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Kolumnen

Frau Professor, Corona hat keine Schaufenster eingeschlagen

ARD-Expertin Nina Kolleck erklärt die Gewaltexzesse nach den Gen-Z-Protesten mit Corona und Ungleichheit. Doch die Frankfurter Polizei beschreibt junge Männer aus bekannten Gruppen ohne erkennbares politisches Motiv. Cilla Zieliński fragt, weshalb die konkreten Täter hinter Erklärungen verschwinden.

Frau Professor, Corona hat keine Schaufenster eingeschlagen
Corona, Ungleichheit, Zukunftsangst: Nina Kollecks Thesen zu den Gen-Z-Krawallen im Faktencheck. Was die Polizei über Täter und Motive berichtet. Symbolbild KI generiert

ARD-Expertin Nina Kolleck erklärt die Gewalt bei den Gen-Z-Protesten mit Pandemie, Ungleichheit und Zukunftsängsten. Ihre Biografie zeigt Verbindungen zur SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und eine Beratung der Grünen-Parteispitze. Doch die Polizei beschreibt in Frankfurt Gewalttäter ohne erkennbare politische Motive. Wie passt das zusammen?

Es ist eine bemerkenswerte Fähigkeit des deutschen Wissenschafts- und Medienbetriebs, angesichts eingeschlagener Schaufenster zunächst die gesellschaftlichen Verletzungen zu untersuchen, unter denen möglicherweise die Täter leiden. Die Politikwissenschaftlerin Nina Kolleck hat dafür nun eine Erklärung angeboten, die vertraut klingt: Corona, soziale Ungleichheit, steigende Mieten und fehlende Zukunftsperspektiven.

Die Professorin der Universität Potsdam sprach am Sonntag bei tagesschau24 über die Ausschreitungen nach den Demonstrationen der Initiative „Gen Z regelt“. Die Pandemie habe zur Entstehung radikalisierter Gruppen beigetragen, argumentierte sie. Auch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich bereite den Boden dafür, dass junge Menschen gegen das System arbeiteten.

Das klingt nach Gesellschaftsanalyse. Aber erklärt es auch nur ein einziges eingeschlagenes Schaufenster?

Eine Generation wird ungefragt vereinnahmt

Zunächst sollte mit einer sprachlichen Unredlichkeit aufgeräumt werden: Es gibt keine politisch einheitlich handelnde Generation Z. Es gibt junge Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Lebensverhältnisse, politischer Einstellungen und persönlicher Ziele.

Einige demonstrieren. Andere gehen zur Arbeit, absolvieren eine Ausbildung, gründen Unternehmen, kümmern sich um Angehörige oder halten sich aus politischer Agitation heraus.

Die Initiative „Gen Z regelt“ darf für ihre Anhänger sprechen. Sie darf aber nicht beanspruchen, Millionen junger Menschen zu repräsentieren, die ihr niemals ein Mandat erteilt haben.

Das war schon bei der sogenannten 68er-Generation ein Problem. Eine politisch besonders sichtbare Minderheit wurde nachträglich zum Symbol eines ganzen Jahrgangs erklärt. Die tatsächliche Vielfalt dieser Generation verschwand hinter einer bequemen historischen Etikette.

Heute droht sich derselbe Fehler zu wiederholen.

Die Polizei beschreibt eine andere Wirklichkeit

In Frankfurt am Main wurden nach den Protesten fünf Geschäfte geplündert, zahlreiche weitere beschädigt und 54 Personen festgenommen. Die Polizei meldete 100 verletzte Beamte, 87 Strafanzeigen und 1.225 Platzverweise.

Entscheidender als jede akademische Fernanalyse ist zunächst, was die Polizei selbst über die beteiligten Gruppen berichtet.

Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller beschrieb die nächtlichen Randalierer vor allem als junge Männer mit Migrationshintergrund, die sich teilweise regelmäßig an Wochenenden in der Innenstadt treffen und der Polizei bereits bekannt waren. Ein politisches Motiv sei bei ihnen nicht erkennbar gewesen.

Hessens Innenminister Roman Poseck sprach von einer überwiegend migrantisch geprägten Tätergruppe. Die zunächst festgenommenen Personen waren zwischen 13 und 29 Jahre alt und besaßen überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit.

Das ist ein bemerkenswerter Befund.

Wenn die Polizei bei bestimmten Gewalttätern überhaupt keine politische Motivation erkennt, warum sollen dann ausgerechnet deren angebliche Sorgen über das Bildungssystem, die Pandemie oder gesellschaftliche Ungleichheit im Mittelpunkt der Erklärung stehen?

Welche empirischen Belege verbinden die konkreten Täter mit diesen Motiven?

Und warum werden die Erkenntnisse über die tatsächliche Zusammensetzung der gewalttätigen Gruppen nicht zum Ausgangspunkt der Analyse?

Wer ist Nina Kolleck? Ihre Verbindungen zur SPD und zu den Grünen

Wer ist eigentlich die Wissenschaftlerin, deren Erklärungen die ARD ihrem Publikum präsentiert?

Nina Kolleck, Jahrgang 1981, ist Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Zuvor lehrte sie unter anderem Politische Bildung an der Universität Leipzig. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte umfassen Bildungsgerechtigkeit, soziale Ungleichheit, politische Bildung und gesellschaftliche Radikalisierungsprozesse.

Das allein erklärt noch keine politische Positionierung.

Aufschlussreicher ist ihr offizieller Lebenslauf, den die Universität Potsdam veröffentlicht hat. Dort finden sich mehrere bemerkenswerte institutionelle Verbindungen.

Kolleck erhielt ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung und darüber hinaus verschiedene Reisestipendien dieser Stiftung. Die Friedrich-Ebert-Stiftung steht der SPD nahe und versteht sich als Einrichtung der politischen Bildung im sozialdemokratischen Umfeld.

Die Zusammenarbeit blieb nicht auf die wissenschaftliche Förderung beschränkt. Im Jahr 2020 veröffentlichte Kolleck bei der Stiftung eine Studie mit dem Titel „Was uns zusammenhält: Wie erreichen wir mehr Teilhabechancen in unseren Schulen?“.

Damit ist eine über mehrere Jahre dokumentierte Verbindung zum institutionellen Umfeld der Sozialdemokratie gegeben.

Noch unmittelbarer ist ein weiterer Eintrag in ihrer Universitätsbiografie.

Dort führt Kolleck ausdrücklich eine Beratung der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen zum Stand der Bildungspolitik und die Diskussion möglicher politischer Reformideen auf.

Eine Politikwissenschaftlerin, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesellschaftliche Konflikte analysiert, hat demnach auch die Führung einer politischen Partei beraten.

Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch anstößig. Wissenschaftler beraten Regierungen, Ministerien und Parteien. Gerade ihre Expertise ist häufig der Grund, weshalb sie dafür angefragt werden.

Aber es ist eine Information, die für die Einordnung ihrer öffentlichen Rolle durchaus Bedeutung besitzt.

Wann genau fand diese Beratung statt? Welche Empfehlungen gab Kolleck den Grünen? Ging es ausschließlich um Bildungspolitik? Und in welcher Form erfolgte die Zusammenarbeit?

Der veröffentlichte Lebenslauf beantwortet diese Fragen nicht.

Eine persönliche Mitgliedschaft Kollecks bei SPD oder Grünen ist damit nicht nachgewiesen. Ebenso wenig lässt sich aus einem Stipendium oder einer Beratungstätigkeit ableiten, dass sie im Fernsehen parteipolitische Interessen vertritt.

Doch das Publikum sollte wissen können, wenn eine als unabhängige Expertin vorgestellte Wissenschaftlerin neben ihrer universitären Tätigkeit auch in parteipolitischen Beratungszusammenhängen gearbeitet hat.

Eine Wissenschaftlerin im politischen Beratungsbetrieb

Die institutionelle Einbindung geht noch weiter.

Seit Mai 2026 gehört Nina Kolleck dem Bundesjugendkuratorium an, einem 15-köpfigen Sachverständigengremium, das die Bundesregierung in Fragen der Kinder- und Jugendpolitik berät. Die Berufung erfolgte im Namen der CDU-Bundesministerin Karin Prien.

Außerdem ist sie Mitglied des Kuratoriums der Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg und beteiligt sich an einer Initiative zur Verbesserung staatlicher Handlungsfähigkeit, die unter anderem mit Peer Steinbrück, Thomas de Maizière und Andreas Voßkuhle verbunden ist.

Das Bild ist damit differenzierter als eine einfache parteipolitische Zuordnung.

Kolleck verfügt über Verbindungen zu sozialdemokratischen und grünen Institutionen, arbeitet aber auch in parteiübergreifenden und staatlichen Beratungsgremien.

Gerade deshalb ist ihre fachliche Interpretation der Jugendgewalt interessant.

Denn ihre Erklärung folgt einem bestimmten wissenschaftlichen Zugang: Sie sucht Ursachen politischer Radikalisierung insbesondere in gesellschaftlichen Strukturen, Bildungschancen und sozialen Ungleichheiten.

Dieser Zugang ist legitim. Er ist aber nicht die einzige Möglichkeit, Gewalt zu untersuchen.

Eine andere Perspektive würde zunächst nach den konkreten Tätern, ihren bisherigen Verhaltensmustern, ihrem familiären und sozialen Umfeld, den Gruppennormen und den unmittelbaren Motiven ihrer Handlungen fragen.

Warum steht diese Perspektive bei der Erklärung der Frankfurter Ereignisse nicht stärker im Vordergrund?

Herkunft ist keine Antwort – aber eine Forschungsfrage

Die Frankfurter Polizeierkenntnisse werfen außerdem eine Frage auf, die sich nicht dadurch erledigt, dass man sie unangenehm findet: Welche Rolle spielen Migrationsgeschichte, soziale Milieus, Gruppennormen und möglicherweise unterschiedliche Vorstellungen von Autorität und Gewalt?

Herkunft allein erklärt kein kriminelles Verhalten. Menschen mit Migrationsgeschichte bilden keine homogene Gruppe. Doch die Herkunfts- und Sozialstruktur konkret identifizierter Täter gehört zu einer vollständigen Untersuchung, wenn die Polizei dort auffällige Muster feststellt.

Die deutsche Polizeiliche Kriminalstatistik unterscheidet grundsätzlich zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen, erfasst aber nicht durchgehend deren Migrationsgeschichte. Ein eingebürgerter Täter wird als deutscher Staatsangehöriger geführt. Dasselbe gilt für einen deutschen Staatsbürger, dessen Eltern eingewandert sind.

Gerade deshalb darf man die Staatsangehörigkeit nicht einfach mit fehlender Migrationsgeschichte gleichsetzen.

Die statistische Unterscheidung verschwindet mit der Einbürgerung, die individuelle Biografie aber nicht. Was dies für die Untersuchung bestimmter Kriminalitätsphänomene bedeutet, ist eine empirische Frage.

Wer Gewaltursachen erforschen will, muss auch untersuchen dürfen, ob bestimmte Milieus, Gruppenkonstellationen oder biografische Faktoren bei den identifizierten Tätern überrepräsentiert sind. Die Ergebnisse müssen anschließend mit geeigneten Vergleichsgruppen überprüft werden.

Die vorläufigen Frankfurter Erkenntnisse rechtfertigen keine Aussage über sämtliche Menschen mit Migrationsgeschichte und ebenso wenig über alle Gewalttäter in Europa. Sie rechtfertigen aber eine präzise Untersuchung der tatsächlich beteiligten Gruppen.

Alles andere wäre keine ergebnisoffene Forschung.

Die Verantwortung verschwindet hinter der Erklärung

Kolleck verweist auf ein marodes Bildungssystem und junge Menschen, die eine bessere Zukunft wollten. Diese Sorgen sind real. Nur erklären sie noch nicht, weshalb einzelne Menschen andere Menschen angreifen, Geschäfte plündern oder fremdes Eigentum zerstören.

Millionen Jugendliche haben die Pandemie erlebt. Millionen kennen steigende Preise und Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt. Sie schlagen trotzdem keine Schaufenster ein.

Gerade dieser Unterschied müsste wissenschaftlich interessieren.

Warum reagiert die überwältigende Mehrheit nicht mit Gewalt? Was unterscheidet friedliche Demonstranten von organisierten Störern? Und warum werden gewalttätige Gruppen in der öffentlichen Darstellung immer wieder unter dem Namen einer ganzen Generation mitgeführt?

Fairerweise gehört zur Bilanz, dass Kolleck selbst Gewalt verurteilt. Im ZDF forderte sie ausdrücklich null Toleranz gegenüber gewalttätigen Gruppen, mehr Transparenz der Protestorganisation und eine klare Distanzierung der Veranstalter.

Ihr kann deshalb nicht unterstellt werden, Plünderungen zu billigen.

Kritikwürdig bleibt dennoch die Gewichtung ihrer Erklärungen. Gesellschaftliche Belastungen können Bedingungen einer Radikalisierung sein. Sie ersetzen weder die Untersuchung der konkreten Täter noch die Frage nach deren individueller Verantwortung.

Vielleicht sollte man zuerst die Täter untersuchen

Deutschland braucht keine weitere Debatte darüber, ob die Generation Z enttäuscht, benachteiligt oder unverstanden ist, wenn es konkret um die Aufklärung schwerer Gewalttaten geht.

Es braucht Ermittlungen, belastbare Täteranalysen, Informationen über bestehende Gruppenstrukturen und einen ehrlichen Vergleich zwischen friedlichen Protestierenden und gewalttätigen Akteuren.

Vielleicht gehören soziale Ungleichheit und Pandemieerfahrungen zu einer solchen Erklärung. Vielleicht spielen lokale Gewaltnetzwerke, ideologische Radikalisierung, Gruppendruck oder ganz andere Motive die größere Rolle.

Das sollte eine Untersuchung ergeben – nicht ihre Ausgangsannahme sein.

Nina Kolleck hat das Recht, gesellschaftliche Zusammenhänge zu untersuchen und Hypothesen zu formulieren. Gerade als Wissenschaftlerin muss sie sich aber auch fragen lassen, welche dieser Hypothesen durch die konkreten Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden gestützt werden.

Ihre dokumentierten Kontakte zur Politik machen sie nicht weniger wissenschaftlich. Sie unterstreichen jedoch, wie wichtig Transparenz und die klare Trennung zwischen empirischen Befunden, politischen Empfehlungen und persönlichen Interpretationen sind.

Denn eines steht bereits fest: Die Gewalt wurde nicht von einer abstrakten Generation ausgeübt.

Sie wurde von bestimmten Menschen begangen.

Und Corona hat kein einziges Schaufenster eingeschlagen.

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Geschrieben von

Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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