Aus Tradition Bürgerlich Liberal - Unabhängig im Urteil. Klar für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat

Briefing

Milliarden unter Verdacht – und der Beitragszahler soll weiter bluten

Mehr als 20 Milliarden Euro jährlich könnten durch Betrug und Korruption im deutschen Gesundheitswesen verloren gehen. Trotz jahrelanger Warnungen fehlen verlässliche Zahlen. Während Versicherte höhere Beiträge zahlen, beginnt die systematische Aufklärung erst jetzt.

Milliarden unter Verdacht – und der Beitragszahler soll weiter bluten
Mehr als 20 Milliarden Euro könnten jährlich im Gesundheitswesen verloren gehen. Warum Deutschland das wahre Ausmaß des Abrechnungsbetrugs nicht kennt. Illustration by Richard Bergsirk

Mehr als 20 Milliarden Euro könnten jährlich durch Betrug und Korruption im deutschen Gesundheitswesen verloren gehen. Während Arbeitnehmer und Arbeitgeber immer stärker belastet werden, weiß der Staat noch nicht einmal, wie groß das Problem tatsächlich ist. Die versprochene Aufklärung soll erst 2029 Ergebnisse liefern.

In Deutschland wird über jeden Prozentpunkt Krankenkassenbeitrag gestritten. Über Zuzahlungen, Leistungskürzungen, Krankenhausreformen und die angeblich unaufhaltsame Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

Doch ausgerechnet dort, wo möglicherweise jedes Jahr Milliarden durch Abrechnungsbetrug und Korruption verloren gehen, kennt niemand die tatsächliche Schadenshöhe.

Und das ist kein neuer Verdacht. Es ist ein seit Jahren bekanntes Problem.

Am Donnerstag, dem 22. Oktober, wurde öffentlich, was der GKV-Spitzenverband nun genauer untersuchen lassen will: Nach Hochrechnungen auf Basis internationaler Untersuchungen könnten in Deutschland jährlich mehr als 20 Milliarden Euro durch kriminelles und anderweitig regelwidriges Verhalten im Gesundheitswesen verloren gehen.

Das ist keine nachgewiesene Schadenssumme. Aber bereits die Möglichkeit eines Verlustes dieser Größenordnung müsste die Verantwortlichen in Berlin alarmieren.

Stattdessen beginnt Deutschland erst jetzt damit, das Dunkelfeld systematisch zu untersuchen.

Zwanzig Milliarden Euro – eine Zahl, die aufhorchen lässt

Martin Krasney, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, verweist auf internationale Untersuchungen, nach denen Schäden durch Betrug und Korruption fünf bis zehn Prozent der Gesundheitsausgaben erreichen könnten.

Bei jährlichen Krankenkassenausgaben von mehr als 350 Milliarden Euro ließe sich daraus für Deutschland ein möglicher Schaden von über 20 Milliarden Euro ableiten.

Noch einmal: Die Zahl ist eine Hochrechnung, kein deutsches Ermittlungsergebnis. Sie darf weder mit einer bereits bewiesenen Veruntreuung noch mit vorsätzlichem Betrug in jedem einzelnen Fall gleichgesetzt werden.

Aber sie beschreibt ein enormes finanzielles Risiko.

Und eine politische Zumutung.

Denn während Versicherte über steigende Zusatzbeiträge diskutieren müssen, hat die Bundesrepublik bis heute keine belastbare nationale Dunkelfeldanalyse vorgelegt.

Die Bundesregierung war nach Darstellung des GKV-Spitzenverbandes über Jahre aufgefordert worden, eine solche Studie in Auftrag zu geben. Ohne Erfolg.

Schließlich entschied der Verwaltungsrat des Verbandes bereits im Juni 2025, die Untersuchung selbst zu finanzieren.

Der Studienbeginn: 1. Oktober 2026.

Erwartete Ergebnisse: April 2029.

Wer jahrelang keine umfassende Untersuchung veranlasst, kann sich anschließend kaum darüber wundern, das Ausmaß des Problems nicht zu kennen.

Das ist keine Fantasie: Ermittler finden reale Millionenschäden

Wie Abrechnungsbetrug praktisch funktionieren kann, zeigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wuppertal.

Im September 2026 durchsuchten mehr als 200 Einsatzkräfte zahlreiche Objekte in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Sie gingen dem Verdacht nach, dass Pflegeleistungen gegenüber Krankenkassen abgerechnet wurden, obwohl sie nicht oder nicht vollständig erbracht worden waren.

Teilweise sollen Leistungen zudem durch unzureichend qualifiziertes Personal erfolgt sein.

Dreizehn Beschuldigte stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft untersucht unter anderem den Verdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Abrechnungsbetrugs, der Geldwäsche und steuerrechtlicher Delikte.

Der vorläufig ermittelte Schaden: rund elf Millionen Euro.

Die Ermittlungen dauern an. Für sämtliche Beschuldigte gilt die Unschuldsvermutung.

Dieser Fall zeigt vor allem eines: Die Behörden beschäftigen sich längst nicht mehr ausschließlich mit einzelnen falschen Rechnungen.

Es geht auch um den Verdacht professionell organisierter Geschäftstätigkeit, bei der die Abrechnung gegenüber Krankenkassen zur Einnahmequelle werden kann.

Fast 50.000 Hinweise – und trotzdem nur ein Teil des Problems sichtbar

Der GKV-Spitzenverband dokumentierte für die Jahre 2022 und 2023 knapp 50.000 Hinweise auf Fehlverhalten.

In diesem Zweijahreszeitraum wurden Schäden von mehr als 200 Millionen Euro festgestellt. Rund 92 Millionen Euro an Forderungen konnten gesichert werden.

Besonders betroffen waren Arznei- und Verbandmittel sowie Pflegeleistungen.

Für Arznei- und Verbandmittel verzeichnete der Verband Schäden von fast 86 Millionen Euro. Im Pflegebereich waren es mehr als 62 Millionen.

Dahinter stehen sehr unterschiedliche Vorgänge: mutmaßlich erfundene Leistungen, unzulässige Abrechnungen, fehlende Qualifikationen oder gefälschte Rezepte.

Die AOK Rheinland/Hamburg berichtete im Mai 2026 allein für die Jahre 2024 und 2025 von Schäden in Höhe von rund acht Millionen Euro.

Dabei kamen unter anderem professionell gefälschte Arzneimittelrezepte zum Einsatz. Solche Fälschungen zeigen, wie lukrativ hochpreisige Medikamente für kriminelle Akteure sein können.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob es Abrechnungsbetrug gibt. Sondern wie viel davon unentdeckt bleibt.

Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

Das deutsche Gesundheitswesen besitzt zahlreiche Aufsichts-, Prüf- und Abrechnungsstrukturen.

Krankenkassen unterhalten bereits seit mehr als zwanzig Jahren besondere Stellen zur Bekämpfung von Fehlverhalten. Die gesetzliche Grundlage findet sich unter anderem in Paragraf 197a des Fünften Sozialgesetzbuches.

Diese Stellen bearbeiten Verdachtsfälle, verfolgen Unregelmäßigkeiten und informieren gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft.

Doch ihre bisherigen Daten erfassen vor allem entdeckte Fälle.

Die große Dunkelziffer bleibt unbekannt.

Auch deshalb fordern die Kassen weitergehende Möglichkeiten, Abrechnungsdaten kassenübergreifend auszuwerten und verdächtige Muster mithilfe künstlicher Intelligenz zu erkennen.

Das kann sinnvoll sein. Wer systematisch wiederkehrende Scheinabrechnungen aufdecken will, muss Zusammenhänge zwischen einzelnen Vorgängen erkennen können.

Allerdings berühren solche Systeme sensible Gesundheitsdaten. Jede Ausweitung der Kontrollbefugnisse benötigt deshalb klare gesetzliche Grenzen, wirksame Datenschutzvorkehrungen und unabhängige Aufsicht.

Mehr Kontrolle darf nicht bedeuten, jeden Patienten unter Generalverdacht zu stellen.

Der Beitragszahler bleibt der Verlierer

Die politische Dimension ist größer als die Frage einzelner Krimineller.

Gesetzliche Krankenversicherungen finanzieren sich wesentlich aus Beiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie aus öffentlichen Mitteln.

Jeder Euro, der durch Betrug verloren geht, steht für medizinische Leistungen nicht mehr zur Verfügung.

Natürlich würde selbst eine erfolgreiche Bekämpfung sämtlicher Abrechnungsbetrügereien die Finanzprobleme der Krankenkassen nicht automatisch lösen. Steigende Behandlungskosten, medizinischer Fortschritt und demografische Veränderungen stellen eigenständige Herausforderungen dar.

Umgekehrt ist es kaum vermittelbar, immer neue Einsparungen und Belastungen zu diskutieren, ohne zugleich den Schutz der vorhandenen Beitragsgelder zur politischen Priorität zu machen.

Dabei reicht es nicht, auf die Verantwortung der einzelnen Krankenkassen zu verweisen.

Die Bundesregierung setzt den gesetzlichen Rahmen. Die Länder sind für wesentliche Teile der Strafverfolgung verantwortlich. Kassen, Abrechnungsstellen und Aufsichtsbehörden müssen wirksam zusammenarbeiten.

Daraus ergeben sich drei unangenehme Fragen:

Warum hat der Bund trotz jahrelanger Forderungen keine nationale Dunkelfeldstudie beauftragt?

Warum fehlen noch immer ausreichende Möglichkeiten, systematische Betrugsmuster kassenübergreifend aufzudecken?

Und weshalb müssen die Versicherten bis 2029 warten, bevor überhaupt eine fundierte Schätzung des tatsächlichen Ausmaßes vorliegt?

Die deutschen Krankenkassen haben nun selbst die wissenschaftliche Untersuchung angestoßen.

Das ist ein notwendiger Schritt.

Aber es bleibt ein bemerkenswertes politisches Eingeständnis: Ein Gesundheitssystem, das jährlich Hunderte Milliarden Euro verwaltet, kennt das Ausmaß seiner möglichen kriminellen Verluste nicht.

Deutschland diskutiert darüber, welche medizinischen Leistungen sich seine Bürger noch leisten können. Es sollte ebenso entschlossen darüber diskutieren, wie es verhindert, dass Geld für diese Leistungen in kriminellen Strukturen verschwindet.

Denn nicht nur zu wenig Geld kann ein Gesundheitssystem ruinieren.

Sondern auch Geld, auf das niemand ausreichend aufpasst.

Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Dirk Kirschberger
Dirk Kirschberger ist Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor. Er schreibt über Politik, Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklungen und verbindet analytische Einordnung mit journalistischer Erfahrung.

Als nächstes lesen

Leonor Fini: Die Frau, die Männer zu Musen machte

Leonor Fini: Die Frau, die Männer zu Musen machte

Eine Frau, zwei Männer, erotische Traumwelten und ein Leben ohne Konventionen: Leonor Fini revolutionierte den Blick auf Geschlecht, Macht und Begehren. Zum Start der Frankfurter Retrospektive entdecken wir eine Künstlerin, die sich niemals unterordnete.
Von Bianca Moreau •