Der Kanzler als Sittenwächter der Ferne
Merz warnt vor den USA – doch daheim explodiert die Gewalt. Während der Kanzler das Klima in Übersee rügt, erodiert die Sicherheit in deutschen Städten. Steigende Messerdelikte, Gruppenvergewaltigungen sowie Angriffe auf Juden und Queere zeigen: Das reale Risiko liegt vor der eigenen Haustür.
Glashaus Bundeskanzleramt: Warum Friedrich Merz beim Blick nach Amerika die deutsche Realität übersieht
Ein Essay über die gefährliche Doppelmoral der politischen Führung, die Erosion der inneren Sicherheit und das verdrängte Klima der Angst in deutschen Großstädten.
Der Kanzler als Sittenwächter der Ferne
Es war ein Auftritt, der wie maßgeschneidert wirkte für das bürgerlich-kirchliche Milieu des Katholikentags in Würzburg. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), elegant, staatsmännisch und sichtlich bemüht, das moralische Gewissen der Nation zu verkörpern, fand deutliche Worte für die Lage auf der anderen Seite des Atlantiks. Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Polarisierung in den USA unter Präsident Donald Trump holte der Regierungschef zu einem bemerkenswerten rhetorischen Rundumschlag aus:
„Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen, dort ausgebildet zu werden und dort zu arbeiten, einfach weil sich dort plötzlich ein gesellschaftliches Klima entwickelt hat.“
Merz, der sich selbst gern als „großer Bewunderer Amerikas“ inszeniert, fügte kühl hinzu, dass seine Bewunderung „im Augenblick nicht zunimmt“.
Die Botschaft, die zwischen den Zeilen mitschwang, war unmissverständlich: Seht her, dort drüben im Reich von Donald Trump herrscht ein raues, toxisches und unberechenbares Klima, vor dem man die nachfolgende Generation schützen muss. Das Weiße Haus reagierte prompt und gewohnt rabiat; Trump ließ verlauten, es sei „kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht geht, sowohl wirtschaftlich als auch in anderer Hinsicht“.