Elif Eralp: Angst vor Hamas-Sympathisanten – und Berlin regieren wollen?
Elif Eralp will Berlin regieren. Doch alte Links*Kanax-Texte, ihre Ablehnung von Abschiebungen und türkischsprachiger Wahlkampf werfen Fragen nach ihrer Agenda auf. Dazu kommt die SPIEGEL-Enthüllung über ihre Angst vor einem Hamas-Sympathisanten aus dem Umfeld der Berliner Linken. Ein genauer Blick.
Kapitalismus stürzen, Abschiebungen verhindern – und Berlin regieren?
Die Frau, die Berlin regieren will, hat ein Problem mit ihrer politischen Vergangenheit. Elif Eralp unterzeichnete einen Aufruf zum Sturz des Kapitalismus, lehnt Abschiebungen selbst bei verurteilten Straftätern grundsätzlich ab und setzte im Wahlkampf gezielt auf migrantische und muslimische Milieus. Jetzt offenbaren interne SPIEGEL-Anmerkungen ihre Angst vor einem Hamas-Sympathisanten, der bei ihren Parteifreunden verkehrte. Hat sich die 45-jährige Linkenpolitikerin tatsächlich verändert? Oder werden alte Überzeugungen für den Weg ins Rote Rathaus lediglich politisch neu verpackt?
Berlin, 29. Oktober 2026
Manchmal braucht es keinen Whistleblower. Keine jahrelange Undercover-Recherche. Nicht einmal einen Untersuchungsausschuss.
Manchmal genügt eine Word-Datei.
Eine Datei mit Kommentaren, die niemals für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
Was am 28. Oktober im Berliner Büro des SPIEGEL ankam, könnte für Elif Eralp zu einem Problem werden, das weit über eine missglückte Interviewautorisierung hinausreicht.
Die Spitzenkandidatin der Berliner Linken, die nach dem Wahlsieg ihrer Partei Regierende Bürgermeisterin werden möchte, fürchtet sich nach eigenen internen Angaben vor Menschen aus einem Umfeld mit Verbindungen zur Hamas.
Nicht vor irgendwelchen Unbekannten.
Sondern vor einem Mann, der bei der Wahlparty ihrer Parteifreunde in Neukölln aufgetaucht war.
Sein Name: Ibrahim Ibrahim.
Eralp wollte seinen Namen im Interview nicht nennen.
Sie und ihr Mann hätten Angst vor diesen Leuten, schrieb sie intern.
Und plötzlich steht eine Frau, die Deutschlands größte Stadt regieren will, vor einer unbequemen Frage:
Wie glaubwürdig ist das Versprechen einer kompromisslosen Sicherheitspolitik, wenn die künftige Regierungschefin selbst davor zurückschreckt, einen bekannten Hamas-Sympathisanten öffentlich zu benennen?
Doch die SPIEGEL-Enthüllung ist nur der Anfang.
Wer Eralps politische Laufbahn zurückverfolgt, stößt auf Positionen, die sie keineswegs als unerfahrene Nachwuchspolitikerin vertreten hat.
Sondern als erwachsene Frau, Volljuristin, langjährige politische Aktivistin und Funktionärin der Linkspartei.
Diese Positionen verdienen gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit.
Die SPIEGEL-Panne: Die Angst, die nicht öffentlich werden sollte
Am Montag, dem 26. Oktober, empfing Eralp Journalisten des SPIEGEL zum Interview.
Die Gesprächsthemen waren brisant: Antisemitismus in der Berliner Linken, umstrittene Parteifreunde, Kontakte ins extremistische Milieu.
Nach dem Gespräch erhielt Eralps Büro die schriftliche Fassung zur Autorisierung.
Was am Mittwoch zurückgeschickt wurde, enthielt jedoch interne Anmerkungen.
Darin wurde sichtbar, dass Eralp eine Frage nach Ibrahim Ibrahim und ihre Antwort darauf entfernen lassen wollte.
„Es gibt ein PROBLEM“, notierte sie.
In den weiteren Anmerkungen schilderte sie die Sorge um sich und ihre Familie. Sie verwies darauf, dass ihr das Landeskriminalamt bei einem früheren Anlass empfohlen habe, Personen aus dem Bereich organisierter Kriminalität nicht namentlich anzusprechen.
Jetzt gehe es um Menschen mit Kontakten zur Hamas.
Eralp erwog sogar, das gesamte Interview zurückzuziehen.
Nach Veröffentlichung der Enthüllung klang sie plötzlich ganz anders.
Am Donnerstag, dem 29. Oktober, trat sie vor die Presse.
Sie wolle gegen Terror, Gewalt und organisierte Kriminalität vorgehen. Sie werde sich nicht einschüchtern lassen.
Eine entschlossene Erklärung.
Nur: Die internen Anmerkungen waren da bereits öffentlich bekannt.
Der Gegensatz zwischen beiden Auftritten ist offensichtlich.
Intern versuchte Eralp, die namentliche Auseinandersetzung zu vermeiden.
Öffentlich versprach sie unbeirrbare Entschlossenheit.
Die politische Frage lautet deshalb nicht, ob Eralp Angst haben darf.
Die Frage lautet, wann und wodurch diese Angst ihre Entscheidungen beeinflusst – und wie sie als Regierungschefin künftig mit vergleichbaren Konflikten umgehen würde.
Ibrahim Ibrahim: Der Hamas-Sympathisant und die Berliner Linke
Der Mann, dessen Name Eralp solche Sorgen bereitete, ist in der radikalen propalästinensischen Szene Berlins bekannt.
Ibrahim Ibrahim wird von Sicherheitsbehörden dem Umfeld der Volksfront zur Befreiung Palästinas, PFLP, zugerechnet.
Die PFLP steht auf der Terrorliste der Europäischen Union.
Ibrahim soll zudem den Hamas-Anführer Yahya Sinwar, einen der Verantwortlichen des Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023, als Märtyrerhelden gefeiert haben.
Ibrahim bestreitet, Terrorismus zu unterstützen. Eine eigene Beteiligung an Gewalt- oder Anschlagsplanungen in Deutschland ist nach den vom SPIEGEL berichteten Erkenntnissen nicht bekannt.
Seine politische Einbindung ist dagegen dokumentiert.
Er gehört zu den führenden Vertretern des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees, VPNK.
Das VPNK wird im Berliner Verfassungsschutzbericht 2025 ausdrücklich zu den prägenden Akteuren der extremistischen israelfeindlichen Szene gezählt.
Am 20. September erschien Ibrahim bei der Wahlparty der Linken in Neukölln.
Er ließ sich mit dem Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak fotografieren.
Auch mit der neu gewählten Abgeordneten Vanessa Emde existiert ein gemeinsames Foto.
Koçak erklärte später, die Aufnahme sei zufällig entstanden. Sie dokumentiere keine politische Nähe. Er entschuldigte sich für das Foto.
Allerdings berichtete der SPIEGEL auch über einen gemeinsamen Auftritt Koçaks und Ibrahims bei einer Demonstration im Juni 2025.
Was wusste Eralp über diese Kontakte?
Was hat sie unternommen, um sie innerhalb ihrer Partei aufzuklären?
Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für ihren Anspruch, die Sicherheitsbehörden Berlins künftig politisch zu führen?
Eine Pressekonferenz liefert darauf noch keine Antwort.
Abschiebungen: Selbst verurteilte Straftäter sollen nicht ausgewiesen werden?
Die nächste Spur führt zu einem Interview, das Eralp am 15. September 2026 dem Nachrichtenportal t-online gab.
Darin formulierte sie ihre Haltung zu Abschiebungen unmissverständlich.
„Jede Abschiebung ist eine Abschiebung zu viel.“
Die Journalisten fragten ausdrücklich nach verurteilten Straftätern.
Eralp antwortete, wer in Deutschland eine Straftat begehe, solle auch hier ins Gefängnis gehen.
Auf die Frage, ob jemand sein Bleiberecht verwirken könne, antwortete sie mit einem klaren Nein.
Damit steht eine politische Grundsatzposition im Raum, deren Konsequenzen für Berlin unmittelbar relevant wären.
Denn organisierte Kriminalität lässt sich nicht ausschließlich über Haftstrafen bekämpfen.
Bei ausländischen Straftätern können – sofern die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen – auch Ausweisung und Abschiebung Bestandteile staatlicher Maßnahmen sein.
Was bedeutet Eralps Position für die Berliner Clankriminalität?
Nehmen wir einen konkreten Fall.
Ein ausländischer Staatsangehöriger wird wegen einer schweren Straftat im Umfeld organisierter Kriminalität rechtskräftig verurteilt.
Er verbüßt seine Freiheitsstrafe.
Anschließend prüfen die Behörden, ob sein Aufenthalt rechtlich beendet werden kann.
Eralps politische Antwort auf die Frage nach dem Bleiberecht verurteilter Straftäter lautet nach dem t-online-Interview grundsätzlich Nein.
Das wirft eine erhebliche sicherheitspolitische Frage auf.
Würde eine von Eralp geführte Landesregierung auf rechtlich mögliche Aufenthaltsbeendigungen ausländischer Schwerkrimineller verzichten wollen?
Eine solche Politik könnte auch verurteilten ausländischen Tätern aus kriminellen Großfamilien zugutekommen.
Für deutsche Staatsbürger kommt eine Abschiebung ohnehin nicht in Betracht. Maßgeblich sind konkrete Straftaten, Staatsangehörigkeit und die gesetzlichen Voraussetzungen.
Aber genau dort, wo der Rechtsstaat ein zusätzliches Instrument gegen ausländische Straftäter besitzt, lehnt Eralp dessen Einsatz politisch grundsätzlich ab.
Gleichzeitig verspricht sie, der organisierten Kriminalität entschlossen entgegenzutreten.
Wie diese beiden Positionen in der praktischen Sicherheitspolitik miteinander vereinbar sein sollen, hat sie bislang nicht konkret erläutert.
Links*Kanax: Der Plan, mit Migranten den Kapitalismus zu stürzen
Wer Eralps frühere politische Aktivitäten betrachtet, stößt auf ein bemerkenswertes Dokument.
Es stammt vom 10. Januar 2020.
Sein Titel: „Für eine antirassistische und migrantische Klassenpartei“.
Veröffentlicht wurde es auf der Plattform etos.media, damals Die Freiheitsliebe.
Es handelt sich um einen strategischen Aufruf aus dem Umfeld von Links*Kanax, einem Netzwerk, das Eralp 2019 mitgegründet hatte.
Auf ihrer eigenen Website dokumentiert Eralp diese Gründung bis heute.
Der Aufruf formuliert ein weitreichendes politisches Ziel.
Migrantische Bevölkerungsgruppen sollen gezielt für die politische Arbeit der Linken gewonnen werden.
Dabei geht es nicht nur um bessere Integration, gleiche Rechte oder soziale Absicherung.
Es geht ausdrücklich um eine grundlegende Überwindung des bestehenden Wirtschaftssystems.
Die zentrale Formulierung fordert, gemeinsam „das kapitalistische System stürzen“ zu wollen.
Unter den Unterzeichnern steht Elif Eralp.
Damals war sie keine 18-jährige Demonstrantin, die zum ersten Mal ein politisches Flugblatt unterschrieb.
Sie war eine politisch erfahrene Volljuristin, seit Jahren in linken Organisationen aktiv und bereits Mitglied des Berliner Landesvorstands ihrer Partei gewesen.
2020 war sie etwa 39 Jahre alt.
Eine bewusste politische Entscheidung – keine Jugendsünde
Das Alter allein beweist keine unveränderliche Überzeugung.
Doch bei einer erfahrenen Politikerin kann die Unterzeichnung eines programmatischen Strategiepapiers nicht als bedeutungslose Episode behandelt werden.
Ein solches Dokument ist eine politische Willenserklärung.
Eralp unterzeichnete nicht beiläufig eine allgemeine Erklärung gegen Diskriminierung.
Sie unterstützte einen Text, der das politische Mobilisierungspotenzial migrantischer Bevölkerungsgruppen ausdrücklich mit einem antikapitalistischen Transformationsziel verband.
Das ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer politischen Biografie.
Und jetzt stellt sich die Frage, was daraus geworden ist.
Hat Eralp diese Ziele aufgegeben?
Wenn ja: Wann? Aus welchem Grund? Mit welcher öffentlichen Erklärung?
Oder vertritt sie ihre früheren Überzeugungen weiterhin, während sie für den Einzug ins Rote Rathaus eine regierungsfähigere Sprache wählt?
Der Verdacht eines taktisch angepassten öffentlichen Auftretens lässt sich aus dieser politischen Kontinuität durchaus ableiten.
Wer dagegen einen grundlegenden ideologischen Bruch behauptet, müsste erklären, an welchen Entscheidungen und öffentlichen Erklärungen dieser erkennbar sein soll.
Mehr Migration, neues Wahlrecht: Die Strategie hinter Links*Kanax
Besonders interessant ist die Verbindung von Migration, politischer Mobilisierung und Wahlrecht im Strategiepapier von 2020.
Die Unterzeichner forderten unter anderem:
- Wahlrechte für Migranten, leichtere Einbürgerung und weitreichende Bleiberechte.
- Die gezielte politische Ansprache und Aktivierung migrantischer Bevölkerungsschichten.
- Den Ausbau einer migrantisch geprägten Linkspartei mit dem langfristigen Ziel einer grundlegenden Veränderung des kapitalistischen Systems.
Diese Forderungen stehen nicht isoliert nebeneinander.
Sie sind Bestandteil eines gemeinsamen politischen Konzepts.
Bereits 2022 setzte sich Eralp im Berliner Abgeordnetenhaus ausdrücklich für ein Wahlrecht unabhängig von der Staatsangehörigkeit ein.
Und nach der Wahl vom 20. September 2026 taucht die Forderung erneut auf.
Im Sondierungspapier von Linken, Grünen und SPD ist vorgesehen, ein aktives und passives Wahlrecht auf Landes- und kommunaler Ebene auch für Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit anzustreben, sofern sie seit mindestens fünf Jahren in Deutschland leben.
Ein politisch relevanter Schritt.
Denn damit würde sich der Kreis der Wahlberechtigten erheblich verändern.
Aus politischer Mobilisierung könnte neue parlamentarische Macht werden
Hier liegt der eigentliche Zusammenhang.
2019: Eralp gründet ein Netzwerk, das die Linkspartei stärker für migrantische Bevölkerungsgruppen öffnen und diese politisch mobilisieren will.
2020: Sie unterzeichnet ein Strategiepapier, das diese Mobilisierung mit dem Ziel verbindet, den Kapitalismus zu überwinden.
2022: Sie fordert ausdrücklich ein Wahlrecht unabhängig von der Staatsangehörigkeit.
2026: Die Ausweitung des Wahlrechts wird Bestandteil der Sondierungsvereinbarung für eine mögliche neue Berliner Landesregierung.
Das ist eine über mehrere Jahre dokumentierte politische Linie.
Die Annahme, dass Eralp mit einer Erweiterung des Wahlrechts auch eine Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses anstrebt, ist eine naheliegende investigative Fragestellung.
Ein ausdrückliches persönliches Eingeständnis, Einwanderung zur Veränderung von Wahlergebnissen betreiben zu wollen, liegt dafür nicht vor.
Umso wichtiger ist die Untersuchung der tatsächlich formulierten Ziele, der angesprochenen Gruppen und der politischen Strategie dahinter.
Wer soll künftig wählen dürfen? Wer soll diese Menschen politisch mobilisieren? Und welche gesellschaftlichen Ziele sollen mit den dadurch gewonnenen Mehrheiten verwirklicht werden?
Eralps frühere Unterschrift unter dem Links*Kanax-Papier gibt diesen Fragen erhebliches Gewicht.
Wahlkampf auf Türkisch: Eralp setzte bewusst auf eine bestimmte Wählergruppe
Die Strategie der gezielten Ansprache ist keine bloße Interpretation alter Papiere.
Eralp hat sie im Wahlkampf 2026 selbst beschrieben.
In der Sendung „Jung & Naiv“ vom 3. September wurde sie gefragt, ob ihre Partei bewusst in türkisch geprägten Bezirken um Unterstützung werbe.
Eralp bestätigte das.
Sie berichtete von türkischsprachigen Flyern, einem türkischsprachigen Wahlkampfvideo und zahlreichen Gesprächen mit Vereinen, Verbänden und Gemeinden auf Türkisch.
Schon 2021 habe sie in Kreuzberg nach eigener Schätzung fast die Hälfte ihrer Haustürgespräche auf Türkisch geführt.
Sie berichtete außerdem von umfangreicher Berichterstattung in türkischen Medien.
Es handelte sich also nicht um eine vereinzelte Wahlkampfrede.
Es war eine bewusst gewählte Kommunikationsstrategie.
Und diese wirft eine Frage auf, die in der Berliner politischen Öffentlichkeit bislang erstaunlich selten gestellt wird.
Warum wirbt eine Bewerberin für das höchste Berliner Regierungsamt gezielt auf Türkisch?
Deutsch ist die gemeinsame Amtssprache der deutschen Verwaltung.
Politische Kommunikation kann selbstverständlich auch in anderen Sprachen stattfinden.
Die investigative Frage betrifft hier die politische Zielsetzung.
Welche Gruppen wollte Eralp besonders erreichen?
Welche Botschaften wurden ihnen vermittelt?
Welche Rolle spielten ihre Forderungen nach Bleiberecht, Einbürgerung und einem erweiterten Wahlrecht?
Und wurden dabei dieselben politischen Schwerpunkte gesetzt wie in ihrem deutschsprachigen Wahlkampf?
Eralp selbst beschrieb im Interview, dass sich türkisch- und kurdischstämmige Menschen mit ihrer Kandidatur besonders identifizierten.
Auch darin zeigt sich die Verbindung zwischen persönlicher Repräsentation, Sprache und politischer Mobilisierung.
Eine gezielte Wahlkampfstrategie, die zu ihrer früheren Arbeit bei Links*Kanax passt.
Die Moschee in Neukölln: Als der Islamismus zur unbequemen Frage wurde
Am 28. August 2026 nahm Eralp an einer Wahlkampfveranstaltung in der Dar-as-Salam-Moschee in Berlin-Neukölln teil.
Eingeladen hatte der Rat der Berliner Imame.
Die Veranstaltung war bereits im Vorfeld umstritten.
Kritiker verwiesen auf mutmaßliche Kontakte aus dem Umfeld der Neuköllner Begegnungsstätte zu islamistischen Organisationen.
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sagte seine Teilnahme ab.
Eralp erschien.
Auch die Spitzenvertreter von SPD, Grünen und FDP waren vertreten.
Während der Diskussion sprach FDP-Politiker Christoph Meyer die mutmaßlichen Verbindungen des Imams Mohamed Taha Sabri zu Hamas-nahen Akteuren an.
Es kam zu einem heftigen Streit.
Die Moderatorin unterbrach Meyer mehrfach.
Und Eralp?
Sie erklärte, man müsse auch über muslimisches Leben sprechen können, ohne ständig über religiösen Fundamentalismus zu reden.
Der Satz ist aufschlussreich.
Denn ausgerechnet bei einer Veranstaltung, deren Organisatoren wegen möglicher islamistischer Verbindungen öffentlich kritisiert wurden, hielt Eralp es für wichtig, die Diskussion über religiösen Fundamentalismus zurückzudrängen.
Dabei wäre gerade dort eine offene Auseinandersetzung über die gegen die Veranstalter erhobenen Vorwürfe von besonderem Interesse gewesen.
Muslimische Organisationen als politische Ansprechpartner
Am 9. September nahm Eralp zudem an einer Wahlkampfdiskussion über antimuslimischen Rassismus teil.
Dort forderten Vertreter von Linken, Grünen und SPD stärkere Unterstützung für Muslime und muslimische Gemeinden in Berlin.
Damit lässt sich eine bewusste politische Ansprache muslimischer Organisationen dokumentieren.
Gemeinsam mit dem türkischsprachigen Wahlkampf und ihren früheren Links*Kanax-Aktivitäten entsteht das Bild einer Politikerin, die den Aufbau und die Mobilisierung bestimmter gesellschaftlicher Milieus zu einem Teil ihrer politischen Arbeit gemacht hat.
Die entscheidende Frage betrifft nicht die Herkunft oder Religion der Angesprochenen.
Sie betrifft die politischen Gegenleistungen, Forderungen und Verpflichtungen, die bei solchen Kontakten eine Rolle spielen könnten.
Welche Zusagen wurden gemacht?
Welche politischen Organisationen waren beteiligt?
Und wie geht Eralp mit extremistischen Positionen um, wenn diese im Umfeld politischer Gesprächspartner auftreten?
Die Rote Hilfe: Eine Vergangenheit, die Eralp erklären muss
Zu Eralps politischer Biografie gehört noch eine weitere Organisation.
Die Rote Hilfe.
Der Verein unterstützt linke Aktivisten bei Strafverfahren und anderen juristischen Auseinandersetzungen.
Der Verfassungsschutz stuft ihn als linksextremistisch ein.
Die Rote Hilfe solidarisierte sich in der Vergangenheit auch mit Personen aus dem Umfeld des RAF-Terrorismus.
Eralp war jahrelang passives Mitglied.
Wie der rbb am 29. September berichtete, erklärte ihr Sprecher, sie sei während des Jurastudiums eingetreten und 2025 wegen teilweise abweichender politischer Auffassungen ausgetreten.
Doch was bedeutet das konkret?
Welche Auffassungen hatte Eralp bei ihrem Eintritt?
Welche teilte sie noch 2024?
Was änderte sich 2025?
Und weshalb erfolgte der Austritt gerade in einer Phase, in der ihre politische Karriere auf eine mögliche Kandidatur für das Rote Rathaus zulief?
Die zeitliche Nähe ist ein legitimer Ansatzpunkt für eine politische Untersuchung.
Ein dokumentierter Beleg dafür, dass der Austritt ausschließlich aus Karrieregründen erfolgte, liegt bislang nicht vor.
Aber eine pauschale Erklärung über unterschiedliche Ansichten ersetzt keine inhaltliche Aufarbeitung.
Gerade von einer Volljuristin, die künftig die politische Verantwortung für Berlins Sicherheitsstrategie beansprucht, darf erwartet werden, dass sie ihr früheres Verhältnis zu einer vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation konkret erläutert.
Vanessa Emde: Wo Eralps Führungsanspruch auf die Wirklichkeit trifft
Und dann ist da noch Vanessa Emde.
Die Neuköllner Linkenpolitikerin zog mit einem Direktmandat ins Berliner Abgeordnetenhaus ein.
Im Wahlkampf hatte sie die Auffassung vertreten, Staaten besäßen kein Existenzrecht.
Im politischen Kontext wurde diese Aussage insbesondere auf Israel bezogen.
Am 13. Oktober unterzeichnete Emde eine Erklärung der neuen Linksfraktion, die auch das Existenzrecht Israels anerkennt.
Zwei Tage später bekräftigte sie öffentlich ihre ursprüngliche Position.
Die Fraktionsführung um Elif Eralp und Tobias Schulze erklärte daraufhin, es gebe keine gemeinsame Arbeitsgrundlage mehr.
Eine unmissverständliche politische Distanzierung.
Doch was geschah danach?
Am 20. Oktober wurde eine Entscheidung vertagt.
Am 27. Oktober trafen sich Fraktionsvorstand und Fraktion erneut mit dem Fall.
Wieder keine endgültige Lösung.
Am 28. Oktober berichtete die Tagesschau, dass die Linke weiterhin kein Ergebnis gefunden habe.
Emde blieb Fraktionsmitglied.
Die Führung erklärte erneut, eine gemeinsame Grundlage existiere nicht.
Eine Führungserklärung ersetzt keinen Beschluss
Hier wird die Frage nach Eralps politischer Autorität konkret.
Ihre Fraktion hat eine gemeinsame Erklärung unterschrieben.
Eine Abgeordnete widerspricht öffentlich.
Die Fraktionsspitze erklärt die Zusammenarbeit für unmöglich.
Und trotzdem bleibt die personelle Konsequenz offen.
Ein Fraktionsausschluss erfordert bestimmte formale Voraussetzungen und Mehrheiten.
Aber gerade diese Mehrheiten gehören zur politischen Führungsaufgabe.
Welche Entscheidungen wurden beantragt?
Welche Beschlüsse verhindert?
Welche politischen Kräfte unterstützen Emde innerhalb der Fraktion weiterhin?
Und warum ist ein Konflikt, den Eralps Führung selbst für grundlegend erklärt hat, bis zum 29. Oktober nicht entschieden?
Wer Berlin führen möchte, muss zunächst zeigen, wie politische Führung im eigenen Verantwortungsbereich funktioniert.
Vom antikapitalistischen Aufruf ins Rote Rathaus: Ein politischer Kurswechsel?
An diesem Punkt laufen die Recherchestränge zusammen.
Eralp trat 2019 als Mitgründerin eines ausdrücklich antikapitalistischen migrantischen Netzwerks auf.
Sie unterzeichnete 2020 einen Aufruf, der die politische Mobilisierung migrantischer Bevölkerungsgruppen mit dem Sturz des Kapitalismus verband.
2022 forderte sie ein Wahlrecht unabhängig von der Staatsangehörigkeit.
2026 bekräftigte sie ihre grundsätzliche Ablehnung von Abschiebungen.
Sie führte bewusst türkischsprachigen Wahlkampf und suchte den Dialog mit muslimischen Organisationen.
Und jetzt, unmittelbar vor möglichen Koalitionsverhandlungen, präsentiert sie sich als entschlossene Garantin für den Kampf gegen Terror, Extremismus und organisierte Kriminalität.
Es ist diese politische Entwicklung, die Fragen aufwirft.
Nicht, weil Menschen ihre Überzeugungen niemals ändern könnten.
Sondern weil eine solche Änderung bei einer erfahrenen Politikerin erkennbar und erklärbar sein sollte.
Eralp ist 45 Jahre alt.
Ihre programmatischen Positionierungen sind keine unbekannten Jugendsünden.
Sie stammen aus einer Zeit, in der sie seit Jahren politisch aktiv war.
Wer heute behauptet, Eralp habe sich von zentralen früheren Vorstellungen verabschiedet, sollte konkrete Erklärungen und Entscheidungen dafür benennen können.
Ansonsten bleibt ein naheliegender investigativer Verdacht:
Hat sich Elif Eralps politische Überzeugung verändert – oder vor allem ihre öffentliche Sprache, seit das Amt der Regierenden Bürgermeisterin erreichbar geworden ist?
Sogar in der SPD wächst die Sorge
Die SPIEGEL-Enthüllung hat inzwischen auch frühere politische Verantwortungsträger alarmiert.
Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach am 29. Oktober gegenüber Phoenix über die Gefahr einer möglichen Erpressbarkeit.
Sein Argument: Wenn eine Politikerin aus Angst nicht frei benennen könne, gegen welche extremistischen Kreise sie vorgehen wolle, stehe ihre Unabhängigkeit in der Amtsführung infrage.
Müller stellte dies als mögliche Konsequenz dar.
Stefan Evers von der CDU ging weiter und forderte SPD und Grüne auf, die geplante Regierungsbildung mit der Linken zu überdenken.
SPD-Landeschef Steffen Krach wiederum hält an einer möglichen Koalition fest, verlangt aber eine starke Innenpolitik.
Die Konfliktlinie ist damit klar.
Es geht längst nicht mehr nur um eine missglückte Interviewautorisierung.
Es geht um die sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit einer möglichen Berliner Landesregierung.
Und um die Frage, ob Eralps öffentliche Bekenntnisse tatsächlich mit ihren langfristigen politischen Positionen und ihren konkreten Entscheidungen übereinstimmen.
Die Fragen, vor denen Elif Eralp nicht ausweichen sollte
Die Dokumente und öffentlichen Aussagen ermöglichen eine ungewöhnlich klare Rekonstruktion ihrer politischen Entwicklung.
Deshalb bleiben sieben zentrale Fragen:
Erstens: Warum wollte Eralp den Namen Ibrahim Ibrahim aus dem SPIEGEL-Interview entfernen, obwohl dessen Anwesenheit auf einer Linken-Wahlparty bereits öffentlich bekannt war?
Zweitens: Wie will sie organisierte Kriminalität bekämpfen, wenn sie Abschiebungen selbst bei verurteilten ausländischen Straftätern grundsätzlich ablehnt?
Drittens: Welche Forderungen des antikapitalistischen Links*Kanax-Aufrufs von 2020 unterstützt sie weiterhin?
Viertens: Welche politischen Veränderungen erwartet sie von der von ihr unterstützten Erweiterung des Wahlrechts für Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit?
Fünftens: Welche politischen Botschaften vermittelte ihr türkischsprachiger Wahlkampf, und welche Zusagen machte sie gegenüber migrantischen und muslimischen Organisationen?
Sechstens: Welche konkreten politischen Differenzen führten 2025 zu ihrem Austritt aus der Roten Hilfe?
Siebtens: Welche verbindlichen Konsequenzen hat sie in den Fällen Ibrahim Ibrahim, Ferat Koçak und Vanessa Emde innerhalb ihrer Partei veranlasst?
Diese Fragen entstehen aus dokumentierten Aussagen und politischen Vorgängen.
Sie verlangen keine Spekulation über Eralps Privatleben.
Sondern eine kritische Prüfung ihres öffentlichen Handelns.
Das Problem der Elif Eralp ist nicht ihre Vergangenheit. Es ist ihre Gegenwart.
Elif Eralp möchte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden.
Sie will künftig eine Landesregierung führen, eine Koalition zusammenhalten und die politischen Richtlinien der Hauptstadt bestimmen.
Dafür beansprucht sie Vertrauen.
Doch Vertrauen in politische Führung entsteht nicht durch Pressekonferenzen.
Es entsteht durch nachvollziehbare Entscheidungen.
Der Aufruf von 2020 liegt vor.
Ihre Aussagen gegen Abschiebungen sind dokumentiert.
Der türkischsprachige Wahlkampf ist bestätigt.
Die frühere Mitgliedschaft in der Roten Hilfe ist eingeräumt.
Die Konflikte um Emde und Koçak sind öffentlich.
Und die internen Anmerkungen zum SPIEGEL-Interview haben offengelegt, wie vorsichtig Eralp selbst im Umgang mit einem Hamas-Sympathisanten auftreten wollte.
Das ergibt keinen gerichtlichen Schuldspruch.
Es ergibt einen erheblichen politischen Erklärungsbedarf.
Vor allem aber ergibt sich daraus eine Frage, die Eralp nicht mit einem weiteren allgemeinen Bekenntnis gegen Extremismus beantworten kann.
Ist die Elif Eralp, die heute Berlin regieren möchte, politisch noch dieselbe Frau, die den Sturz des Kapitalismus unterschrieb und migrantische Gruppen für eine grundlegende Veränderung des politischen Systems mobilisieren wollte?
Die bisherigen Dokumente zeigen eine bemerkenswerte Kontinuität ihrer migrations- und gesellschaftspolitischen Forderungen.
Ein grundlegender Bruch mit ihren früheren Positionen ist daraus nicht ersichtlich.
Wer das Rote Rathaus übernehmen will, muss deshalb nicht nur erklären, was er heute sagt. Sondern auch, was aus den Überzeugungen geworden ist, die er gestern vertreten hat.
Gerade dann, wenn diese Überzeugungen plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des öffentlichen Wahlkampfs stehen.
Quellen und Dokumente
- SPIEGEL-Recherche zu Eralps internen Anmerkungen, nachberichtet von der Süddeutschen Zeitung, 29. Oktober 2026
- t-online-Interview mit Elif Eralp zu Abschiebungen und Straftätern, 15. September 2026
- Links*Kanax-Gründungsmanifest von 2019 auf Eralps Website
- Strategiepapier „Für eine antirassistische und migrantische Klassenpartei“, 10. Januar 2020
- Jung & Naiv, Folge 849, Interview vom 3. September 2026
- Berliner Verfassungsschutzbericht 2025, veröffentlicht am 2. Juni 2026
- Tagesspiegel zum Wahlforum in der Neuköllner Moschee, 29. August 2026
- rbb zur früheren Mitgliedschaft Eralps in der Roten Hilfe, 29. September 2026
- Tagesschau zum Konflikt um Vanessa Emde, 28. Oktober 2026
- Phoenix-Erklärung von Michael Müller, 29. Oktober 2026
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