Die Linke: Radikalisierung als Gefahr für die Demokratie
Stalin-Verklärung in der Linksjugend, Antisemitismusvorwürfe und Ines Schwertdtners umstrittene Aussagen: Wie linke Radikalisierung, moralische Selbstgerechtigkeit und politische Infantilität unsere Demokratie gefährden.
Von der Stalin-Verklärung in der Linksjugend bis zu den umstrittenen Äußerungen von Parteichefin Ines Schwerdtner: Die Linke hat ein Problem, das weit über einzelne extremistische Ausfälle hinausgeht. Es geht um ein Politikverständnis, das moralische Selbstgerechtigkeit über demokratische Verantwortung stellt, den Rechtsstaat zunehmend als Gegner betrachtet und politische Unreife zum Ausdruck vermeintlicher Überlegenheit erhebt.
Die Linksjugend: Wenn die Vergangenheit zum politischen Zukunftsmodell wird
Man muss bei der Linksjugend beginnen, wenn man verstehen will, was innerhalb der deutschen Linkspartei inzwischen als politische Haltung durchgeht. Denn dort, wo eigentlich eine neue Generation demokratischer Verantwortungsträger heranwachsen sollte, begegnet man einer beunruhigenden Mischung aus ideologischer Geschichtsvergessenheit, revolutionärer Romantik und politischer Infantilität.
Im Juni 2026 enthüllten Recherchen des Bayerischen Rundfunks, dass Funktionäre der Linksjugend Stalin, Mao Zedong und die DDR verherrlichten. In internen Foren fanden sich entsprechende Parolen. Ein Arbeitskreis namens „Agitprop“ bekannte sich zu revolutionären Traditionen autoritärer sozialistischer Systeme. Auf die Opfer der DDR-Diktatur angesprochen, erklärte dieser Arbeitskreis: „Die Revolution fordert Opfer.“
Ein Satz, der in seiner moralischen Verwahrlosung kaum zu überbieten ist.
Die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft werden hier zum hinnehmbaren Kollateralschaden einer angeblich höheren historischen Mission erklärt. Dahinter steht nicht bloß jugendliche Provokation. Es zeigt sich ein erschreckendes Unverständnis dafür, was Freiheit, Menschenwürde und individuelle Rechte überhaupt bedeuten.
Besonders beunruhigend ist, dass solche Vorstellungen nicht ausschließlich in bedeutungslosen Randgruppen auftauchten. Die Recherchen betrafen auch Funktionsträger innerhalb der offiziell anerkannten Jugendorganisation der Partei Die Linke.
Gewiss: Die Linksjugend distanzierte sich anschließend ausdrücklich von Stalinismus, Maoismus und der DDR-Diktatur. Sie verwies auf ihre demokratischen Grundsätze und darauf, dass einzelne Äußerungen nicht die Haltung des Gesamtverbandes repräsentierten.
Doch die entscheidende Frage bleibt: Wie konnte ein derartiges Gedankengut innerhalb einer Jugendorganisation, die sich selbst als besonders aufgeklärt und antifaschistisch versteht, überhaupt solche Räume finden?
Es ist die erste große Widersprüchlichkeit dieser politischen Kultur: Wer sich unablässig zum Verteidiger von Menschenrechten erklärt, sollte nicht ausgerechnet bei den historischen Verbrechen der eigenen ideologischen Tradition Schwierigkeiten mit eindeutigen Urteilen haben.
Und damit beginnt das eigentliche Problem.
Die politische Infantilisierung besteht nicht darin, dass junge Menschen radikale Forderungen stellen. Sie besteht darin, dass sie absolute moralische Ansprüche erheben, während sie sich weigern, die Konsequenzen ihrer eigenen Vorstellungen ernst zu nehmen.
Wer Stalin romantisiert, hat die Geschichte nicht verstanden. Wer diktatorische Herrschaft unter Hinweis auf vermeintlich gute Absichten relativiert, hat auch die Demokratie nicht verstanden.
Und wer dies als jugendlichen Überschwang abtut, unterschätzt die Gefahren ideologischer Radikalisierung.
Antisemitismus als Symptom einer ideologischen Entgrenzung
Noch deutlicher wird die Problematik beim Verhältnis einzelner linksradikaler Funktionäre zu Israel und zum Antisemitismus.
Die Recherchen des Bayerischen Rundfunks dokumentierten nicht nur eine erschreckende Verharmlosung kommunistischer Diktatoren, sondern auch antisemitische Äußerungen. Dazu gehörten eine Vernichtungsparole gegen Israel und Formulierungen, die den Holocaust durch Vergleiche mit israelischer Politik instrumentalisierten. Außerdem wurde der islamistische Charakter der Terrororganisation Hamas von einem führenden Funktionär der Linksjugend infrage gestellt.
Dabei muss eine Unterscheidung selbstverständlich bleiben: Kritik an der israelischen Regierung, ihrer Kriegsführung oder ihrer Siedlungspolitik ist nicht automatisch antisemitisch. Sie gehört zur legitimen politischen Debatte.
Wer allerdings jüdische Geschichte für antisemitische Feindbilder instrumentalisiert oder eine terroristische Organisation ideologisch verharmlost, überschreitet eine andere Grenze.
Die eigentliche politische Bankrotterklärung besteht darin, dass solche Entgleisungen innerhalb einer Organisation stattfinden, die ihre moralische Überlegenheit gegenüber anderen politischen Lagern geradezu demonstrativ zur Schau trägt.
Ines Schwerdtner distanzierte sich im Juni ausdrücklich von den bekannt gewordenen Äußerungen. Dennoch berichtete ZDFheute über einen ersten gemeinsamen Dringlichkeitsantrag von Parteivorstand und Linksjugend, der sich gegen Stalin-Verherrlichung richtete, die Antisemitismusvorwürfe jedoch ausklammerte. Die innerparteiliche Debatte über eine deutlichere Verurteilung ging anschließend weiter.
Das ist politisch bemerkenswert.
Eine Partei, die gegen jede tatsächliche oder vermeintliche Form gesellschaftlicher Ausgrenzung mobilisiert, muss sich fragen lassen, weshalb sie gerade bei Antisemitismus in den eigenen Reihen derart sichtbare Schwierigkeiten mit einer konsequenten Aufarbeitung hat.
Ines Schwerdtner: Wenn eine Parteivorsitzende die Grenzen verwischt
Vor diesem Hintergrund erhalten die jüngsten Aussagen der Linken-Bundesvorsitzenden Ines Schwerdtner eine besondere Brisanz.
In einem Online-Briefing mit dem Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband erklärte Schwerdtner mit Blick auf die Protestbewegungen in Frankreich, dass die Verbindung unterschiedlicher Bewegungen auch in Deutschland gelingen müsse.
Noch problematischer war ihre Versicherung, sie werde sich schützend vor die Aktivisten stellen, wenn diese angegriffen würden – unabhängig davon, ob die Angriffe von der Polizei oder den Medien ausgingen.
Diese Aussagen wurden unter anderem von BILD und WELT aufgegriffen.
Diese Wortwahl verdient eine genauere Betrachtung.
Natürlich dürfen demokratische Politiker friedliche Demonstranten unterstützen. Natürlich muss auch rechtswidrige Polizeigewalt kritisiert und verfolgt werden. Und selbstverständlich darf sich eine Partei gegen unfaire oder falsche Medienberichte wehren.
Doch eine Parteivorsitzende trägt eine besondere Verantwortung dafür, wie ihre Worte in einem politisch aufgeheizten Umfeld verstanden werden.
Wenn Polizei und Medien in einem Atemzug als potenzielle Angreifer auf die eigene Bewegung erscheinen, entsteht eine gefährliche rhetorische Verschiebung.
Die Polizei ist in einem demokratischen Rechtsstaat nicht der natürliche Feind einer politischen Bewegung. Ihre Aufgabe ist es, Grundrechte zu schützen, Gefahren abzuwehren und geltendes Recht durchzusetzen. Dabei unterliegt sie gesetzlichen Grenzen und gerichtlicher Kontrolle.
Ebenso wenig sind kritische Medien Gegner, vor denen eine Partei ihre Anhänger grundsätzlich abschirmen müsste. Die freie Presse hat gerade die Aufgabe, politische Organisationen kritisch zu hinterfragen.
Wer seinen Anhängern vermittelt, Kritik sei ein Angriff und staatliches Einschreiten grundsätzlich eine Form von Unterdrückung, fördert ein politisches Weltbild, in dem demokratische Kontrolle als feindlicher Akt erscheint.
Ob Schwerdtner genau diese Wirkung beabsichtigt, lässt sich aus ihren Aussagen nicht beweisen. Die Verantwortung für ihre politische Rhetorik bleibt dennoch bestehen.
Besonders schwer wiegt, dass der bayerische Landesverband des Studierendenverbandes SDS vom Verfassungsschutz im Bereich Linksextremismus beobachtet wird. Auch Teile der Linksjugend und andere linksextremistische Strukturen stehen im Fokus einzelner Landesbehörden. Die Gesamtpartei Die Linke darf deshalb nicht pauschal als extremistische Organisation bezeichnet werden.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Es geht nicht darum, sämtliche Mitglieder einer demokratisch gewählten Partei zu Extremisten zu erklären.
Es geht um die politische Verantwortung einer Parteiführung, die wissen muss, mit welchen Organisationen sie zusammenarbeitet, welche Kräfte sie stärkt und welche Signale sie an radikale Milieus sendet.
Frankreich als Vorbild: Die gefährliche Romantisierung des Straßenprotests
Die französischen Unruhen liefern dafür einen besonders anschaulichen Hintergrund.
In Frankreich haben soziale Proteste erhebliche politische Spannungen sichtbar gemacht. Gleichzeitig kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Frage, wie demokratische Gesellschaften mit solchen Entwicklungen umgehen, ist deshalb keineswegs nebensächlich.
Für den 31. Oktober 2026 sind auch in zahlreichen deutschen Städten Demonstrationen angekündigt. Unter dem Motto „Gen Z steht auf“ beziehungsweise „Gen Z regelt das“ mobilisieren junge Menschen für bessere Bildung, bezahlbare Lebenshaltungskosten und mehr politische Mitsprache.
Die Initiatoren und Schülervertreter haben ausdrücklich zu friedlichen Protesten aufgerufen. Auch die Linkspartei lehnt Gewalt bei Demonstrationen grundsätzlich ab.
Diese Tatsachen dürfen nicht unterschlagen werden. Aus Schwertdtners Aussagen lässt sich kein unmittelbarer Aufruf zu gewalttätigen Ausschreitungen nachweisen.
Doch damit ist die politische Verantwortung nicht erledigt.
Denn wer die Mobilisierungsfähigkeit ausländischer Protestbewegungen bewundert, muss sich zugleich eindeutig von den destruktiven Teilen dieser Bewegungen distanzieren.
Es genügt nicht, das politische Potenzial einer aufgebrachten Menge zu erkennen. Verantwortliche Politik muss auch die Grenzen dieser Mobilisierung bestimmen.
Genau hier zeigt sich die Schwäche jener linken Protestromantik, in der die Straße gelegentlich zum höheren moralischen Gericht erhoben wird.
Die Demonstration erscheint als besonders authentischer Ausdruck des Volkswillens. Die politische Institution dagegen als schwerfälliges Hindernis. Leidenschaft gilt als Tugend, Zurückhaltung als Schwäche, Kompromissbereitschaft als Verrat.
Damit wird ein fundamentales Prinzip der Demokratie verkannt.
Demokratische Legitimation entsteht nicht allein durch Lautstärke, Teilnehmerzahlen oder die Intensität politischer Überzeugungen. Sie beruht auf Wahlen, Verfahren, Grundrechten, Gewaltenteilung und der Bereitschaft, auch die Interessen derjenigen anzuerkennen, die eine andere Meinung vertreten.
Eine Demokratie darf sich nicht von der jeweils empörtesten Gruppe ihre Entscheidungen diktieren lassen.
Die Infantilisierung der Politik: Moral statt Verantwortung
Mindestens ebenso gefährlich wie die Radikalisierung einzelner Milieus ist jedoch ein zweiter Prozess: die fortschreitende Infantilisierung des politischen Denkens.
Damit ist ausdrücklich nicht das Alter der Beteiligten gemeint. Auch erwachsene Politiker können sich einer zutiefst kindlichen Vorstellung von Gesellschaft hingeben.
Infantile Politik beginnt dort, wo komplexe Probleme in einfache moralische Gegensätze zerlegt werden.
Auf der einen Seite stehen die angeblich Guten, auf der anderen die vermeintlich Bösen. Wer die eigene Forderung unterstützt, gehört zur moralisch richtigen Gemeinschaft. Wer widerspricht, macht sich verdächtig.
Aus wirtschaftlichen Fragen werden Gesinnungsprüfungen. Aus politischen Interessenkonflikten werden Kämpfe zwischen Gut und Böse. Aus notwendigen Kompromissen werden angebliche Kapitulationen vor mächtigen Gegnern.
Ein solches Politikverständnis kann hervorragend mobilisieren. Regieren lässt sich damit nur schwer.
Denn verantwortliche Politik verlangt Antworten auf Fragen, die sich nicht mit einem Transparent erledigen lassen.
Wie finanziert man dauerhaft steigende Sozialausgaben? Welche Folgen haben staatliche Eingriffe in Märkte? Wie schützt man Mieter, ohne den Wohnungsbau zusätzlich zu erschweren? Wie gewährleistet man soziale Sicherheit, ohne die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Sicherheit zu beschädigen? Wie organisiert man Frieden, wenn andere Staaten bereit sind, Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen einzusetzen?
Die Linke legt durchaus Finanzierungsmodelle und politische Programme vor. Man kann ihr nicht pauschal unterstellen, sie habe überhaupt keine Antworten. Aber gerade ihre populistische Zuspitzung vermittelt häufig den Eindruck, die gesellschaftlichen Zielkonflikte ließen sich durch entschlossenen politischen Willen weitgehend auflösen.
Das ist der Kern der Infantilisierung.
Die Wirklichkeit soll sich dem moralischen Wunsch unterwerfen. Wo sie sich widersetzt, werden Schuldige gesucht.
In dieser Denkweise ist wirtschaftliche Knappheit vor allem das Ergebnis falscher Verteilung. Politischer Widerstand erscheint als Ausdruck unlauterer Interessen. Sicherheitsprobleme werden bevorzugt durch gesellschaftliche Ursachen erklärt, während die individuelle Verantwortung der Täter in den Hintergrund geraten kann.
Natürlich sind soziale Ursachen von Kriminalität und Gewalt relevant. Aber sie erklären nicht jede Tat und entschuldigen schon gar keine.
Erwachsene Politik hält mehrere Wahrheiten gleichzeitig aus. Sie kann soziale Ungerechtigkeit bekämpfen und Gewalt konsequent verurteilen. Sie kann das Demonstrationsrecht verteidigen und die Polizei unterstützen. Sie kann Minderheiten schützen und zugleich allgemeine Regeln durchsetzen.
Wo diese Fähigkeit verlorengeht, verwandelt sich Politik in eine permanente moralische Erregung.
Wenn der Rechtsstaat nur noch dann akzeptiert wird, wenn er der eigenen Sache dient
Für eine Demokratie ist kaum etwas gefährlicher als ein selektives Verhältnis zu ihren Institutionen.
Der Rechtsstaat lebt davon, dass seine Regeln unabhängig davon gelten, wer gerade betroffen ist.
Ein Steinwurf auf einen Polizeibeamten wird nicht dadurch legitim, dass der Täter sich als Antifaschist bezeichnet. Die Zerstörung fremden Eigentums wird nicht zum demokratischen Akt, weil sie unter einer roten Fahne stattfindet. Und die Behinderung kritischer Berichterstattung wird nicht dadurch gerechtfertigt, dass ein Journalist angeblich auf der falschen politischen Seite steht.
Solche Selbstverständlichkeiten sollten keiner besonderen Erwähnung bedürfen.
Doch sie geraten unter Druck, sobald politische Bewegungen beginnen, die eigene moralische Überzeugung als Ersatz für rechtsstaatliche Legitimation zu betrachten.
Dabei ist der Unterschied zwischen demokratischer Opposition und extremistischem Denken eindeutig.
Demokratische Opposition will politische Mehrheiten gewinnen, Gesetze verändern und Entscheidungen korrigieren. Extremistische Bewegungen stellen dagegen grundlegende Regeln des demokratischen Systems infrage, weil sie diese als Hindernis ihrer eigenen Ziele begreifen.
Nicht jede radikale Forderung ist extremistisch. Nicht jeder Sozialist lehnt die freiheitliche Demokratie ab. Und selbstverständlich ist auch die kapitalistische Wirtschaftsordnung kein unantastbares Dogma.
Aber Menschenrechte, politische Freiheit, Gewaltenteilung und demokratischer Pluralismus dürfen nicht zur Verhandlungsmasse einer revolutionären Bewegung werden.
Gerade deshalb sind die Befunde über autoritäre Verklärung innerhalb der Linksjugend so besorgniserregend.
Wer historische Diktaturen als politisches Vorbild betrachtet, kann nicht glaubwürdig behaupten, die Freiheit stehe bedingungslos im Zentrum seines politischen Denkens.
Boris Rhein und Joachim Herrmann benennen ein reales Problem
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann haben die Äußerungen Schwertdtners nun scharf kritisiert.
Rhein warnt vor der Relativierung linksextremer Gewalt und fordert, Extremismus unabhängig von seiner politischen Herkunft zu bekämpfen.
Herrmann geht noch weiter und bezeichnet die Linken-Vorsitzende als Gefahr für Deutschland.
Das sind politische Bewertungen, keine gerichtlichen Feststellungen. Sie müssen sich ebenso an den Tatsachen messen lassen wie die Aussagen der kritisierten Parteivorsitzenden.
In einem entscheidenden Punkt ist den beiden Unionspolitikern jedoch zuzustimmen: Der demokratische Rechtsstaat darf bei politischem Extremismus keine unterschiedlichen Maßstäbe anlegen.
Wer rechtsextreme Gewalt verurteilt, darf bei linksextremer Gewalt nicht nach gesellschaftlichen Rechtfertigungen suchen. Wer demokratiefeindliche Vorstellungen am rechten Rand bekämpft, muss dieselbe Konsequenz gegenüber autoritären Ideologien von links aufbringen.
Gerade eine Gesellschaft, die aus den Erfahrungen zweier deutscher Diktaturen gelernt haben will, sollte diese Selbstverständlichkeit nicht immer wieder neu verhandeln müssen.
Die eigentliche Gefahr: Eine Partei, die ihre radikalen Ränder nicht überzeugend begrenzt
Die Gefahr, die von Teilen der Linkspartei ausgeht, liegt nicht allein in einzelnen Funktionären mit extremistischen Vorstellungen.
Sie liegt in einer politischen Kultur, in der radikale Positionen mitunter zum Ausweis besonderer Entschlossenheit werden, während der nüchterne demokratische Ausgleich an Ansehen verliert.
Ines Schwerdtner steht als Parteivorsitzende in einer besonderen Verantwortung.
Sie muss nicht nur erklären, welche Gesellschaft ihre Partei anstrebt. Sie muss auch glaubwürdig vermitteln, welche Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele grundsätzlich ausgeschlossen sind und welche Grenzen auch die eigenen Anhänger niemals überschreiten dürfen.
Dazu gehört eine vorbehaltlose Absage an politische Gewalt, eine eindeutige Haltung gegen Antisemitismus und die konsequente Zurückweisung jeder Verherrlichung totalitärer Systeme.
Vor allem aber gehört dazu eine politische Sprache, die nicht ständig neue Feindbilder produziert.
Eine Parteivorsitzende, die Vertrauen in demokratische Institutionen untergräbt oder deren Legitimität durch zweideutige Formulierungen infrage stellt, gefährdet langfristig mehr als das Ansehen ihrer eigenen Partei.
Sie trägt zur Erosion jener gemeinsamen demokratischen Grundlagen bei, ohne die auch linke Opposition nicht frei existieren könnte.
Schwerdtners politische Gefährlichkeit liegt deshalb aus meiner Sicht weniger in einer nachgewiesenen Absicht zur Gewalt als in der möglichen Normalisierung eines Politikverständnisses, das Konfrontation belohnt und institutionelle Verantwortung geringschätzt.
Das ist keine strafrechtliche Anschuldigung, sondern eine politische Kritik an ihrer Führungsrolle.
Eine Demokratie braucht mündige Bürger, keine permanente Empörungsgemeinschaft
Die vielleicht größte Ironie besteht darin, dass sich die radikale Linke bevorzugt als Bewegung gesellschaftlicher Emanzipation präsentiert.
Sie verspricht Befreiung von Unterdrückung, Bevormundung und ungerechten Machtverhältnissen.
Doch wirkliche Emanzipation setzt politische Mündigkeit voraus.
Mündige Bürger begreifen, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet. Sie akzeptieren, dass ihre eigene Überzeugung nicht automatisch richtig ist. Sie erkennen an, dass politische Gegner dieselben Grundrechte besitzen wie sie selbst.
Und sie wissen, dass sich gesellschaftliche Probleme nicht dadurch lösen lassen, dass man sie in moralische Parolen übersetzt.
Gerade diese Erkenntnis scheint in Teilen der radikalen Linken immer stärker verloren zu gehen.
Wo historische Diktaturen verklärt werden, fehlt das Verständnis für Freiheit.
Wo antisemitische Entgleisungen auftreten und nicht entschieden genug aufgearbeitet werden, fehlt die Glaubwürdigkeit des eigenen humanistischen Anspruchs.
Wo staatliche Institutionen pauschal als Gegner erscheinen, wird demokratisches Vertrauen beschädigt.
Und wo jede politische Auseinandersetzung zur moralischen Endschlacht erklärt wird, verliert die Gesellschaft die Fähigkeit zum vernünftigen Kompromiss.
Die deutsche Demokratie ist robust genug, um auch radikale politische Positionen auszuhalten. Sie muss Kritik, Protest und unbequeme Opposition nicht nur tolerieren, sondern schützen.
Gerade deshalb muss sie umso entschiedener auf ihren unverzichtbaren Grundlagen bestehen.
Die Linke ist als demokratisch gewählte Partei Bestandteil des politischen Systems. Daraus folgt aber keineswegs, dass ihre politischen Vorstellungen, ihre Führung oder ihre innerparteiliche Kultur von grundsätzlicher Kritik ausgenommen wären.
Im Gegenteil.
Die Demokratie wird nicht erst dann bedroht, wenn jemand offen ihre Abschaffung fordert. Sie kann auch dadurch geschwächt werden, dass ihre Institutionen verächtlich gemacht, ihre Regeln selektiv akzeptiert und ihre notwendigen Kompromisse als moralisches Versagen dargestellt werden.
Die Linksjugend zeigt, wohin ideologische Geschichtsvergessenheit führen kann. Die jüngsten Äußerungen von Ines Schwerdtner werfen die Frage auf, ob die Parteiführung die damit verbundenen Gefahren ausreichend ernst nimmt.
Eine Partei, die glaubwürdig für soziale Gerechtigkeit eintreten will, muss zunächst beweisen, dass sie demokratische Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und politische Verantwortung nicht nur dann verteidigt, wenn diese ihren eigenen Zielen dienen.
Denn eine Demokratie braucht keine selbsternannten moralischen Erlöser.
Sie braucht erwachsene Demokraten.
Und genau daran muss sich Die Linke messen lassen.
Geschrieben von
Als nächstes lesen
France 2 zeigt, was alle sehen sollten!
France 2 zeigte Ausschreitungen in Paris ausführlich – und geriet dafür unter Druck. Dabei unterscheidet der Sprechertext ausdrücklich zwischen friedlichem Protest und Gewalt. Ein Kommentar darüber, warum öffentlich-rechtliche Sender unbequeme Tatsachen zeigen müssen und Kritik präzise bleiben muss.
CDU will vor der AfD-Wahl fliehen – doch einer bleibt sitzen
Die CDU will bei der Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt den Saal verlassen. Guido Heuer macht nicht mit. Warum ein einzelner Abgeordneter den Konflikt um die Brandmauer neu entfacht.
Milliarden unter Verdacht – und der Beitragszahler soll weiter bluten
Mehr als 20 Milliarden Euro jährlich könnten durch Betrug und Korruption im deutschen Gesundheitswesen verloren gehen. Trotz jahrelanger Warnungen fehlen verlässliche Zahlen. Während Versicherte höhere Beiträge zahlen, beginnt die systematische Aufklärung erst jetzt.
DIE ROTE LACHNUMMER – AUSGABE NR. 5
Berlin soll zum roten Leuchtturm werden. Doch das neue ZDF-Politbarometer zeigt: 56 Prozent der Deutschen beurteilen eine mögliche rot-grün-rote Landesregierung negativ. Die rote Lachnummer über politische Strahlkraft und ein Publikum, das lieber den Kurs ändert.
Trappes: Frankreichs gefährliche Spirale des Hasses
Ein Toter, fünf Verletzte: Der Anschlag von Trappes erschüttert eine Stadt mit einer langen Geschichte islamistischer Radikalisierung. Frankreich steht nach schweren Unruhen vor der Frage, wie es die Eskalation extremistischer Gewalt stoppen kann.
France 2 zeigt, was alle sehen sollten!
France 2 zeigte Ausschreitungen in Paris ausführlich – und geriet dafür unter Druck. Dabei unterscheidet der Sprechertext ausdrücklich zwischen friedlichem Protest und Gewalt. Ein Kommentar darüber, warum öffentlich-rechtliche Sender unbequeme Tatsachen zeigen müssen und Kritik präzise bleiben muss.