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Zwei Jungen, sechs Wochen – und die Angst vor dem Danach

Ein verschütteter Eiskaffee, zwei Jungen und sechs Wochen Hamburg: Paul Fishers „Sechs Wochen Gegenwind“ erzählt mit trockenem Witz von erster Liebe, Eifersucht und der Angst vor dem Abschied. Ein warmherziger Roman über den Mut, aus einem Feriensommer eine Beziehung werden zu lassen.

Zwei Jungen, sechs Wochen – und die Angst vor dem Danach
Zwei Jungen, ein Hamburger Sommer: Unsere Rezension zu Paul Fishers „Sechs Wochen Gegenwind“, einem Roman über erste Liebe und Abschied. Illustration by Richard Bergsirk

Paul Fishers „Sechs Wochen Gegenwind“ erzählt von einer ersten Liebe im Hamburger Sommer. Am stärksten ist der Roman dort, wo zwischen zwei beiläufigen Sätzen plötzlich alles auf dem Spiel steht.

Am Anfang geht ein Eiskaffee daneben. Er landet in einem Notizbuch, dessen Besitzer Leo heißt und lieber Regisseur werden möchte. Verursacher Jona hätte nun ausreichend Gelegenheit, sich zu entschuldigen, beim Aufwischen zu helfen und die Begegnung zu vergessen. Nur sieht der andere leider zu gut aus.

Es ist ein vertrauter Auftakt für einen Liebesroman: ein Missgeschick, ein Schlagabtausch, ein Blick, der länger dauert als vorgesehen. Paul Fisher gewinnt dieser Konstellation vor allem durch seinen Humor etwas ab. Seine Figuren können schlagfertig sein und sich im nächsten Augenblick derart ungeschickt verhalten, dass man sie sofort wieder für Jugendliche hält.

Jona lebt in Hamburg. Leo kommt aus Grünwald bei München und bleibt für sechs Wochen in der Stadt, während seine Mutter an einer Filmproduktion arbeitet. Damit steht die Frist bereits fest, bevor die beiden wissen, was zwischen ihnen entstehen könnte. Jede Annäherung verbraucht gemeinsame Zeit.

Wer gehört zu wem?

Fisher erzählt abwechselnd aus Jonas und Leos Perspektive. Dadurch erlebt der Leser auch die Differenz zwischen einem ausgesprochenen Satz und seiner Wirkung beim anderen. Eine beiläufige Bemerkung kann verletzen; eine ausbleibende Frage kann als Desinteresse erscheinen, obwohl dahinter Unsicherheit steckt.

Besonders gut funktioniert das auf einer Geburtstagsfeier. Jonas Exfreund Lasse kennt die alten Geschichten und errät beim Gesellschaftsspiel Begriffe, bevor Jona sie vollständig erklärt hat. Leo sitzt daneben und erlebt, wie mühelos Vertrautheit aussehen kann, wenn man selbst noch keinen Anteil daran hat.

Die Eifersucht entsteht aus einer gemeinsamen Vergangenheit, die sich durch keine Liebeserklärung nachträglich einholen lässt. Zugleich trägt Jona seine eigene Angst mit sich: noch einmal jemanden zu lieben, der sich nur dann zu ihm bekennt, wenn niemand zusieht.

Hier erhält die Liebesgeschichte Gewicht. Leo sucht noch nach einer Bezeichnung für sich. Jona möchte wissen, welchen Platz er in dessen Leben hat. Beide Anliegen sind verständlich, und gerade deshalb geraten sie aneinander.

Hamburg zwischen Kuchenschachteln und Filmideen

Die Stadt bekommt Kontur durch das Café am Kanal, Wege durch Winterhude, Wohnungen, Bahnfahrten und kleine gastronomische Begegnungen. Menschen arbeiten, telefonieren und stehen im Weg, während Jona und Leo mit ihren Gefühlen beschäftigt sind. Diese Alltagskomik tut dem Roman gut.

Auch die kreativen Interessen der Jungen tragen die Handlung. Jona schreibt, Leo denkt in Einstellungen. Beim gemeinsamen Filmprojekt müssen sie erfahren, dass Zusammenarbeit mehr verlangt als gegenseitige Bewunderung. Wer darf ein Ende ändern? Wann wird Entschlossenheit zur Bevormundung? Der Streit um eine Szene legt dabei zugleich ein Problem ihrer Beziehung offen.

Gelegentlich wird allerdings zu ausführlich erklärt, was die Szene bereits vermittelt hat. Manche Selbstkorrektur, manche sorgfältige Aussprache klingt auffallend abgeklärt. Dann spürt man den Wunsch, den Figuren ein faires Gespräch zu ermöglichen, stärker als ihre jugendliche Unberechenbarkeit. Auch das wiederholte Zögern, Nachsehen und Nachrichtenlesen könnte stellenweise knapper ausfallen.

Überzeugender sind die konkreten Gesten: eine Hand, die vor anderen genommen wird; ein zurückgelassener Gegenstand; ein verabredetes Telefonat. Darin findet Fisher eine Sprache für Nähe, die ohne große Erklärung auskommt.

Buchcover: Sechs Wochen Gegenwind von Paul Fisher
Sechs Wochen Gegenwind
Paul Fisher
ISBN: 9783693309117
Erhältlich bei:
Amazon · Kindle · Thalia · Tolino · Hugendubel · Barnes & Noble
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„Sechs Wochen Gegenwind“ ist ein warmherziger Coming-of-Age-Roman mit trockenem Witz und einem guten Gespür für die Unsicherheit des Verliebtseins. Seine entscheidende Frage reicht über den Sommer hinaus: Wie bekommt ein anderer Mensch einen festen Platz im eigenen Alltag? Dass die Antwort mitunter so gewöhnlich aussehen kann wie eine Uhrzeit für den nächsten Anruf, gehört zu den schönsten Einsichten dieses Buches.

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Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

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