Die große Auto-Illusion

Erstmals importiert Europa mehr Autos aus China als umgekehrt. Was über Jahrzehnte als unumstößliches Fundament unseres Wohlstands galt, bröckelt in Rekordgeschwindigkeit.

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Die große Auto-Illusion
Ein Kommentar zur Deindustrialisierung im Zeitraffer

Wie Europa seine Kronjuwelen an China verspielte

Ein Kommentar zur Deindustrialisierung im Zeitraffer

Es ist die sprichwörtliche Quittung für jahrelange Selbstzufriedenheit, politische Naivität und strategische Blindheit: Erstmals importieren europäische Märkte im Bereich der Automobilindustrie wertmäßig mehr Fahrzeuge und Komponenten aus China, als im Gegenzug aus heimischen Werken nach Fernost exportiert werden. Was über Jahrzehnte als unumstößlicher Grundpfeiler des europäischen Wohlstands galt – die deutsche und europäische Ingenieurskunst auf vier Rädern –, bröckelt in Rekordgeschwindigkeit.

Wer glaubte, dass die dramatischen Engpässe und Abhängigkeiten der Corona-Jahre als weckender Knall dienten, wird heute eines Besseren belehrt. Die Lehren aus den unterbrochenen Lieferketten wurden in Sonntagsreden beschworen, in der Realität jedoch auf dem Altar kurzfristiger Marge geopfert. Die europäische Automobilindustrie steht nicht vor einer leichten Delle; sie befindet sich mitten in einer Strukturkrise, die Millionen Arbeitsplätze und den Kern der industriellen Wertschöpfung bedroht.

1. Die verheerende Bilanz jahrelanger Schlafwandelei

Über ein Jahrzehnt lang funktionierten die Vorstände deutscher Autokonzerne nach einem einfachen Prinzip: Der Verbrennungsmotor finanziert die Dividende, und der chinesische Markt schluckt gierig alles, was in Stuttgart, Wolfsburg oder München vom Band läuft. China war der Goldesel. Die schieren Absatzzahlen verdeckten gekonnt, dass sich im Hintergrund eine gewaltige Disruption vollzog.

Während man in Europa hiesige Regularien debattierte und den Übergang zur Elektromobilität als lästige Pflichtübung behandelte, betrieb die Führung in Peking eiskalte Industriepolitik. Bereits vor über zehn Jahren definierte die chinesische Regierung die Elektromobilität als strategische Schlüsselindustrie. Das Ziel war nie, den Verbrenner einzuholen – das Ziel war, ihn obsolet zu machen und bei der Nachfolgetechnologie die Spielregeln zu diktieren.

Das Ergebnis sehen wir heute:

  • Technologischer Vorsprung: Chinesische Hersteller bauen E-Autos nicht nur günstiger, sondern in Teildisziplinen wie Batterietechnologie, Software-Integration und Digitalisierung schlicht besser und schneller.
  • Kontrolle der Vorkette: Von der Förderung kritischer Rohstoffe wie Lithium, Nickel und Kobalt bis hin zur fertigen Batteriezelle dominiert China die komplette Wertschöpfungskette.
  • Massenhafter Markteintritt: Marken wie BYD, NIO oder Geely drängen mit extrem wettbewerbsfähigen Modellen auf den europäischen Markt – gestützt auf massive staatliche Anschubfinanzierung.

Die Behauptung, man sei von dieser Entwicklung überrascht worden, ist eine Schutzbehauptung. Man hat die Entwicklung schlichtweg ignoriert.

2. Die Rohstoff-Falle: Nichts gelernt aus der Pandemie

Als während der COVID-19-Pandemie die Bänder stillstanden, weil einfache Halbleiter oder Kabelbäume aus Übersee fehlten, schien der Konsens klar: „Nie wieder dürfen wir uns in eine derartige Abhängigkeit begeben.“ Es war die Geburtsstunde der Vokabel von der „strategischen Autonomie“.

Geändert hat sich im Wesentlichen nichts. Die Abhängigkeit hat lediglich die Farbe gewechselt. Anstelle von fossilen Brennstoffen aus dem Osten steht nun die totale Abhängigkeit von chinesischen Batteriezellen und Rohstoffen.

Ein europäisches E-Auto ist heute in weiten Teilen ein Produkt chinesischer Vorleistung, das lediglich in Europa zusammengeschraubt wird. Wenn die Politik nun lautstark nach Schutzzöllen oder Importstopps ruft, offenbart das die eigene Handlungsunfähigkeit: Ein echter Handelskrieg mit Peking würde nicht China treffen, sondern Europa. Stoppt China die Lieferung von Batteriezellen oder kritischen Rohstoffen, stehen die europäischen Bänder binnen weniger Tage still. Europa hat sich in eine strategische Sackgasse manövriert, aus der es ohne Schmerzen keinen Ausweg mehr gibt.

3. Die Schutzzoll-Illusion: Pflaster auf offenen Wunden

Die Reaktionen aus Brüssel und Berlin wirken hilflos. Das Verhängen von Ausgleichszöllen auf chinesische E-Autos soll den Markt schützen, ist in Wahrheit aber kaum mehr als Kosmetik.

Zölle lösen kein einziges der strukturellen Probleme am Standort Deutschland und Europa:

  1. Verfehlte Kostenstrukturen: Die Energiepreise in Deutschland gehören zu den höchsten der Welt, die Bürokratie lähmt jede Investition, und die Abgabenlast ist drückend.
  2. Träge Entwicklungszyklen: Während chinesische Autobauer ein neues Modell von der Skizze bis zur Serie in unter 36 Monaten auf die Straße bringen, benötigen europäische Hersteller oft noch immer doppelt so lange.
  3. Die Retaliations-Gefahr: China sieht den Zöllen gelassen entgegen und droht mit Gegenmaßnahmen. Wer im Glashaus sitzt – und dort sitzen die europäischen Hersteller mit ihren Verkäufen im chinesischen Luxussegment – sollte nicht mit Steinen werfen.

Ein Schutzzoll macht das heimische Produkt nicht besser; er macht lediglich das fremde Produkt für den Konsumenten teurer. Das ist kein Zukunftsrezept, sondern Protektionismus aus Verzweiflung.

4. Stellenabbau und Deindustrialisierung: Der Preis der Untätigkeit

Die Zeche für das jahrzehntelange Abwarten zahlen nicht die Vorstände, die sich ihre Boni längst gesichert haben. Die Zeche zahlen die Beschäftigten in den Werken und vor allem bei den Hunderten mittelständischen Zulieferbetrieben.

Der Wandel zur Elektromobilität ist ohnehin personalextensiver: Ein Elektromotor benötigt einen Bruchteil der Bauteile eines hochkomplexen Verbrenners mit Getriebe und Abgasreinigung. Wenn nun jedoch nicht nur der Technologiewandel greift, sondern gleichzeitig die Marktanteile an ausländische Konkurrenten verloren gehen, droht der Automobilindustrie in Europa ein historischer Aderlass.

Wenn Werke geschlossen, Schichten gestrichen und Entwicklungsabteilungen verkleinert werden, geht es nicht nur um Einzelschicksale. Es geht um den Verlust des industriellen Herzstücks der europäischen Wirtschaft. Mit jedem Arbeitsplatz in der Autoindustrie hängen mehrere Stellen im Dienstleistungssektor, im Handwerk und in der Region an sich zusammen.

Fazit: Die Zeit der Ausreden ist vorbei

Europa steht am Scheideweg. Weitere Jahre des Zögerns, des Relativierens und der Symbolpolitik kann sich der Wirtschaftsstandort nicht leisten. Wer den Verfall der eigenen Schlüsselindustrie stoppen will, muss aufhören, den Wettbewerb durch bürokratische Hürden auszubremsen, und anfangen, die eigenen Hausaufgaben zu machen.

Das bedeutet:

  • Radikale Senkung der Standortkosten: Energie muss für die Industrie wieder bezahlbar werden, Bürokratie und Genehmigungsverfahren müssen drastisch zusammengestrichen werden.
  • Echte Technologieoffenheit und Tempo: Anstatt sich in regulatorischen Kleinkriegen zu verlieren, muss die Entwicklung von eigener Batteriezellfertigung, Softwarekompetenz und synthetischen Kraftstoffen massiv beschleunigt werden.
  • Ehrliche Kommunikation: Die Politik muss aufhören, so zu tun, als könne man den Markt durch Zölle einfach „einfrieren“. Der Wettbewerb ist da, er ist hart, und er kommt aus China.

Die Jahre des geschenkten Wohlstands sind vorbei. Wenn Europa nicht aufhört, sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen, wird die europäische Automobilindustrie in zehn Jahren nur noch eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern der globalen Wirtschaft sein.

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