Deutschlands Rentenbombe: Wer zahlt für Millionen Kinderlose?
Eine Analyse für die Vossische Digital
Deutschland altert. Das ist keine neue Erkenntnis. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die demografische Krise zuspitzt. Während die Politik über Rentenniveaus, Zuschüsse und Beitragssätze diskutiert, gerät eine unbequeme Tatsache immer stärker in den Mittelpunkt: Das deutsche Rentensystem ist auf nachwachsende Generationen angewiesen. Doch genau diese Generationen werden immer kleiner.
Die Folge könnte eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte werden.
Das deutsche Rentensystem lebt von Kindern
Die gesetzliche Rentenversicherung basiert auf dem Umlageverfahren. Arbeitnehmer zahlen heute Beiträge ein, die unmittelbar an heutige Rentner ausgezahlt werden. Es gibt keinen gigantischen Sparfonds, aus dem die meisten Renten finanziert werden.
Die Deutsche Rentenversicherung beschreibt das Prinzip eindeutig: Die Erwerbstätigen von heute finanzieren die Rentner von heute. Im Gegenzug sollen die Erwerbstätigen von morgen später ihre Renten finanzieren.
Genau deshalb sind Kinder wirtschaftlich betrachtet weit mehr als eine private Lebensentscheidung. Sie stellen die zukünftigen Beitragszahler des Systems dar.
Der demografische Kipppunkt
In den 1960er Jahren bekam eine deutsche Frau durchschnittlich rund 2,5 Kinder. Heute liegt die Geburtenrate bei etwa 1,35 bis 1,4 Kindern je Frau.
Für einen langfristigen Bevölkerungserhalt wären etwa 2,1 Kinder pro Frau erforderlich.
Die Konsequenz ist dramatisch:
- 1962 kamen auf 100 Personen im Rentenalter nur etwa 17 Menschen über 67 Jahre.
- Heute sind es bereits mehr als 30.
- Bis 2050 könnte jeder dritte Deutsche das Rentenalter erreicht haben.
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis Mitte der 2030er Jahre um mehrere Millionen sinken, sofern Migration den Rückgang nicht ausgleicht.
Die Rechnung ist einfach:
Weniger Beitragszahler finanzieren mehr Rentner.
Die stille Umverteilung
In der politischen Debatte wird häufig argumentiert, Kinderlose hätten genauso Anspruch auf ihre Rente, weil sie schließlich jahrzehntelang Beiträge gezahlt hätten.
Das stimmt rechtlich.
Ökonomisch ist die Situation komplexer.
Die Beiträge eines Arbeitnehmers werden nicht für ihn angespart. Sie finanzieren aktuelle Rentner.
Wer später seine eigene Rente beziehen möchte, benötigt daher eine neue Generation von Beitragszahlern.
Diese Generation wird überwiegend von Familien großgezogen.
Schätzungen verschiedener wirtschaftswissenschaftlicher Studien beziffern die Kosten bis zur Volljährigkeit eines Kindes auf weit über 150.000 bis 200.000 Euro. Einschließlich Ausbildungs- und Opportunitätskosten können die tatsächlichen Aufwendungen deutlich höher liegen.
Eltern tragen damit nicht nur die gleichen Rentenbeiträge wie Kinderlose. Sie finanzieren zusätzlich die zukünftige Grundlage des Rentensystems.
Genau auf diesen Zusammenhang verwies bereits das Bundesverfassungsgericht in mehreren Entscheidungen zur Pflegeversicherung.
Kann Migration das Problem lösen?
Migration wird häufig als Antwort auf die demografische Krise genannt.
Tatsächlich hat Deutschland in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil seines Arbeitskräftebedarfs durch Zuwanderung gedeckt.
Doch auch hier gibt es Grenzen.
Die Bundesagentur für Arbeit weist darauf hin, dass langfristig vor allem qualifizierte und beschäftigte Zuwanderer zur Stabilisierung der Sozialversicherungen beitragen.
Gleichzeitig altern nahezu alle Industriestaaten. Der internationale Wettbewerb um junge Fachkräfte wird daher immer härter.
Migration kann die Folgen der Demografie abmildern.
Sie kann sie jedoch nicht vollständig ersetzen.
Die Rentenlücke wächst
Bereits heute fließen enorme Summen aus dem Bundeshaushalt in die Rentenkasse.
Der jährliche Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung liegt mittlerweile deutlich über 100 Milliarden Euro.
Damit gehört die Rentenversicherung zu den größten Einzelposten des Bundeshaushalts.
Kritiker warnen, dass steigende Zuschüsse langfristig andere Staatsaufgaben verdrängen könnten:
- Bildung
- Infrastruktur
- Verteidigung
- Forschung
- Familienförderung
Je stärker die Bevölkerung altert, desto größer wird dieser Zielkonflikt.
Die unbequeme Frage
Die eigentliche Debatte lautet deshalb nicht, ob Kinderlose eine Rente erhalten sollen.
Natürlich sollen sie das.
Die entscheidende Frage lautet:
Wer erwirtschaftet diese Rente künftig?
Denn jeder Euro Rentenzahlung muss von jemandem erwirtschaftet werden.
Von Arbeitnehmern.
Von Unternehmern.
Von Fachkräften.
Von den Kindern und Enkeln der heutigen Generation.
Oder von Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen und hier arbeiten.
Ohne diese Menschen existiert kein Umlagesystem.
Fazit
Deutschlands Rentensystem steht vor einer historischen Belastungsprobe. Sinkende Geburtenzahlen, steigende Lebenserwartung und die Alterung der Babyboomer treffen gleichzeitig aufeinander.
Kinderlose zahlen Beiträge und erwerben selbstverständlich Rentenansprüche. Doch ihre spätere Rente wird nicht durch ihre früheren Einzahlungen finanziert, sondern durch die Arbeitsleistung der nächsten Generation.
Die demografische Realität ist deshalb nüchtern und eindeutig:
Nicht Geld allein sichert die Rente.
Am Ende sind es Menschen.
Und von ihnen werden in Deutschland immer weniger geboren.
Quellen
- Deutsche Rentenversicherung
- Statistisches Bundesamt
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales
- Bundesagentur für Arbeit
- Entscheidungen des Bundesverfassungsgericht zur Berücksichtigung von Kindererziehung in Sozialversicherungssystemen.
Kommentare ()