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Journalismus oder unfreiwillige PR für Teheran?

Dass die ARD eine Protagonistin wie Sepideh ohne Einordnung ihres speziellen Hintergrunds präsentiert, ist kein Flüchtigkeitsfehler, sondern ein journalistisches Versagen mit politischer Tragweite.
Journalismus oder unfreiwillige PR für Teheran?
Dass die ARD eine Protagonistin wie Sepideh ohne Einordnung ihres speziellen Hintergrunds präsentiert, ist kein Flüchtigkeitsfehler, sondern ein journalistisches Versagen mit politischer Tragweite.

Der aktuelle Fall in der «Tagesschau» wirft ein Schlaglicht auf ein strukturelles Problem der Auslandsberichterstattung: Wenn westliche Medien aus Diktaturen berichten, bewegen sie sich auf einem schmalen Grat zwischen Information und Propaganda. Dass die ARD eine Protagonistin wie Sepideh ohne Einordnung ihres speziellen Hintergrunds präsentiert, ist kein Flüchtigkeitsfehler, sondern ein journalistisches Versagen mit politischer Tragweite.

Die Anatomie der Instrumentalisierung

Warum sendet die ARD einen Beitrag, der dem Regime in Teheran so offensichtlich in die Karten spielt? Es gibt drei wesentliche Gründe für dieses Phänomen:

  1. Die «Visa-Falle» (Survival Reporting): Korrespondenten in Teheran stehen unter permanenter Beobachtung. Wer zu tief gräbt oder die Grundfesten des Regimes direkt angreift, riskiert den Entzug der Presseakkreditierung. Das Ergebnis ist oft eine Schere im Kopf: Man wählt Themen und Protagonisten, die „mutig“ aussehen (eine Frau ohne Kopftuch), deren Botschaft (Kritik an US-Sanktionen oder Donald Trump) aber exakt die offizielle Linie des Regimes bedient.
  2. Die Illusion der Normalität: Indem die ARD Sepideh als „gewöhnliche Bürgerin“ darstellt, vermittelt sie dem deutschen Zuschauer ein Zerrbild. Die Metal-Szene, aus der die Protagonistin stammt, ist im Iran eine verfolgte Minderheit. Dass sie dennoch offen sprechen kann, deutet darauf hin, dass ihre Aussage vom Regime geduldet oder gar erwünscht war. Ohne diesen Kontext wirkt der Iran fälschlicherweise wie ein Land, in dem freie Meinungsäußerung über Weltpolitik problemlos möglich ist.
  3. Narrative Passgenauigkeit: Die Kritik an Donald Trump ist im westlichen Journalismus ein gängiges Narrativ. Wenn eine Iranerin dieses Narrativ bestätigt, sinkt die redaktionelle Wachsamkeit. Man übersieht dabei, dass man sich zum Sprachrohr einer Diktatur macht, die Trump nicht wegen seiner Politik, sondern wegen des maximalen Drucks auf die Mullah-Führung fürchtet.

Warum ist das gefährlich?

Wenn öffentlich-rechtliche Sender solche Beiträge ungefiltert ausstrahlen, betreiben sie indirekte Public Relations (PR) für das Regime:

  • Whitewashing: Das Regime erscheint liberaler, als es ist („Schaut her, Frauen laufen ohne Kopftuch herum und schimpfen auf die USA“).
  • Desinformation durch Auslassung: Die brutale Realität der Mehrheitsgesellschaft, die unter Inflation und echter Unterdrückung leidet, wird durch das Bild einer hippen, politisierten Teheraner Elite ersetzt.

Fazit

Ein Bericht, der den Hintergrund seiner Protagonisten verschweigt, verliert seine Legitimität. Wenn die ARD nicht in der Lage ist, die Umstände einer Drehgenehmigung und die soziale Nische einer Interviewpartnerin transparent zu machen, informiert sie nicht – sie lässt sich instrumentalisieren. Im Informationskrieg (The Influence War) ist ein schlecht recherchierter Beitrag eine Steilvorlage für die strategische Kommunikation autoritärer Staaten.


Tags: Medienkritik, Iran, Propaganda, ARD, Journalismus, Geopolitik