Das Ende des digitalen Briefgeheimnisses? Warum die EU-Chatkontrolle jeden betrifft – und wie du dich schützt

Die EU-Chatkontrolle ist zurück und entfacht die Debatte über Massenüberwachung, Verschlüsselung und digitale Freiheit neu. Der Artikel erklärt, was wirklich beschlossen wurde, welche Risiken Bürger und Unternehmen treffen und wie man Chats, E-Mails und sensible Daten wirksam schützt.

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Das Ende des digitalen Briefgeheimnisses? Warum die EU-Chatkontrolle jeden betrifft – und wie du dich schützt
EU-Chatkontrolle: Privatsphäre jetzt schützen

Europas gefährlicher Irrtum: Kinderschutz darf kein Vorwand für Massenüberwachung werden

Die Europäische Union steht erneut vor einer netzpolitischen Grundsatzentscheidung, die weit über technische Detailfragen hinausgeht. Es geht nicht nur um Messenger, E-Mails oder Cloud-Dienste. Es geht um die Frage, ob private digitale Kommunikation künftig weiterhin denselben Schutz verdient wie ein verschlossener Brief – oder ob der Staat und große Plattformkonzerne die technische Möglichkeit erhalten, Kommunikation anlasslos zu durchsuchen.

Am 9. Juli 2026 hat das Europäische Parlament die Wiedereinsetzung vorläufiger Regeln unterstützt, die es großen Internetdiensten erlauben sollen, Inhalte freiwillig nach Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs zu durchsuchen. Diese Regeln waren ursprünglich 2021 eingeführt worden, liefen im April 2026 aus und sollen nun wiederbelebt werden. Wichtig ist: Es handelt sich nicht um das endgültige große „Chatkontrolle 2.0“-Gesetz, sondern um eine Übergangsregelung zur ePrivacy-Ausnahme. Ebenso wichtig ist aber: Genau diese Übergangsregelung normalisiert ein Prinzip, das in einem freiheitlichen Rechtsstaat niemals zur Routine werden darf – das automatisierte Durchleuchten privater Kommunikation ohne konkreten Verdacht.

Offiziell wird das Vorhaben mit einem unanfechtbar klingenden Ziel begründet: dem Kampf gegen Kindesmissbrauch. Niemand, der bei Verstand ist, stellt dieses Ziel infrage. Die Frage ist nicht, ob Kinder geschützt werden müssen. Die Frage ist, ob die permanente technische Durchsuchbarkeit privater Kommunikation tatsächlich Kinder schützt – oder ob sie am Ende vor allem eine Infrastruktur schafft, die sich später gegen jeden Bürger, jede Redaktion, jedes Unternehmen und jede politische Minderheit richten lässt.

Genau darin liegt der Kern des Problems: Die EU verhandelt nicht nur über Kinderschutz. Sie verhandelt über die Architektur der digitalen Gesellschaft.

Was wurde tatsächlich beschlossen – und was nicht?

Die Debatte wird oft absichtlich verwirrend geführt. Deshalb muss man sauber unterscheiden.

Erstens gibt es die sogenannte ePrivacy-Ausnahme. Sie erlaubt bestimmten Plattformen, freiwillig nach bereits bekanntem Missbrauchsmaterial oder nach Mustern zu suchen. Diese Ausnahme war befristet, lief im April 2026 aus und soll nun vorläufig wieder aktiviert werden. Reuters berichtet, dass die vom Parlament unterstützte Fassung Ende-zu-Ende-verschlüsselte Dienste wie WhatsApp, Telegram und Signal ausnimmt. Das ist ein wichtiger Punkt, weil dadurch die schlimmste Variante – das direkte verpflichtende Scannen verschlüsselter Chats – in dieser Übergangsregelung nicht enthalten ist.

Zweitens gibt es die größere, seit Jahren umkämpfte CSAM-Verordnung, die von Kritikern als „Chatkontrolle 2.0“ bezeichnet wird. Diese könnte deutlich weiter gehen, etwa durch Risikoanordnungen, verpflichtende Erkennungssysteme oder technische Eingriffe in private Kommunikation. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen. Die EU-Staaten haben zuletzt versucht, sich auf weniger zwingende Modelle zu verständigen, während Datenschützer, Bürgerrechtsorganisationen und Kryptografie-Experten weiterhin warnen, dass jede Scanning-Infrastruktur gefährlich ausweitbar ist.

Drittens gibt es die politische Realität: Was einmal als „freiwillig“, „temporär“ oder „nur für den äußersten Ausnahmefall“ eingeführt wird, bleibt in Brüssel selten klein. Übergangsregeln werden verlängert. Ausnahmen werden normalisiert. Technische Möglichkeiten erzeugen neue politische Begehrlichkeiten. Genau deshalb ist die heutige Debatte so entscheidend.

Warum diese Debatte jeden betrifft

Viele Bürger glauben, sie seien nicht betroffen. Sie schreiben keine illegalen Inhalte, betreiben keine dubiosen Geschäfte und haben nichts zu verbergen. Doch dieses Argument verkennt den Sinn von Grundrechten. Das Briefgeheimnis schützt nicht Kriminelle, sondern die Gesellschaft. Es schützt Ärzte, Anwälte, Journalisten, Unternehmer, Eltern, Oppositionelle, Whistleblower, Opfer von Gewalt, Mandanten, Patienten und ganz normale Familien.

Privatsphäre ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, frei denken, sprechen, recherchieren, lieben, zweifeln und planen zu können.

Wenn Menschen wissen oder auch nur befürchten müssen, dass private Nachrichten automatisiert analysiert werden, verändert sich ihr Verhalten. Sie formulieren vorsichtiger. Sie vermeiden heikle Themen. Sie schicken bestimmte Fotos nicht mehr. Sie sprechen mit Anwälten, Ärzten oder Journalisten weniger offen. Dieser Effekt heißt Chilling Effect: Die Überwachung muss nicht einmal aktiv gegen jeden eingesetzt werden. Es genügt, dass die Möglichkeit besteht. Der freie Bürger beginnt, sich selbst zu zensieren.

Damit wird die Chatkontrolle zur Kulturfrage. Es geht nicht nur um Technik. Es geht um Vertrauen.

Der technische Kern: Warum Client-Side Scanning so gefährlich ist

Das umstrittenste Konzept in dieser Debatte heißt Client-Side Scanning. Es bedeutet: Inhalte werden nicht erst auf einem Server analysiert, sondern direkt auf dem Gerät des Nutzers – also auf dem Smartphone, Tablet oder Computer. Die Nachricht wird geprüft, bevor sie verschlüsselt versendet wird oder nachdem sie auf dem Gerät entschlüsselt wurde.

Der politische Trick dahinter klingt zunächst elegant: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bleibt formal bestehen, weil der Transportweg weiterhin verschlüsselt ist. Technisch ist das aber eine Augenwischerei. Wenn eine Nachricht vor der Verschlüsselung auf dem Gerät analysiert wird, ist das digitale Briefgeheimnis trotzdem gebrochen. Es ist, als würde ein Postbeamter den Brief nicht unterwegs öffnen, sondern schon am Küchentisch mitlesen, bevor der Absender den Umschlag zuklebt.

Kryptografie-Experten warnen seit Jahren, dass solche Systeme die Sicherheitsarchitektur privater Kommunikation untergraben. Denn ein Gerät, das systematisch Inhalte kontrolliert, ist kein neutrales Werkzeug mehr. Es wird zum Kontrollpunkt. Und ein Kontrollpunkt, der heute nach einem bestimmten illegalen Inhalt sucht, kann morgen nach anderen Kategorien suchen.

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern normale technische Logik. Jede Klassifikationsinfrastruktur braucht Listen, Modelle, Regeln und Updates. Wer die Regeln kontrolliert, kontrolliert am Ende auch, wonach gesucht wird.

Die Rutschbahn: Von Kinderschutz zu politischer Kontrolle

Der stärkste Einwand gegen Chatkontrolle lautet nicht, dass Kinderschutz unwichtig sei. Der stärkste Einwand lautet, dass der Staat eine technische Infrastruktur aufbaut, die zwangsläufig Begehrlichkeiten weckt.

Heute geht es um Missbrauchsdarstellungen. Morgen kann es um Terrorpropaganda gehen. Übermorgen um Urheberrechtsverletzungen. Danach um „Desinformation“, „Hassrede“, „staatsgefährdende Inhalte“, „extremistische Symbolik“ oder „verbotene politische Kampagnen“. Jede einzelne Erweiterung wird wieder mit einem moralisch aufgeladenen Ziel begründet werden. Und jedes Mal wird die technische Hürde niedriger sein, weil die Infrastruktur bereits existiert.

Genau so entstehen Überwachungsstaaten selten über Nacht. Sie entstehen durch Ausnahmen, Krisenrhetorik, moralischen Druck und technische Gewöhnung.

Wer heute sagt, „es betrifft ja nur die Bösen“, sollte sich fragen, wer morgen definiert, wer die Bösen sind.

False Positives: Wenn harmlose Menschen ins Raster geraten

Automatisierte Erkennungssysteme sind nie fehlerfrei. Sie arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten, Hashes, Bildmustern, Kontextsignalen und maschinellem Lernen. Das mag bei bereits eindeutig bekanntem illegalem Material relativ zuverlässig sein. Problematisch wird es aber dort, wo Algorithmen neue Inhalte, Bilder, private Fotos oder Kommunikation bewerten sollen.

Ein harmloses Familienfoto vom Strand, ein medizinisches Bild, ein Chat zwischen Eltern und Kinderarzt, eine private Nachricht zwischen Partnern oder ein journalistischer Recherchekontakt kann in falsche Zusammenhänge geraten. Solche Fehler heißen False Positives. Für den Betroffenen sind sie nicht abstrakt. Sie können zur Sperrung von Accounts, zum Verlust von Cloud-Zugängen, zu polizeilichen Ermittlungen, zu Stigmatisierung und zu existenziellen Schäden führen.

Besonders gefährlich ist dabei die Macht der großen Plattformen. Wer heute sein Google-Konto verliert, verliert nicht nur E-Mail. Er verliert oft Fotos, Dokumente, Kalender, Kontakte, YouTube-Zugang, Android-Backups, Zahlungsdienste und geschäftliche Identität. Wer sein Apple-Konto verliert, verliert unter Umständen Zugriff auf iCloud, Gerätefunktionen, Käufe und Familienfreigaben. Wer von Meta gesperrt wird, verliert Kommunikationskanäle, Reichweite und oft auch Geschäftskontakte.

Die Chatkontrolle ist deshalb nicht nur ein Datenschutzproblem. Sie ist ein Machtproblem.

Warum Unternehmen besonders gefährdet sind

Für Firmen ist vertrauliche Kommunikation kein romantisches Freiheitsideal, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Unternehmen tauschen Produktideen, Quellcode, Verträge, Finanzdaten, Personalinformationen, Patentanmeldungen, Fusionspläne, Kundendaten und strategische Dokumente digital aus.

Wenn Kommunikation oder Anhänge systematisch durch Plattformen analysiert werden, entsteht ein strukturelles Risiko. Selbst wenn die Anbieter versichern, dass nur bestimmte Kategorien geprüft werden, bleibt die Frage: Wer kontrolliert die Prüfmechanismen? Wer protokolliert die Treffer? Wer hat Zugriff auf verdächtige Inhalte? Welche Behörden können Abfragen stellen? Welche Dienstleister sind beteiligt? Welche Daten verlassen die EU? Welche Schnittstellen entstehen?

Für Start-ups, Mittelständler, Kanzleien, Arztpraxen, Redaktionen und internationale Unternehmen ist das keine Nebensache. Vertraulichkeit ist ein Standortfaktor. Europa redet ständig von digitaler Souveränität. Gleichzeitig schafft es Rahmenbedingungen, die europäische Unternehmen in die Arme außereuropäischer Infrastruktur treiben oder sie zwingen, selbst teure Sicherheitsarchitekturen aufzubauen.

Was VPNs leisten – und was nicht

Viele Nutzer glauben, ein VPN schütze sie automatisch vor Chatkontrolle. Das ist falsch.

Ein VPN verschlüsselt den Datenverkehr zwischen deinem Gerät und dem VPN-Server. Es verbirgt deine IP-Adresse gegenüber Webseiten und erschwert deinem Internetanbieter das Mitlesen deines Surfverhaltens. Ein VPN kann sinnvoll sein, wenn du in unsicheren WLANs arbeitest, Geoblocking umgehen willst oder dich gegen Provider-Tracking schützen möchtest.

Gegen Client-Side Scanning hilft ein VPN jedoch nicht. Wenn die Analyse direkt auf deinem Gerät oder innerhalb der App stattfindet, ist der Datenverkehr noch gar nicht beim VPN angekommen. Der Scanner sieht den Inhalt, bevor der Tunnel überhaupt eine Rolle spielt.

Kurz gesagt: Ein VPN schützt den Transportweg. Es schützt nicht automatisch den Inhalt auf deinem Gerät.

Empfehlenswerte VPN-Anbieter für allgemeine Privatsphäre sind etwa Proton VPN, Mullvad oder IVPN. Sie sind aber kein Allheilmittel gegen gesetzlich erzwungene App- oder Gerätescans.

Sichere Messenger: Was heute sinnvoll ist

Für private Kommunikation bleibt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung die wichtigste Schutzmaßnahme. Sie sorgt dafür, dass nur Sender und Empfänger eine Nachricht lesen können – nicht der Betreiber des Dienstes.

Signal ist derzeit die naheliegendste Empfehlung für die meisten Nutzer. Der Dienst setzt auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, ist gemeinnützig organisiert, werbefrei und verwendet das offene Signal Protocol. Signal selbst erklärt, dass es Nachrichten und Anrufe nicht lesen oder mithören kann.
Link: signal.org

Threema ist eine gute Alternative für Nutzer, die möglichst wenig über Telefonnummern laufen lassen wollen. Der Dienst stammt aus der Schweiz, ist auf Vertraulichkeit ausgelegt und bietet Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Nachrichten, Anrufe und Dateien.
Link: threema.com

SimpleX Chat geht noch weiter und verzichtet nach eigenen Angaben sogar auf klassische Nutzerkennungen. Verbindungen werden über Links oder QR-Codes hergestellt. Das macht den Dienst für besonders sensible Kontakte interessant, ist aber für normale Nutzer weniger komfortabel.
Link: simplex.chat

WhatsApp bietet zwar Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Nachrichten, gehört aber zu Meta. Für Alltagskommunikation ist WhatsApp praktisch, für wirklich vertrauliche Gespräche sollte man wegen Metadaten, Konzernstruktur und Ökosystembindung vorsichtiger sein.

Telegram wird oft fälschlich als sicherer Messenger verstanden. Normale Telegram-Chats sind nicht standardmäßig Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Wer Telegram nutzt, sollte zumindest wissen, dass nur „geheime Chats“ dieses Schutzniveau bieten.

Sichere E-Mail: Warum normale Mail eine Postkarte ist

E-Mail ist alt, robust und universell – aber standardmäßig nicht vertraulich. Normale E-Mails sind eher mit Postkarten vergleichbar als mit verschlossenen Briefen. Transportverschlüsselung per TLS schützt den Weg zwischen Servern, aber nicht zwingend den Inhalt vor dem Anbieter selbst. Server können E-Mails speichern, scannen, indexieren oder auf rechtliche Anfragen herausgeben.

Für sensible Kommunikation ist daher entscheidend, ob Inhalte Ende-zu-Ende verschlüsselt werden oder ob der Anbieter technisch Zugriff auf Klartext hat.

Proton Mail ist eine der bekanntesten Alternativen zu Gmail und Outlook. Proton wirbt mit Datenschutz, Verschlüsselung und einem Schweizer Standort. Zwischen Proton-Nutzern werden E-Mails automatisch Ende-zu-Ende verschlüsselt; für externe Empfänger gibt es passwortgeschützte Optionen.
Link: proton.me/mail

Tuta bietet verschlüsselte E-Mail und Kalenderfunktionen, setzt auf Open Source Clients und betont eine Zero-Knowledge-Architektur. Besonders interessant ist Tuta für Nutzer, die ein möglichst geschlossenes, datenschutzorientiertes Mail-Ökosystem suchen.
Link: tuta.com

Thunderbird ist kein Mailanbieter, sondern ein freier Desktop-Mailclient. Sein Vorteil liegt darin, dass Nutzer verschiedene Mailkonten bündeln und OpenPGP-Verschlüsselung direkt verwenden können. Für Journalisten, Anwälte, Aktivisten und Unternehmen ist Thunderbird mit sauber eingerichteten Schlüsseln ein starkes Werkzeug.
Link: thunderbird.net

FairEmail ist ein privacy-fokussierter Open-Source-Mailclient für Android. Er funktioniert mit vielen bestehenden Mailanbietern und ist besonders für Nutzer interessant, die ihre mobile E-Mail-Kommunikation kontrollierter und transparenter organisieren wollen.
Link: email.faircode.eu

Welche Anbieter man für sensible Kommunikation meiden sollte

Gmail, Outlook, iCloud und Yahoo Mail sind für Alltagskommunikation bequem. Für wirklich sensible Kommunikation sind sie aber problematisch, weil sie Teil großer Plattformökosysteme sind. Diese Dienste sind eng mit Werbung, Cloud-Speicherung, Betriebssystemen, Geräteidentität, Suchfunktionen und automatisierter Analyse verbunden. Selbst wenn einzelne Anbieter bestimmte Inhalte nicht zu Werbezwecken scannen, bleibt das Grundproblem bestehen: Der Nutzer hat nur begrenzte Kontrolle über Infrastruktur, Protokolle, Metadaten und rechtliche Zugriffspunkte.

Das heißt nicht, dass jeder sofort sein Gmail-Konto löschen muss. Es heißt aber: Wer mit Anwälten, Ärzten, Informanten, Geschäftspartnern oder vertraulichen Quellen kommuniziert, sollte dafür nicht die bequemste Standardlösung verwenden, sondern einen separaten, bewusst abgesicherten Kanal.

Die Königsdisziplin: Der eigene Mailserver

Die höchste Form digitaler Souveränität ist ein eigener Mailserver. Damit kontrollierst du Domain, Postfächer, Serverstandort, Logs, Spamfilter, Backups und Verschlüsselungsstrategie selbst.

Das klingt attraktiv – und ist es auch. Aber es ist kein Spielzeug. Ein eigener Mailserver verlangt Disziplin, Wartung und technisches Verständnis. Wer ihn schlecht konfiguriert, landet im Spam, wird missbraucht oder verliert E-Mails.

Für technisch versierte Nutzer und kleine Organisationen sind folgende Lösungen interessant:

Mailcow ist eine populäre Docker-basierte Mailserver-Suite mit Postfix, Dovecot, Rspamd, SOGo und Admin-Oberfläche. Sie eignet sich für Nutzer, die eine relativ vollständige Lösung wollen und Docker beherrschen.
Link: mailcow.email

Docker Mailserver ist schlanker und modularer. Es eignet sich für Administratoren, die ihre Infrastruktur stärker selbst kontrollieren wollen.
Link: docker-mailserver.github.io

Mail-in-a-Box ist eine vereinfachte Komplettlösung für eigene Mailserver. Sie ist eher für Nutzer gedacht, die einen klaren, standardisierten Weg wollen.
Link: mailinabox.email

aaPanel ist ein allgemeines Server-Panel, mit dem sich Web- und Maildienste verwalten lassen. Es ist komfortabel, aber wer maximale Sicherheit will, sollte Panels grundsätzlich kritisch prüfen und nur sauber gehärtet einsetzen.
Link: aapanel.com

Technisch zwingend sind bei einem eigenen Mailserver: SPF, DKIM, DMARC, korrekte Reverse-DNS-Einträge, TLS-Zertifikate, gute IP-Reputation, regelmäßige Updates, Backups, Monitoring und Schutz gegen offene Relays. Ohne diese Grundlagen wird der eigene Server schnell zur Belastung.

Praktische Checkliste: So schützt du dich ab heute

  1. Nutze für vertrauliche Chats Signal oder Threema statt SMS, Facebook Messenger oder unverschlüsselter Telegram-Chats.
  2. Verwende für sensible E-Mails Proton Mail, Tuta oder Thunderbird mit OpenPGP.
  3. Trenne Alltagskommunikation und vertrauliche Kommunikation. Ein Konto für Newsletter, Shops und Plattformen; ein anderes für Anwälte, Ärzte, Quellen und Geschäftliches.
  4. Aktiviere Zwei-Faktor-Authentifizierung – aber möglichst mit Authenticator-App oder Hardware-Key, nicht nur per SMS.
  5. Speichere private Fotos, Ausweise, Verträge und intime Dokumente nicht automatisch in Big-Tech-Clouds.
  6. Prüfe App-Berechtigungen. Messenger brauchen nicht dauerhaft Zugriff auf Mikrofon, Kamera, Kontakte und Standort.
  7. Halte Betriebssysteme aktuell, aber installiere nicht blind jede App aus unbekannten Quellen.
  8. Nutze ein VPN für unsichere Netzwerke – aber verstehe, dass es nicht gegen lokale Gerätescans schützt.
  9. Sichere wichtige Daten lokal und verschlüsselt, etwa auf externen Laufwerken.
  10. Für Unternehmen: Führt verbindliche Kommunikationsrichtlinien ein. Nicht jeder Kanal ist für jede Information geeignet.

Das eigentliche Problem: Europa verliert Vertrauen

Die EU spricht gern von Grundrechten, Datenschutz und digitaler Souveränität. Gleichzeitig entstehen immer neue Regulierungen, die Bürger und Unternehmen in eine paradoxe Lage bringen: Sie sollen der Digitalisierung vertrauen, während dieselbe Politik technische Kontrollmechanismen legalisiert.

Das ist gefährlich. Denn digitale Gesellschaften funktionieren nur, wenn Bürger darauf vertrauen können, dass private Kommunikation privat bleibt. Ohne dieses Vertrauen ziehen sich Menschen zurück. Sie verschlüsseln stärker. Sie weichen auf ausländische Dienste aus. Sie bauen Schatteninfrastrukturen. Sie misstrauen Behörden. Sie verlieren den Glauben daran, dass der Rechtsstaat ihre Freiheit schützt.

Ein Staat, der Kinderschutz ernst nimmt, muss Täter verfolgen, internationale Ermittlungsarbeit verbessern, Opfer schützen, Plattformen bei konkreten Hinweisen zur Kooperation zwingen und Polizeibehörden technisch ausstatten. Aber er darf nicht die private Kommunikation aller Bürger unter Generalverdacht stellen.

Fazit: Digitale Selbstverteidigung ist Bürgerpflicht geworden

Die Chatkontrolle ist mehr als ein Gesetzgebungsverfahren. Sie ist ein Testfall dafür, ob Europa das digitale Briefgeheimnis noch ernst nimmt. Die aktuelle Übergangsregelung mag weniger weit gehen als die radikalsten Entwürfe. Sie mag Ende-zu-Ende-verschlüsselte Dienste vorerst ausnehmen. Doch politisch bleibt sie ein gefährliches Signal: Private Kommunikation wird nicht mehr selbstverständlich als geschützter Raum behandelt, sondern zunehmend als Datenstrom, der bei passender Begründung analysiert werden darf.

Wer Freiheit will, darf sich nicht allein auf politische Versprechen verlassen. Er muss seine digitale Infrastruktur selbst ernst nehmen.

Sichere Messenger, verschlüsselte E-Mail, bewusste Anbieterwahl, getrennte Kommunikationskanäle, eigene Backups und – für Fortgeschrittene – eigene Server sind keine Spielereien für Nerds mehr. Sie sind die Werkzeuge einer Gesellschaft, die verstanden hat, dass Freiheit im 21. Jahrhundert nicht nur in Verfassungen verteidigt wird, sondern auch in Apps, Protokollen, Schlüsseln und Serverkonfigurationen.

Der freie Bürger der Zukunft ist nicht derjenige, der „nichts zu verbergen“ hat. Es ist derjenige, der verstanden hat, dass Privatsphäre kein Versteck ist, sondern die technische Voraussetzung für Würde, Freiheit und Demokratie.


Sichere Messenger
Signal: https://signal.org/
Threema: https://threema.com/
SimpleX Chat: https://simplex.chat/

Sichere E-Mail-Anbieter und Clients
Proton Mail: https://proton.me/mail
Tuta: https://tuta.com/
Thunderbird: https://www.thunderbird.net/
FairEmail: https://email.faircode.eu/

Eigener Mailserver / Selbsthosting
Mailcow: https://mailcow.email/
Docker Mailserver: https://docker-mailserver.github.io/docker-mailserver/latest/
Mail-in-a-Box: https://mailinabox.email/
aaPanel: https://www.aapanel.com/

VPN für allgemeine Privatsphäre
Proton VPN: https://protonvpn.com/
Mullvad: https://mullvad.net/
IVPN: https://www.ivpn.net/

Quellen und weiterführende Informationen

Reuters: EU-Parlament unterstützt Wiedereinsetzung der vorläufigen CSAM/ePrivacy-Regeln; Ende-zu-Ende-verschlüsselte Dienste werden in der aktuellen Fassung ausgenommen.
Europäisches Parlament: Plenaragenda zur Wiedereinsetzung der ePrivacy-Ausnahme gegen Kindesmissbrauchsdarstellungen.
EDRi: Kritische Analyse zur Chatkontrolle, freiwilligem Scanning und Risiken für Privatsphäre.
Proton, Tuta, Signal, Threema und SimpleX: Eigendarstellungen zu Verschlüsselung, Datenschutz und Sicherheitsarchitektur.


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