Die taz und das Märchen von Europas wütender Jugend
Einzelne Protestbewegungen sprechen nicht für Europas Jugend. Die taz macht daraus eine Generationenerzählung – während politische Milieus, erwachsene Aktivisten und der Einfluss linksradikaler Gruppen genauer untersucht gehören.
Einzelne Protestbewegungen sind keine Generation. Doch die taz macht aus unterschiedlichen Gruppen eine „wütende Jugend“ Europas. Wer tatsächlich demonstriert, wer organisiert und welche politischen Interessen dahinterstehen, verdient mehr Aufmerksamkeit als diese bequeme Erzählung.
Wer ist eigentlich diese „europäische Jugend“, von der die taz spricht? Die Auszubildende, die morgens ihren Betrieb aufschließt? Der Student, der neben seinem Studium arbeitet? Der junge Familienvater, der wissen möchte, wie er seine Miete bezahlen soll? Oder sind damit diejenigen gemeint, deren Demonstrationen und Blockaden gerade die Schlagzeilen bestimmen?
Die Frage ist entscheidend. Denn eine Generation besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Interessen. Niemand hat den Demonstranten von Paris, Marseille oder Berlin die Vollmacht erteilt, für ihre sämtlichen Altersgenossen zu sprechen.
Die taz nennt ihren Politik-Podcast dennoch „Wütende Jugend: Was ist los in Europa?“. In der Ankündigung fragt sie nach einer europäischen Protestbewegung gegen die Folgen jahrelanger neoliberaler Politik. Die Erklärung wird damit bereits angeboten, bevor geklärt ist, wie weit Gemeinsamkeiten und gesellschaftliche Unterstützung tatsächlich reichen. Quelle: taz
Aus verschiedenen Protesten entsteht eine große politische Geschichte. Junge Menschen begehren auf, Europa brodelt, der Schuldige steht bereit. Das klingt griffig. Für eine genaue Beschreibung reicht es nicht.
Schon die eigene Berichterstattung der taz zeigt, was unter dem Generationenetikett verschwindet. In Berlin trifft „Gen Z regelt“ demnach auf bestehende linksradikale und antiimperialistische Strukturen. Genannt werden Sozialismus von unten, Kommunistischer Aufbau und Young Struggle. Hier treten politische Organisationen mit eigenen Zielen auf. Sie bringen Erfahrungen, Kontakte und Möglichkeiten zur Mobilisierung mit. Quelle: taz
Das gehört in den Mittelpunkt der Untersuchung. Wer organisiert? Wer formuliert die Forderungen? Wer stellt Räume, Technik und Reichweite bereit? Welche Rolle spielen Schüler, welche erwachsene Aktivisten? Und wo endet die Forderung nach besseren Schulen, wo beginnt die Werbung für eine politische Weltanschauung?
Dass linksradikale Gruppen beteiligt sind, bedeutet allerdings noch keine nachgewiesene Kontrolle über sämtliche Proteste. Die im selben Bericht zitierte Berliner Polizei erklärte ausdrücklich, ihr lägen damals keine belastbaren Erkenntnisse über eine gezielte extremistische Steuerung vor. Diese Unterscheidung ist nötig, um den tatsächlichen Einfluss der Organisationen präzise zu beschreiben. Quelle: taz
Auch beim Begriff „Schülerprotest“ lohnt sich der zweite Blick. Die B.Z. berichtete von erwachsenen Aktivisten bei der Blockade des Berliner Andreas-Gymnasiums und benannte Verbindungen zum Portal „Klasse gegen Klasse“. Erwachsene dürfen politische Positionen vertreten. Wer sich aber an einer Schulblockade beteiligt, muss sich nach seiner Funktion und seinen Absichten fragen lassen. Das Etikett Schülerprotest beantwortet diese Fragen nicht. Quelle: B.Z.
Ebenso wenig lässt sich die gesellschaftliche Zusammensetzung einer Bewegung mit einem Blick auf die Staatsangehörigkeit erklären. Ein Pass sagt etwas über die rechtliche Zugehörigkeit. Er erzählt nicht die gesamte Geschichte eines Menschen, seiner familiären Herkunft, seines sozialen Umfelds oder seiner politischen Bindungen.
Deshalb darf auch nach migrantisch geprägten Milieus gefragt werden. Welche Gruppen beteiligen sich? Welche Erfahrungen und Konflikte bringen sie mit? Welche Netzwerke mobilisieren sie? Solche Fragen gehören zu einer ernsthaften Untersuchung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Herkunft ist dabei keine politische Gesinnung. Eine familiäre Einwanderungsgeschichte und die Zugehörigkeit zu einer linksradikalen Organisation sind unterschiedliche Sachverhalte, die jeweils konkret beschrieben werden müssen.
Bilder und Filme können dafür wichtige Hinweise liefern. Sichtbare Organisationssymbole, Parolen, Redner und Handlungen verdienen genaue Aufmerksamkeit. Wer diese Aufnahmen auswertet, muss herausarbeiten, welche Akteure an welchem Ort auftreten. Daraus entsteht Recherche. Die pauschale Bezeichnung „Europas Jugend“ erspart diese Arbeit nur scheinbar.
Und was ist mit den Anliegen? Natürlich verdienen marode Schulen, Unterrichtsausfall und hohe Lebenshaltungskosten politische Antworten. Aber ein reales Problem bestätigt noch lange nicht jede angebotene Erklärung. Aus einem kaputten Schulgebäude folgt kein Beweis für die Überlegenheit sozialistischer Wirtschaftspolitik. Aus einer hohen Miete entsteht keine Rechtfertigung für Gewalt. Wer Autos anzündet oder andere Menschen angreift, muss sich für diese Handlung verantworten.
Vor allem haben auch die jungen Menschen eine Stimme verdient, die solche Protestformen ablehnen. Sie sind nicht weniger jung und nicht weniger europäisch. Ihre Zurückhaltung lässt sich weder als Zustimmung vereinnahmen noch als politische Bedeutungslosigkeit abtun.
Die taz sollte deshalb genauer benennen, über wen sie spricht: konkrete Demonstranten, konkrete Organisationen, konkrete Milieus und konkrete Forderungen. Deren Bedeutung darf sie untersuchen und bewerten.
Eine ganze Generation dafür in Anspruch zu nehmen, ist eine journalistische Anmaßung.
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