Trappes: Frankreichs gefährliche Spirale des Hasses
Ein Toter, fünf Verletzte: Der Anschlag von Trappes erschüttert eine Stadt mit einer langen Geschichte islamistischer Radikalisierung. Frankreich steht nach schweren Unruhen vor der Frage, wie es die Eskalation extremistischer Gewalt stoppen kann.
Jahrzehntelange islamistische Radikalisierung, schwere Straßenschlachten und jetzt ein mutmaßlich rassistischer Terroranschlag. Frankreich erlebt, wie gesellschaftliche Konflikte in tödliche Gewalt umschlagen können. Die politische Klasse muss sich fragen lassen, wie es so weit kommen konnte.
Am Freitagvormittag, dem 23. Oktober 2026, fährt ein Mann durch Trappes und die benachbarte Gemeinde La Verrière, südwestlich von Paris. Aus seinem Auto feuert er mit einer Maschinenpistole auf Menschen. Ein 26-Jähriger stirbt. Fünf weitere Personen werden nach dem jüngsten Behördenstand verletzt, darunter ein zwölfjähriges Mädchen.
Der mutmaßliche Täter, ein 39-jähriger Franzose, wird festgenommen. In seiner Wohnung entdecken Ermittler eine gefährliche Vorrichtung mit Gasflaschen. Die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernimmt den Fall. Sie untersucht insbesondere den Verdacht eines rassistisch motivierten terroristischen Verbrechens.
Präsident Emmanuel Macron spricht von einem rassistischen Terroranschlag.
Aber warum Trappes? Und was sagt diese Tat über ein Frankreich, in dem erst vor wenigen Tagen schwere Ausschreitungen die Sicherheitskräfte an ihre Grenzen brachten?
Trappes: Eine Stadt, deren Geschichte man nicht ausblenden darf
Trappes ist nicht irgendein Vorort von Paris. Die Stadt mit rund 34.000 Einwohnern steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt von Untersuchungen über islamistische Radikalisierung, religiösen Separatismus und dschihadistische Rekrutierung.
Die Journalistinnen Raphaëlle Bacqué und Ariane Chemin haben diese Entwicklung in ihrem Buch La Communauté dokumentiert.
Nach den darin wiedergegebenen Präfekturangaben reisten zwischen 2013 und 2016 insgesamt 67 Personen aus Trappes in Richtung Syrien, um sich dschihadistischen Gruppen anzuschließen.
67 Menschen aus einer einzigen französischen Kleinstadt.
Das ist keine Behauptung aus einem Wahlkampf. Es ist Teil der dokumentierten Geschichte des französischen Dschihadismus.
Schon zuvor hatten sich im Umfeld der Stadt islamistische Netzwerke entwickelt. Hinzu kamen Auseinandersetzungen über religiösen Druck, die Rolle von Frauen und die Durchsetzung der französischen Laizität.
Diese Vergangenheit bedeutet selbstverständlich nicht, dass die muslimischen Einwohner von Trappes für die Radikalisierung verantwortlich wären. Sie bedeutet aber, dass die Politik sich mit konkreten Netzwerken und deren Einfluss beschäftigen musste.
Der Bürgermeister und die unbequemen Fragen
Seit 2020 regiert Ali Rabeh die Stadt. Der muslimische Politiker gehört der linken Bewegung Génération.s an.
2021 geriet er in einen heftigen Konflikt mit dem Philosophie-Lehrer Didier Lemaire. Dieser hatte vor der Ausbreitung islamistischen Einflusses gewarnt und erklärte, sich bedroht zu fühlen.
Rabeh widersprach seiner Darstellung. Der Konflikt erreichte schließlich die nationale Politik.
Dabei liegt der entscheidende Punkt nicht in Rabehs Religion. Entscheidend ist seine politische Verantwortung als Bürgermeister.
Er trat sein Amt erst nach der großen Welle der Syrien-Ausreisen an. Man kann ihm deren Entstehung deshalb nicht zurechnen.
Von einem heutigen Bürgermeister darf man allerdings erwarten, dass er belegte islamistische Strukturen ebenso konsequent thematisiert wie Diskriminierung und rassistische Gewalt.
Die berechtigte Sorge vor Stigmatisierung darf nicht dazu führen, konkrete Sicherheitsprobleme kleinzureden.
Und die berechtigte Kritik am Islamismus darf niemals in eine pauschale Verdächtigung muslimischer Einwohner umschlagen.
Frankreich brennt – und die Extreme beobachten einander
Nur sechs Tage vor dem Anschlag hatte Frankreich schwere Ausschreitungen erlebt.
Am 17. Oktober gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Es ging zunächst um Lebenshaltungskosten, Bildung und soziale Missstände. Doch in mehreren Städten verwandelten gewaltbereite Gruppen Teile der Proteste in Straßenschlachten.
In Marseille wurde das Rathaus angegriffen. In Paris gerieten Sicherheitskräfte massiv unter Druck. Geschäfte wurden geplündert, Gebäude beschädigt, Polizisten attackiert.
Die vorläufige Bilanz: rund 1.200 Festnahmen und 150 verletzte Polizisten und Gendarmen.
Dabei darf nicht unterschlagen werden, dass die Mehrheit der Demonstrierenden nicht an den Ausschreitungen beteiligt war.
Doch solche Bilder wirken weit über die eigentlichen Tatorte hinaus.
Sie liefern militanten politischen Milieus Material für ihre Erzählung, der Staat habe die Kontrolle verloren. In rechtsextremen Kreisen können sie bestehende Feindbilder zusätzlich aufladen.
Darin liegt eine erhebliche Gefahr.
Denn politische Wut, die sich nicht mehr auf parlamentarische Auseinandersetzungen oder friedlichen Protest beschränkt, kann sich in Gewaltfantasien verwandeln. Die Täter suchen dann nicht mehr nach Lösungen, sondern nach Feinden.
Dass die Ausschreitungen den Angreifer von Trappes konkret beeinflusst haben, ist allerdings bisher nicht belegt. Auch eine Zugehörigkeit des Verdächtigen zu einer organisierten rechtsextremen Gruppe ist nach dem bisherigen Ermittlungsstand nicht nachgewiesen.
Wenn aus Feindbildern Menschen werden, auf die geschossen wird
Die Staatsanwaltschaft prüft, ob der Täter seine Opfer aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten Herkunft oder Religionszugehörigkeit auswählte.
Sollte sich das bestätigen, wäre Trappes Schauplatz eines Terrorverbrechens, bei dem rassistische Vorstellungen in tödliches Handeln umgesetzt wurden.
Dann stünde eine Stadt, die über Jahre wegen islamistischer Radikalisierung diskutiert wurde, plötzlich im Zentrum eines mutmaßlich islamfeindlichen Anschlags.
Das wäre eine verhängnisvolle Entwicklung.
Denn die Antwort auf islamistischen Extremismus kann niemals rassistischer Extremismus sein. Wer unschuldige Passanten erschießt, bekämpft keine Radikalisierung. Er schafft neue Opfer, neue Angst und möglicherweise neue Radikalisierung.
Gerade darin besteht die Gefahr wechselseitiger Eskalation: Extremisten verschiedener Lager können die Verbrechen ihrer Gegner zur Rechtfertigung der eigenen Ideologie missbrauchen.
Die eigentlichen Opfer dieser Entwicklung sind häufig Menschen, die mit keiner der extremistischen Bewegungen etwas zu tun haben.
Die politische Verantwortung beginnt lange vor dem ersten Schuss
Frankreich muss jetzt zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen.
Es muss die tatsächlichen Ursachen früherer islamistischer Rekrutierung aufarbeiten, ihre Netzwerke unterbinden und den republikanischen Rechtsstaat in jedem Stadtviertel durchsetzen.
Gleichzeitig muss es verhindern, dass rassistische und rechtsextreme Gewalttäter selbst zu einer terroristischen Bedrohung werden.
Wer nur über Islamophobie spricht und den Islamismus ausspart, liefert eine unvollständige Analyse.
Wer ausschließlich den Islamismus anprangert und rassistische Gewalt relativiert, macht denselben Fehler in umgekehrter Richtung.
Vor allem aber muss Frankreich verhindern, dass gewalttätige Gruppen den öffentlichen Raum beherrschen und Bürger glauben, ihre Sicherheit selbst gegen vermeintliche Feinde verteidigen zu müssen.
Denn der Staat besitzt das Gewaltmonopol aus einem einfachen Grund: Niemand soll sich das Recht nehmen dürfen, seine politischen, religiösen oder ethnischen Feindbilder mit Waffen durchzusetzen.
Trappes ist eine Warnung
Die Tat vom 23. Oktober beweist noch keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den jüngsten Unruhen, dem historischen Islamismusproblem der Stadt und den Motiven des Angreifers.
Sie führt aber drei gefährliche Entwicklungen an einem Ort zusammen: die Geschichte extremistischer Rekrutierung, eine zunehmend gewaltgeprägte gesellschaftliche Auseinandersetzung und nun einen mutmaßlich rassistischen Terroranschlag.
Das sollte der französischen Politik eine Warnung sein.
Der Rechtsstaat verliert nicht erst dann an Autorität, wenn Menschen mit Maschinenpistolen auf Passanten schießen. Er gerät bereits unter Druck, wenn organisierte Einschüchterung, religiöser Extremismus und politische Straßengewalt nicht wirksam bekämpft werden.
Frankreich braucht keine Gegenradikalisierung. Es braucht einen Staat, der Extremisten jeder Herkunft und Ideologie rechtzeitig entgegentritt – bevor aus Hass der nächste Mord wird.
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