DIE VOSSISCHE | FRANKFURTER BUCHMESSE 2026
Pfiffe für Tschechiens Kulturminister, Applaus für eine regierungskritische Autorin. Doch die wichtigste Geschichte des Gastlandes erzählt von Schriftstellern, die ihre Werke jahrzehntelang heimlich veröffentlichen mussten. Eine Buchmesse-Nachlese über Politik, Zensur und literarische Freiheit.
FRANKFURT PFIFF DEN MINISTER AUS – DOCH TSCHECHIENS BÜCHER ERZÄHLEN DIE WICHTIGERE GESCHICHTE
Ein konservativ unterstützter Kulturminister wird bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse ausgepfiffen. Eine regierungskritische Schriftstellerin erhält begeisterten Applaus. Deutsche Medien machen daraus einen Kampf zwischen rechter Politik und freier Literatur. Doch der Ehrengast Tschechien brachte eine Geschichte mit nach Frankfurt, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient: Jahrzehntelang riskierten Schriftsteller ihre Freiheit, weil sie Bücher ohne staatliche Genehmigung veröffentlichten. Eine Nachlese über politische Inszenierungen, wirkliche Zensur und die Macht unabhängiger Verlage.
Frankfurt, 14. Oktober 2026 – Die 78. Frankfurter Buchmesse ist Geschichte. Tschechien hat die Gastrolle bereits an Chile weitergegeben. Zurück bleibt eine bemerkenswerte Szene vom Eröffnungsabend: Ein Kulturminister spricht, das Publikum pfeift. Eine Schriftstellerin kritisiert die Politik und wird gefeiert. Aber wer die Geschichte der tschechischen Literatur kennt, sollte bei solchen Bildern vorsichtig sein. Denn zwischen demokratischem Protest gegen einen gewählten Politiker und der systematischen Unterdrückung von Schriftstellern durch eine Diktatur besteht ein Unterschied, den gerade eine Buchmesse nicht verwischen sollte.
Ein Minister spricht. Frankfurt pfeift.
Am 6. Oktober trat der tschechische Kulturminister Oto Klempíř beim offiziellen Eröffnungsfestakt der Frankfurter Buchmesse ans Rednerpult.
Er wurde von Zwischenrufen und Pfiffen begleitet.
Ein Demonstrant hielt ein Protestplakat hoch.
Klempíř ist seit Dezember 2025 im Amt. Der parteilose Minister wurde von der rechtsgerichteten Partei Motoristé, den sogenannten Motoristen, nominiert.
Seine Amtsführung ist umstritten.
Besonders die überraschende Abberufung der Leiterin der Prager Nationalgalerie und die Pläne zur Reform der öffentlich-rechtlichen Medien haben Kritik ausgelöst.
Das sind konkrete politische Vorgänge, die eine journalistische Untersuchung verdienen.
Aber aus der politischen Einordnung eines Ministers ergibt sich noch kein Beweis dafür, dass er die Freiheit der Literatur gefährdet.
Dafür müsste untersucht werden, welche Entscheidungen er getroffen hat, welche gesetzlichen Befugnisse er nutzt und welche Konsequenzen daraus für Medien und Kulturschaffende tatsächlich entstehen.
Pfiffe ersetzen diese Untersuchung nicht. DIE WELT
Die Schriftstellerin wird zur moralischen Siegerin
Unmittelbar nach dem Minister sprach Radka Denemarková.
Die international ausgezeichnete tschechische Schriftstellerin gehört zu den bekanntesten regierungskritischen Stimmen ihres Landes.
Ihr Roman Stunden aus Blei beschäftigt sich mit politischer Unterdrückung und gesellschaftlicher Verantwortung.
Denemarková machte in ihrer Frankfurter Rede deutlich, dass Literatur und Politik nicht voneinander getrennt werden könnten.
Sie erhielt begeisterten Applaus.
Besonders ihre Feststellung, dass Minister kommen und gehen, die Literatur aber bleibe, fand Zustimmung.
Das ist ein schöner Gedanke.
Und historisch betrachtet besitzt er beträchtliche Substanz.
Die tschechische Literatur hat tatsächlich politische Regime überlebt, die sich selbst für dauerhaft hielten.
Die nationalsozialistische Besatzung.
Die kommunistische Diktatur.
Die Unterdrückung nach dem Prager Frühling.
Doch daraus folgt keine automatische moralische Überlegenheit jeder regierungskritischen Position.
Eine Schriftstellerin kann politisch recht haben. Ein Minister kann politisch falsch handeln. Aber beides muss anhand von Argumenten und Tatsachen beurteilt werden, nicht anhand der Lautstärke des Beifalls. news.ORF.at
Aus Tschechien wird in deutschen Schlagzeilen ein politisches Etikett
Die taz berichtete am 7. Oktober unter der Überschrift Der Irrsinn der Nation über die Eröffnung.
Bereits im Vorspann wurde Tschechien als rechtsregiertes Gastland eingeordnet.
Das ist als Beschreibung der gegenwärtigen Regierungskonstellation nicht grundsätzlich falsch.
Interessant ist aber die journalistische Gewichtung.
Eine Buchmesse, deren offizielles Programm 75 tschechische Autoren und zahlreiche neue Übersetzungen umfasst, wird zunächst durch die politische Richtung ihrer Regierung charakterisiert.
Damit gerät die Literatur in Gefahr, zur Kulisse der innenpolitischen Auseinandersetzung zu werden.
Tschechien besitzt eine eigenständige und vielfältige literarische Tradition.
Seine Autoren vertreten keine einheitliche politische Richtung.
Sie schreiben Romane, Gedichte, Kinderbücher und Sachliteratur.
Manche unterstützen die Regierung.
Andere bekämpfen sie.
Wieder andere interessieren sich in ihren Werken überhaupt nicht für die aktuelle Parteipolitik.
Ein Ehrengastland ist nicht identisch mit seiner Regierung. Und ein Schriftsteller ist nicht automatisch der Repräsentant jener politischen Kräfte, die gerade sein Land regieren. taz.de
Die eigentliche Geschichte liegt am Frankfurter Museumsufer
Wer die tschechische Literaturgeschichte verstehen möchte, sollte eine Ausstellung besuchen, die zum Kulturprogramm des Ehrengastauftritts gehört.
Im Museum für Kommunikation Frankfurt läuft seit dem 20. August 2026:
„Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939–1989“.
Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Januar 2027 geöffnet.
Sie dokumentiert eine Zeit, in der die Veröffentlichung unerwünschter Texte nicht einfach zu Protesten oder schlechten Rezensionen führte.
Sondern zu staatlicher Verfolgung.
Der Begriff Samizdat stammt aus dem Russischen und bezeichnet die eigenständige, häufig heimliche Herstellung und Verbreitung von Publikationen außerhalb der staatlich kontrollierten Verlagsstrukturen.
In der kommunistischen Tschechoslowakei entstand ein umfangreiches Netzwerk solcher Veröffentlichungen.
Schriftsteller, Künstler und Oppositionelle verbreiteten ihre Texte, obwohl diese nicht offiziell erscheinen durften.
Manuskripte wurden abgeschrieben.
Mit Schreibmaschinen vervielfältigt.
Weitergegeben.
Heimlich gelesen.
Und erneut kopiert.
Nicht weil die Autoren keinen regulären Verlag finden konnten.
Sondern weil der Staat bestimmte Veröffentlichungen grundsätzlich verhindern wollte.
Zu den Beteiligten gehörte Václav Havel, der später Präsident der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik wurde.
Das war Zensur. Nicht die schlechte Behandlung eines Ministers durch ein unfreundliches Publikum. Sondern die systematische Kontrolle darüber, welche Gedanken überhaupt veröffentlicht werden durften. Museumsufer Frankfurt
Was die Geschichte von Samizdat heute lehrt
Die Ausstellung macht deutlich, wie eng politische Macht und die Kontrolle über Informationen miteinander verbunden sein können.
Ein autoritärer Staat muss nicht jedes Buch öffentlich verbrennen.
Es kann ausreichen, unabhängige Verlage auszuschalten.
Papier und Druckmöglichkeiten zu kontrollieren.
Autoren von offiziellen Veröffentlichungen auszuschließen.
Oder die Verbreitung bestimmter Texte strafrechtlich zu verfolgen.
Damit wird der Zugang zur Öffentlichkeit politisch reguliert.
Gerade deshalb sollte man bei gegenwärtigen Vorwürfen der Zensur begrifflich präzise bleiben.
Nicht jede kontroverse Personalentscheidung ist Zensur.
Nicht jede Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist ein Angriff auf die Demokratie.
Umgekehrt können solche Maßnahmen durchaus problematisch werden, wenn sie die redaktionelle Unabhängigkeit beeinträchtigen oder politischen Einfluss auf Medieninstitutionen ausweiten.
Entscheidend sind die konkreten gesetzlichen Regelungen, die institutionellen Kontrollmechanismen und ihre praktische Wirkung.
Die tschechische Regierung muss sich an diesen Maßstäben messen lassen.
Ihre Kritiker allerdings ebenfalls.
75 Autoren und ein Land, das mehr ist als seine Regierung
Der tschechische Ehrengastauftritt war umfangreich.
Rund 75 Schriftsteller und zahlreiche weitere Kulturschaffende präsentierten sich in Frankfurt.
Etwa 100 Veranstaltungen begleiteten das Programm.
Zehn Ausstellungen in Frankfurt und Offenbach erweiterten die Präsentation über die Messehallen hinaus.
Der 2.300 Quadratmeter große Ehrengastpavillon stand unter dem Motto:
„Tschechien: ein Land an der Küste“.
Eine literarische Anspielung auf Shakespeares Wintermärchen.
Ein Binnenland erfindet sich eine Küste.
Nicht als geografische Behauptung, sondern als Ausdruck literarischer Fantasie.
Das ist ein reizvolles Konzept.
Es erinnert daran, was Literatur leisten kann, wenn man sie nicht ausschließlich durch die Brille tagespolitischer Auseinandersetzungen betrachtet.
Sie schafft Räume, die auf keiner Landkarte existieren.
Sie verbindet Menschen, die sich sonst niemals begegnen würden.
Und sie ermöglicht eine Freiheit des Denkens, die nicht von den Vorstellungen eines Kulturministers abhängen sollte. Frankfurter Buchmesse
ERICH REISS PUBLISHING | WESHALB UNABHÄNGIGE LITERATUR MEHR ALS EIN GESCHÄFTSMODELL IST
Die Geschichte der tschechischen Untergrundliteratur führt unmittelbar zu einem Grundgedanken unseres Buchmesse-Specials.
Literarische Freiheit benötigt unabhängige Autoren und Verlage.
Deshalb schenken wir Erich Reiss Publishing und seinen fünf aktuellen Neuerscheinungen besondere Aufmerksamkeit.
„Salz und Stahl“ – Dirk Kirschberger
Dirk Kirschbergers historischer Roman führt in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Eine Epoche, in der politische Macht das Leben einzelner Menschen bis in ihre persönlichsten Entscheidungen bestimmte.
Gerade historische Literatur kann sichtbar machen, was politische Umbrüche für Menschen bedeuten, die selbst keine Macht besitzen.
Sie muss dafür nicht als wissenschaftliches Geschichtsbuch auftreten.
Ihre Aufgabe liegt auch darin, Vergangenheit durch persönliche Erfahrungen erzählerisch zugänglich zu machen.
Der Bezug zur tschechischen Ausstellung ist thematischer Natur: In beiden Fällen steht die Frage im Raum, was geschieht, wenn politische Macht in individuelle Lebenswege eingreift.
„72 Geschlechter“ – Michael und Dirk Kirschberger
Das gesellschaftspolitische Sachbuch setzt sich kritisch mit Geschlechtsbegriffen, Identitätspolitik und homosexueller Selbstbestimmung auseinander.
Damit vertritt es Positionen, die in der gegenwärtigen Debatte Widerspruch auslösen.
Genau dafür existiert die Meinungsfreiheit.
Nicht als Garantie, dass jede These richtig ist.
Nicht als Anspruch auf staatliche Förderung.
Und nicht als Schutz vor öffentlicher Kritik.
Sondern als Garantie, kontroverse Auffassungen grundsätzlich veröffentlichen und diskutieren zu dürfen.
Ein demokratischer Rechtsstaat muss deshalb nicht nur populäre Meinungen schützen.
Er muss auch Veröffentlichungen zulassen, deren Schlussfolgerungen erhebliche Teile der Öffentlichkeit ablehnen.
Das gilt selbstverständlich ebenso für Autoren, die gegenteilige Auffassungen vertreten.
Drei weitere Neuerscheinungen
Mit „Königreiche aus Staub“ führt Adrian Kerr in die griechische Antike zur Zeit Alexanders des Großen. Der historische M/M-Roman erzählt von Myron und Leandros und ihrem Kampf um Liebe und persönliche Freiheit in einer Welt militärischer Macht.
Jonathan Falk beschäftigt sich in „Vor dem Urteil bestraft – Wirecard, Belastungszeugen und die grenzenlose Untersuchungshaft“ mit Untersuchungshaft, Strafverfolgung und rechtsstaatlichen Garantien.
Paul Fisher erzählt in „Sechs Wochen Gegenwind“ die Geschichte von Jona und Leo, deren erste große Liebe sich während eines Hamburger Sommers entwickelt.
Drei Romane und zwei Sachbücher.
Unterschiedliche Genres, unterschiedliche gesellschaftliche Fragen und unterschiedliche Lesergruppen.
Sie zeigen, wie vielfältig ein unabhängiges Verlagsprogramm angelegt sein kann.
Die Vorstellung ist ein ausdrücklich redaktionell gekennzeichneter Verlagsschwerpunkt der Vossischen. Die fünf Bücher werden nicht mit den historischen Samizdat-Publikationen oder deren Verfolgung gleichgesetzt.
Tschechien übergibt an Chile – und die Literatur bleibt
Am 11. Oktober endete der tschechische Ehrengastauftritt mit einer symbolischen Übergabe.
Tomáš Kubíček, Leiter des tschechischen Projekts, überreichte die traditionelle Gastrolle an Nicolás Leyton, den Vertreter Chiles.
Chile wird 2027 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.
Sein Auftritt steht unter dem Motto „Astros de Tierra“ – „Sterne der Erde“.
Die nächste Buchmesse findet vom 6. bis zum 10. Oktober 2027 statt.
Für die tschechische Literatur bedeutet das keineswegs das Ende ihrer internationalen Präsentation.
Das Kulturprogramm wird fortgesetzt.
Weitere Literaturveranstaltungen sind unter anderem in Dresden, Wien und der Schweiz vorgesehen.
2027 soll Tschechien außerdem Schwerpunktland der Buch Wien werden. Frankfurter Buchmesse
Die Freiheit des Wortes endet nicht bei der eigenen politischen Überzeugung
Die Frankfurter Buchmesse hat in diesem Jahr wieder einmal demonstriert, wie schnell Literatur zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen werden kann.
Ein Minister wird ausgepfiffen.
Eine kritische Schriftstellerin wird gefeiert.
Journalisten kommentieren die politische Richtung einer Regierung.
All das gehört zu einer offenen Gesellschaft.
Doch gerade die tschechische Literaturgeschichte erinnert an den Unterschied zwischen öffentlichem Widerspruch und staatlicher Unterdrückung.
Radka Denemarková durfte in Frankfurt ihre Regierung kritisieren.
Deutsche Journalisten durften den tschechischen Kulturminister angreifen.
Das Publikum durfte demonstrieren.
Und selbstverständlich durfte der Minister seine Rede halten.
Das sind zunächst Ausdrucksformen einer funktionierenden öffentlichen Auseinandersetzung.
Ob konkrete Entscheidungen der tschechischen Regierung die Unabhängigkeit kultureller oder journalistischer Institutionen gefährden, muss anhand ihrer tatsächlichen Auswirkungen untersucht werden.
Dafür reichen weder politische Etiketten noch empörte Zwischenrufe.
Die Samizdat-Ausstellung zeigt, was geschieht, wenn solche Auseinandersetzungen nicht mehr möglich sind.
Wenn Autoren nicht mehr veröffentlichen dürfen.
Wenn Verlage keine unabhängigen Entscheidungen mehr treffen können.
Und wenn das geschriebene Wort zur Angelegenheit staatlicher Genehmigungsbehörden wird.
Die wichtigste Lehre aus Tschechiens Auftritt ist deshalb nicht, welcher Politiker in Frankfurt ausgepfiffen wurde.
Sondern weshalb eine Gesellschaft dafür sorgen muss, dass niemand mehr heimlich Bücher vervielfältigen muss, um seine Gedanken verbreiten zu können.
Das ist eine Freiheit, die für alle Autoren gelten sollte.
Auch für diejenigen, deren Bücher uns nicht gefallen.
Frankfurter Buchmesse 2026, Tschechien, Oto Klempíř, Radka Denemarková, Samizdat, Václav Havel, Meinungsfreiheit, Zensur, Erich Reiss Publishing, Salz und Stahl, 72 Geschlechter
Recherchequellen
Frankfurter Buchmesse, 12. Oktober 2026: Abschlussbilanz des Ehrengastes Tschechien und Übergabe an Chile
Deutschlandfunk, 7. Oktober 2026: Proteste gegen den tschechischen Kulturminister
Frankfurter Buchmesse, 11. Juni 2026: Offizielles Kulturprogramm des Ehrengastes Tschechien
Museum für Kommunikation Frankfurt: Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939–1989
taz, 7. Oktober 2026: Der Irrsinn der Nation – Bericht über die Buchmesseeröffnung
Redaktionsstand: 14. Oktober 2026. Die Proteste, das Ehrengastprogramm und die Ausstellung sind dokumentiert. Die Bewertung der medialen Darstellung und die Unterscheidung zwischen politischem Protest und staatlicher Zensur sind redaktionelle Einordnungen. Für eine abschließende Bewertung der tschechischen Medienreform wären die konkreten Gesetzestexte und ihre Auswirkungen gesondert zu untersuchen.
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