Aus Tradition Bürgerlich Liberal - Unabhängig im Urteil. Klar für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat

Meinung

Was soll dieser Kindergarten, Herr Thormann?

Tommy Thormann verspottet im Schweriner Landtag die Grünen und sorgt mit einer umstrittenen Handgeste für Empörung. Doch sein Auftritt könnte vor allem der AfD selbst schaden: Wer Anerkennung fordert, aber politische Gegner verhöhnt, riskiert Glaubwürdigkeit – und womöglich Wählerstimmen.

Was soll dieser Kindergarten, Herr Thormann?
ommy Thormanns Provokation im Schweriner Landtag: Warum der AfD-Abgeordnete mit seinem Auftritt der eigenen Partei schaden könnte. Redaktionell erarbeitetes KI-Bild.

Die AfD verlangt Respekt und parlamentarische Anerkennung. Doch Tommy Thormann liefert lieber Provokationen für die eigene Fangemeinde. Damit könnte er ausgerechnet seiner eigenen Partei schaden.

Es gab einmal eine Zeit, in der politische Gegner sich im Parlament erbittert bekämpfen konnten, ohne einander deshalb auch persönlich zu verachten.

Christdemokraten stritten mit Sozialdemokraten, Liberale mit Konservativen. Es wurde geschimpft, gespottet, gelegentlich gebrüllt. Und anschließend konnte man zusammensitzen, ein Bier trinken, über den politischen Gegner lachen oder sogar mit ihm befreundet sein.

Gewiss, auch diese Vergangenheit hatte ihre persönlichen Feindschaften. Aber sie kannte eine wichtige Unterscheidung: Der politische Gegner war nicht automatisch ein persönlicher Feind.

Heute scheint schon diese Selbstverständlichkeit erklärungsbedürftig.

Ein Abgeordneter und sein kleiner Triumph

Tommy Thormann, 31 Jahre alt, gerade in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns eingezogen, hält bei der konstituierenden Sitzung seine Kamera hoch. Er filmt die eigene Fraktion und kommentiert den Blick auf die Grünen mit den Worten: „Die kotzen schon“.

Anschließend zeigt er eine Handgeste, die sowohl als gewöhnliches Okay-Zeichen als auch als rechtsextremer White-Power-Code verwendet wird.

Die AfD erklärt, für Thormann bedeute die Geste schlicht „Läuft“. Seine Kritiker sehen darin eine rechtsextreme Provokation.

Was Thormann mit dieser konkreten Bewegung ausdrücken wollte, lässt sich aus dem Video allein nicht zweifelsfrei feststellen. Seine Äußerung über die Grünen ist dagegen unmissverständlich.

Nur: Was soll das?

Thormann schadet vor allem seiner eigenen Partei

Tommy Thormann könnte sich für die AfD als politischer Schadensfall erweisen.

Nicht weil er die Grünen ärgert. Nicht weil die SPD wieder einmal Konsequenzen fordert. Sondern weil sein Auftreten genau jene Menschen abschrecken könnte, die zwar mit der AfD sympathisieren, aber von gewählten Volksvertretern ein Mindestmaß an Seriosität erwarten.

Wer eine Partei wählt, will nicht zwangsläufig ihre lautesten Provokateure bewundern. Er erwartet vielleicht Lösungen für wirtschaftliche Probleme, Antworten auf Fragen der inneren Sicherheit oder eine nachvollziehbare Migrationspolitik.

Stattdessen sieht er einen Abgeordneten, der sich bei seiner ersten Landtagssitzung über die politischen Gegner lustig macht und mit einer umstrittenen Handgeste den nächsten öffentlichen Streit auslöst.

Das mag im eigenen politischen Milieu Beifall bringen. Es könnte aber zugleich Menschen davon abhalten, der AfD erstmals ihre Stimme zu geben. Und es könnte bisherige Wähler dazu bewegen, ihre Entscheidung zu überdenken.

Ob das tatsächlich geschieht, werden erst belastbare Untersuchungen zeigen.

Die politische Frage stellt sich trotzdem: Wie viel Glaubwürdigkeit ist ein kurzer Triumph vor der Handykamera wert?

Aus Gegnerschaft ist Feindschaft geworden

Das eigentliche Problem reicht weit über Schwerin hinaus.

Wenn Vertreter anderer Parteien die Zusammenarbeit mit der AfD grundsätzlich verweigern, ist das eine politische Entscheidung, über deren Gründe und Folgen man streiten kann. Wenn AfD-Politiker ihrerseits andere Parteien demonstrativ verachten, verschärfen sie die Distanz.

So wird aus politischer Konkurrenz eine gegenseitige Feindseligkeit, die irgendwann jede sachliche Auseinandersetzung überlagert.

Dabei verlangt parlamentarische Demokratie keine Sympathie. Niemand muss die Auffassungen seines Gegenübers teilen. Niemand muss sich mit einem politischen Gegner anfreunden.

Aber zuhören, antworten, argumentieren und gegebenenfalls gemeinsam an vernünftigen Lösungen arbeiten zu können, gehört zum parlamentarischen Handwerk.

Die Empörungsmaschine läuft

Auf Thormanns Auftritt folgte die erwartbare politische Reaktion.

SPD-Fraktionschef Julian Barlen fordert seinen Ausschluss aus der AfD-Fraktion. Auch Linke und Grüne verlangen Konsequenzen. Die AfD weist die Interpretation der Geste zurück.

Die Frage, ob das Zeichen bewusst als rassistischer Code eingesetzt wurde, verdient eine sorgfältige Prüfung. Sie lässt sich nicht durch bloße Empörung entscheiden.

Allerdings ist Thormann kein unbeschriebenes Blatt. Schon im Frühjahr hatte er mit Äußerungen über frühmorgendliche Polizeieinsätze gegen politische Gegner für erhebliche Kritik gesorgt. Er selbst erklärte, damit die gewaltbereite Antifa gemeint zu haben.

Auch diese Vorgeschichte gehört zur Bewertung seines Auftretens.

Respekt ist keine Zustimmung

Vielleicht wäre es tatsächlich hilfreich, wenn sich Abgeordnete verschiedener Parteien wieder häufiger außerhalb der Kameras unterhielten.

Nicht als inszenierte Versöhnungsveranstaltung. Nicht als politisches Zugeständnis. Sondern als selbstverständlicher Umgang von Menschen, die unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie dieses Land regiert werden soll.

Man kann sich in der Sache entschieden widersprechen, ohne den anderen zum verachtenswerten Menschen zu erklären.

Und man darf von jedem gewählten Abgeordneten erwarten, dass er seinen parlamentarischen Auftrag ernst nimmt.

Der Landtag ist kein TikTok-Stammtisch.

Tommy Thormann hat das Recht, seine politischen Gegner scharf zu kritisieren. Aber auch seine eigene Partei darf sich fragen, ob solche Auftritte ihrem Anspruch auf parlamentarische Verantwortung dienen oder ihm im Weg stehen.

Denn eines sollte gerade Berufspolitikern bewusst sein: Aufmerksamkeit ist noch keine Anerkennung. Und Beifall aus den eigenen Reihen ist nicht dasselbe wie Vertrauen in der Bevölkerung.

Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Leon Berger
Leon Berger ist Journalist mit handwerklicher Ausbildung und internationaler Perspektive. Nach Abitur und Volontariat prägten journalistische Stationen in Washington und Tel Aviv seinen Blick auf Politik und Gesellschaft.

Als nächstes lesen

Linksradikal? Hauptsache, die Miete ist billig!

Linksradikal? Hauptsache, die Miete ist billig!

Friedrich Merz warnt vor der linksradikalen Linkspartei. Ines Schwerdtner macht daraus eine Debatte über bezahlbare Mieten. Unsere tägliche Satire über einen politischen Schlagabtausch, bei dem beide Seiten ihre Schlagworte lieben – und die Sachfragen auf der Strecke bleiben.
Von Cilla Zielinski •