Der nukleare Schatten
Eine deutsch-österreichische Doppellehre
Es ist ein grauer Vormittag im April 2026. Wer am Alpennordrand zwischen Garmisch-Partenkirchen und dem Inntal gen Himmel blickt, sieht eine bleierne Ruhe. Über den Hügeln Oberbayerns rührt sich kein Blatt; die gewaltigen Rotoren der Windparks stehen in bizarrer Unbeweglichkeit erstarrt – eine sogenannte „Dunkelflaute“ hat die Region im Griff. Wenige Kilometer weiter südlich, in den Tiroler Hochtälern, zeigt sich ein ähnliches Bild der Stagnation: Die Gebirgsbäche führen nach einem kalten März noch kaum Schmelzwasser, die Pegel der Speicherseen sind auf dem jahreszeitlichen Tiefpunkt.
In den Hauptstädten Berlin und Wien wird zu dieser Stunde dennoch das Hohelied der Energiewende gesungen. Deutschland feiert seine installierte Windkapazität von über 70 Gigawatt, und Österreich verweist stolz auf eine Stromrechnung, die bilanziell zu fast 80 % aus erneuerbaren Quellen gespeist wird. Es ist die Idylle der „grünen Musterschüler“.
Doch wer heute, am 24. April 2026, in die Live-Daten der Übertragungsnetzbetreiber blickt, erkennt die Bruchstelle dieser Erzählung. Das Suchvolumen bei Google zu Begriffen wie „Strommix aktuell“ und „Kernkraft Importe“ ist in dieser Woche sprunghaft angestiegen. Das ist kein Zufall. Die Menschen spüren die Diskrepanz zwischen der politischen Rhetorik und der monatlichen Abrechnung. Während die Sonne hinter Wolken verschwindet und der Wind schläft, pulsiert unter der Erde eine unsichtbare Lebensader: die nukleare Nabelschnur.
In diesem Moment fließen laut Entsoe Transparency Platform rund 4.500 Megawatt aus dem französischen Netz Richtung Osten, während tschechische Kernkraftwerke an der Grenze zu Niederösterreich auf Volllast laufen. Es ist eine physikalische Realität, die in den nationalen Statistiken oft unter „Import-Saldo“ versteckt wird.
Die nackten Zahlen des Vormittags:
- Deutschland: Importiert aktuell netto ca. 12 % seines Bedarfs, primär um die fehlende Grundlast der abgeschalteten eigenen Reaktoren zu kompensieren.
- Österreich: Deckt fast 20 % seiner Last durch Zukäufe, da die heimische Wasserkraft im April 2026 witterungsbedingt nur 35 % ihrer Sommerkapazität liefert.
Die DACH-Region hat sich eine moralische weiße Weste erkauft, indem sie das systemkritische Risiko der Grundlastversorgung einfach über die Grenze geschoben hat. Wir feiern die Abschaltung der letzten Meiler, während wir gleichzeitig die Leitungen zu jenen Nachbarn verstärken, die den „nuklearen Schutzschirm“ über unseren Industriestandort aufrechterhalten.
Hinter der Idylle der stillstehenden Windräder verbirgt sich kein grüner Triumph, sondern eine gefährliche technologische Abhängigkeit. Die Leitung glüht – doch der Strom, der uns vor dem Blackout bewahrt, trägt nicht das Siegel der heimischen Energiewende.
Deutschland – Die Wette auf den Wind und der „Import-Poker“
Der deutsche Weg in der Energiepolitik wird im Ausland oft als „German Mut“ oder schlicht als ökonomisches Waghalsnis beobachtet. Im April 2026 zeigt sich die Achillesferse dieser Strategie deutlicher denn je. Deutschland hat eine Wette abgeschlossen: Man setzt auf die schiere installierte Kapazität von Wind- und Solaranlagen, in der Hoffnung, dass die schiere Menge die mangelnde Stetigkeit ausgleicht.
Die statistische Falle: Die Bundesnetzagentur meldete für das Jahr 2025 einen massiven Ausbau der Windkraft an Land auf über 64 Gigawatt (GW). Doch Zahlen wie diese sind im April 2026 Augenwischerei, wenn man die gesicherte Leistung betrachtet. An Tagen wie heute, an denen ein stabiles Hochdruckgebiet über Mitteleuropa lastet, liefern diese 64 GW oft weniger als 1 % ihrer Nennleistung.
- Der fatale Zeitpunkt: Am 15. April 2023 gingen die letzten drei deutschen Kernkraftwerke (Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2) vom Netz. Sie lieferten bis zuletzt rund 30 TWh CO2-armen Grundlaststrom pro Jahr – wetterunabhängig und mit einer Verfügbarkeit von über 90 %.
- Die Lücke: Im ersten Quartal 2026 musste Deutschland diesen Verlust durch zwei Quellen kompensieren: Erdgas und Importe. Laut Fraunhofer ISE stiegen die Redispatch-Maßnahmen (Eingriffe zur Netzstabilisierung) im Jahr 2025 auf Kosten von über 3,5 Milliarden Euro – ein Rekordwert, der direkt auf die Netzentgelte der Verbraucher umgelegt wurde.
Der „nukleare Import-Poker“: Die Daten des Marktstammdatenregisters und der europäischen Strombörse EEX zeigen ein preistreibendes Muster. Da Deutschland seine eigene Grundlastbasis zerstört hat, ist es zum Spielball der Nachbarn geworden.
- Frankreich als Lebensversicherung: Im Winterhalbjahr 2025/2026 war Deutschland in fast jeder zweiten Nacht Netto-Importeur von Strom aus Frankreich. Die physischen Lastflüsse an den Grenzknotenpunkten (wie der Leitung Ensdorf–Vigy) belegen: Wenn in Deutschland die Lichter brennen, während der Wind ruht, speisen die französischen Reaktoren des Typs EPR und Paluel direkt das deutsche Netz.
- Die CO2-Lüge: Offiziell senkt Deutschland seinen CO2-Ausstoß im Stromsektor. Doch die Wahrheit ist: Durch den Import von Atomstrom aus Frankreich und Tschechien wird der deutsche Fußabdruck lediglich „exportiert“. Würde man den real verbrauchten Strommix (inklusive Importe) bewerten, läge der CO2-Wert pro Kilowattstunde im April 2026 nicht bei den politisch kommunizierten 350 g/kWh, sondern real bei über 420 g/kWh, da auch tschechischer Kohlestrom die Lücken füllen muss.
Namen und Verantwortlichkeiten: Wirtschaftsexperten wie Prof. Dr. Manuel Frondel vom RWI (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) warnen bereits seit 2024 vor der „Deindustrialisierung durch Energiearmut“. Im April 2026 ist diese Warnung Realität geworden: Große Chemiekonzerne wie die BASF haben Teile ihrer Produktion bereits dauerhaft aus Deutschland abgezogen, da die Strompreise am Terminmarkt für 2027/28 (Base Load) in Deutschland bei ca. 95 €/MWh liegen – während sie in Frankreich dank des Plan Nucléaire bei stabilen 45 €/MWh gedeckelt werden konnten.
Der „Fehler“ Deutschlands war nicht der Ausbau der Erneuerbaren, sondern die Annahme, man könne ein Industrieland ohne eigenen rotierenden Massenspeicher (Grundlast) betreiben, ohne in eine fatale Abhängigkeit und Kostenfalle zu geraten.
Österreich – Die Illusion der Autarkie und die „Winterlücke“
Während Deutschland mit dem Erbe des Atomausstiegs kämpft, wiegt sich Österreich in einer trügerischen Sicherheit. Die Erzählung vom „Wasserkraft-Land“, das sich dank der Alpen autark versorgen kann, ist im April 2026 das wohl am stärksten verteidigte politische Dogma in Wien. Doch die harten Daten des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG) offenbaren eine fundamentale Fehlkalkulation: Die saisonale Abhängigkeit.
Das physikalische Naturgesetz der Alpen: Die Wasserkraft ist das Rückgrat Österreichs, doch sie ist eine Schönwetter-Garantie. Im Winter und im frühen Frühjahr – so auch im April 2026 – zeigt sich das „Wasserschloss“ von seiner trockenen Seite.
- Die Erzeugungslücke: Laut APG-Statistik (Stand April 2026) sinkt die Erzeugung aus Laufwasserkraftwerken an der Donau, Enns und Drau im Winterquartal auf bis zu 30 % ihrer Sommerleistung.
- Die Dunkelflaute 2026: In den ersten Wochen des Jahres 2026 lieferten Wind- und Photovoltaikanlagen in Österreich aufgrund der Wetterlage zeitweise weniger als 5 % der benötigten Last. Um den Bedarf von bis zu 10.500 Megawatt (MW) zu decken, klaffte eine Lücke, die weder durch Biomasse noch durch die restliche Wasserkraft geschlossen werden konnte.
Der „Fehler“: Das Verfassungs-Dogma vs. Netzstabilität Österreich hat die Ablehnung der Kernkraft mit dem Atomsperrgesetz von 1978 (später in den Verfassungsrang erhoben) zum Teil seiner nationalen Identität gemacht. Doch dieses Gesetz stoppt keine Elektronen an der Grenze.
- Die tschechische Verbindung: Das Umspannwerk Dürnrohr in Niederösterreich ist eine der wichtigsten Import-Schnittstellen. Hier fließt im April 2026 massiv Strom aus den tschechischen Kernkraftwerken Temelín und Dukovany ein. Ohne diese „nukleare Stütze“ aus dem Osten wäre das österreichische Netz in den verbrauchsstarken Morgenstunden im Jänner und Februar 2026 schlicht kollabiert.
- Gaskraft als teures Backup: Um die Importe nicht noch weiter ausufern zu lassen, musste die Verbund AG ihre thermischen Kraftwerke (wie Mellach) im ersten Quartal 2026 mit Höchstlast fahren. Die Kosten für das verfeuerte Erdgas treiben die Strompreise für Endkunden massiv nach oben.
Zahlen und Fakten zur Import-Abhängigkeit: Der Ökonom Franz Schellhorn (Direktor des Thinktanks Agenda Austria) weist darauf hin, dass Österreichs Handelsbilanz bei Strom im Winter tiefrot ist.
- Importquote: In den Monaten Dezember bis März 2025/26 musste Österreich bis zu 25 % seines Strombedarfs importieren.
- Der Herkunftsschwindel: Während österreichische Energieversorger ihren Kunden „100 % Wasserkraft“ verkaufen, indem sie Herkunftsnachweise (Certificates) aus Norwegen oder Island zukaufen, fließt physisch ein Mix in die Steckdose, der im April 2026 zu signifikanten Anteilen aus Kernkraft und Erdgas besteht.
Die strategische Sackgasse: Österreich hat den gleichen Fehler wie Deutschland begangen: Man hat sich moralisch von einer Technologie distanziert, auf deren physischer Verfügbarkeit beim Nachbarn man das eigene System aufbaut. Man verweigert die Investition in eigene, grundlastfähige und CO2-arme Kapazitäten und verlässt sich stattdessen auf das europäische Verbundnetz, das von anderen stabilisiert wird.
Laut dem aktuellen Monitoringbericht von E-Control (April 2026) sind die Netzkosten in Österreich in den letzten zwei Jahren um über 20 % gestiegen, primär um die Infrastruktur für diese massiven grenzüberschreitenden Ausgleichsflüsse zu finanzieren. Die „Gratis-Energie“ aus Wasser und Wind wird so durch die Hintertür der Netzentgelte zu einer der teuersten der Welt.
Die gemeinsame Sackgasse – Die Kosten-Explosion
Der deutsche und der österreichische Sonderweg münden im April 2026 in einer gemeinsamen ökonomischen Realität: einer massiven Kosten-Explosion, die die industrielle Substanz beider Länder gefährdet. Während die politischen Eliten in Berlin und Wien weiterhin die „niedrigen Grenzkosten“ der Erneuerbaren betonen, erleben Haushalte und Unternehmen das Gegenteil auf ihren Rechnungen.
Das Merit-Order-Dilemma: Warum „Gratis-Energie“ den Preis treibt
Das europäische Strommarktdesign (Merit Order) wird in der DACH-Region im Jahr 2026 zum Preistreiber. Da Deutschland und Österreich ihre wetterunabhängige, günstige Kernkraftbasis (DE) bzw. die volle Ganzjahres-Wasserkraft (AT) nicht mehr ausreichend zur Verfügung haben, diktieren oft die teuersten Erzeuger den Preis.
- Der Gas-Faktor: In den Abendstunden des 22. April 2026 mussten in Deutschland und Österreich Gaskraftwerke zugeschaltet werden, um die Last zu decken. Da Erdgas am Weltmarkt (TTF-Hub) weiterhin volatil bei ca. 35–40 €/MWh gehandelt wird, stieg der Börsenstrompreis in diesen Stunden auf über 140 €/MWh.
- Der Kontrast: Im gleichen Zeitraum lag der Preis in Frankreich (Dank 70 % Kernkraft) und Finnland (Dank des stabil laufenden Olkiluoto 3) bei unter 40 €/MWh.
Die „versteckten“ Systemkosten
Die reinen Erzeugungskosten sind im April 2026 nur noch die halbe Wahrheit. Die wahren Preistreiber sind die Systemkosten, die notwendig sind, um das instabile Netz der Erneuerbaren am Leben zu erhalten.
| Kostenstelle (Schätzung April 2026) | Deutschland | Österreich |
| Durchschnittlicher Industriestrompreis | ~18,5 ct/kWh | ~16,2 ct/kWh |
| Netzentgelte (Anstieg vs. 2024) | +32 % | +24 % |
| Redispatch-Kosten pro Jahr | > 4,2 Mrd. € | ~ 350 Mio. € |
Namen und Betroffene: Die Flucht des Kapitals
Die ökonomischen Folgen sind keine theoretischen Szenarien mehr. Der DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) meldete im März 2026, dass jedes dritte Industrieunternehmen Investitionen aufgrund der Energiekosten ins Ausland verlagert. In Österreich warnte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, erst letzte Woche vor einem „schleichenden Substanzverlust“, da die hohen Netzkosten den Standortvorteil der Wasserkraft auffressen.
Das Paradoxon der Speicher
Beide Länder haben es versäumt, großskalige Speicherlösungen (wie Wasserstoff-Speicher oder Batterieparks im GW-Bereich) rechtzeitig und kosteneffizient zu skalieren. Stattdessen wird im April 2026 teurer „Backup-Strom“ aus fossilen Quellen vorgehalten.
- Deutschland: Hält eine „Kapazitätsreserve“ von Gaskraftwerken bereit, die allein für das Bereitstehen Milliarden kostet.
- Österreich: Nutzt seine Pumpspeicherkraftwerke (wie Kaprun) zunehmend nicht mehr zur Veredelung heimischen Stroms, sondern als „Kurzzeit-Akku“ für deutsche Windstrom-Überschüsse – ein lukratives Geschäft für die Energieversorger (Verbund), aber eine Kostenbelastung für den österreichischen Endverbraucher, der die Netze dafür bezahlen muss.
Fazit der Kosten-Sackgasse:
Der gemeinsame Fehler von DE und AT war die Annahme, man könne den Markt durch Ideologie besiegen. Man hat die Kernkraft als „teuer“ gebrandmarkt, ohne die massiven Folgekosten eines reinen Backup-Systems aus Gas und Importen ehrlich gegenzurechnen. Im April 2026 zahlen die Bürger die Zeche für ein System, das zwar moralisch überlegen klingen mag, ökonomisch aber einen massiven Wettbewerbsnachteil gegenüber nuklear gestützten Volkswirtschaften darstellt.
Die Lieferländer-Frage – Was wäre wenn?
Um den strategischen „Fehler“ der deutsch-österreichischen Energiepolitik in seiner vollen Tragweite zu verstehen, hilft ein Gedankenexperiment, das im April 2026 die Debatten in Brüssel bestimmt: Was wäre passiert, wenn Frankreich und Tschechien den gleichen ideologischen Pfad eingeschlagen hätten? Wenn unsere Lieferländer ihre Kernkraftwerke ebenfalls vom Netz genommen hätten, bevor eine echte, grundlastfähige Alternative bereitsteht?
Das Szenario: Der europäische Systemkollaps Hätten Paris und Prag dem deutschen Vorbild folgend ihre Meiler abgeschaltet, wäre die DACH-Region heute nicht nur mit hohen Preisen, sondern mit physischem Strommangel konfrontiert.
- Die französische Stütze: Im Jahr 2025 stammten laut Eurostat (Edition 2026) weiterhin rund 67,3 % des französischen Stroms aus Kernenergie. Mit dem Netzgang von Flamanville-3 Ende 2024 hat Frankreich seine Exportkapazität sogar stabilisiert. Ohne diese 61.000 Megawatt installierter Kernkraftleistung müsste Frankreich heute selbst massiv Erdgas am Weltmarkt einkaufen.
- Der Domino-Effekt: Da Frankreich der größte Stromexporteur Europas ist, würde ein Wegfall dieser Mengen die Preise am Spotmarkt (Day-Ahead) nicht nur verdoppeln, sondern in den Wintermonaten zu kontrollierten Lastabschaltungen (Brownouts) in Süddeutschland und Westösterreich führen. Es gäbe schlicht nicht genug gesicherte Leistung im europäischen Verbundnetz (ENTSO-E), um die windstillen Nächte in Berlin oder Wien zu überbrücken.
Zahlen & Fakten: Die ökonomische Schutzfunktion Die Kernkraft der Nachbarn wirkt im April 2026 wie eine Versicherungspolice, für die Deutschland und Österreich keine Prämie zahlen, deren Schutz sie aber im Schadensfall (Dunkelflaute) voll in Anspruch nehmen.
- Preisstabilität durch „fremde“ Grundlast: Laut Daten von Fraunhofer ISE hat Deutschland im Jahr 2025 rund 22 TWh mehr importiert als exportiert. Ein Großteil davon floss zu Zeiten ein, in denen der deutsche Börsenpreis durch Gaskraftwerke bei über 100 €/MWh lag, während tschechische und französische Kernkraftwerke den europäischen Schnitt nach unten drückten.
- Die CO2-Bilanz der Nachbarn: Während Deutschland trotz Milliardeninvestitionen bei ca. 160 Mio. Tonnen CO2 in der Stromerzeugung stagniert (da Kohle und Gas als Backup unverzichtbar bleiben), zeigt Frankreich, was möglich wäre. Die französische Stromerzeugung ist pro Kilowattstunde um den Faktor 8 bis 10 sauberer als die deutsche – ein Erfolg, den Deutschland durch seine Importe indirekt für seine eigene Klimabilanz „anzapft“.
Die Lieferländer als „Sündenböcke“ und „Retter“ Das Paradoxon im April 2026 ist die politische Kommunikation. In Wien und Berlin werden tschechische (Temelín) und französische (Cattenom) Reaktoren oft als „Sicherheitsrisiko“ gebrandmarkt. Gleichzeitig verlassen sich die Netzplaner der APG und der Amprion in jedem Winter-Szenario darauf, dass genau diese Anlagen die Frequenz von 50 Hertz stabil halten.
Das Fazit des Gedankenexperiments: Hätten unsere Nachbarn den gleichen Fehler begangen, wäre die Energiewende in der DACH-Region bereits 2025 krachend gescheitert. Deutschland und Österreich sind keine Pioniere einer neuen Ära, sondern Energie-Trittbrettfahrer. Sie nutzen die physikalische Trägheit und die ökonomische Stabilität eines nuklearen Europas, um im Inland eine Politik zu betreiben, die ohne diese Absicherung unmöglich wäre.
Der „Fehler“ war nicht die Vision einer grünen Zukunft, sondern die Arroganz zu glauben, man könne die physikalischen Gesetze der Grundlastversorgung durch nationales Recht außer Kraft setzen, solange die Nachbarn die Verantwortung für die Realität übernehmen.
Realismus statt Ideologie
Die Bilanz des April 2026 ist ernüchternd. Die deutsch-österreichische Energiepolitik gleicht einem Kartenhaus, das nur deshalb nicht zusammenbricht, weil die Nachbarn die Stützbalken halten. Während die politische Kommunikation in Berlin und Wien weiterhin die „unaufhaltsame Energiewende“ beschwört, belegen die Daten der Netzbetreiber und die Bilanzen der Industrie eine tiefe strukturelle Krise.
Die Erkenntnis: Die nationale Energiewende ist eine Lebenslüge Der fundamentale Fehler beider Länder war der Versuch, Energiepolitik als nationales, moralisches Projekt zu begreifen, statt als grenzüberschreitendes, physikalisches System.
- Physik besiegt Dogma: Man kann zwar per Gesetz aus der Kernkraft aussteigen (DE) oder sie per Verfassung verbieten (AT), aber man kann die 50-Hertz-Frequenz im europäischen Verbundnetz nicht mit Ideologie stabilisieren. Wenn der Wind schläft und die Sonne untergeht, wird die DACH-Region zum energiepolitischen Bittsteller.
- Wohlstandsverlust durch Systemkosten: Die explodierenden Netzentgelte und die Rekord-Kosten für Redispatch-Maßnahmen (über 4 Mrd. Euro allein in Deutschland 2025/26) sind das Preisschild für ein System, das zwei parallele Infrastrukturen benötigt: eine für den grünen Strom, wenn das Wetter passt, und eine fossile/nukleare Backup-Infrastruktur beim Nachbarn, wenn er nicht passt.
Der Ausblick: Ein Wendepunkt im Jahr 2026 Das massive Suchinteresse in dieser Woche und die Analysen von Plattformen wie dem Pragmaticus zeigen, dass der „nukleare Schatten“ die breite Öffentlichkeit erreicht hat. Die Menschen beginnen zu verstehen:
- Sicherheit ist geliehen: Ohne die Meiler in Frankreich und Tschechien stünde das Licht in Mitteleuropa im Winter 2026 nicht mehr zuverlässig zur Verfügung.
- Industrieller Aderlass: Der Industriestandort Deutschland/Österreich blutet aus, weil die künstlich verknappte Grundlast den Strompreis gegenüber den USA und nuklear gestützten EU-Ländern (wie Finnland oder Polen, das nun massiv in Kernkraft investiert) unbezahlbar macht.
Abschlusswort Die Reportage zeigt: Ein „Weiter so“ wird den Wohlstand der DACH-Region dauerhaft untergraben. Wahre Souveränität entsteht nicht durch das Abschieben unliebsamer Technologien über die Grenze, sondern durch technologischen Realismus. Ob dies eine Rückkehr zur Kernkraft (Small Modular Reactors) oder den massiven, teuren Bau von Gaskraftwerken bedeutet, wird die Debatte der kommenden Jahre prägen. Doch eines ist sicher: Der Traum von der autarken, rein grünen Energieinsel ist im April 2026 geplatzt.
Die Leitung glüht weiter – doch sie liefert vor allem eines: die Erkenntnis, dass wir am Tropf jener hängen, deren Weg wir offiziell verurteilen.
Dokumentation | Stand: April 2026
Netzlast und Suchtrends
- ENTSO-E Transparency Platform Echtzeit-Daten zu physischen Lastflüssen im europäischen Verbundnetz (April 2026).
- Google Trends Auswertung des Suchvolumens für Energie-Kernbegriffe in der DACH-Region.
Erzeugung und Netzstabilität Deutschland
- Fraunhofer ISE (Energy-Charts) Statistiken zur Residuallast, Windkapazität und Import-Export-Salden Q1/2026.
- Bundesnetzagentur (SMARD) Marktdatenberichte zu Redispatch-Maßnahmen und Systemdienstleistungskosten 2025/26.
- EEX (European Energy Exchange) Preishistorie und Base-Load-Futures für das Marktgebiet DE/LU.
Wasserkraft und Importnotwendigkeit Österreich
- Austrian Power Grid (APG) Betriebsdaten zur Erzeugungscharakteristik der Wasserkraft und Grenzübergangslasten.
- E-Control Österreich Berichte zur Versorgungssicherheit und Entwicklung der gesetzlichen Netztarife.
- Agenda Austria Ökonomische Dossiers zur saisonalen Energiebilanz und Autarkie-Thematik.
Wirtschaftliche Auswirkungen und Standortfaktoren
- DIHK / Industriellenvereinigung (IV) Erhebungen zur industriellen Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsverlagerungen 2026.
- BDEW Detaillierte Analyse der Strompreisbestandteile für Haushalts- und Gewerbekunden.
Europäische Energiestrategien und Kapazitäten
- Der Pragmaticus Analysen zu Grundlastfähigkeit, Kernenergie und Geopolitik (Ausgaben April 2026).
- International Energy Agency (IEA) Länderberichte zu Exportkapazitäten und CO2-Bilanzen im europäischen Vergleich.
- RWTH Aachen (IAEW) Modellrechnungen zur Merit-Order-Dynamik und grenzüberschreitenden Stromeinkäufen.
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