Der 160-Zeichen-Intellekt
Fast niemand liest mehr, was er teilt. Die Schnipsel-Demokratie auf Social Media züchtet eine gefährliche Blindheit heran: Wer komplexe Realitäten ignoriert, fordert infantile Politik. Eine unerbittliche Gesellschaftskritik.
Warum die Flucht vor der Komplexität uns ruiniert
Wir erleben nicht nur eine Krise der Medien – wir erleben den schleichenden Bankrott der westlichen Diskursfähigkeit. Und fast niemand wagt es, das Kind beim Namen zu nennen: Ein erschreckend großer Teil unserer Gesellschaft ist intellektuell schlichtweg verwahrlost. Sie sind unfähig geworden, komplexe Zusammenhänge zu begreifen, weil ihr Gehirn im Sekundentakt der Algorithmen nur noch auf emotionale Reiz-Reaktions-Muster anspringt.
Das größte und zugleich am besten gehütete Geheimnis der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie lautet: Fast niemand liest mehr, was er teilt. Die Zahlen der Digitalverlage sind ein Offenbarungseid. Die Klickrate für tiefgründige journalistische Arbeiten dümpelt im Social-Media-Rauschen bei erbärmlichen ein bis zwei Prozent. Noch verheerender: Über drei Viertel aller geteilten Links werden weiterverbreitet, ohne dass die teilende Person jemals darauf geklickt hat. Es ist ein rein Pawlow’scher Reflex. Man sieht ein Trigger-Wort, verspürt die gewohnte Dosis Wut oder Selbstbestätigung, drückt auf „Teilen“ und wähnt sich als politisch aktiver Bürger.
In Wahrheit ist es die totale Selbstinszenierung der eigenen Ahnungslosigkeit.