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Meinung

Die AfD redet über Russland. Wer kümmert sich um Deutschland?

Millionen suchen eine politische Alternative. Doch die AfD beschäftigt sich in Sachsen-Anhalt mit Russland, während Bürger konkrete Lösungen verlangen. Provokationen und ein Datenleck um Alice Weidel verschärfen die Fragen an die Partei.

Die AfD redet über Russland. Wer kümmert sich um Deutschland?
AfD: Russland statt Alltag – wer vertritt die Bürger? KI-generierte redaktionelle Illustration für Die Vossische.

Millionen Deutsche suchen eine politische Alternative. Doch statt Antworten auf die Probleme im eigenen Land liefert die AfD in Sachsen-Anhalt Russlanddebatten und fragwürdige Prioritäten. Dazu kommen Provokationen einzelner Funktionäre und ein Datenleck, das Alice Weidel unter Druck setzt. Die eigentliche Krise reicht längst über die AfD hinaus: Wohin sollen sich enttäuschte Bürger noch wenden?

Die Zahlen sind eindeutig, ihre Ursachen weniger. Im neuen ZDF-Politbarometer fällt die AfD um zwei Punkte auf 26 Prozent. CDU und CSU verbessern sich um zwei Punkte auf 23 Prozent. Der Abstand schrumpft auf drei Prozentpunkte.

Das ist noch kein Absturz der AfD und schon gar keine politische Wiederauferstehung der Union. Aber es ist ein Anlass, genauer hinzusehen.

Denn hinter den Umfragewerten steht eine Frage, die in Berlin offenbar niemand überzeugend beantworten kann: Was sollen Menschen tun, die mit der Regierungspolitik unzufrieden sind, von der Opposition aber ebenfalls keine überzeugenden Lösungen erwarten?

Die AfD hat sich über Jahre als Alternative zu einer Politik präsentiert, die nach Auffassung ihrer Anhänger an den alltäglichen Sorgen vorbeiregiert. In Sachsen-Anhalt hat sie nun die Gelegenheit, an konkreten politischen Entscheidungen gemessen zu werden.

Was sie bislang daraus macht, wirft Fragen auf.

Sachsen-Anhalt: 43,8 Prozent – und dann Russland

Am 6. September erreichte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent. Sie gewann 39 der 83 Mandate und verfehlte damit die absolute Mehrheit nur knapp.

Ein außergewöhnlicher Vertrauensvorschuss, der mit entsprechenden Erwartungen verbunden ist.

Doch womit beschäftigte sich der neue Landtag am 14. Oktober in einer eigens einberufenen Sondersitzung?

Mit Russland.

Gemeinsam mit dem BSW beschloss die AfD einen Antrag, der unter anderem das Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine und die Aufhebung der Russland-Sanktionen fordert.

Man kann diese Position außenpolitisch vertreten. Aber Sachsen-Anhalt entscheidet weder über deutsche Waffenlieferungen noch über europäische Sanktionen. Eine Bundesratsinitiative könnte politischen Druck erzeugen, hätte jedoch keine unmittelbare Wirkung auf diese Entscheidungen.

Die AfD setzte ihre neue parlamentarische Stärke damit zunächst für ein Thema ein, bei dem das Land selbst nur indirekt Einfluss nehmen kann.

Die Frage ist nicht, ob Russlandpolitik diskutiert werden darf. Die Frage ist, warum sie ausgerechnet jetzt eine Sondersitzung des Landtags rechtfertigt.

In Zerbst sucht man Handyempfang. In Magdeburg verhandelt man Weltpolitik.

Wie weit politische Prioritäten und wirtschaftlicher Alltag auseinanderliegen können, zeigt ein Bericht des MDR aus Zerbst.

Johannes Schemionek, Geschäftsführer eines Land- und Kommunaltechnikunternehmens, schilderte die Probleme seines Betriebes: schlechte Straßen, unzureichender Mobilfunkempfang, langsames Internet.

Er müsse über seinen eigenen Betriebshof laufen, um telefonieren zu können.

Das Unternehmen betreut unter anderem Landwirte, die selbst unter hohen Kosten für Diesel und Dünger leiden. Ausbleibende Investitionen der Kunden belasten wiederum den Maschinenhandel und das Reparaturgeschäft.

Das sind keine abstrakten politischen Debatten. Das ist die wirtschaftliche Wirklichkeit eines Unternehmens im ländlichen Sachsen-Anhalt.

Bemerkenswert: Schemionek ist CDU-Mitglied und richtet seine Kritik ausdrücklich auch gegen die eigene Partei.

Genau darin liegt das größere Problem. Nicht nur AfD-Wähler verlangen praktische Lösungen. Auch Menschen, die etablierten Parteien verbunden sind, vermissen sie.

Die AfD wollte mit solchen Zuständen aufräumen. Nun muss sie erklären, was sie konkret anders machen will.

Provokation ersetzt keine politische Leistung

Währenddessen lieferte der AfD-Abgeordnete Tommy Thormann in Mecklenburg-Vorpommern ein weiteres Beispiel dafür, wie politische Aufmerksamkeit vom eigentlichen Auftrag eines Parlaments abgelenkt werden kann.

Während der konstituierenden Landtagssitzung veröffentlichte er ein Video mit einer Handgeste, die auch in rechtsextremen Kreisen als Symbol weißer Vorherrschaft verwendet wird.

Die AfD erklärte, Thormann habe damit lediglich „Läuft“ ausdrücken wollen. Die Geste ist tatsächlich mehrdeutig. Der Abgeordnete bestreitet eine rechtsextreme Bedeutung.

Doch unabhängig von seiner Absicht löste der Auftritt eine Kontroverse aus, die vom Arbeitsauftrag des neu gewählten Parlaments ablenkte.

Wer politische Veränderung verspricht, muss sich fragen lassen, welchen Zweck solche Inszenierungen erfüllen.

Ein Abgeordneter wird nicht dafür gewählt, möglichst viele Reaktionen auf Instagram zu erzeugen, sondern um politische Verantwortung wahrzunehmen.

Ob derartige Auftritte der AfD Stimmen kosten, ist nicht belegt. Dass sie vermeidbare Auseinandersetzungen hervorrufen, dagegen schon.

Alice Weidel: Der Leak und seine unbekannten Urheber

Hinzu kommt eine Affäre, deren politische Tragweite noch nicht abzusehen ist.

Im September wurden nach Angaben der AfD E-Mail-Postfächer bei einem Hosting-Dienstleister angegriffen. Im Oktober veröffentlichten Unbekannte einen gewaltigen Datensatz mit mutmaßlich mehr als 420.000 Nachrichten und Zehntausenden Dokumenten.

Am 23. Oktober berichteten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung über E-Mails aus dem Jahr 2017, die neue Fragen zu Alice Weidels Rolle in einer früheren Parteispendenaffäre aufwerfen.

Damals gingen 132.000 Euro aus der Schweiz in mehreren Tranchen auf einem Wahlkampfkonto ein. Die Spenden wurden später als illegal bewertet. Das Strafverfahren gegen Weidel wurde 2021 mangels Beweisen eingestellt.

Die jetzt veröffentlichten Nachrichten deuten darauf hin, dass Weidel stärker mit der Organisation von Wahlkampfspenden befasst gewesen sein könnte, als frühere öffentliche Erklärungen vermuten ließen.

Weidel lässt diese Darstellung zurückweisen. Eine Absprache mit dem tatsächlichen Geldgeber belegen die neu bekannt gewordenen Mails nicht.

Doch bei aller Aufmerksamkeit für den Inhalt der Dokumente darf eine zweite Frage nicht untergehen: Wer hat diesen gewaltigen Datensatz beschafft und veröffentlicht?

Der Angriff selbst ist bestätigt. Die Identität der Täter ist unbekannt.

Gab es politische Motive? Ging es darum, die Partei insgesamt zu beschädigen? Oder sollte gezielt die Position bestimmter Führungspersonen geschwächt werden?

Auch eine innerparteiliche Beteiligung wäre eine überprüfbare Recherchehypothese. Bislang gibt es dafür allerdings keine belastbaren Belege.

Gerade deshalb sollte die Herkunft des Materials untersucht werden, statt aus dem Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits eine Verschwörung abzuleiten.

Die möglichen Widersprüche in Weidels früheren Erklärungen verdienen Aufklärung. Der unrechtmäßige Zugriff auf Parteidaten ebenso.

Beides gehört zur Geschichte.

Und die Union? Zwei Punkte mehr lösen keine Krise.

Während die AfD mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist, gewinnt die Union im Politbarometer zwei Punkte hinzu.

Doch daraus lässt sich keine neue Begeisterung für die Regierungsarbeit ableiten.

Noch Anfang Oktober erklärten 59 Prozent der Befragten im ZDF-Politbarometer, die Reformen der Bundesregierung gingen insgesamt eher in die falsche Richtung. 80 Prozent empfanden die damit verbundenen Belastungen als ungerecht verteilt.

Das sind bemerkenswert schlechte Bewertungen für eine Regierung, die beansprucht, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Auch die SPD liegt mit ihren jetzt 14 Prozent weit entfernt von einer breiten Zustimmung.

Das politische Problem besteht also nicht einfach darin, dass eine Oppositionspartei zwei Umfragepunkte verliert.

Es besteht darin, dass die Unzufriedenheit mit der Regierung groß bleibt und zugleich Zweifel am politischen Angebot der Opposition bestehen.

Deutschland braucht Antworten, keine weiteren Ablenkungsmanöver

Die AfD hat in Sachsen-Anhalt fast die Hälfte der Landtagsmandate errungen. Damit ist sie längst mehr als eine kleine Protestpartei, die sich hinter der Behauptung verstecken könnte, ohnehin nichts bewirken zu können.

Sie verfügt über erhebliche parlamentarische Möglichkeiten. Sie kann Initiativen einbringen, Entscheidungen prägen, Mehrheiten suchen und die politischen Prioritäten des Landes mitbestimmen.

Daran ist sie zu messen.

Nicht an der Zahl ihrer Pressemitteilungen über Russland. Nicht an der Lautstärke einzelner Abgeordneter. Und auch nicht allein daran, ob sich Alice Weidel gegen neue Vorwürfe behaupten kann.

Sondern daran, was sie für Wirtschaft, Infrastruktur, Verwaltung, Schulen und kommunale Entwicklung tatsächlich unternimmt.

Die heutigen Umfragezahlen beweisen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen Vorgängen und den Verlusten der AfD. Dafür sind die Veränderungen zu klein und die möglichen Einflussfaktoren zu zahlreich.

Aber sie machen eine entscheidende Frage wieder sichtbar:

Wer die Enttäuschung der Bürger politisch aufgreift, übernimmt damit auch die Verpflichtung, mehr als Enttäuschung zu organisieren.

Die AfD muss zeigen, was sie aus ihren Wahlerfolgen macht. Die Union muss zeigen, was ihre Regierungsarbeit verbessert. Und die SPD muss erklären, weshalb sie trotz Regierungsbeteiligung so wenig Zustimmung erhält.

Für die Bürger bleibt die nüchterne Forderung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte:

Kümmert euch endlich um die Probleme, für die ihr gewählt wurdet.


Quellen: ZDF-Politbarometer vom 8. und 23. Oktober 2026; Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt, amtliches Wahlergebnis vom September 2026; Landtag Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 14. Oktober 2026; MDR Sachsen-Anhalt, Berichte vom 15. und 21. Oktober; ZDFheute vom 21. Oktober; NDR/WDR/SZ-Recherche zur Weidel-Spendenaffäre vom 23. Oktober 2026.

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Geschrieben von

Paul Fisher
Paul Fisher ist Ökonom, Journalist und konservativer schwuler Autor mit internationaler Perspektive. Er schreibt liberal, unabhängig und kritisch über Politik, Gesellschaft und Freiheit – faktenorientiert, pointiert und ohne Denkverbote.
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