DIE ROTE LACHNUMMER – FOLGE 17
Die Linke zieht Bilanz ihrer Mietwucher-App: Hunderttausende Prüfungen, aber nur wenige Behördenmeldungen. Zwischen digitalem Verdacht und tatsächlicher Rückzahlung stehen Nachweise, Amt und Geduld. Die rote Lachnummer über den Klassenkampf mit Eingabemaske.
Politische Zeitungssatire | DIE VOSSISCHE
Aktueller Anlass vom 2. November 2026: Die Bundestagsfraktion der Linken zieht nach zwei Jahren Bilanz ihrer Mietwucher-App. Mehr als 333.000 Nutzungen, 215.941 rechnerisch auffällige Mieten, aber lediglich 11.157 an Behörden weitergeleitete Verdachtsmeldungen. Die Zahlen offenbaren einen bemerkenswerten Abstand zwischen digitaler Empörung und tatsächlicher Rechtsdurchsetzung. t-online
Die Revolution hat eine App – und das Amt hat Zeit
215.941 auffällige Mieten, 11.157 Behördenmeldungen: Die Linke digitalisiert den Klassenkampf. Doch zwischen politischem Versprechen und tatsächlicher Mietsenkung steht Deutschlands zuverlässigste Institution – der Fragebogen.
Deutschland hat einen neuen Schauplatz des Klassenkampfs. Er besitzt keine Barrikade, sondern eine Eingabemaske. Wohnfläche, Baujahr, Nettokaltmiete – und schon darf der Bürger prüfen, ob sein Vermieter womöglich zu viel verlangt. Die Linke hat die Revolution digitalisiert. Karl Marx hätte vermutlich erst die Datenschutzerklärung gelesen.
Am 2. November zog die Bundestagsfraktion Bilanz ihrer vor zwei Jahren gestarteten Mietwucher-App. Mehr als 333.000 Nutzungen, 215.941 rechnerisch auffällige Mieten, 11.157 an Behörden weitergeleitete Verdachtsmeldungen. Seit Montag ist auch Bremen dabei. Die Zahlen sind eindrucksvoll, vor allem, wenn man sie von links nach rechts liest.
Dazwischen aber liegt ein bemerkenswertes Loch: Nur etwa jede zwanzigste auffällige Eingabe führte zu einer Meldung. Die Partei vermutet, viele Mieter fürchteten Ärger oder gar den Verlust ihrer Wohnung. Das ist plausibel. Wer auf angespanntem Wohnungsmarkt ein Dach über dem Kopf gefunden hat, betrachtet den offenen Streit mit seinem Vermieter selten als Freizeitvergnügen.
Erst recht, wenn die eigentliche Arbeit nach dem Klick beginnt.
Auf ihrer eigenen Internetseite erklärt die Linke, was nun folgen kann: Das Wohnungsamt benötigt Angaben, Nachweise der Wohnungssuche und möglicherweise einen umfangreichen Fragebogen. Das Verfahren kann Monate dauern. Ein Verdacht allein beweist schließlich keine Ordnungswidrigkeit. Selbst wer mehr als zwanzig Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete zahlt, hat damit noch nicht automatisch einen Rechtsverstoß nachgewiesen; es kommt auf weitere Voraussetzungen an.
Hier beginnt der deutsche Teil der Weltrevolution. Erst wird dem Kapitalismus elektronisch die Stirn geboten. Anschließend möchte die Verwaltung wissen, wie viele vergleichbare Wohnungen der Revolutionär seinerzeit vergeblich besichtigt hat.
Die Bilanz aus Berlin besitzt fast literarische Schönheit. In Friedrichshain-Kreuzberg wurden nach Angaben der Linken Bußgelder über 81.600 Euro festgesetzt. Gezahlt waren davon 27.500 Euro. Das heißt nicht, der Rest werde niemals überwiesen. Es zeigt nur, wie viele Stationen zwischen einem festgestellten Verstoß und dem Geld auf dem Konto liegen können.
Noch eleganter ist die bundespolitische Kulisse. Die Bundesregierung erklärte im Oktober auf eine Anfrage der Linken, ihr lägen keine bundesweiten Erkenntnisse über Häufigkeit und Umfang illegaler Mieten vor. Eine einheitliche Statistik über Bußgeldverfahren plane sie ebenfalls nicht.
Die Abgeordnete Caren Lay fordert deshalb bessere Bundesregeln. Das ist nachvollziehbar. Nur wirkt die alte politische Gewohnheit durch, einen komplizierten Befund zunächst in möglichst große Zahlen zu verwandeln. 215.941 auffällige Eingaben klingen wie eine Armee überführter Mietpreissünder; tatsächlich sind sie Ergebnisse eines Checks, den niemand mit einem Gericht verwechseln sollte. Aus freiwilligen App-Nutzungen lässt sich zudem keine repräsentative Quote für alle Wohnungen errechnen.
Das ist der Unterschied zwischen Statistik und Straßenplakat. Beide haben Zahlen. Aber nur eines davon hat Platz für die Fußnoten.
Die Linke zählt also Verdachtsfälle. Der Bund zählt sie nicht. Und der Mieter zählt derweil die Tage bis zur nächsten Überweisung.
Man sollte diese App nicht unterschätzen. Sie verschafft Menschen Informationen, die sie vorher kaum hatten. In Frankfurt wurden seit 2020 Rückzahlungen von gut 330.000 Euro erreicht, wenn auch nicht ausschließlich durch die App. Das sind reale Erfolge. Aber ein Rechenprogramm schafft noch keine Wohnung, und es ersetzt weder eine funktionierende Behörde noch eine rechtssichere Entscheidung.
Die politische Pointe ist deshalb nicht, dass die Linke endlich etwas Praktisches tut. Das tut sie. Sondern dass ausgerechnet sie nun vorführt, wie unromantisch der Kampf gegen den Kapitalismus wird, sobald er den ersten Behördenschalter erreicht.
Die neue Internationale hat einen aktualisierten Refrain:
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Und bringt bitte die Nachweise über eure erfolglose Wohnungssuche mit.
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