wird.
Sonst wird aus Sozialpsychologie Ideologiekritik mit eingebauter Einbahnstraße.
Die politische Macht der NGOs
Besonders auffällig wird diese Asymmetrie beim Begriff der „Zivilgesellschaft“.
Misik verwendet ihn positiv.
Doch Zivilgesellschaft ist zunächst eine Beschreibung gesellschaftlicher Organisation jenseits des Staates, kein moralischer Heiligenschein.
NGOs können wichtige demokratische Arbeit leisten.
Sie können Missstände aufdecken.
Minderheiten unterstützen.
Politische Beteiligung fördern.
Genauso können sie politische Ziele verfolgen, Kampagnen organisieren, Personal und Geld mobilisieren, Demonstrationen unterstützen, Narrative verbreiten, Journalisten mit Material versorgen und politischen Druck erzeugen.
Auch das ist grundsätzlich legitim.
Aber dann ist es politische Einflussnahme.
Und politische Einflussnahme schafft Netzwerke.
Sie schafft gemeinsame Begriffe.
Sie schafft Kommunikationsräume.
Sie schafft gemeinsame Gegner.
Sie schafft soziale Belohnungen für Zustimmung und mitunter soziale Kosten für Widerspruch.
Warum sollten solche Mechanismen nur dann analytisch interessant sein, wenn sie rechts auftreten?
Wenn Misik bei rechten Organisationen von Infrastruktur spricht, sollte er auch progressive Infrastruktur untersuchen.
Wenn er alternative rechte Medien als Bestandteil eines ideologischen Ökosystems interpretiert, muss er dieselbe Frage gegenüber linken und progressiven Mediennetzwerken stellen.
Wenn rechte Bürgerinitiativen politische Deutungen verstärken können, können dies politische NGOs selbstverständlich ebenfalls.
Wenn auf der einen Seite alles Netzwerk ist und auf der anderen alles Zivilgesellschaft, ist das Ergebnis schon durch die Begriffswahl vorprogrammiert.
Und was ist mit der Antifa?
Am deutlichsten zeigt sich der blinde Fleck bei militanten antifaschistischen Strukturen.
Hier greifen viele der Kategorien, die Misik für rechte Radikalisierung verwendet, beinahe lehrbuchartig.
Gruppenidentität.
Hohe affektive Mobilisierung.
Ein klar definiertes Feindbild.
Starke moralische Selbstgewissheit.
Politische Selbstermächtigung.
Geschlossene Kommunikationsräume.
Die Vorstellung, gegen einen existenziellen Gegner zu kämpfen.
Und in Teilen dieses Spektrums auch die Bereitschaft, Sachbeschädigung oder körperliche Gewalt politisch zu rechtfertigen oder zumindest zu relativieren.
Wenn Misik beschreibt, dass eine Gruppe dem Einzelnen erlauben könne, schlechter zu sein, als er allein wäre, dann muss man fragen, warum diese Erkenntnis am linken Rand plötzlich nicht mehr gelten sollte.
Warum kann ein Rechtsextremist durch Gruppendynamik enthemmt werden, ein militantes Antifa-Mitglied aber nicht?
Warum soll rechte Gewalt durch Feindbildproduktion vorbereitet werden können, linke Gewalt aber außerhalb derselben Sozialpsychologie stehen?
Antifaschismus ist keine psychologische Immunisierung gegen Autoritarismus.
Eine Bewegung wird nicht automatisch demokratisch, nur weil sie sich antifaschistisch nennt.
Sie wird nicht automatisch tolerant, weil sie Intoleranz bekämpfen will.
Und sie verliert nicht automatisch das Potenzial zur Gewalt, weil sie sich auf moralisch hochwertige Ziele beruft.
Entscheidend sind Handlungen und Strukturen.
Wie wird mit Gegnern umgegangen?
Wie mit Abweichlern?
Welche Sprache wird verwendet?
Welche Formen von Gewalt werden toleriert oder gerechtfertigt?
Welche moralischen Kategorien erzeugen die Vorstellung, der politische Gegner habe bestimmte Rechte verwirkt?
Das sind Misiks Fragen.
Er müsste sie nur konsequent stellen.
Die moralische Lizenz
Gerade politische Milieus, die sich selbst als Verteidiger einer höheren moralischen Ordnung verstehen, sind nicht automatisch weniger anfällig für Enthemmung.
Im Gegenteil.
Wer überzeugt ist, für Demokratie, Antifaschismus, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder Menschenrechte zu kämpfen, kann daraus eine moralische Lizenz ableiten.
Dann erscheint die Blockade einer Veranstaltung nicht mehr als Eingriff in politische Freiheit, sondern als notwendiger Schutz der Demokratie.
Die Verhinderung einer Rede wird nicht als Einschränkung des Diskurses verstanden, sondern als Widerstand.
Die öffentliche Ausgrenzung politischer Gegner gilt als Zivilcourage.
Aggressive Sprache wird nicht als Aggression wahrgenommen, sondern als notwendige Klarheit gegenüber den vermeintlich Bösen.
Genau hier wäre Misiks Instrumentarium interessant.
Wie verändert die Gruppe den Einzelnen?
Wie verschieben sich moralische Grenzen?
Wie wird aus Empörung Legitimation?
Wie entsteht die Gewissheit, dass für den eigenen politischen Zweck andere Regeln gelten?
Misik kennt all diese Mechanismen.
Er wendet sie nur auffallend selektiv an.
Die Infektionsmetapher und ihre Folgen
Besonders problematisch bleibt Misiks epidemiologische Sprache.
Rechte Weltbilder verbreiteten sich wie „Infektionen“, schreibt er. Er spricht von „komplexer Ansteckung“ und greift auf Modellierungen zurück, die aus der Infektiologie bekannt seien.
Natürlich ist soziale Kontagion ein legitimer Forschungsgegenstand.
Aber Metaphern strukturieren Wahrnehmung.
Ein Virus argumentiert nicht.
Ein Virus besitzt keine Interessen.
Ein Virus wird nicht überzeugt.
Ein Virus wird eingedämmt.
Wer politische Überzeugungen in diesem Rahmen beschreibt, verschiebt die Perspektive vom Argument auf den Träger.
Der Bürger erscheint weniger als rationales Subjekt denn als Knotenpunkt einer ideologischen Übertragung.
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die diagnostizieren.
Auf der anderen jene, die diagnostiziert werden.
Die einen sind Forscher, Journalisten, Aktivisten.
Die anderen sind Verhetzte, Paranoide, Gekränkte.
Eine solche epistemische Hierarchie passt erstaunlich schlecht zu einem politischen Milieu, das sich selbst auf Emanzipation und Gleichheit beruft.
Warum finden diese Narrative überhaupt Resonanz?
Noch schwerer wiegt eine Frage, die Misiks Ansatz kaum beantworten kann.
Warum funktionieren bestimmte politische Narrative überhaupt?
Propaganda wirkt nicht im luftleeren Raum.
Wenn Millionen Bürger der Auffassung sind, Politik und Medien beschrieben bestimmte Teile ihrer Lebenswirklichkeit unzureichend, reicht es nicht, die Kommunikationsnetzwerke dieser Menschen zu untersuchen.
Man muss auch überprüfen, ob ihre Kritik zumindest teilweise sachlich begründet ist.
Menschen diskutieren über Migration nicht ausschließlich deshalb, weil sie Beiträge auf Social Media sehen.
Sie erleben Schulen.
Sie erleben Kommunalverwaltungen.
Sie suchen Wohnungen.
Sie beobachten gesellschaftliche Veränderungen.
Menschen diskutieren über Energiepolitik nicht ausschließlich deshalb, weil politische Agitatoren darüber reden.
Sie bekommen Rechnungen.
Menschen diskutieren über wirtschaftlichen Niedergang nicht nur aufgrund propagandistischer Narrative.
Sie erleben Standortschließungen, Arbeitsplatzverluste und Investitionsentscheidungen.
Menschen verlieren Vertrauen in Institutionen nicht ausschließlich, weil ihnen jemand Misstrauen einredet.
Institutionen können Vertrauen auch selbst verspielen.
All das bedeutet nicht, dass daraus automatisch die richtigen politischen Schlussfolgerungen gezogen werden.
Aber es bedeutet, dass Politik eine Pflicht zur materiellen Antwort besitzt.
Wer vorhandene Unzufriedenheit hauptsächlich als Ergebnis von Radikalisierungsnetzwerken beschreibt, verwechselt möglicherweise Ursache und Verstärkung.
Ein Netzwerk kann Empörung radikalisieren.
Es kann Frustration bündeln.
Es kann Vorurteile verstärken.
Aber es kann die gesamte gesellschaftliche Realität, auf die sich Menschen beziehen, nicht aus dem Nichts erschaffen.
Der Osten als Labor
Besonders verräterisch ist Misiks Rede von ostdeutschen Regionen als „Laboratorien“.
Auch dahinter steckt ein nachvollziehbarer Forschungsansatz: Politische Milieus können regional unterschiedliche Dynamiken entwickeln.
Doch ein Labor ist ein Ort, an dem ein Phänomen beobachtet wird.
Die Menschen darin werden zu Untersuchungsobjekten.
Genau diese Haltung dürfte einen Teil jener Entfremdung verstärken, die Misik erklären möchte.
Seit Jahren erleben viele Ostdeutsche, dass ihre Wahlentscheidungen weniger politisch diskutiert als sozialpsychologisch gedeutet werden.
DDR-Sozialisation.
Transformationskränkung.
Modernisierungsverlust.
Autoritarismus.
Männlichkeitskrise.
Angst.
Ressentiment.
Misik kritisiert manche dieser simplen Erklärungen ausdrücklich.
Doch am Ende landet auch er wieder bei einer Variante derselben Perspektive.
Das Verhalten großer Bevölkerungsteile wird stärker psychologisiert als politisch interpretiert.
Die naheliegende Gegenfrage wird selten gestellt:
Was wäre, wenn zumindest ein Teil ihres Urteils rational wäre?
Der doppelte Standard beim Konformismus
Misik macht eine interessante Beobachtung: In Regionen, in denen rechte Einstellungen dominant werden, könne sich Konformität entwickeln.
Menschen passen sich an.
Widerspruch wird seltener.
Bestimmte Aussagen werden normal.
Das ist plausibel.
Aber warum sollte dieser Mechanismus geografisch und politisch ausschließlich rechts auftreten?
Konformismus existiert überall dort, wo Abweichung soziale Kosten verursacht.
In Parteien.
In Redaktionen.
An Universitäten.
In Kulturinstitutionen.
In NGOs.
In Unternehmen.
In aktivistischen Gruppen.
Ein konservativer Student an einem stark progressiv geprägten Institut kann Anpassungsdruck erleben.
Ein Mitarbeiter einer politisch homogenen Redaktion ebenso.
Ein Mitglied einer Partei kann lernen, welche Positionen innerhalb der eigenen Gruppe Karriere fördern und welche nicht.
Das ist kein ausschließlich linkes Problem.
Es ist ein menschliches Problem.
Aber genau deshalb ist es kein ausschließlich rechtes.
Wer Konformismus ernsthaft untersuchen möchte, muss bereit sein, ihn auch dort zu erkennen, wo das Ergebnis politisch unbequem wird.
Demokratie lebt vom Konflikt
Demokratie ist keine Therapiegruppe.
Ihr grundlegendes Prinzip ist nicht gesellschaftliche Harmonie, sondern organisierter Konflikt.
Schon die antike Demokratie kannte den Agon, den öffentlichen Wettstreit gegensätzlicher Positionen. Die Athener Demokratie war keineswegs grenzenlos tolerant und sollte nicht romantisiert werden. Doch eine ihrer zentralen Einsichten bleibt bis heute gültig:
Politische Gemeinschaft entsteht nicht durch die Abschaffung des Konflikts, sondern durch Regeln, innerhalb derer Konflikt ausgetragen werden kann.
Moderne liberale Demokratien haben dieses Prinzip weiterentwickelt.
Parteien konkurrieren.
Zeitungen widersprechen einander.
Regierungen werden abgewählt.
Mehrheiten verändern sich.
Normen verschieben sich.
Positionen, die gestern noch randständig erschienen, können morgen mehrheitsfähig werden.
Das ist kein Betriebsunfall.
Das ist Demokratie.
Natürlich besitzt demokratische Toleranz Grenzen.
Gewalt, politische Einschüchterung oder die Abschaffung gleicher Rechte können nicht einfach als gewöhnliche politische Positionen behandelt werden.
Aber innerhalb der demokratischen Ordnung entsteht politische Normalität nicht dadurch, dass Redaktionen, NGOs, Universitäten oder Parteien sie definieren.
Sie entsteht durch gesellschaftlichen Streit.
Wo Misik recht hat
Eine ernsthafte Gegenrede muss ausdrücklich benennen, wo Misiks Analyse überzeugt.
Rechtsextreme Milieus existieren.
Rechte Gewalt existiert.
Politische Radikalisierung existiert.
Propaganda kann Ressentiments verstärken.
Gruppen können Menschen enthemmen.
Wiederholung kann Grenzen des Sagbaren verschieben.
Feindbilder können Gewalt vorbereiten.
Das alles ist real und muss untersucht werden.
Doch genau dieselbe intellektuelle Redlichkeit verlangt, identische Maßstäbe auch gegenüber linker Radikalisierung anzulegen.
Linke Gewalt wird nicht demokratisch, weil sie gegen Rechte gerichtet ist.
Linker Konformismus wird nicht harmlos, weil er in akademischen oder kulturellen Milieus auftritt.
Linke Feindbilder werden nicht ungefährlich, weil sie mit Antifaschismus begründet werden.
Eine demokratische Partei wird nicht automatisch frei von Milieudruck, nur weil sie sich selbst als progressiv versteht.
Und eine NGO wird nicht unpolitisch, nur weil sie unter dem Begriff Zivilgesellschaft firmiert.
Eine Theorie muss auch gegen die eigene Seite funktionieren
Das ist der eigentliche Prüfstein für Misiks Argument.
Wenn seine Kategorien von Konformismus, Milieubildung, Affekt, Radikalisierung, sozialer Verstärkung und Feindbildproduktion analytische Kategorien sein sollen, müssen sie gleichermaßen auf AfD-nahe Strukturen, Die Linke, grüne Milieus, politisch aktive NGOs und radikale antifaschistische Netzwerke angewandt werden können.
Nicht mit identischen Ergebnissen.
Aber mit identischen Maßstäben.
Genau das geschieht nicht.
Rechts wird diagnostiziert.
Links wird mobilisiert.
Rechts gibt es „Infrastruktur“.
Links gibt es „Zivilgesellschaft“.
Rechts erzeugen Netzwerke „Ansteckung“.
Links erzeugen Netzwerke „Engagement“.
Rechts wird Konformismus als Radikalisierungsmechanismus beschrieben.
Links bleibt er weitgehend unsichtbar.
Diese Asymmetrie ist kein nebensächliches Detail.
Sie berührt den Kern von Misiks Argument.
Denn eine Theorie, die nur dort psychologisiert, wo der politische Gegner steht, erzählt am Ende möglicherweise mehr über den Analytiker als über das analysierte Milieu.
Der Bürger ist kein Patient
Die entscheidende demokratische Frage lautet deshalb nicht, ob Misiks sozialpsychologische Beobachtungen vollständig falsch sind.
Viele davon dürften zutreffen.
Die Frage lautet, warum sie so selektiv angewandt werden.
Eine liberale Demokratie muss Rechtsextremismus untersuchen können, ohne Dissens zu pathologisieren.
Sie muss linken Extremismus untersuchen können, ohne ihn aufgrund sympathischer Selbstbeschreibungen zu verharmlosen.
Sie muss Propaganda erkennen, unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommt.
Sie muss Gewalt verurteilen, unabhängig vom Etikett des Täters.
Und sie muss Bürger als vernunftfähige Akteure behandeln.
Menschen können irren.
Sie können manipuliert werden.
Sie können sich ihrer Gruppe anpassen.
Sie können sich radikalisieren.
Und sie können etablierte Politik schlicht deshalb ablehnen, weil sie sie für falsch halten.
Ob ihre Argumente tragen, entscheidet nicht ihre psychologische Herkunft.
Darüber entscheidet der offene Streit.
Misiks Essay liefert interessante Beobachtungen über rechte Radikalisierung. Zugleich demonstriert er jedoch selbst ein Problem jener politischen Kultur, aus der heraus er argumentiert: die Bereitschaft, den politischen Gegner mit sozialpsychologischer Präzision zu sezieren, während vergleichbare Mechanismen im eigenen Lager kaum interessieren.
Wer Demokratie schützen will, darf Bürger nicht nur als Gegenstand gesellschaftlicher Steuerung betrachten.
Er muss sie als vernunftfähige Akteure ernst nehmen.
Auch wenn sie falschliegen.
Auch wenn sie provozieren.
Auch wenn sie eine Partei wählen, die man ablehnt.
Der Bürger ist kein Patient.
Der politische Gegner ist kein Virus.
Antifaschismus ist keine Immunisierung gegen Autoritarismus.
Und eine Demokratie ist nur dann glaubwürdig, wenn sie für rechts wie links dieselben Maßstäbe anlegt.
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