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Die Angst als Kurator: Wenn Antisemitismus den Spielplan diktiert

Kapitulation vor dem Mob: Das Ende der Kunstfreiheit? Wenn Kino-Legende Hans-Joachim Flebbe jüdische Filmtage absagt, gewinnt die Angst. Ein Armutszeugnis für Frankfurt und die deutsche Kultur. Warum schweigt die Branche? Ein knallharter Blick auf den neuen Antisemitismus.
Die Angst als Kurator: Wenn Antisemitismus den Spielplan diktiert
Wenn es gegen staatliche Auflagen geht, gibt er den Rebellen; wenn es gegen den antisemitischen Mob geht, gibt er den Buchhalter, der nur auf die Sicherheit seiner Polstersessel achtet. - Quelle: dpa

Es ist eine Bankrotterklärung des deutschen Kulturbetriebs und ein Offenbarungseid für die Freiheit der Kunst: Die Astor Film Lounge in Frankfurt am Main zieht sich von den Jüdischen Filmtagen zurück. Dass ausgerechnet ein Haus, das für Exklusivität und gehobene Kinokultur steht, vor dem Druck der Straße einknickt, markiert einen neuen Tiefpunkt im Umgang mit dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Ein Branchenriese auf dem Rückzug

Hinter der Astor-Kette steht kein Unbekannter: Hans-Joachim Flebbe, der einstige Gründer der Multiplex-Kette Cinemaxx, ist ein Urgestein der Branche. Nachdem er 2008 bei Cinemaxx ausschied, erfand er das Kino mit seinen Premium-Lounges in Berlin, Köln, München und zuletzt in Hamburg (mit drei Sälen und 430 Plätzen) neu. Flebbe gilt als Visionär, der dem Kino seine Würde zurückgeben wollte. Doch was ist diese Würde wert, wenn sie vor der ersten Gewaltandrohung kapituliert?

Während bei anderen kulturellen Veranstaltungen die „Offenheit“ und „Toleranz“ wie Monstranzen vorgetragen werden, herrscht beim Thema jüdisches Leben in der deutschen Öffentlichkeit mittlerweile ein Klima der Einschüchterung, das Veranstalter in die Knie zwingt.

Die hässliche Fratze der Doppelmoral

Der Kontrast ist so offensichtlich wie schmerzhaft:

  • Wären es islamische Filmtage, die durch Drohungen behindert würden, der Aufschrei wäre ohrenbetäubend. Zehntausende würden – völlig zurecht – für die Religionsfreiheit und gegen Rassismus auf die Straße gehen. Die Politik würde Mahnwachen halten und „Nie wieder“-Appelle in jedes Mikrofon diktieren.
  • Im Fall der Jüdischen Filmtage Frankfurt jedoch flüchtet sich das Kino in die Rhetorik der „unternehmerischen Entscheidung“ und der „Neutralität“. Doch bei Judenhass gibt es keine neutrale Haltung. Wer sich zurückzieht, weil die Lage zu „heiß“ sei, wie es in der Begründung hieß, der kapituliert vor dem Mob. Wenn die Angst vor gewaltsamen Ausschreitungen dazu führt, dass jüdische Kultur aus dem öffentlichen Raum verschwindet, dann haben die Antisemiten bereits gewonnen.

Antisemitismus unter dem Deckmantel der „Neutralität“

Wir erleben derzeit einen Antisemitismus, der sich nicht einmal mehr verstellt. Er tarnt sich mal als „Israelkritik“, mal als „Aktivismus“, doch das Ziel bleibt das gleiche: Jüdisches Leben unsichtbar zu machen. Wenn ein renommiertes Haus wie die Astor Film Lounge einknickt, weil Veranstaltungen in der Vergangenheit bereits unter Polizeischutz stattfinden mussten, dann ist das kein politischer Protest mehr – es ist reiner Terror gegen die kulturelle Freiheit. Dass ein Betreiber in Deutschland heute glaubt, sich durch das Absagen jüdischer Inhalte „neutral“ verhalten zu können, zeigt, wie tief der moralische Kompass bereits im Sumpf der Einschüchterung versunken ist.

Das Schweigen der Mitte

Besonders bitter ist das ohrenbetäubende Schweigen jener Institutionen, die sich sonst bei jeder Gelegenheit als „Safe Space“ inszenieren. Wo bleibt die Solidarität der Frankfurter Kulturbranche? Wo sind die Verbände, wenn die Jüdische Gemeinde Frankfurt fassungslos vor den Trümmern einer langjährigen Kooperation steht?

Wer vor Drohungen einknickt, füttert das Krokodil in der Hoffnung, als Letzter gefressen zu werden. Doch ein Kulturbetrieb, der sich von gewaltbereiten Mobs vorschreiben lässt, was gezeigt werden darf, ist nichts weiter als eine leere Hülle. Wie der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker treffend feststellte: Es ist ein absolutes Armutszeugnis.

Hans-Joachim Flebbe, der Mann, der sich während der Pandemie noch lautstark gegen die ‚Willkür‘ des Staates wehrte und für die Freiheit seiner Kinos stritt, ist seltsam leise geworden. Wo ist der Kampfgeist des liberalen Unternehmers geblieben? Wenn es gegen staatliche Auflagen geht, gibt er den Rebellen; wenn es gegen den antisemitischen Mob geht, gibt er den Buchhalter, der nur auf die Sicherheit seiner Polstersessel achtet.

Fazit: Der wachsende Antisemitismus auf unseren Straßen und in den Köpfen ist keine Meinung, sondern ein Angriff auf das Fundament unserer Gesellschaft. Wenn wir zulassen, dass die Angst zum Programmdirektor wird, begraben wir die Freiheit gleich mit.