Aus Tradition Bürgerlich Liberal - Unabhängig im Urteil. Klar für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat

Briefing

Im Sog der Sekten – warum der SWR den Islam ausspart

Der SWR warnt vor Sekten, Scientology und religiöser Manipulation junger Menschen. Doch orthodoxer Islam, politischer Islamismus und Salafismus fehlen. Dabei dokumentiert der Verfassungsschutz seit Jahren, wie salafistische Influencer Jugendliche ansprechen. Warum diese auffällige Leerstelle? im SWR

Im Sog der Sekten – warum der SWR den Islam ausspart
SWR über Sekten: Warum orthodoxer Islam, politischer Islamismus und Salafismus fehlen – trotz Warnungen vor digitaler Rekrutierung Jugendlicher.? Illustration: Dawid Jan / Wiczorov Vossische.

Scientology, christliche Sekten und buddhistische Gemeinschaften stehen im Visier des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Doch ausgerechnet der orthodoxe Islam, der politische Islamismus und die salafistische Missionierung fehlen. Dabei warnen deutsche Sicherheitsbehörden seit Jahren vor der gezielten Anwerbung junger Menschen. Ein journalistischer blinder Fleck, der Fragen aufwirft.

Am 27. Oktober 2026 veröffentlicht die ARD-Tagesschau eine Recherche des Südwestrundfunks. Ihr Titel: „Im Sog der Sekten“. Es geht um verunsicherte Jugendliche, psychologische Manipulation, religiöse Abhängigkeit und die systematische Anwerbung junger Menschen über soziale Medien.

Die Autoren Marah Göttsch und Philipp Reichert berichten über die südkoreanische Religionsgemeinschaft Shincheonji, über Scientology und über die zunehmende Verletzlichkeit junger Menschen in Krisenzeiten.

Was in dieser Recherche bemerkenswerterweise nicht vorkommt: der orthodoxe Islam, der politische Islamismus und der Salafismus.

Drei Bereiche, deren religiöse und gesellschaftspolitische Vorstellungen sich teilweise erheblich überschneiden. Und deren mögliche Auswirkungen auf junge Menschen eine Untersuchung mindestens ebenso rechtfertigen wie die Methoden von Scientology.

Der SWR widmet ihnen keinen vergleichbaren Abschnitt. Nicht einmal als Gegenstand einer weiterführenden Fragestellung.

tagesschau.de

Der Verfassungsschutz kennt das Problem längst

Dabei müsste niemand im öffentlich-rechtlichen Rundfunk lange nach einschlägigen Erkenntnissen suchen.

Der Verfassungsschutzbericht 2024 beschreibt ausdrücklich, wie salafistische Influencer versuchen, Kinder und Jugendliche über soziale Medien zu erreichen. Dazu gehören jugendgerechte Videos, Alltagsthemen, persönliche Einblicke und eine Sprache, die sich der Popkultur bedient.

Die Sicherheitsbehörden beschreiben außerdem, wie Influencer eine persönliche Bindung zu ihrem Publikum aufbauen. Die religiöse Botschaft wird nicht unbedingt als politische Ideologie präsentiert. Sie erscheint zunächst als Lebenshilfe, Orientierung oder Zugehörigkeitsangebot.

Genau jene Mechanismen also, die der SWR bei anderen religiösen Gemeinschaften untersucht.

Der Verfassungsschutz spricht in seiner Veröffentlichung „Islamismus in Deutschland“ sogar von einem „Generation Z-Salafismus“, der insbesondere auf Kurzvideos, Memes und jugendkulturelle Ausdrucksformen setzt.

verfassungsschutz.de+1

Warum bleibt dieser Bereich in einer Recherche über die religiöse Vereinnahmung junger Menschen unerwähnt?

Orthodoxer Islam: Religion, Recht und Gesellschaft

Noch grundlegender ist die Frage nach dem orthodoxen Islam.

In der klassischen islamischen Rechts- und Glaubenstradition beschränkt sich Religion keineswegs auf Gebete, Fasten und persönliche Frömmigkeit. Die islamische Rechtswissenschaft befasst sich auch mit Ehe, Scheidung, Erbschaft, wirtschaftlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Pflichten. Klassische Rechtslehren enthalten darüber hinaus Vorstellungen über Strafrecht und politische Herrschaft.

Der Anspruch, religiöse Normen könnten auch das gesellschaftliche Zusammenleben verbindlich ordnen, ist folglich keine Erfindung moderner Islamisten.

Er besitzt historische Wurzeln in der islamischen Rechtstradition.

Und genau hier liegt eine wesentliche Überschneidung zwischen orthodoxen Islaminterpretationen und politischem Islamismus.

Der Unterschied besteht insbesondere darin, welchen Geltungsanspruch die jeweiligen Akteure heute erheben und ob sie eine entsprechende Rechts- und Staatsordnung politisch durchsetzen wollen.

Nicht jede orthodoxe Glaubensgemeinschaft verfolgt ein islamistisches Staatsprojekt. Doch die inhaltlichen Berührungspunkte sind real. Wer sie grundsätzlich ignoriert, wird die gesellschaftliche Dimension religiöser Orthodoxie kaum verstehen.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die enge Beziehung zwischen religiösen Ordnungsvorstellungen und islamistischen Staatskonzepten. Sie unterscheidet zugleich zwischen orthodoxen Glaubensauffassungen ohne politische Aktivitäten und ausdrücklich islamistischen Bewegungen.

bpb.de+1

Was geschieht mit Jugendlichen, die nicht gehorchen wollen?

Für eine Recherche über religiöse Abhängigkeiten wäre eine andere Frage entscheidend gewesen:

Was geschieht innerhalb streng religiöser Gemeinschaften mit jungen Menschen, die sich den vorgegebenen Normen widersetzen?

Mit einem Mädchen, das kein Kopftuch tragen will? Mit einer jungen Frau, die ihren Partner selbst bestimmen möchte? Mit einem homosexuellen Jugendlichen? Mit einem jungen Muslim, der zum Christentum konvertieren oder überhaupt keiner Religion mehr angehören möchte?

Wird eine solche Entscheidung respektiert? Drohen familiärer Druck, soziale Ausgrenzung oder der Verlust der bisherigen Gemeinschaft?

Diese Fragen sind nicht schon deshalb beantwortet, weil eine Gemeinschaft orthodox ist. Aber sie müssen gestellt werden, wenn der Gegenstand der Untersuchung religiöse Kontrolle, Abhängigkeit und persönliche Selbstbestimmung heißt.

Denn religiöser Zwang beginnt nicht erst dort, wo ein Staat seine Bürger verfolgt. Er kann bereits innerhalb von Familien, Gemeinschaften und informellen Autoritätsstrukturen entstehen.

Und er ist nicht deshalb weniger untersuchungswürdig, weil die Betroffenen einer großen Weltreligion angehören.

Salafismus: Die digitale Missionierung

Beim Salafismus geht es über mögliche familiäre und innergemeinschaftliche Abhängigkeiten hinaus um eine öffentlich dokumentierte missionarische Szene.

Die Bundeszentrale für politische Bildung unterscheidet zwischen puristischen, politischen und dschihadistischen Strömungen. Sie unterscheiden sich in ihren Mitteln und in ihrem Verhältnis zu politischem Aktivismus und Gewalt.

Der gemeinsame Bezug auf eine vermeintlich ursprüngliche islamische Lebensordnung schafft jedoch ideologische Berührungspunkte.

Besonders wichtig für die Medienrecherche ist die digitale Ansprache.

Wer junge Menschen zunächst über Glaubensfragen, Selbstzweifel, Identität oder persönliche Krisen erreicht und anschließend immer engere religiöse Verhaltensnormen vermittelt, bewegt sich in einem Untersuchungsfeld, das demjenigen des SWR-Beitrags deutlich ähnelt.

Nicht jede religiöse Unterweisung ist Manipulation. Entscheidend sind verdeckte Absichten, Ausnutzung emotionaler Verletzlichkeit, sozialer Druck und die Einschränkung persönlicher Freiheit.

Genau diese Kriterien müssten konsequent auf alle untersuchten Gemeinschaften angewendet werden.

bpb.de+1

Politischer Islam: Wenn religiöse Normen staatliches Recht werden sollen

Noch eine Ebene weiter reicht der politische Islamismus.

Hier wird aus einer religiösen Überzeugung ein politischer Herrschaftsanspruch. Die Gesellschaft soll nach einer bestimmten Auslegung islamischer Normen organisiert werden. Die Scharia soll in unterschiedlichem Umfang zur Grundlage staatlicher Gesetzgebung werden.

Das berührt grundlegende Fragen demokratischer Ordnung: Volkssouveränität, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung, die Freiheit des Glaubenswechsels und die Trennung religiöser Autorität von staatlicher Macht.

Nicht jeder Versuch muslimischer Akteure, politisch Einfluss zu nehmen, ist islamistisch. Religionsgemeinschaften dürfen sich selbstverständlich an demokratischen Debatten beteiligen.

Aber wo religiöse Vorschriften unabhängig vom Willen der Betroffenen verbindliches staatliches Recht werden sollen, stellt sich eine andere Frage: Welche Freiheiten bleiben dem Einzelnen gegenüber diesem religiös begründeten Anspruch?

Auch darüber müsste berichtet werden, wenn es um die Gefahren autoritärer religiöser Einflussnahme geht.

bpb.de+1

Der SWR fordert ein umfassendes Problembewusstsein – und liefert einen Ausschnitt

Die Ironie liegt ausgerechnet im politischen Schluss des SWR-Beitrags.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Misbah Khan fordert dort ein gesellschaftliches Lagebild zu Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen. Mehr staatliche Prävention, mehr Beratungsangebote und mehr Aufklärung.

Doch ein Lagebild, das vor allem einzelne christliche und andere religiöse Sondergemeinschaften betrachtet, während es salafistische Rekrutierung und autoritäre Strukturen in islamischen Milieus nicht einbezieht, bliebe unvollständig.

Das ist keine Forderung, den gesamten orthodoxen Islam als Sekte zu behandeln. Eine solche Gleichsetzung wäre weder wissenschaftlich tragfähig noch journalistisch sinnvoll.

Es ist die Forderung, dieselben Prüfmaßstäbe anzulegen.

Wer Scientology auf psychologische Bindungsstrategien untersucht, sollte vergleichbare Methoden salafistischer Netzwerke nicht ignorieren.

Wer bei Shincheonji nach autoritären Wahrheitsansprüchen fragt, muss auch religiöse Absolutheitsansprüche in anderen Gemeinschaften kritisch untersuchen dürfen.

Und wer Jugendliche vor religiöser Manipulation schützen will, darf nicht bei denjenigen Organisationen stehen bleiben, deren Untersuchung politisch weniger Konflikte auslöst.

Die Frage, die der SWR beantworten sollte

Der SWR hat über reale Risiken berichtet. Daran besteht kein Zweifel. Seine Recherche zu Shincheonji und Scientology wird nicht dadurch wertlos, dass andere Gruppen fehlen.

Aber die Auswahl bleibt erklärungsbedürftig.

Warum wurden die dokumentierten salafistischen Rekrutierungsstrategien nicht berücksichtigt? Warum fehlen orthodox-islamische Gemeinschaften als mögliches Untersuchungsfeld? Und warum wird der politische Islamismus nicht wenigstens als benachbartes Phänomen erwähnt?

Ob diese Auswahl redaktionelle, methodische oder andere Gründe hatte, ist bislang nicht geklärt. Eine politische Absicht lässt sich aus dem veröffentlichten Text allein nicht ableiten.

Gerade deshalb verdient der SWR eine konkrete Anfrage – und das Publikum eine konkrete Antwort.

Denn eine Recherche über die religiöse Vereinnahmung junger Menschen sollte nicht nur zeigen, wo Journalisten hingeschaut haben. Sie sollte auch erklären können, warum ein seit Jahren von Sicherheitsbehörden untersuchtes Phänomen vollständig außerhalb ihres Blickfelds geblieben ist.

Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Tim Hoffmann
Tim Hoffmann, 25, aus Hamburg, studierte PPE in Oxford. Von Washington aus beleuchtet er als freier Journalist für Die Vossische die US-Politik sowie das deutsche und europäische Zeitgeschehen.

Als nächstes lesen

Tom Köning: Kommunismus, Barrikaden und die Polizei als Feindbild

Tom Köning: Kommunismus, Barrikaden und die Polizei als Feindbild

Tom Köning bestätigt seine Teilnahme an den Gen-Z-Protesten in Mainz, fordert eine kommunistische Gesellschaft und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Nach den Ausschreitungen in Frankfurt untersucht Die Vossische seine Aussagen über Barrikaden, Polizeigewalt und Rheinmetall.
Von Tim Hoffmann •