Die erschreckende Ahnungslosigkeit der selbsternannten Anständigen
Wenn Haltung Wissen ersetzt, Zahlen zu Gefühlen werden und jeder Widerspruch als Hetze gilt, endet die Debatte. Eine Kolumne über moralische Überheblichkeit, statistische Ahnungslosigkeit und eine linke Kommentarwelt, die ihre Gegner lieber beschimpft als ihnen sachlich zu widersprechen.
Es gibt Debatten, nach denen man nicht wütend, sondern vor allem erschöpft zurückbleibt.
Nicht, weil andere Menschen eine andere Meinung vertreten. Widerspruch gehört zur Demokratie. Auch scharfer Widerspruch. Er ist notwendig, manchmal unbequem und häufig produktiv.
Erschöpfend wird es dort, wo Menschen mit größter moralischer Gewissheit über Dinge urteilen, deren grundlegende Begriffe sie offensichtlich nicht verstanden haben.
Ein Beispiel dafür sind die Reaktionen auf die Aussage, dass ein hoher Anteil der Arbeitslosen in Deutschland einen Migrationshintergrund habe. Man kann über diese Zahl diskutieren. Man kann ihre Definition hinterfragen, Ursachen untersuchen, regionale Unterschiede betrachten und politische Schlussfolgerungen ablehnen.
Was man jedoch nicht tun sollte, ist Arbeitslose, Bürgergeldbezieher, Kinder, Rentner, Aufstocker und Menschen ohne Arbeitserlaubnis wahllos in einen Topf zu werfen und anschließend zu behaupten, die Statistik sei widerlegt.
Genau das geschieht jedoch in vielen Kommentarspalten.
Da heißt es plötzlich, ein großer Teil der Arbeitslosen seien Kinder. Kinder sind aber nicht arbeitslos. Dann werden Rentner angeführt. Auch Rentner gehören nicht einfach zur Arbeitslosenstatistik. Danach folgen erwerbstätige Aufstocker, die ergänzende Leistungen erhalten. Doch auch der Bezug staatlicher Unterstützung macht einen beschäftigten Menschen nicht automatisch arbeitslos.
Schließlich wird behauptet, viele Migranten dürften überhaupt nicht arbeiten und würden deshalb in der Arbeitslosenstatistik erscheinen. Auch hier fehlt offenbar jedes Verständnis dafür, dass Arbeitslosigkeit statistisch gerade die Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt voraussetzt.
Man könnte solche Fehler sachlich korrigieren.
Doch häufig folgt auf die Korrektur kein Nachdenken, sondern die nächste Eskalation: „Rassist“, „Hetzer“, „AfD-Jünger“, „russische Desinformation“, „Faschist“.
Die Begriffe wechseln, die Methode bleibt gleich.
Wer eine unbequeme Zahl nennt, muss angeblich hassen. Wer öffentlich-rechtliche Medien kritisiert, will die Demokratie zerstören. Wer politische Fehlentwicklungen anspricht, ist rechtsradikal. Wer eine Statistik erklärt, „tritt nach unten“. Und wer auf begrifflicher Genauigkeit besteht, hat angeblich das falsche Menschenbild.
So wird aus politischer Diskussion ein moralisches Tribunal.
Wenn Haltung das Wissen ersetzt
Das eigentlich Schockierende ist nicht, dass Menschen Fehler machen. Jeder Mensch irrt sich. Niemand kennt jede Statistik, jede Definition oder jede sozialrechtliche Abgrenzung.
Erschreckend ist die Kombination aus Unwissen und Überheblichkeit.
Je geringer die Sachkenntnis, desto größer scheint bisweilen die moralische Gewissheit zu sein. Menschen, die nicht zwischen Arbeitslosen und Leistungsbeziehern unterscheiden können, erklären anderen die Arbeitsmarktpolitik. Personen, die nicht wissen, wer überhaupt als arbeitslos gilt, werfen ihren Gesprächspartnern Manipulation vor.
Die eigene Ahnungslosigkeit wird dabei nicht als Problem empfunden. Sie wird durch die vermeintlich richtige Haltung ersetzt.
Man muss nichts genau wissen, solange man auf der „richtigen Seite“ steht. Man muss keine Begriffe unterscheiden, wenn man stattdessen Empörung demonstrieren kann. Man muss keine Gegenargumente liefern, wenn man das Gegenüber moralisch abwertet.
Das ist kein aufgeklärter Progressivismus.
Es ist intellektuelle Bequemlichkeit mit moralischem Hochmut.
Nicht jede Kritik ist Hetze
Besonders problematisch ist die inflationäre Verwendung des Begriffs „Hetze“.
Hetze ist ein schwerwiegender Vorwurf. Sie meint die gezielte Aufstachelung gegen Menschen oder Gruppen. Wer diesen Begriff auf jede unbequeme Feststellung, jede Kritik an Migrationspolitik oder jede Analyse sozialer Probleme anwendet, entwertet ihn.
Eine Zahl ist keine Hetze.
Eine Statistik ist keine Hetze.
Die Frage nach Ursachen ist keine Hetze.
Auch die Feststellung, dass Integrationspolitik an bestimmten Stellen scheitert, ist keine Hetze.
Natürlich können Statistiken missbraucht werden. Sie können verkürzt, verzerrt oder bewusst suggestiv präsentiert werden. Deshalb sollte man Kontext liefern und Begriffe erklären.
Aber ebenso manipulativ ist es, jede Diskussion durch moralische Verdächtigung zu verhindern.
Wer jedes Problem leugnet, weil seine Benennung angeblich „den Falschen nutzt“, schützt keine Minderheiten. Er verhindert Lösungen.
Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man ihre Erwähnung sanktioniert.
Wie man Menschen zur AfD treibt
Viele Kommentatoren verstehen offenbar nicht, welchen politischen Schaden sie mit dieser Diskussionskultur anrichten.
Nicht jeder, der ARD und ZDF kritisiert, ist Anhänger der AfD. Nicht jeder, der die Migrationspolitik für fehlerhaft hält, ist ein Nationalist. Nicht jeder, der den Sozialstaat vor Überforderung schützen will, lehnt Migranten ab.
Es gibt ein großes bürgerliches, liberales und konservatives Milieu, das politische Entwicklungen kritisch betrachtet, ohne die Demokratie abschaffen zu wollen.
Doch genau diesen Menschen wird ständig erklärt, ihre Fragen seien illegitim, ihre Beobachtungen seien Hass und ihre Zweifel seien extremistisch.
Wer jahrelang jede Kritik aus der politischen Mitte nach rechts schiebt, darf sich nicht wundern, wenn ein Teil der Betroffenen irgendwann tatsächlich dort landet.
Das bedeutet nicht, dass beleidigende Kommentare Menschen jede eigene Verantwortung für ihre Wahlentscheidung abnehmen. Niemand wird zwangsläufig AfD-Wähler, nur weil er im Internet beschimpft wurde.
Aber eine politische Kultur, die legitime Kritik nur noch mit Ausgrenzung beantwortet, stärkt genau jene Kräfte, die sie angeblich bekämpfen will.
Die AfD lebt nicht nur von ihren eigenen Positionen. Sie lebt auch von der Arroganz ihrer Gegner.
Die neue Lust am Verbieten
Auffällig ist zudem, wie schnell sich manche selbsternannten Demokraten mit Verbotsforderungen zu Wort melden.
Eine Partei müsse verboten werden. Bestimmte Medien dürften keine Reichweite erhalten. Kritische Stimmen seien zu sperren. Unliebsame Meinungen seien Desinformation. Gesprächspartner sollten gemeldet, ausgeschlossen oder gesellschaftlich geächtet werden.
Dabei wird Demokratie offenbar nicht mehr als Wettbewerb unterschiedlicher Positionen verstanden, sondern als System, in dem ausschließlich die eigene Haltung als demokratisch gilt.
Alle anderen sind verdächtig.
Das ist eine gefährliche Entwicklung.
Demokratie zeigt ihre Stärke nicht darin, dass sie Kritik vermeidet. Sie zeigt sie darin, dass sie Kritik aushält und widerlegt.
Wer den politischen Gegner nicht argumentativ schlagen kann, sondern nur noch moralisch vernichten oder institutionell ausschalten will, offenbart keine demokratische Überlegenheit.
Er offenbart argumentative Schwäche.
Threads ist nicht die Gesellschaft
Bei aller berechtigten Frustration sollte man allerdings einen Fehler vermeiden: Kommentarspalten sind kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung.
Plattformen wie Threads belohnen Zuspitzung, Empörung, Identitätspolitik und schnelle moralische Urteile. Vernünftige Menschen lesen häufig nur mit oder verlassen die Diskussion, sobald sie ins Beleidigende kippt.
Übrig bleiben besonders laute, besonders überzeugte und besonders konfliktbereite Nutzer.
Deshalb wäre es falsch, aus einigen Dutzend Kommentaren zu schließen, zehn oder zwanzig Prozent der Bevölkerung seien hoffnungslos verbohrt.
Aber ebenso falsch wäre es, das Problem kleinzureden.
Diese Stimmen sind vielleicht keine Mehrheit. Doch sie prägen Debatten, Redaktionen, Hochschulen, Kulturinstitutionen und soziale Netzwerke weit über ihre tatsächliche Zahl hinaus. Sie schaffen ein Klima, in dem Menschen vorsichtiger sprechen, Probleme beschönigen oder sich ganz aus Diskussionen zurückziehen.
Die Lautstärke einer Minderheit kann gesellschaftlich wirksamer sein als die Vernunft einer schweigenden Mehrheit.
Die Rückkehr zur intellektuellen Redlichkeit
Was fehlt, ist keine neue Empörungswelle, sondern eine Rückkehr zu einfachen demokratischen Tugenden.
Begriffe müssen korrekt verwendet werden. Zahlen müssen geprüft werden. Unterschiedliche Kategorien dürfen nicht vermischt werden. Gegenargumente müssen beantwortet werden, statt ihre Urheber moralisch zu verdammen.
Und vor allem muss es wieder möglich sein, einen politischen Missstand zu benennen, ohne sofort einer feindlichen Gesinnung verdächtigt zu werden.
Wer über Migration spricht, hasst keine Migranten.
Wer über Arbeitslosigkeit spricht, verachtet keine Arbeitslosen.
Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisiert, bekämpft nicht automatisch die Pressefreiheit.
Wer politische Fehlentwicklungen hinterfragt, ist nicht zwangsläufig rechtsradikal.
Eine demokratische Gesellschaft muss zwischen Kritik und Menschenfeindlichkeit unterscheiden können. Verlernt sie diese Unterscheidung, verliert sie nicht nur ihre Debattenkultur, sondern ihre Fähigkeit, reale Probleme überhaupt noch zu lösen.
Das Verstörende an vielen ultralinken Kommentarspalten ist deshalb nicht ihre politische Richtung.
Es ist ihre Weigerung, zwischen Wissen und Haltung, Statistik und Gefühl, Kritik und Hass zu unterscheiden.
Man kann sich irren. Man kann leidenschaftlich sein. Man kann links, rechts, liberal, konservativ oder progressiv argumentieren.
Doch wer keine Begriffe kennt, keine Gegenargumente akzeptiert und jeden Widerspruch moralisch vernichten will, führt keine demokratische Debatte.
Er ersetzt Denken durch Gesinnung.
Und genau davon darf man genervt sein.