Aus Tradition Bürgerlich Liberal

Kolumnen

Rot-Rot-Grün feiert – Köning probt den Aufstand

Rot-Rot-Grün meldet den Durchbruch bei den Berliner Sondierungen. Der 17-jährige Tom Köning will die Palästina-BAG zur Bewegung ausbauen und innerparteiliche Konsequenzen abwehren. Sein Aufruf stellt die Verbindlichkeit der Zusagen an SPD und Grüne auf die Probe.

Rot-Rot-Grün feiert – Köning probt den Aufstand
Köning ist 17 Jahre alt. Nach den vorliegenden biografischen Angaben ist er in einem Dorf mit rund 500 Einwohnern aufgewachsen und lebt dort bis heute. Er verlangt politische Gefolgschaft für Urteile, deren Grundlagen er seinem Publikum schuldig bleibt. Illustration by Richard Bergsirk

Rot-Rot-Grün feiert – Köning probt den Aufstand

Berlin meldet eine Einigung bei den Sondierungen. Gleichzeitig will der 17-jährige Tom Köning den radikalen Palästina-Flügel der Linken zur Bewegung ausbauen. Sein Aufruf zeigt, wie wenig politische Vereinbarungen wert sein könnten, wenn organisierte Parteikreise ihre eigenen Grenzen setzen.

Berlin bekommt die nächste politische Erfolgsmeldung: Linke, SPD und Grüne haben sich nach übereinstimmenden Agenturberichten bei ihren Sondierungen verständigt. Die Parteigremien sollen nun über Koalitionsverhandlungen entscheiden. Eine fertige Regierung gibt es damit noch nicht. www.tagesschau.de

Doch schon dieser Zwischenschritt wirft eine unbequeme Frage auf: Wie belastbar ist eine Einigung mit einer Partei, in deren organisiertem Umfeld politische Grenzziehungen als Verfolgung bekämpft werden?

Tom Könings Instagram-Aufruf liefert dafür Anschauungsmaterial. Er fordert, die Bundesarbeitsgemeinschaft zur Bewegung auszubauen, von der Partei zurückgewiesene Menschen aufzufangen und die eigenen Positionen ausdrücklich nicht abzuschwächen.

Tom Köning: Der minderjährige Agitator der Linken
Tom Köning ist 17, Landessprecher der Linksjugend Rheinland-Pfalz und politischer Agitator. Er verbindet persönliche Verletzungen, sexualisierte Selbstinszenierung und Angriffe auf Journalisten. Warum sein Verband ihn gewähren lässt – und ihm damit möglicherweise selbst schadet.

Das ist eine politische Kampfansage an jene, die innerhalb der Linken Grenzen durchsetzen wollen.

Große Gewissheiten, begrenzter Erfahrungshorizont

Köning ist 17 Jahre alt. Nach den vorliegenden biografischen Angaben ist er in einem Dorf mit rund 500 Einwohnern aufgewachsen und lebt dort bis heute. Das ist kein politischer Makel.

Bemerkenswert ist jedoch das Missverhältnis zwischen seiner bislang kurzen Lebenserfahrung und der Endgültigkeit seiner Urteile.

Über den Nahostkonflikt, gesellschaftliche Machtverhältnisse und die Grenzen legitimer Israelkritik spricht er mit einer Gewissheit, als seien die entscheidenden Fragen längst beantwortet. Zwischen seinem ländlichen Alltag und den Konflikten, über die er urteilt, liegt eine erhebliche Erfahrungsdistanz.

Welche eigenen Erfahrungen, überprüfbaren Kenntnisse und wissenschaftlichen Quellen seine Sicherheit tragen, bleibt im Aufruf offen. Der Verweis auf Gespräche und „Radikalitätsforschung“ ersetzt diese Nachweise nicht.

Niemand muss in Gaza gelebt haben, um israelische Politik zu kritisieren. Auch ein Jugendlicher aus einem kleinen Dorf darf sich zur Berliner Politik äußern. Wer allerdings weitreichende Urteile fällt, muss sich an der Qualität seiner Argumente messen lassen. Lautstärke ist keine Sachkenntnis, moralische Empörung keine Untersuchung.

Könings Aufruf lässt wenig Bereitschaft erkennen, die eigenen Gewissheiten einer solchen Prüfung auszusetzen. Seine Positionen erklärt er zu „Realitäten“, mögliche Konsequenzen zum Unrecht.

Er verlangt politische Gefolgschaft für Urteile, deren Grundlagen er seinem Publikum schuldig bleibt.

Die Berliner Einigung hat eine offene Flanke

Der Berliner Durchbruch folgt auf einen Streit über Verbindlichkeit. Nach dem rbb-Bericht ließen die Linken ihre Fraktionsmitglieder eine Erklärung unterschreiben, die nur teilweise der vorherigen Vereinbarung mit SPD und Grünen entsprach. Die beiden Partner unterbrachen daraufhin die Sondierungen.

Nun soll der gemeinsame Text Bestandteil eines möglichen Koalitionsvertrags werden. Vorgesehen sind Konsequenzen bei antisemitischen Vorfällen bis hin zum Fraktionsausschluss. www.tagesschau.de

Genau hier liegt die politische Brisanz von Könings Aufruf.

Während die Berliner Verhandler Verfahren für Konsequenzen vereinbaren, erklärt Köning mögliche Ausschlüsse zum Angriff auf palästinasolidarische Genossen. Die Entscheidung darüber, welche Positionen akzeptabel sind, beansprucht er gleich selbst.

Tom Köning: Der 17-jährige Linksjugend-Landessprecher
Tom Köning ist 17 und Landessprecher der Linksjugend Rheinland-Pfalz. Teil 5 rekonstruiert seine öffentlich belegte politische Biografie, Positionen und Netzwerke – von Parteijugend und Palästina-Solidarität bis zu aktuellen Angriffen auf Grüne und SPD.

Die Unbedenklichkeitsbescheinigung stellt er sich selbst aus

„Diese Realitäten klar zu benennen, darf kein Ausschlussgrund sein“, schreibt Köning. Es seien „keine antisemitischen Positionen“.

Damit ist das Ergebnis der verlangten Prüfung schon vorgegeben: Die eigenen Aussagen sollen als Tatsachen gelten, die Kritik daran als unzulässige Disziplinierung.

Diese Methode verdient Widerspruch.

Wer eine Position als Realität bezeichnet, hat sie damit noch nicht belegt. Wer den Antisemitismusvorwurf zurückweist, hat ihn damit noch nicht widerlegt. Und wer Gespräche mit Palästinensern, Muslimen und Juden anführt, kann daraus keine pauschale Entlastung für sämtliche eigenen Aussagen ableiten.

Die Zugehörigkeit von Gesprächspartnern ersetzt keine Prüfung des Inhalts.

Auch das Wort „Kriminalisierung“ braucht einen Nachweis. Köning nennt in seinem Aufruf keine konkreten Ausschlussentscheidungen samt Begründung, anhand derer sich seine pauschale Anklage überprüfen ließe. Ein innerparteiliches Ausschlussverfahren ist außerdem kein Strafverfahren.

Die sprachliche Eskalation steht damit vor der belegten Darstellung des behaupteten Unrechts.

Bei der Hamas wird die Verantwortung verschoben

Besonders aufschlussreich ist die Passage über die Hamas. Ohne israelischen „Unterdrückungs- und Besatzungsterror“, so Köning, würde die Organisation eine wesentlich kleinere Rolle spielen.

Dafür bemüht er die Radikalisierungsforschung. Eine konkrete Untersuchung, einen Autor oder einen überprüfbaren Befund nennt er in seinem Text nicht.

Der wissenschaftliche Anspruch ist groß. Der gelieferte Nachweis fehlt.

Die Hamas ist eine von der Europäischen Union als terroristisch gelistete Organisation. Ihre politische Bedeutung lässt sich untersuchen. Ihre eigene Verantwortung für Terror verschwindet dabei nicht. www.consilium.europa.eu

In Könings Aufruf fehlt eine ausdrückliche Verurteilung des Hamas-Massakers vom 7. Oktober. Stattdessen erscheint die Organisation vor allem in einer Erklärung, deren belastender Hauptbegriff Israel gilt.

Darin liegt die kritikwürdige Schieflage: Israel wird handelnder Unterdrücker, die Hamas zum erklärungsbedürftigen Ergebnis israelischer Politik.

Das ist keine vollständige Analyse. Es ist eine selektive Verteilung politischer Verantwortung.

Der Satz über Staaten ist keine harmlose Fußnote

Daneben steht die Behauptung, Staaten hätten kein völkerrechtlich verankertes Existenzrecht.

Über die juristische Verwendung dieses Begriffs lässt sich diskutieren. Der Schutz bestehender Staaten hängt jedoch nicht davon ab, ob genau dieses Wort in einem Vertrag steht. Die UN-Charta schützt territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit gegen zwischenstaatliche Gewalt. www.un.org

Im politischen Zusammenhang seines Aufrufs bleibt deshalb die entscheidende Frage offen: Welche Zukunft gesteht Köning Israel konkret zu?

Die Berliner Vereinbarung beantwortet sie: Sie bekennt sich zu Israels Existenz und zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Außerdem verlangt sie, Gewalt und Terror weder zu verherrlichen noch zu relativieren. gruene.berlin

Könings Aufruf weicht einer vergleichbar klaren Zusage aus.

Hinter der BAG steht eine offizielle Parteistruktur

Die BAG Palästinasolidarität wird auf der Bundeswebsite der Linken als Parteizusammenschluss geführt.

Ihre eigene Beschreibung ist eindeutig: revolutionär, antiimperialistisch, gegen Kapitalismus und Kolonialismus gerichtet. Eine gerechte Lösung verbindet sie mit Sozialismus. Genossen unter politischem Druck bietet sie gemeinsame Organisierung an. Zugleich erklärt sie, Antisemitismus abzulehnen. www.die-linke.de

Köning erweitert diesen Ansatz um ein ausdrückliches Sammelangebot:

„Die BAG hat das Potenzial, jene aufzufangen, die Die Linke abgestoßen hat.“

Das ist ein Organisationsprogramm.

Welche Personen gemeint sind, aus welchen Gründen sie zurückgewiesen wurden und welche Aufnahmegrenzen gelten sollen, bleibt offen. Gerade deshalb kann die Partei sich mit diesem Satz nicht zufriedengeben.

Soll die BAG Entscheidungen der Partei politisch unterlaufen? Welche Positionen würden ihre Verantwortlichen tatsächlich zurückweisen?

Köning liefert darauf keine Antwort.

Stattdessen erklärt er, nicht bloß Opposition gegenüber der Partei betreiben und „brav sein“ zu wollen. Parallel sollen Menschen gestärkt werden, die sich antiimperialistisch organisieren.

Der Anspruch reicht damit über eine innerparteiliche Sachdebatte hinaus. Es geht um den Aufbau eigener politischer Handlungsfähigkeit.

Die Verbindungen nach Rheinland-Pfalz sind konkret

Als Unterstützer nennt Köning zwei Landesarbeitsgemeinschaften, den Bezirksverband Vulkan-Eifel-Mosel und die Linksjugend Rheinland-Pfalz.

Die Existenz der LAG Palästinasolidarität und der LAG Antifaschismus ist auf der offiziellen Landesparteiseite dokumentiert. Jens Schwaab erscheint dort sowohl als Ansprechpartner der Palästina-LAG als auch im Sprecherkreis der Antifaschismus-LAG.

Die Palästina-LAG fordert selbst einen antiimperialistischen und antikapitalistischen Kurswechsel sowie Vernetzung innerhalb und außerhalb der Partei. www.dielinke-rhlp.de

Köning wird auf der Bundeswebsite der Linksjugend mit einer Landessprecherfunktion in Rheinland-Pfalz geführt. Eine öffentliche Unterzeichnerliste nennt zudem den Vorsitz bei der Linken Vulkan-Eifel-Mosel als Funktionsangabe. www.linksjugend-solid.de

Diese Überschneidungen sind belegbar. Die Unterstützung für den konkreten Aufruf ist zunächst Könings eigene öffentliche Angabe.

Die genannten Organisationen müssen sich daran messen lassen, ob sie diese Unterstützung bestätigen und welche Aussagen sie damit tragen.

Köning und die Berliner LAG: Die Verbindung ist dokumentiert

Für den Berliner Zusammenhang gibt es einen weiteren Anhaltspunkt: Die Ruhrbarone dokumentierten am 1. Oktober einen anderen Instagram-Beitrag, den Köning, die Bundes-BAG und die Berliner Palästina-LAG gemeinsam verbreitet hätten.

Dessen Botschaft lautete:

„Die Grünen sind keine Verbündeten, sondern verantwortlich für Krieg und Genozid.“

Das ist ein dokumentierter Vorwurf gegen genau jene Partei, mit der die Berliner Linke jetzt regieren will. Die Quelle beschreibt ausdrücklich die gemeinsame Veröffentlichung. www.ruhrbarone.de

Köning besitzt damit keine nachgewiesene Kontrolle über die Berliner Fraktion. Aber der Konflikt lässt sich auch nicht bequem als Angelegenheit eines weit entfernten Jugendverbands abtun.

Die Verbindung zur Berliner Parteistruktur ist öffentlich dokumentiert.

SPD und Grüne müssen ihre eigenen Zusagen ernst nehmen

Die Kritik muss präzise bleiben. Der Genozidvorwurf allein beweist keinen Antisemitismus: Eine unabhängige UN-Untersuchungskommission kam im September 2025 selbst zu diesem Ergebnis über Israels Vorgehen in Gaza. Das ist eine Kommissionsfeststellung, kein abschließendes IGH-Urteil. www.un.org

Der Kern dieses Falls liegt in der organisierten Abwehr politischer Konsequenzen, verbunden mit einer selektiven Darstellung der Hamas und einem ausweichenden Umgang mit Israels staatlicher Zukunft.

Wer jede Grenzziehung vorsorglich zur Repression erklärt, macht gemeinsame Regeln zur Verhandlungsmasse.

SPD und Grüne tragen Verantwortung für ihre Partnerwahl. Ihre Vereinbarungen müssen sich gerade dann bewähren, wenn ein organisierter Parteiflügel Widerstand leistet.

Am Tag der Sondierungseinigung dürfen sie deshalb nicht nur erklären, worauf sich die Parteispitzen verständigt haben.

Sie müssen erklären, warum Berlin darauf vertrauen soll, dass diese Verständigung gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen Bestand hat.

Könings Alter entlastet dabei die erwachsenen Funktionäre nicht, die solche Positionen unterstützen oder ihnen institutionellen Rückhalt geben. Wer einem Jugendlichen politische Verantwortung überträgt, muss sich auch mit dem Inhalt seiner Botschaften auseinandersetzen.

Wer jetzt den politischen Durchbruch feiert, schuldet Berlin den Beweis, dass seine roten Linien auch dann gelten, wenn sie Macht kosten.


Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

Als nächstes lesen

Der Kalifatsmann im Aktivistenkostüm

Der Kalifatsmann im Aktivistenkostüm

Ahmad Tamim präsentiert sich als Verteidiger muslimischer Rechte. Verfassungsschutzberichte nennen ihn als Hauptakteur von Generation Islam. Seine Kalifatsforderung und seine Posts zeigen, wie er religiöse Identität zur politischen Mobilisierung nutzt.
Von Leon Berger •