Rückblick: Berlin am Montag, den 29. März 1926

Ein Jahrhundert ist vergangen, seit die Leser der Vossischen Zeitung die Abend-Ausgabe Nr. 149 für 10 Pfennig in den Händen hielten. Die Schlagzeilen dieses Montags spiegeln eine Welt wider, die zwischen diplomatischer Annäherung, nationaler Trauer und dem Erwachen neuer Mächte steht.

Rückblick: Berlin am Montag, den 29. März 1926
Rückblick: Berlin am Montag, den 29. März 1926

Montag, den 29. März 1926

Von der Schriftleitung

Ein Jahrhundert ist vergangen, seit die Leser der Vossischen Zeitung die Abend-Ausgabe Nr. 149 für 10 Pfennig in den Händen hielten. Die Schlagzeilen dieses Montags spiegeln eine Welt wider, die zwischen diplomatischer Annäherung, nationaler Trauer und dem Erwachen neuer Mächte steht.

Diplomatie in der Wilhelmstraße

Im Zentrum des politischen Interesses standen die Besprechungen des österreichischen Bundeskanzlers im Auswärtigen Amt. Es handelte sich um eine „persönliche Fühlungnahme“, die eine „völlige Übereinstimmung“ in der Beurteilung der durch Locarno und Genf geschaffenen Verhältnisse ergab. Angesichts der wirtschaftlichen Notlage wurde vereinbart, nach Ostern Verhandlungen über einen Zusatz zum Handelsvertrag aufzunehmen.

Ein Staatsbegräbnis in Freiburg

Während in Berlin verhandelt wurde, traf ein Sonderzug in Freiburg ein. Reichskanzler Dr. Luther, die Minister Marx, Geßler und Brauns sowie Reichstagspräsident Löbe erwiesen dem verstorbenen ehemaligen Reichskanzler Constantin Fehrenbach die letzte Ehre. Die Stadt war in Trauer gehüllt, Flaggen hingen auf Halbmast, und das Reichsbanner nahm vor dem Bahnhof Aufstellung.

Der „Geist von Angora“ und das Ideal der Unabhängigkeit

Besonders bemerkenswert ist der Bericht unseres Korrespondenten Dr. Wilhelm Geidmann aus der jungen Türkischen Republik. Er beschreibt den „Geist von Angora“ als ein System, das auf einem einzigen Wort fußt: Unabhängigkeit.

  • Das Ehrenzeichen: Etwa zweihundert Männer tragen eine Schnalle mit der Aufschrift „Unabhängigkeit“, das Erkennungszeichen derer, die nach dem Waffenstillstand die neue Türkei schufen.
  • Abkehr von der Bevormundung: Das Ziel ist der „unbeugsame Wille zur Bewahrung der Türkei vor jeder ausländischen Bevormundung“.
  • Revolutionspolitik: Das Unabhängigkeitsgericht in Angora verurteilt jene, die versuchen, das Volk gegen die Reformen von Gazi Mustafa Kemal Pascha aufzuwiegeln.
  • Souveränität: Die Türkei wahrt ihre volle Unabhängigkeit gegenüber Moskau ebenso entschieden wie gegenüber jeder anderen Macht.
  • Der unbedingte Wille zur Unabhängigkeit

In den 1920er Jahren pulsierte in der jungen Türkischen Republik ein Geist, den unser damaliger Korrespondent Dr. Wilhelm Geidmann als „den Geist von Angora“ bezeichnete. Es war ein Staat, der sich radikal von der Last des osmanischen Erbes befreite. Das heilige Wort jener Tage lautete „Unabhängigkeit“ – ein Begriff, der so zentral war, dass er in Goldschrift auf den Ehrenzeichen der zweihundert Gründerväter prangte.

Diese Unabhängigkeit war nach außen wie nach innen gerichtet: Man verbat sich jede Einmischung der Großmächte und lehnte die religiöse Bevormundung der alten Sultanszeit strikt ab. Wer damals versuchte, das Volk gegen die laizistischen Reformen von Mustafa Kemal Pascha aufzuwiegeln, fand sich vor dem „Unabhängigkeitsgericht“ wieder. Es war die Geburtsstunde eines modernen Nationalstaates, der die „Schlichtheit des Regierungsbetriebes“ als Ausweis seiner Würde verstand.

2026: Die Rückkehr der Schatten

Ein Jahrhundert später scheint dieser Geist einer tiefgreifenden Metamorphose unterzogen worden zu sein. Unter der Ära Erdogan ist die einstige laizistische Nüchternheit einer neo-osmanischen Prachtentfaltung gewichen. Wo 1926 die Trennung von Glaube und Staat das Fundament der Freiheit bildete, wird heute das Bild eines neuen islamischen Reiches gezeichnet. Die Unabhängigkeit des Staates wurde durch den imperialen Anspruch ersetzt, das Zentrum eines religiösen Pols zu bilden – eine Entwicklung, die den Vätern der Republik von 1926 wohl fremd erschienen wäre.

Globale Spannungen: Japan in Mexiko

Vom anderen Ende der Welt wurde eine verschärfte Spannung zwischen den USA und Mexiko gemeldet. Ein japanisches Syndikat pachtete über zwei Millionen Acres Land in Niederkalifornien. Washington betrachtete dies als „unfreundliches Vorgehen“ Mexikos, das die Kontroverse um Land- und Petroleumgesetze weiter verschärfe.