Hartmann, Eralp und Erdoğan: Der Streit um Integration, den niemand führen will
Ein Satz von Waldemar Hartmann löst Rassismusvorwürfe aus. Doch Elif Eralps türkischsprachiger Wahlkampf, ihr Integrationsverständnis und ihre Forderung nach Wahlrecht ohne deutschen Pass führen zu einer größeren Frage: Wie definiert Berlin politische Zugehörigkeit? Der Vergleich mit Erdoğan 2008...
Ein Satz des früheren Sportmoderators Waldemar Hartmann löst Rassismusvorwürfe aus. Doch hinter der Empörung liegt eine weit grundsätzlichere Auseinandersetzung: Was bedeutet Integration, wenn eine Politikerin ihre türkische Identität zum Wahlkampfthema macht, den klassischen Integrationsbegriff ablehnt und das Wahlrecht von der Staatsangehörigkeit lösen will?
Ein Sportmoderator sagt einen Satz – und die Republik diskutiert über Rassismus
Waldemar Hartmann, 78 Jahre alt, früher Sportmoderator der ARD, hat einen Satz geschrieben, der ihn binnen Stunden zum Gegenstand politischer Empörung machte. Er habe ein Problem damit, erklärte er auf X, dass eine Regierende Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt Berlin Elif Eralp heiße.
Es war ein kurzer Satz in einem längeren Angriff auf die politischen Vorstellungen der Berliner Linken. Und es war ein Satz, der sich auf den Namen einer Politikerin bezog, nicht ausdrücklich auf ihr Programm.
CDU-Staatsministerin Serap Güler sprach von blankem Rassismus. Ihr Parteifreund Dennis Radtke schloss sich der Kritik an. Auch aus der Linken kam Widerspruch. Ricarda Lang, ehemalige Grünen-Vorsitzende, reagierte auf Englisch: „You’re not supposed to say the quiet part out loud.“
Man solle den unausgesprochenen Teil nicht laut aussprechen.
Das ist eine bemerkenswerte Reaktion. Denn Lang kommentiert damit nicht nur Hartmanns Worte. Sie legt nahe, den unausgesprochenen Gedanken dahinter zu kennen.
Hartmann weist eine rassistische Absicht entschieden zurück. Seine Kritik, erklärte er gegenüber Bild, habe sich gegen die Berliner Linke und ihre politischen Vorstellungen gerichtet.
Damit stehen zwei Interpretationen gegeneinander: Seine Kritiker sehen in der Namensbemerkung eine Ablehnung aufgrund der Herkunft. Hartmann selbst reklamiert politische Motive.
Es wäre nun ein Leichtes, die Auseinandersetzung auf diese beiden Positionen zu reduzieren. Aber dann bliebe die eigentlich interessante Frage unbeantwortet.
Was geschieht, wenn eine Politikerin ihre Herkunft selbst zu einem politischen Thema macht?
Die Herkunft als Wahlkampfargument
Elif Eralp wurde in München geboren. Ihre Eltern kamen aus der Türkei, sie selbst wuchs in Deutschland auf. Sie ist Juristin, parlamentarisch erfahren und Spitzenpolitikerin der Berliner Linken.
Ihre Herkunft ist für sie keine nebensächliche biografische Information. Sie spielt eine erkennbare Rolle in ihrer politischen Kommunikation.
Im Interview mit dem Format Jung & Naiv berichtete Eralp von türkischsprachigen Flugblättern, einem türkischsprachigen Wahlkampfvideo und Gesprächen mit Vereinen und Verbänden auf Türkisch. Bei Haustürgesprächen in Kreuzberg habe sie bereits im Wahlkampf 2021 fast die Hälfte ihrer Unterhaltungen in türkischer Sprache geführt.
Auf die Frage, ob ihre Identität in der Ansprache türkischstämmiger Wähler eine Rolle spiele, bestätigte sie die Bedeutung dieser Strategie ausdrücklich.
Das ist zunächst ein politisches Vorgehen, kein Skandal. In einer vielfältigen Großstadt versuchen Parteien, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in deren Sprachen zu erreichen.
Aber gerade weil Eralp diese Strategie selbst beschreibt, darf auch ihre politische Bedeutung untersucht werden.
Welche Wähler will sie erreichen? Welche Rolle spielt die Herkunft als Identifikationsangebot? Soll die gemeinsame Sprache eine Brücke zu einem einheitlichen politischen Gemeinwesen bilden – oder wird die Zugehörigkeit zu bestimmten Herkunftsgruppen dauerhaft als eigenständige politische Kategorie verstanden?
Das sind keine Fragen nach der ethnischen Eignung einer Bürgermeisterin. Es sind Fragen nach ihrem Verständnis von Politik.
„Integration? Nein danke!“
Noch deutlicher wird der Konflikt bei Eralps eigenem Integrationsbegriff.
Im Interview mit Thilo Jung erinnerte sie an eine frühere Kampagne mit dem Titel „Integration? Nein danke!“ und erklärte: „Ich halte nichts von diesem Integrationsansatz.“
Sie wendet sich gegen die Vorstellung, Menschen, die nach Deutschland kommen, müssten sich einseitig anpassen oder assimilieren. Zugleich verlangt sie bessere Deutschkurse und eine stärkere Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen.
Das ist ein politisches Programm mit einer erkennbaren Schwerpunktsetzung: Nicht allein Zugewanderte sollen sich verändern, sondern auch die aufnehmende Gesellschaft und ihre Institutionen.
Hier liegt die eigentliche Kontroverse.
Denn Integration ist mehr als das Nebeneinander verschiedener Sprachen und kultureller Traditionen. Sie betrifft auch die gemeinsame Verständigungsgrundlage, die Anerkennung demokratischer Institutionen, gleiche Rechte und Pflichten sowie die Frage, was eine politische Gemeinschaft zusammenhält.
Wer Anpassung ablehnt, muss deshalb genauer erklären, welche gemeinsamen Erwartungen dennoch gelten sollen.
Eralp lehnt allerdings nicht Integration in jeder denkbaren Bedeutung ab. Sie widerspricht einem bestimmten, von ihr als einseitig verstandenen Modell. Genau diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man ihre Position einer ernsthaften Kritik unterziehen will.
Die Frage bleibt: Wie viel gemeinsame staatsbürgerliche Identität verlangt ihr Modell überhaupt?
Wählen ohne deutschen Pass
Die Antwort führt zum nächsten und politisch folgenreichsten Punkt.
Eralp fordert seit Jahren, das Wahlrecht von der deutschen Staatsangehörigkeit zu lösen.
In einer Rede im Berliner Abgeordnetenhaus vom 19. Mai 2022 erklärte sie, Menschen, die hier lebten und von staatlichen Entscheidungen betroffen seien, müssten an deren Zustandekommen mitwirken dürfen. Dabei verwies sie auf ihren Vater, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebe, aber keinen deutschen Pass besitze.
Damit wird die staatsbürgerliche Zugehörigkeit selbst zum Gegenstand einer politischen Neuordnung.
Bislang knüpft das Wahlrecht zum Berliner Abgeordnetenhaus an die deutsche Staatsangehörigkeit an. Eralp möchte diese Voraussetzung aufheben beziehungsweise das Wahlrecht für längerfristig hier lebende Menschen ohne deutschen Pass öffnen.
Die Befürworter sehen darin demokratische Teilhabe. Wer dauerhaft einer staatlichen Ordnung unterliegt, soll über diese mitbestimmen können.
Die Gegenposition hält dagegen: Staatsangehörigkeit ist nicht irgendeine Formalität, sondern das rechtlich geregelte Band zwischen dem Bürger und dem politischen Gemeinwesen. Sie begründet politische Rechte, die über den bloßen Aufenthalt hinausgehen.
Das ist ein fundamentaler demokratischer Konflikt. Er lässt sich nicht mit dem Hinweis erledigen, dass Berlin eine Einwanderungsstadt sei.
Was würde das für Berlin bedeuten?
Bei der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 erhielt die Linke 468.391 von 1.825.672 gültigen Zweitstimmen. Das entspricht 25,7 Prozent.
Nehmen wir als rein mathematisches Beispiel an, ein erweitertes Ausländerwahlrecht würde bei unveränderter bisheriger Stimmenzahl weitere 487.000 gültige Stimmen hervorbringen.
Dann läge die Gesamtzahl bei 2.312.672 Stimmen.
Würden 60 Prozent der zusätzlichen Wähler die Linke wählen, ergäben sich 292.200 zusätzliche Linke-Stimmen. Ihr Gesamtanteil stiege rechnerisch auf 32,9 Prozent.
Das ist keine Wahlprognose. Weder ist nachgewiesen, dass bisherige Wähler mit Migrationshintergrund zu 60 Prozent die Linke unterstützen, noch dass neu Wahlberechtigte genauso wählen würden. Die Zahl demonstriert ausschließlich, wie sich die Erweiterung des Wahlrechts bei einer bestimmten angenommenen Stimmenverteilung auswirken würde.
Aber sie macht deutlich, warum die Erweiterung des Wahlrechts nicht nur eine gesellschaftspolitische, sondern auch eine machtpolitisch relevante Frage ist.
Eine Politikerin, die ein solches Wahlrecht fordert, muss sich Fragen nach dessen Auswirkungen gefallen lassen. Daraus folgt allerdings nicht, dass ihre Forderung allein auf einen erwarteten Parteivorteil zurückzuführen wäre.
Köln 2008: Als Erdoğan die Assimilation zum Verbrechen erklärte
Und damit führt die Debatte von Berlin nach Köln. Achtzehn Jahre zurück.
Am 10. Februar 2008 trat der damalige türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan vor Tausenden überwiegend türkischstämmigen Zuhörern in der Kölnarena auf. Es war ein Auftritt, der die deutsche Integrationsdebatte über Jahre prägen sollte.
Erdoğan erklärte: „Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“
Er rief die in Deutschland lebenden Türken dazu auf, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Zugleich forderte er ausdrücklich, Deutsch zu lernen und sich am gesellschaftlichen Leben in Deutschland zu beteiligen.
Seine Botschaft war eine doppelte: dazugehören, ohne die eigene kulturelle Identität aufzugeben.
Achtzehn Jahre später spricht Elif Eralp aus einer völlig anderen politischen Tradition heraus. Die Linken-Politikerin steht nicht für Erdoğans türkischen Nationalkonservatismus. Sie argumentiert aus einer antirassistischen, sozialistischen und migrationspolitischen Perspektive.
Und doch begegnen sich beide in einem zentralen Punkt: Sie weisen Assimilation als Forderung an Zugewanderte zurück.
Das ist die interessante Parallele. Nicht eine politische Allianz, für die es keine Belege gibt, sondern eine Übereinstimmung in einem integrationspolitischen Grundsatz.
Der türkische Nationalkonservative und die Berliner Sozialistin gelangen aus unterschiedlichen Richtungen zu einem ähnlichen Nein.
Ein solcher Vergleich ist zulässig. Allerdings darf er die Unterschiede nicht verschweigen: Erdoğan betonte zugleich die deutsche Sprache und gesellschaftliche Teilhabe. Eralp fordert ebenfalls Sprachförderung. Die Ablehnung von Assimilation allein beweist bei keinem der beiden eine Ablehnung gesellschaftlicher Integration.
Was sich vergleichen lässt, ist die Frage, welche kulturelle Anpassung sie für zumutbar halten und was sie unter gemeinsamer politischer Zugehörigkeit verstehen.
Eine Gesellschaft braucht mehr als nebeneinander bestehende Identitäten
Vielleicht liegt gerade hier die politische Herausforderung der kommenden Jahre.
Eine offene Gesellschaft kann unterschiedliche Sprachen, Herkunftsgeschichten, Religionen und Traditionen aufnehmen. Sie muss dabei nicht verlangen, dass Menschen ihre Familiengeschichte vergessen oder ihre Muttersprache aufgeben.
Aber sie braucht eine gemeinsame politische Grundlage.
Sie muss beantworten, was Zugehörigkeit bedeutet. Ob die Staatsangehörigkeit der entscheidende Zugang zum demokratischen Wahlrecht bleibt. Welche Verpflichtungen von Menschen erwartet werden, die dauerhaft in ihr leben. Und wie ein politisches Gemeinwesen verhindert, dass gemeinsame Institutionen hinter dauerhaft getrennten Identitätsgruppen verschwinden.
Eralps Wahlkampf und ihre politischen Forderungen berühren alle diese Fragen.
Ihr türkischsprachiger Wahlkampf beweist nicht, dass sie persönlich unintegriert wäre. Wohl aber zeigt er, dass sie Herkunft und Sprache bewusst politisch einsetzt. Ihre Ablehnung eines bestimmten Integrationsbegriffs und ihre Forderung nach einem Wahlrecht unabhängig von der Staatsangehörigkeit zeigen darüber hinaus, dass sie die bisherigen Vorstellungen demokratischer Zugehörigkeit verändern will.
Das kann man unterstützen. Man kann es ebenso entschieden ablehnen.
Was man nicht sollte, ist diese grundlegende Diskussion durch bloße Zuschreibungen über die Motive der Beteiligten ersetzen.
Zurück zu Waldemar Hartmann
Damit sind wir wieder beim ehemaligen Sportmoderator und seinem Satz über Elif Eralp.
Hartmann hat sich missverständlich ausgedrückt. Wer sagt, eine Politikerin solle wegen ihres Namens nicht an der Spitze einer deutschen Hauptstadt stehen, muss mit dem Vorwurf rechnen, Menschen aufgrund ihrer Herkunft auszuschließen.
Ob Hartmann das tatsächlich beabsichtigte, ist eine andere Frage.
Er selbst bestreitet es. Seine Kritiker dürfen seine Wortwahl problematisch finden. Aber sie können aus einer Interpretation nicht ohne Weiteres eine gesicherte Kenntnis seiner persönlichen Überzeugungen machen.
Ricarda Langs englischer Kommentar bietet dafür ein anschauliches Beispiel. Er behauptet rhetorisch, dass Hartmann etwas Verborgenes versehentlich offenbart habe. Er erklärt aber nicht, weshalb seine eigene Darstellung der politischen Beweggründe von vornherein ausgeschlossen sein sollte.
Und damit landet die Debatte genau dort, wo sie beginnen müsste.
Bei Elif Eralps politischen Forderungen. Bei ihrem Verständnis von Integration. Bei der Rolle von Herkunft im Wahlkampf. Bei der Frage, ob dauerhaft in Deutschland lebende Ausländer auch ohne deutsche Staatsangehörigkeit an Landeswahlen teilnehmen sollen.
Und schließlich bei der überraschenden historischen Parallele zwischen der linken Berliner Politikerin und dem türkischen Präsidenten: Beide widersprechen der Forderung nach Assimilation, obwohl sie unterschiedliche politische Vorstellungen vertreten.
Der eigentliche Streit ist deshalb größer als Hartmanns Satz. Er betrifft die Frage, wie viel gemeinsame Identität eine Demokratie braucht – und wer darüber mitentscheiden darf.
Darüber sollte Berlin sprechen. Nicht nur über einen Namen.
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