CSD-Anschlag: Die ideologische Flucht vor dem Islamismus

Nach dem Terroranschlag auf den Berliner CSD versuchen linke Akteure und Berlins Queer-Beauftragter, das islamistische Motiv umzudeuten. Wer Dschihadismus zu „Konservatismus“ verzerrt und die Täter unsichtbar macht, betreibt gefährliche Realitätsverweigerung auf dem Rücken der Opfer des Terrors.

Teilen
CSD-Anschlag: Die ideologische Flucht vor dem Islamismus
CSD-Anschlag: Die ideologische Flucht vor dem Islamismus

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD beginnt die ideologische Flucht vor der Wirklichkeit

Eine Frau ist tot, 29 Menschen wurden verletzt. Ein Lieferwagen raste am Sonnabend in Besucher des Berliner Christopher Street Day. Anschließend sollen Menschen mit einer Stichwaffe angegriffen worden sein. Der dringend Tatverdächtige ist ein polizeibekannter Islamist, der bereits wegen der Vorbereitung einer terroristischen Straftat verurteilt worden war.

Doch während Berlin noch nach dem mutmaßlichen Täter fahndet, läuft eine andere Operation bereits auf Hochtouren: die sprachliche Neutralisierung des islamistischen Motivs.

Aus Dschihadismus wird „Konservatismus“. Aus islamistischer Gewalt wird „faschistische Ideologie“. Und aus einer Weltanschauung, die Homosexuelle verfolgt, Frauen entrechtet und den freiheitlichen Staat vernichten will, wird ein möglichst abstraktes Übel, das sich bequem wieder dem gewohnten „Kampf gegen rechts“ zuschlagen lässt.

Das ist keine Analyse. Es ist ideologische Selbstverteidigung.

Der Mann, vor dem der Staat bereits gewarnt war

Der 21-jährige Abdul Ballout gilt nach Angaben der Ermittler als dringend tatverdächtig. Sicherheitsbehörden kannten ihn aus dem islamistischen Milieu. Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung soll er Ende 2025 nach einer Reise in den Libanon festgenommen worden sein. Im Mai 2026 wurde er wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt – ausgesetzt zur Bewährung.

Wenige Wochen später soll er einen Lieferwagen in eine Menschenmenge gesteuert haben.

Noch ist der Tatverdächtige nicht verurteilt. Seine konkrete Beteiligung und das genaue Motiv müssen rechtsstaatlich geklärt werden. Politisch lässt sich die zentrale Frage dennoch nicht vertagen: Wie konnte ein den Behörden bekannter und bereits verurteilter Islamist auf freien Fuß gelangen und mutmaßlich einen solchen Anschlag verüben?

Wer jetzt vor allem über abstrakten „Hass“ spricht, lenkt von diesem Staatsversagen ab.

Der begriffliche Taschenspielertrick

Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano hält nach Medienberichten an der Aussage fest, die größte Gefahr für queere Menschen gehe von rechten und konservativen Kräften aus. Islamisten rechnet er dabei kurzerhand den „Konservativen“ zu.

Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano hält nach Medienberichten an der Aussage fest, die größte Gefahr für queere Menschen gehe von rechten und konservativen Kräften aus. Islamisten rechnet er dabei kurzerhand den „Konservativen“ zu.

In einem Interview mit dem RBB am Sonntag wurde Pantisano direkt auf eine Aussage angesprochen, die er bereits zwei Tage zuvor in der Abendschau des Senders getroffen hatte. Dort hatte er erklärt: „Das, was uns am meisten beschäftigt, ist, wir werden gerade politisch angegriffen von rechts und vor allem von konservativen Kräften, von Rechtsextremen, von Neonazis.“ Auf die explizite Nachfrage des Moderators, ob er diesen Satz auch nach dem tödlichen islamistischen Anschlag vom Samstagabend unverändert wiederholen würde, bekräftigte Pantisano seine Sichtweise ausdrücklich: „Ja, weil ich unter konservativen Kräften auch alle religiösen Gruppen dazuzähle, die alle ein Problem mit uns haben – und Islamisten gehören da dazu.“

Natürlich ist der Islamismus antiliberal, patriarchalisch und reaktionär. Daraus folgt aber nicht, dass er lediglich eine besonders rabiate Form demokratischen Konservatismus sei. Zwischen einem CDU-Wähler und einem Anhänger des „Islamischen Staates“ liegt nicht bloß ein gradueller Unterschied. Der eine bewegt sich innerhalb einer freiheitlichen Verfassungsordnung, der andere will sie beseitigen.

Wer beide unter demselben Etikett ablegt, schafft keine Klarheit. Er verwischt Verantwortlichkeiten.

Der Begriff „konservativ“ wird dabei so lange gedehnt, bis er alles umfasst, was im eigenen Weltbild als rückständig gilt. Sein analytischer Wert sinkt auf null – sein propagandistischer Nutzen steigt. Denn plötzlich muss die spezifische Ideologie des Dschihadismus nicht mehr benannt werden. Der Täter kann gedanklich in jenem politischen Lager abgestellt werden, das ohnehin als Hauptfeind feststeht.

So wird aus Aufklärung ein Etikettenschwindel.

Antifaschismus als Verdrängungsmaschine

Noch deutlicher zeigt sich dieser Reflex beim Bündnis „Widersetzen“. Es bezeichnete den Anschlag Medienberichten zufolge als „Ausdruck faschistischer Ideologie“, ohne den islamistischen Hintergrund ausdrücklich zu benennen.

Man kann über Gemeinsamkeiten totalitärer Ideologien sprechen: Führerkult, Vernichtungsdenken, Unterwerfung des Einzelnen und Hass auf Minderheiten. Wer jedoch nach einem mutmaßlich islamistischen Anschlag ausschließlich „Faschismus“ sagt, obwohl der konkrete ideologische Zusammenhang bekannt ist, betreibt keine präzise Einordnung.

Er ersetzt den Täter durch eine Schablone.

Das Ergebnis ist politisch bequem: Der gewohnte Kampf gegen rechts kann unverändert weitergeführt werden; das eigene Verhältnis zum politischen Islam muss nicht überprüft werden. Widersprüche zwischen dem Schutz queerer Menschen und der Verharmlosung islamistischer Milieus verschwinden hinter einer maximal unscharfen Vokabel.

Ein Antifaschismus, der Islamismus nur erkennt, nachdem er ihn sprachlich in Rechtsextremismus verwandelt hat, ist kein Instrument der Aufklärung. Er ist eine Verdrängungsmaschine.

Verbaler Hass von rechts vs. tödlicher Terror von islamistischer Seite

Die rhetorische Verschmelzung rechtsextremer Rhetorik mit dschihadistischem Terrorismus blendet zudem eine fundamentale Realität des aktuellen Gewaltgeschehens aus.

Es gibt zweifellos rechtsradikalen Hass und Homophobie im politischen Diskurs. Ein exemplarisches Beispiel hierfür sind die Verfahren gegen die niedersächsische AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt, gegen die wegen queerfeindlicher Beiträge auf der Plattform X ermittelt wird und deren parlamentarische Immunität aufgehoben wurde.

Doch so verabscheuungswürdig, giftig und gefühlsverletzend dieser Hetz-Diskurs aus dem rechtsradikalen Milieu auch ist: Dieser Hass verletzt Gefühle, aber er tötet oder verwundet keine Menschen auf den Straßen. Es gibt schlicht keine bekannten rechtsextremen Anschläge dieser Qualität – mit Toten, Schwerverletzten oder gezielten Ramm-Attentaten – gegen CSD-Paraden oder queere Einrichtungen in Deutschland. Die physische, tödliche Gewalt und die Durchführung blutiger Massenattentate auf die queere Community gehen in der Realität der vergangenen Jahre von radikalen Islamisten aus. Die linke Gleichsetzung ignoriert diese eklatante Asymmetrie zwischen verbaler Agitation einerseits und dschihadistischem Massenmord andererseits vollständig.

Queerfeindlichkeit hat mehr als eine Quelle

Rechtsextreme bedrohen queere Menschen. Das ist eine Tatsache. Ebenso real sind Hass und Gewalt aus islamistischen sowie streng religiös-patriarchalischen Milieus. Diese Gefahren schließen einander nicht aus.

Eine glaubwürdige Politik müsste beide benennen können, ohne bei jedem Satz zuerst die eigene Lagerzugehörigkeit zu kontrollieren. Sie müsste queere Menschen auch dann verteidigen, wenn die Täter nicht in das bevorzugte politische Feindbild passen.

Gerade hier scheitert ein Teil der identitätspolitischen Linken. Ihr Weltbild sortiert Menschen bevorzugt nach Macht, Herkunft und zugeschriebenem Opferstatus. Wer als Angehöriger einer diskriminierten Minderheit gilt, wird ungern als Träger einer menschenfeindlichen Ideologie betrachtet. Kollidieren Minderheitenschutz und Islamismuskritik, wird nicht das Weltbild korrigiert, sondern die Sprache.

Dann ist der Islamist plötzlich nur noch „konservativ“. Der Dschihadismus wird zu „Faschismus“ ohne Namen. Und die berechtigte Frage nach islamistischer Queerfeindlichkeit gerät unter den Verdacht der „Islamfeindlichkeit“.

Diese Denkweise schützt keine Minderheiten. Sie macht bestimmte Täter unsichtbar.

Ermittlungserkenntnisse: Tatwaffen und die Festnahme des Beifahrers

Während die politische Debatte über Framing und Begriffe tobt, verdichten sich die Ermittlungserkenntnisse von LKA und Generalstaatsanwaltschaft zur konkreten Tatausführung und zu den Hintergründen des Angriffs.

Der Täter ging nach Erkenntnissen der Behörden in zwei Phasen mit extremer Brutalität vor: Zunächst nutzte er den gemieteten Transporter als Rammbock, um gezielt in die Besucher der CSD-Parade zu rasen. Nach dem Stillstand des Fahrzeugs setzte er den Angriff fort, indem er ausgestiegen sein soll und mit einer Machete auf Umstehende und Flüchtende einschlug und einstach.

Darüber hinaus verdichten sich die Hinweise, dass der Haupttäter nicht als isolierter Einzeltäter agierte. Die Auswertung sichergestellter Asservate sollen nun aufklären, inwiefern ein breiteres extremistisches Netzwerk in die Vorbereitung und Durchführung des Anschlags eingebunden war.

Nicht das Benennen spaltet – das Verschweigen tut es

Nach jedem islamistischen Anschlag folgt die Warnung, die Tat dürfe nicht „instrumentalisiert“ werden. Das ist richtig, wenn damit pauschale Verdächtigungen gegen Muslime abgewehrt werden. Millionen Menschen dürfen nicht für die Tat eines Einzelnen haftbar gemacht werden.

Doch aus dem Schutz unbeteiligter Muslime darf kein Schutzschild für die Ideologie des Islamismus werden. Muslime sind nicht der Islamismus. Gerade deshalb kann und muss dieser präzise benannt und bekämpft werden.

Wer Tatsachen verschweigt, verhindert keine gesellschaftliche Spaltung. Er verschärft sie. Denn Bürger erkennen den Widerspruch zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was sie darüber sagen dürfen sollen. Wo offizielle Sprache erkennbar ausweicht, wächst das Misstrauen gegenüber Politik, Medien und Institutionen.

Die demokratische Antwort auf Terror besteht weder in rassistischer Pauschalisierung noch in linker Begriffsakrobatik. Sie besteht in Wahrheit, Unterscheidungsvermögen und einem Rechtsstaat, der seine erklärten Feinde tatsächlich ernst nimmt.

Der Anschlag auf den Berliner CSD war nach gegenwärtigem Ermittlungsstand kein namenloser Ausbruch von „Hass“. Alles deutet auf eine konkrete totalitäre Ideologie: den Islamismus.

Wer diese Ideologie nicht aussprechen kann, ist ungeeignet, sie zu bekämpfen.

CSD Berlin, Abdul Ballout, Alfonso Pantisano, Widersetzen, Islamismus, Machete, Vanessa Behrendt, Iraner, Terrorismus, Berlin,

Weiterlesen