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BILD spricht von Unterwanderung. Doch die marxistische Spur beginnt viel früher

BILD warnt vor einer Unterwanderung der Gen-Z-Proteste. Doch die Internationale Jugend mobilisierte am 15. Oktober unter dem Motto „GenZ regelt“ – drei Tage vor der Registrierung von Akram Selos Website. Die Vossische rekonstruiert die marxistische Vorgeschichte und fragt, wer den Protest mitprägte.

BILD spricht von Unterwanderung. Doch die marxistische Spur beginnt viel früher
BILD spricht von Unterwanderung. Doch marxistische Jugendorganisationen mobilisierten schon vor Selos Website. Die Vossische zeigt die Chronologie. Illustration: Dawid Jan Wiczorov / Vossische.

Vor den Gen-Z-Protesten am 31. Oktober warnt BILD vor linksextremer Unterwanderung und möglichen Plünderungen. Doch der Begriff führt an einer entscheidenden Frage vorbei: Eine vom Verfassungsschutz dem linksextremistischen Kommunistischen Aufbau zugeordnete Jugendorganisation mobilisierte bereits unter dem Motto „GenZ regelt“, bevor die Website des bundesweiten Organisators Akram Selo registriert wurde. Die Vossische hat die Chronologie dokumentiert. Wer hat diese Bewegung tatsächlich mit aufgebaut?

Unterwandert? Von wem eigentlich?

Es ist eine bemerkenswerte Formulierung, die BILD zwei Tage vor den bundesweiten Gen-Z-Protesten verwendet.

Die Zeitung berichtet von einer Bewegung, die von Linksextremisten unterwandert werde. In sozialen Netzwerken kursierten Plünderungslisten, Geschäfte gerieten ins Visier, Sicherheitsbehörden warnten vor Ausschreitungen.

Die Gefahr möglicher Gewalt verdient Aufmerksamkeit. Wer öffentlich dazu aufruft, Geschäfte auszurauben oder Demonstrationen in Straßenschlachten zu verwandeln, liefert einen ernst zu nehmenden Anlass für Recherchen und Sicherheitsvorkehrungen.

Doch ein einziges Wort in der BILD-Darstellung verdient eine genauere Untersuchung.

Unterwandert.

Das klingt nach einer zunächst eigenständigen Schülerbewegung, in die sich radikale Organisationen erst später eingeschlichen haben.

Eine Bewegung also, deren ursprüngliche Absichten von fremden politischen Kräften gekapert werden könnten.

Aber stimmt diese zeitliche Vorstellung überhaupt?

Die Vossische hat bereits vor Tagen Dokumente veröffentlicht, die eine andere Frage aufwerfen.

Wer ist Selo? Geld, Adressen und offene Fragen
Akram Selo mobilisiert bundesweit für „Gen Z regelt“. Die Recherche führt von Hoya zu einer virtuellen Geschäftsadresse in Bayern, zu einer Spendensammlung und undurchsichtigen Organisationsstrukturen. Jetzt distanziert sich die Bundesschülerkonferenz. Wer finanziert und kontrolliert die Proteste?

Denn die marxistische Mobilisierung begann nicht erst, nachdem Akram Selo seine Website ins Netz gestellt hatte.

Sie war schon vorher öffentlich sichtbar.

15. Oktober: Die Internationale Jugend ruft auf

Am 15. Oktober 2026 veröffentlichte die Organisation Internationale Jugend einen Aufruf mit der Überschrift:

„Nehmen wir als Jugend unsere Zukunft selbst in die Hand! Kämpfen wir für eine andere Welt! — #GenZ regelt!“

Der Text ist auf ihrer Website bis heute abrufbar.

Darin werden nicht nur schlechte Schulen, steigende Preise und fehlende Zukunftsperspektiven beklagt.

Die Organisation stellt diese Probleme in einen ausdrücklich marxistischen Zusammenhang.

Wohnungsnot, Kürzungen, Aufrüstung und soziale Ungleichheit seien nach ihrer Darstellung Ausdruck des kapitalistischen Systems.

Am Ende fordert sie nicht lediglich eine bessere Bildungspolitik.

Sie verlangt eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung und mobilisiert ausdrücklich für den 31. Oktober.

Damit steht fest:

Eine seit Jahren bestehende marxistische Jugendorganisation war spätestens am 15. Oktober unter dem Motto „GenZ regelt“ aktiv.

Das ist keine nachträgliche Spekulation über mögliche Teilnehmer einer Demonstration.

Das ist ein datierter öffentlicher Aufruf.

Drei Tage später wird Selos Domain registriert

Nach den von der Vossischen ausgewerteten DENIC-Registrierungsdaten wurde die Domain genz-regelt.de am 18. Oktober 2026 angemeldet.

Drei Tage nach dem Aufruf der Internationalen Jugend.

Am 20. Oktober begann die öffentlich sichtbare Spendensammlung der Initiative um Akram Selo.

Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits für Demonstrationen in zahlreichen deutschen Städten geworben.

Die zeitliche Abfolge wirft Fragen auf.

Wie entstand die bundesweite Mobilisierung?

Welche Kontakte bestanden bereits vor dem 18. Oktober?

Wer koordinierte die ersten örtlichen Gruppen?

Und welche Organisationen brachten ihre bestehenden Strukturen ein?

Die Registrierung einer Domain ist selbstverständlich nicht gleichbedeutend mit der Gründung einer Bewegung. Eine Initiative kann lange vor ihrem Internetauftritt existiert haben.

Deshalb beweisen die Daten nicht, dass die Internationale Jugend die Proteste gegründet hat.

Sie belegen aber etwas, das in der Debatte über eine angeblich erst nachträgliche Unterwanderung häufig zu kurz kommt:

Die organisierte marxistische Mobilisierung gehört zur früh dokumentierten Geschichte dieser Proteste.

Wer erklären will, wie „Gen Z regelt“ entstanden ist, muss diesen Befund berücksichtigen.

Der Verfassungsschutz kennt die Organisation längst

Die Internationale Jugend ist keine unbekannte Schülergruppe, die sich Mitte Oktober spontan über TikTok zusammengeschlossen hat.

Sie verfügt über eine eigene Website, eine politische Programmatik und bundesweit tätige Strukturen.

Noch wichtiger ist ihre Einordnung durch den Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

Das Landesamt zählt die Internationale Jugend zum linksextremistischen Kommunistischen Aufbau.

Bereits im Frühjahr 2026 beschrieb die Behörde, wie Organisationen aus diesem Umfeld versuchten, politische Auseinandersetzungen um die Wehrpflicht und Schülerproteste für ihre eigenen Ziele zu nutzen.

Das war Monate vor dem jetzt angekündigten Protesttermin.

Der Verfassungsschutz dokumentierte damit bereits früher ein politisches Vorgehen, bei dem bestehende gesellschaftliche Konflikte zum Ansatzpunkt für die Mobilisierung junger Menschen werden.

Die Internationale Jugend verfolgt nach ihren eigenen Veröffentlichungen kein auf einzelne Schulreformen beschränktes Programm.

Sie will unterschiedliche soziale Auseinandersetzungen miteinander verbinden und langfristig gegen das kapitalistische Gesellschaftssystem kämpfen.

Das ist ihr erklärtes politisches Ziel.

Und genau deshalb ist die Frage nach ihrer frühen Beteiligung keine Nebensächlichkeit.

BILD beschreibt den möglichen Zugriff. Wir fragen nach der Vorgeschichte.

Die Vorstellung einer Unterwanderung lenkt den Blick vor allem auf den bevorstehenden Samstag.

Wer könnte sich unter friedliche Demonstranten mischen?

Welche Gruppen könnten die Kundgebungen für eigene Zwecke nutzen?

Wo drohen möglicherweise Ausschreitungen?

Das sind berechtigte Fragen.

Aber sie erklären noch nicht, weshalb eine marxistische Organisation bereits am 15. Oktober unter demselben Protestmotto mobilisierte.

Die Vossische fragt deshalb weiter zurück.

Wer hat den 31. Oktober als gemeinsamen Protesttermin etabliert?

Wer entwickelte die ersten Mobilisierungskanäle?

Welche Rolle spielten bereits bestehende politische Organisationen, bevor Selos Initiative bundesweit bekannt wurde?

Und gab es zwischen diesen Strukturen eine Zusammenarbeit, die bislang nicht öffentlich erklärt wurde?

Die entscheidende Unterscheidung lautet: Eine Organisation kann von Beginn an Teil einer breiteren Protestmobilisierung sein, ohne die später bekannt gewordene Initiative zu kontrollieren.

Aber dann beschreibt das Wort „Unterwanderung“ nur einen Teil der politischen Realität.

Es lässt die Frage nach der ursprünglichen Zusammensetzung der Bewegung offen.

Auch die technische Spur führt weiter zurück

Die Vossische hat darüber hinaus die technische Infrastruktur des Internetauftritts der Internationalen Jugend untersucht.

Nach den vorliegenden Domainunterlagen verwendet internationale-jugend.de die Nameserver ns1.grnstn.de und ns4.grnstn.de.

Historische DNS-Unterlagen führen diese Infrastruktur in das technische Umfeld einer Webdesign- und Werbeagentur in Hildesheim.

Den Betreiber der Agentur nennen wir nicht, weil aus der Bereitstellung technischer Dienstleistungen keine politische Beteiligung folgt.

Nameserver machen eine Domain im Internet erreichbar.

Sie beweisen weder, wer die politischen Texte einer Website verfasst, noch, wer eine Demonstration finanziert oder organisiert.

Die technische Spur ist deshalb kein Beleg für eine Steuerungszentrale in Hildesheim.

Sie zeigt lediglich einen weiteren Bestandteil der bestehenden Infrastruktur der Internationalen Jugend.

Dennoch bleibt die Frage offen, wer für den Internetauftritt verantwortlich ist und welche organisatorischen Ressourcen hinter der Mobilisierung stehen.

Denn eine bundesweit aktive politische Organisation benötigt Strukturen.

Und wer die Entstehung einer Protestbewegung untersucht, sollte nicht erst bei deren jüngster Website beginnen.

Selo spricht von einer unabhängigen Bewegung

Akram Selo, der öffentlich als einer der Verantwortlichen von „Gen Z regelt“ auftritt, beschreibt die Initiative als Zusammenschluss junger Menschen.

In Interviews erklärt er, ein enger Kreis von etwa 20 bis 30 Personen habe sich über soziale Netzwerke gefunden.

Die Initiative betont wiederholt, friedlich demonstrieren zu wollen.

Selo distanzierte sich außerdem ausdrücklich von Vermummung und Gewalt.

Diese Aussagen sind für die Bewertung wichtig.

Eine direkte organisatorische Verbindung zwischen seinem Kernteam und der Internationalen Jugend ist bislang nicht belegt.

Ebenso wenig liegt ein Beweis dafür vor, dass der Kommunistische Aufbau Selos Internetauftritt finanziert oder seine bundesweite Organisation steuert.

Doch Selos Erklärungen beantworten eine andere Frage nicht:

Welche Kontakte gab es vor dem 18. Oktober zu politischen Gruppen, die bereits unter demselben Motto mobilisierten?

Und wenn es keine gab: Wie entstanden dann die parallelen Aufrufe unter demselben Namen und für denselben Termin?

Eine nachvollziehbare Darstellung der Entstehungsphase könnte diese Fragen klären.

Die angebliche Schülerbewegung hat ein Transparenzproblem

Hinzu kommen Unklarheiten, die die Vossische in ihrer bisherigen Recherche dokumentiert hat.

Der Internetauftritt der Initiative führte zeitweise unterschiedliche Impressumsadressen.

Öffentlich war von einem kleinen Kreis von sechs besonders aktiven Organisatoren die Rede. An anderer Stelle wurden 20 bis 30 Personen genannt.

Zugleich mobilisierten örtliche Gruppen, deren Verantwortliche nicht überall eindeutig benannt wurden.

Die Bundesschülerkonferenz hat sich inzwischen von den angekündigten Protesten distanziert.

Am 29. Oktober erklärte auch der Landesschülerrat Niedersachsen, die Mobilisierung nicht unterstützen zu wollen.

Sein Vorsitzender Otto Ellerbrock kritisiert unter anderem, dass trotz Nachfragen unklar geblieben sei, wer den Protest in Hannover tatsächlich organisiere und verantworte.

Das sind keine Belege für eine geheime politische Steuerung.

Aber sie sind konkrete Hinweise darauf, dass die öffentlich dargestellten Organisationsstrukturen bislang nicht ausreichend nachvollziehbar sind.

Und sie machen die Frage nach der frühen Beteiligung bereits etablierter politischer Netzwerke umso wichtiger.

Plünderungsaufrufe erklären keine Gründungsstruktur

Inzwischen beherrschen Warnungen vor Gewalt die Berichterstattung.

Es kursieren Videos, in denen einzelne TikTok-Nutzer französische Ausschreitungen als Vorbild nennen.

Die Vossische hat selbst einen solchen Fall dokumentiert.

Ein Nutzer unter dem Profilnamen „younes216k“ erklärte im Zusammenhang mit dem 31. Oktober, große Geschäfte könnten ausgeraubt werden. Er nannte dabei Zara, KaDeWe und JD.

Anschließend distanzierte er sich von Gewalt.

Die Aussagen sind dokumentiert. Eine organisatorische Verbindung des TikTok-Nutzers zu Akram Selo oder zur Internationalen Jugend ist dagegen nicht belegt.

Auch Plünderungsdrohungen aus sozialen Netzwerken beweisen für sich genommen nicht, wer die Protestbewegung gegründet oder vorbereitet hat.

Gerade deshalb sollten zwei Fragen nicht verwechselt werden.

Die erste lautet: Welche Straftaten könnten einzelne Personen am 31. Oktober begehen?

Die zweite lautet: Welche politischen Organisationen waren an der Entstehung und Mobilisierung beteiligt?

Die zweite Frage wird nicht dadurch beantwortet, dass Medien immer dramatischere Warnungen vor der ersten veröffentlichen.

Der entscheidende Unterschied

BILD berichtet über die Gefahr, dass Linksextremisten die Gen-Z-Proteste unterwandern.

Die Vossische hat dokumentiert, dass eine vom Verfassungsschutz dem Kommunistischen Aufbau zugeordnete Organisation bereits in einer frühen Phase unter dem Protestmotto mobilisierte.

Beides kann gleichzeitig zutreffen.

Einzelne lokale Demonstrationen könnten tatsächlich von Gruppen beeinflusst oder vereinnahmt werden, die ihre ursprünglichen Organisatoren nicht kontrollieren.

Zugleich kann die breitere Mobilisierung schon früh von marxistischen Organisationen mitgetragen worden sein.

Aber dann reicht die Erklärung einer bloß nachträglichen Unterwanderung nicht aus.

Sie beginnt zu spät.

Die eigentliche Geschichte liegt möglicherweise nicht in der Frage, wer am Samstag auf den Protestzug aufspringt, sondern darin, wer die politische Mobilisierung bereits in der Entstehungsphase mitgestaltet hat.

Das ist der Unterschied zwischen einer Sicherheitswarnung und einer Recherche über organisatorische Hintergründe.

Wer hat „Gen Z regelt“ tatsächlich mit aufgebaut?

Zwei Tage vor den angekündigten Demonstrationen ist die zentrale Frage weiterhin unbeantwortet.

Akram Selo spricht von einer unabhängigen Initiative.

Die Internationale Jugend mobilisierte schon vor der Registrierung seiner Website.

Der Verfassungsschutz ordnet diese Organisation seit Längerem einem linksextremistischen Netzwerk zu.

Und die tatsächlichen Verantwortlichkeiten zahlreicher örtlicher Gruppen bleiben teilweise unklar.

Aus diesen Befunden folgt noch kein Beweis für eine gemeinsame Steuerung.

Aber sie ergeben einen konkreten Rechercheauftrag.

Die Verantwortlichen sollten offenlegen, wie und wann die Initiative entstand, welche Kontakte vor der öffentlichen Mobilisierung bestanden und welche bereits organisierten politischen Gruppen an den Vorbereitungen beteiligt waren.

Wer die Gen-Z-Proteste verstehen will, darf nicht erst fragen, wer sie unterwandert. Er muss zunächst herausfinden, wer sie von Anfang an mitorganisiert hat.

Die Antwort darauf steht weiterhin aus.


Quellen und Belege

Die wesentlichen Quellen sollten direkt in Ghost verlinkt werden:

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Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

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