CSD-Terror in Berlin: Der fatale Gleichklang der Verdrängung

Nach dem islamistischen Terroranschlag auf den Berliner CSD fällt auf, wie Hanna Hansen, Die Linke Neukölln und Queer-Beauftragter Alfonso Pantisano das Tatmotiv aus dem Blick rücken. Eine Analyse über politische Verdrängung, verschwimmende Grenzen und die Sicherheit queerer Menschen und Demokratie.

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CSD-Terror in Berlin: Der fatale Gleichklang der Verdrängung
CSD-Terror in Berlin: Der fatale Gleichklang der Verdrängung

Nach dem islamistischen Anschlag von Berlin sprechen Linke, Salafisten und Berliner Queerbeauftragter lieber über die AfD, Israel oder „konservative Kräfte“ als über den Hass, der die Opfer tatsächlich traf

Eine Frau ist tot, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Am Abend des Berliner Christopher Street Day raste ein Transporter in eine Menschenmenge. Der dringend tatverdächtige Abdul B. war den Sicherheitsbehörden seit Langem als Islamist bekannt und vom Bundeskriminalamt sogar als Hochrisikoperson eingestuft worden. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem islamistischen Terroranschlag.

Die Ermittlungen zu Hintergründen, möglichen Mitwissern und dem genauen Tatablauf dauern an. Über die ideologische Dimension der Tat kann dennoch nicht geschwiegen werden: Der Anschlag traf gezielt ein Fest queerer Sichtbarkeit – und der mutmaßliche Täter stammte aus einem Milieu, dessen Weltbild Homosexuelle, trans Menschen und alle Formen sexueller Selbstbestimmung fundamental ablehnt.

Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie schnell einige politische und religiöse Akteure versuchten, den Blick vom Islamismus wegzulenken. Eine Zusammenarbeit zwischen ihnen ist nicht belegt. Doch ihre Reaktionen folgen einem ähnlichen Muster: Das konkrete Tatmotiv tritt in den Hintergrund, während die Verantwortung rhetorisch auf Israel, die AfD oder nicht näher bezeichnete „rechte und konservative Kräfte“ verschoben wird.

Hanna Hansen und die Flucht in den Verschwörungsmythos

Besonders drastisch zeigte sich diese Umdeutung bei Hanna Hansen. Der Bayerische Verfassungsschutz beobachtet die Influencerin; Fachleute und öffentlich-rechtliche Medien ordnen sie dem salafistischen Spektrum zu.

Während Berlin noch unter dem Eindruck des Anschlags stand, fragte Hansen auf X: „Inside Job? #CSD … sind ja bald Wahlen.“ Nach jedem „Terroranschlag“, schrieb sie – das Wort setzte sie in Anführungszeichen –, beginne sofort die politische Debatte. Bald seien Wahlen, die Tat passe „zur Stimmungsmache der antiislamischen Propaganda“.

Für die angedeutete Verschwörung lieferte sie keinen Beleg. Die Suggestion funktioniert auch ohne ausformulierte Behauptung: Vielleicht, so wird insinuiert, stecke nicht ein Islamist hinter der Tat, sondern ein politisches Manöver seiner Gegner.

Hinzu kam die Weiterverbreitung eines Beitrags, der zunächst „islamistischen Terror“ zeigt, unter dessen Verkleidung dann ein Mann mit israelischer Flagge hervorkommt. Auch das ist keine Auseinandersetzung mit den bekannten Tatsachen, sondern eine propagandistische Verschiebung: Aus dem mutmaßlich islamistischen Anschlag wird eine Gelegenheit, Israel zum eigentlichen Schuldigen zu erklären.

Damit werden nicht nur die Ermittlungen ohne jeden Beleg delegitimiert. Auch die Opfer verschwinden hinter einem ideologischen Ablenkungsmanöver.

Die Linke Neukölln: Islamismus nur mitgemeint

Völlig anders im Ton, aber auffällig ähnlich in der Blickrichtung reagierte Die Linke Neukölln. Ihr Statement verurteilte die Gewalt und warnte zugleich vor „rassistischer, antimuslimischer oder sonstiger reaktionärer Hetze“. Islamismus wurde nach übereinstimmenden Medienberichten dagegen nicht ausdrücklich genannt.

Stattdessen rückte der Bezirksverband „rechte und konservative Akteure“ in den Mittelpunkt, deren queer- und transfeindliche Ideologie den Boden für Angriffe bereite. Auf Nachfrage erklärte ein Parteivertreter später, der Islamismus sei bei der Kritik an queerfeindlichen Kräften mitgemeint gewesen.

Doch genau darin liegt das Problem. Nach einem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag sollte Islamismus nicht in einer allgemeinen Sammelbezeichnung versteckt werden. Wer die Ideologie des Tatverdächtigen nur „mitmeint“, rechte und konservative Akteure aber ausdrücklich benennt, setzt eine politische Priorität: konkret gegenüber dem bevorzugten Gegner, abstrakt gegenüber dem Täterumfeld.

Selbstverständlich muss vor pauschalem Hass gegen Muslime gewarnt werden. Millionen Menschen dürfen nicht für die Tat eines Islamisten verantwortlich gemacht werden. Aber der berechtigte Kampf gegen antimuslimischen Rassismus darf nicht als Vorwand dienen, um den politischen Islam und seine dokumentierte Queerfeindlichkeit sprachlich unsichtbar zu machen.

Beides muss gleichzeitig möglich sein: Muslime gegen pauschale Verdächtigungen zu verteidigen und Islamisten ohne Ausflüchte als Feinde einer freien Gesellschaft zu benennen.

Alfonso Pantisano und der blinde Fleck im eigenen Weltbild

Auch Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano hatte kurz vor dem Anschlag erklärt, die queere Community werde vor allem „von rechts und von konservativen Kräften“ angegriffen. Nach der Tat stellte er klar, dass er unter konservativen Kräften ebenfalls Islamisten verstehe.

Diese nachträgliche Einordnung löst das Problem jedoch nicht vollständig. Islamismus ist nicht bloß eine besonders strenge Variante gewöhnlichen Konservatismus. Er ist eine politische Ideologie mit totalitärem Herrschaftsanspruch. Wo Islamisten Macht gewinnen, stehen Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Frauenrechte und queeres Leben zur Disposition.

Rechtsextreme Angriffe auf CSD-Veranstaltungen sind real und müssen konsequent bekämpft werden. Daraus folgt aber nicht, dass jede Bedrohung queerer Menschen in dieses vertraute Erklärungsmuster eingeordnet werden darf. Wer Islamisten nur als Unterkategorie „konservativer Kräfte“ erwähnt, verwischt entscheidende Unterschiede und erschwert eine gezielte Gegenstrategie.

Queere Menschen verdienen eine Sicherheitspolitik, die sämtliche Gefahren beim Namen nennt: Rechtsextremismus ebenso wie Islamismus, christlichen Fundamentalismus ebenso wie jede andere Form organisierter Menschenfeindlichkeit.

Keine Allianz – aber ein gemeinsamer Mechanismus

Hanna Hansen, Die Linke Neukölln und Alfonso Pantisano verfolgen unterschiedliche politische Ziele. Sie gleichzusetzen oder ihnen eine organisierte Zusammenarbeit zu unterstellen, wäre falsch.

Was ihre Reaktionen jedoch verbindet, ist ein Mechanismus der Verdrängung. Hansen flüchtet sich in eine unbelegte Verschwörung über Wahlkampf und Israel. Die Linke Neukölln warnt ausführlich vor der Instrumentalisierung durch Rechte, benennt den Islamismus aber nicht ausdrücklich. Pantisano versucht, ihn unter den unscharfen Begriff „konservative Kräfte“ zu fassen.

So entsteht ein irritierender Gleichklang: Über fast alles wird gesprochen – nur nicht mit derselben Deutlichkeit über jene Ideologie, die nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand im Zentrum der Tat steht.

Queere Sicherheit darf keine Frage des politischen Lagers sein

Die Antwort auf den Anschlag darf weder Generalverdacht noch Verschweigen lauten. Muslime sind nicht mit Islamisten gleichzusetzen. Ebenso wenig darf Islamismuskritik pauschal als „antimuslimische Hetze“ abgetan werden.

Eine demokratische Gesellschaft muss zwei Wahrheiten zugleich aushalten: Queere Menschen werden von Rechtsextremen bedroht – und sie werden von Islamisten bedroht. Wer nur eine dieser Gefahren sehen will, schützt nicht die Betroffenen, sondern das eigene Weltbild.

Die Opfer von Berlin verdienen mehr als ritualisierte Solidarität. Sie verdienen politische Ehrlichkeit. Dazu gehört, den mutmaßlich islamistischen Charakter des Anschlags klar zu benennen, Verschwörungserzählungen zurückzuweisen und jede Instrumentalisierung der Tat zu verhindern.

Der entscheidende Trennstrich verläuft nicht zwischen links und rechts, zwischen Muslimen und Nichtmuslimen oder zwischen Regierung und Opposition. Er verläuft zwischen einer freien Gesellschaft und all jenen Ideologien, die Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben absprechen.

Wer queere Menschen wirklich schützen will, darf vor keinem dieser Feinde die Augen verschließen.

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