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Die Linke und ihre Netzwerke – Folge 2

Von West-Berlin in den 1980er-Jahren bis zur Wahlparty der Linken 2026: Wer ist Ibrahim Ibrahim? Cilla Zielinski rekonstruiert seine PFLP-bezogenen Auftritte, Vereinsstrukturen und Kontakte zur Neuköllner Linken.

Die Linke und ihre Netzwerke – Folge 2
Ibrahim Ibrahim (Mitte), Ferat Koçak (links) und Vanessa Emde (rechts): Drei Akteure im Mittelpunkt der Kontroverse um politische Netzwerke der Berliner Linken. KI-generierte redaktionelle Bildkomposition auf Grundlage von Originalfotografien. Gestaltung: Die Vossische / KI.

Ibrahim Ibrahim: Von West-Berlin zur Wahlparty

Ein Foto mit Ferat Koçak brachte ihn ins Zentrum einer politischen Kontroverse. Doch Ibrahim Ibrahim ist seit Jahrzehnten im Berliner Protestmilieu aktiv. Seine Geschichte führt zur PFLP, zu alten Vereinen, zur MLPD und schließlich zu gemeinsamen Veranstaltungen mit der Neuköllner Linken. Die Vossische rekonstruiert eine politische Laufbahn, die lange vor dem Wahlabend 2026 begann.

Das Foto, das eine alte Geschichte sichtbar machte

Es ist der 20. September 2026. In Berlin feiert die Linke einen historischen Wahlerfolg. 25,7 Prozent der Stimmen. Elif Eralp, die Spitzenkandidatin, kann auf das Rote Rathaus hoffen. Im Neuköllner Bezirksverband herrscht Feierlaune.

Zwischen den Gästen steht ein Mann, dessen Gesicht nur wenige außerhalb der politischen Aktivistenszene kennen. Graues Haar, ein freundlicher Ausdruck, ein T-Shirt mit einer Palästina-Botschaft.

Sein Name: Ibrahim Ibrahim.

Er lässt sich mit dem Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak fotografieren. Auch Vanessa Emde, gerade für die Linke ins Abgeordnetenhaus gewählt, erscheint auf einem gemeinsamen Bild.

Zunächst könnte es eine beiläufige Aufnahme sein. Politiker posieren an Wahlabenden mit zahllosen Besuchern.

Doch Ibrahim Ibrahim ist kein gewöhnlicher Wahlpartygast.

Der heute 70-Jährige steht seit Jahrzehnten im Umfeld palästinensischer Organisationen. Er hat bei Veranstaltungen mit Bezug zur Volksfront für die Befreiung Palästinas, der PFLP, gesprochen. Er hat die Streichung dieser Organisation von der europäischen Terrorliste gefordert. Er ist als Redner und Organisator zahlreicher Demonstrationen aufgetreten.

Und er hatte bereits vor dem Wahlabend Kontakte zu Politikern der Neuköllner Linken.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, weshalb er am 20. September fotografiert wurde.

Sie lautet: Wie weit reichen diese Kontakte zurück, und welche politischen Beziehungen bestanden bereits vorher?

Die Spur führt nach West-Berlin

Ibrahim Ibrahim wurde 1956 geboren. Nach biografischen Angaben kam er 1974 nach Deutschland. Er bezeichnet sich heute als deutschen Staatsbürger palästinensischer Herkunft.

Seine politische Laufbahn reicht erheblich weiter zurück als die Demonstrationen seit dem Gaza-Krieg.

In einem Interview mit t-online vom 29. Oktober 2026 erklärte ein Experte der Organisation democ, Ibrahim werde bereits in Geheimdienstunterlagen der 1980er-Jahre als Akteur im West-Berliner Umfeld der PFLP beschrieben.

Die PFLP war damals längst keine unbekannte Organisation.

Sie wurde 1967 gegründet, vertrat eine marxistisch-leninistisch geprägte palästinensische Nationalbewegung und setzte auch auf terroristische Gewalt. Internationale Bekanntheit erlangte sie durch Flugzeugentführungen und Anschläge.

Zu ihren bekanntesten Operationen zählt die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Jahr 1977.

Heute steht die PFLP auf der Terrorliste der Europäischen Union.

Dass Ibrahim nach Einschätzung eines Extremismusexperten bereits in den 1980er-Jahren ihrem West-Berliner Umfeld angehörte, ist ein wichtiger historischer Hinweis.

Die zugrunde liegenden Geheimdienstakten konnten für diese Reportage allerdings noch nicht im Original ausgewertet werden. Eine formelle Mitgliedschaft Ibrahims in der PFLP lässt sich deshalb aus diesem Hinweis allein nicht abschließend feststellen.

Fest steht jedoch: Seine öffentlich dokumentierte politische Tätigkeit reicht weit über die jüngere Berliner Palästinabewegung hinaus.

2012: Der Verein mit dem Eintrag in Charlottenburg

Anfang des folgenden Jahrzehnts findet sich eine konkrete institutionelle Spur.

Am 2. Februar 2012 wurde beim Amtsgericht Charlottenburg der Verein „Demokratische Komitees Palästinas e. V.“ eingetragen.

Die Registernummer lautet VR 31222.

Die Vereinssatzung datiert vom 8. Januar 2011.

In einer öffentlichen Registerdatenbank wird Ibrahim Ibrahim als Vorsitzender geführt. Daneben erscheinen Nizar Sweidan und Mustapha El-Masri als stellvertretende Vorsitzende sowie Ferial Ibrahim als Schatzmeisterin.

Diese Angaben liefern erstmals eine nachprüfbare organisatorische Struktur.

Allerdings zeigt ein Vereinsregister zunächst nur, wer rechtlich für einen Verein verantwortlich ist. Es sagt noch nichts darüber aus, welche Aktivitäten tatsächlich durchgeführt wurden, welche finanziellen Mittel vorhanden waren oder mit welchen Organisationen formal zusammengearbeitet wurde.

Gerade deshalb verdient die Geschichte dieses Vereins eine eigenständige Untersuchung.

Welche Veranstaltungen organisierte er? Welche politischen Ziele standen in seiner Satzung? Welche Beziehungen bestanden zur PFLP, zu anderen palästinensischen Initiativen und zu deutschen Parteien?

Die Fragen führen unmittelbar zu den nächsten öffentlich dokumentierten Auftritten Ibrahims.

2015: Eine Rede für Samir Kuntar

Im Dezember 2015 wurde Ibrahim bei einer Berliner Gedenkveranstaltung für Samir Kuntar öffentlich wahrgenommen.

Kuntar war wegen seiner Beteiligung an einem tödlichen Anschlag auf israelische Zivilisten verurteilt worden.

Nach einer Recherche der Welt würdigte Ibrahim ihn bei der Gedenkveranstaltung und erklärte, man werde dessen Weg fortsetzen.

Die Bedeutung dieser Aussage liegt in der Person, der gedacht wurde.

Kuntar war nicht einfach ein politischer Aktivist. Seine Vergangenheit war durch eine schwere terroristische Gewalttat geprägt.

Wer einen solchen Mann öffentlich als Vorbild würdigt, muss sich Fragen nach seinem Verhältnis zu politischer Gewalt gefallen lassen.

Für eine abschließende Beurteilung der Rede wären allerdings die vollständige arabische Aufzeichnung und eine überprüfte Übersetzung erforderlich.

Die öffentlich dokumentierten Aussagen sind dennoch ein wichtiger Bestandteil der politischen Biografie Ibrahims.

2016: Die PFLP-Fahne in Sofia

Ein Jahr später führt die Spur nach Bulgarien.

Im Juni 2016 nahm Ibrahim nach Medienberichten an einer Gedenkveranstaltung in Sofia für Omar Nayef Zayed teil.

Zayed hatte wegen der Tötung eines Israelis in Haft gesessen und war später aus dem Gefängnis geflohen.

Auf Bildern der Veranstaltung soll Ibrahim eine PFLP-Fahne getragen haben. Ebenfalls anwesend war Leila Khaled, die als Beteiligte an einer Flugzeugentführung im Jahr 1969 international bekannt wurde.

Im Dezember desselben Jahres berichteten Quellen außerdem über Ibrahims Auftritt bei einer Jubiläumsveranstaltung zum 49. Gründungstag der PFLP.

Er soll die Anwesenden ausdrücklich im Namen der Angehörigen und Unterstützer der Organisation begrüßt haben.

Solche Auftritte sind erheblich aussagekräftiger als eine zufällige Begegnung bei einer Demonstration.

Sie zeigen eine wiederholte öffentliche Identifikation mit Symbolen, Personen und politischen Positionen des PFLP-Umfelds.

Welche formelle Funktion Ibrahim innerhalb der Organisation innehatte, ist damit allerdings nicht abschließend geklärt.

2017: Lob für die Hisbollah

Im Mai 2017 trat Ibrahim nach einer weiteren Recherche der Welt bei einer Veranstaltung auf, die an den israelischen Truppenabzug aus dem Südlibanon erinnerte.

Dort soll er die Hisbollah und deren bewaffneten Widerstand ausdrücklich gewürdigt haben.

Die Hisbollah ist eine schiitisch-islamistische Organisation mit politischen und militärischen Strukturen. In Deutschland wurde ihre Betätigung 2020 verboten.

Die damalige Rede Ibrahims liegt vor diesem Verbot.

Für die Bewertung seiner politischen Haltung ist jedoch relevant, dass er nach den veröffentlichten Berichten nicht nur Organisationen aus dem linksnationalistischen palästinensischen Spektrum würdigte, sondern auch den bewaffneten Widerstand der Hisbollah positiv darstellte.

Damit wird ein ideologisch unterschiedliches, aber im Kampf gegen Israel verbundenes politisches Umfeld sichtbar.

2019: Das öffentliche Bekenntnis auf der MLPD-Website

Die wohl eindeutigste Quelle zur damaligen politischen Selbstpositionierung Ibrahims stammt aus dem Jahr 2019.

Sie ist bis heute öffentlich abrufbar.

Am 20. Mai 2019 veröffentlichte die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands im Rahmen ihrer Europawahlwerbung einen Beitrag unter seinem Namen.

Darin erklärt Ibrahim, dass Sympathisanten der PFLP und das Demokratische Komitee Palästinas Berlin die Internationalistische Liste/MLPD unterstützten.

Besonders deutlich ist die Forderung:

„Wir fordern die Streichung der PFLP von der EU-Terrorliste!“

Das ist keine Zuschreibung durch einen politischen Gegner. Es handelt sich um einen unter seinem Namen veröffentlichten politischen Text.

Die PFLP wird darin als Befreiungsorganisation dargestellt, deren Kampf legitim sei.

Genau hier zeigt sich ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Ibrahims damaliger politischer Argumentation und der europäischen sicherheitspolitischen Bewertung.

Während die EU die PFLP als Terrororganisation listet, forderte Ibrahim ihre Streichung von der Liste.

Damit ist seine öffentliche Unterstützung für die politische Anerkennung der PFLP spätestens seit 2019 unmittelbar dokumentiert.

Zugleich zeigt die Quelle, dass seine Zusammenarbeit mit deutschen politischen Organisationen keineswegs erst mit der Berliner Linken begann.

Bereits sieben Jahre vor der Neuköllner Wahlparty war Ibrahim im Umfeld eines deutschen Wahlkampfs öffentlich präsent.

Nach dem 7. Oktober 2023: Eine neue Protestbewegung

Mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Krieg im Gazastreifen veränderte sich die politische Landschaft der Berliner Protestbewegungen.

Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt in seinem Bericht für 2024, dass PFLP-Anhänger und Anhänger der Hamas bei Demonstrationen unter der Dachbezeichnung „Vereinigtes Palästinensisches Nationalkomitee“, kurz VPNK, gemeinsam auftraten.

Die PFLP habe dabei eine wichtige Verbindungsfunktion zwischen verschiedenen extremistischen Strömungen übernommen.

Das ist eine behördliche Bewertung einer Organisationsstruktur.

Sie bedeutet nicht, dass jeder Teilnehmer einer VPNK-Demonstration persönlich Hamas- oder PFLP-Mitglied ist.

Ibrahim selbst trat zunehmend als Vertreter des VPNK auf.

Er veröffentlichte Stellungnahmen, mobilisierte zu Veranstaltungen und war als Redner auf Protesten präsent.

Nach Recherchen der taz würdigte er in öffentlichen Äußerungen auch den getöteten Hamas-Anführer Jahia Sinwar. Die Zeitung dokumentierte zudem Bildmaterial mit PFLP-Symbolen und bewaffneten Kämpfern, das Ibrahim verbreitet haben soll.

Solche Aussagen unterscheiden sich von gewöhnlicher Kritik an der israelischen Regierung.

Sie werfen konkrete Fragen nach seiner Haltung zu Organisationen und Personen auf, die terroristische Gewalt ausgeübt haben.

Doch während Ibrahims Rolle in dieser Protestbewegung öffentlich sichtbarer wurde, entwickelten sich zugleich Kontakte zu Teilen der Berliner Linken.

Juni 2025: Gemeinsam vor dem Rathaus Neukölln

Der Juni 2025 ist für unsere Recherche ein Schlüsseldatum.

Damals trat Ibrahim bei einer Kundgebung vor dem Neuköllner Rathaus auf.

Ebenfalls als Redner war der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak anwesend.

Nach einer Recherche der Welt begrüßte der damalige Linken-Bezirkssprecher Hermann Nehls Ibrahim ausdrücklich.

Damit liegt ein konkreter Veranstaltungskontakt mehr als ein Jahr vor der späteren Wahlparty vor.

Koçak erklärte nach den umstrittenen Fotos vom September 2026, er habe Ibrahim auf der Wahlparty nicht erkannt. Er verwies darauf, dort mit zahlreichen Gästen Fotos gemacht zu haben, und distanzierte sich ausdrücklich von gewalt- und terrorverherrlichenden Äußerungen.

Diese Erklärung ist nicht schon deshalb widerlegt, weil beide zuvor bei derselben Demonstration aufgetreten waren.

Doch die frühere Veranstaltung ist dokumentiert.

Und daraus entsteht eine journalistisch berechtigte Frage: Wie intensiv waren die Kontakte tatsächlich, und welche Kenntnisse hatte die Parteiführung über die politische Vergangenheit Ibrahims?

August 2025: Ein gemeinsames Solidaritätsfest

Wenige Wochen später wurde die Zusammenarbeit einzelner politischer Organisationen noch konkreter.

Im August 2025 veranstaltete die Linke Neukölln gemeinsam mit dem VPNK ein palästinensisches Solidaritätsfest.

Bereits damals gab es Kritik an der Beteiligung einer Organisation, die der Berliner Verfassungsschutz als gemeinsames Auftreten von Hamas- und PFLP-Anhängern einordnet.

Der Bezirksverband hielt an der Veranstaltung fest und betonte zugleich seine Ablehnung von Antisemitismus und Gewalt.

Für die heutige Debatte ist dieser Vorgang wesentlich.

Es handelt sich nicht lediglich um ein zufälliges Zusammentreffen von Aktivisten und Politikern.

Vielmehr wird eine gemeinsame öffentliche Veranstaltung beschrieben, an der ein Parteibezirksverband und eine umstrittene Organisation beteiligt waren.

Wer innerhalb des Bezirksverbands die Zusammenarbeit beschloss und wie die Verantwortung zwischen den Beteiligten verteilt wurde, ist für diese Recherche noch nicht anhand interner Originalunterlagen geklärt.

2025 und 2026: Das Internationalistische Bündnis

Eine weitere organisatorische Verbindung findet sich auf der Mitgliederseite des Internationalistischen Bündnisses Berlin.

Dort wurden im September 2026 unter anderem das VPNK, die Linke Neukölln, eine Linken-Basisorganisation in Wedding und die Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität als Mitglieder aufgeführt.

Damit existiert zumindest nach der öffentlichen Selbstdarstellung des Bündnisses eine gemeinsame politische Plattform.

Die Mitgliederliste beweist allerdings nicht, dass alle beteiligten Organisationen sämtliche Positionen ihrer Bündnispartner teilen.

Ebenso wenig belegt sie eine gemeinsame Leitung oder persönliche Mitgliedschaft Ibrahims im Bündnis.

Sie wirft aber konkrete Fragen auf.

Wer beschloss die Mitgliedschaft des Neuköllner Bezirksverbands? Welche Vertreter nahmen an Sitzungen teil? Welche gemeinsamen Beschlüsse entstanden? Welche politischen Initiativen wurden miteinander abgestimmt?

Diese Fragen betreffen organisatorische Verantwortung und nicht bloß persönliche Bekanntschaften.

September 2026: Unterstützung für Linken-Kandidaten

Im Wahlkampf zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 äußerte sich Ibrahim öffentlich zugunsten einzelner Linken-Kandidaten.

Nach Recherchen der taz gehörten dazu der Neuköllner Bürgermeisterkandidat Ahmed Abed und die Politikerin Martha Kleedörfer.

Anfang September bewarb Ibrahim außerdem eine Veranstaltung mit vier Neuköllner Linken-Politikern, organisiert vom Arabisch-Palästinensischen Rat für Demokratische Teilhabe.

Damit ist dokumentiert, dass seine politische Unterstützung über den Besuch einer Wahlparty hinausging.

Ob es sich dabei um eigenständige Wahlempfehlungen oder eine mit den Kandidaten abgesprochene Wahlkampfhilfe handelte, ist eine andere Frage.

Der Neuköllner Bezirksverband bestritt nach der Wahl, andere Organisationen in seinen Wahlkampf eingebunden zu haben.

Genau hier treffen zwei unterschiedliche Darstellungen aufeinander.

Ibrahim und sein Umfeld beanspruchten öffentlich einen Anteil am politischen Erfolg.

Die Partei verneinte eine organisatorische Einbindung.

Eine abschließende Antwort erfordert Unterlagen und Aussagen darüber, welche Absprachen tatsächlich stattgefunden haben.

Der 20. September: Die Wahlparty

Dann kommt jener Sonntagabend, an dem die Berliner Linke ihren Wahlerfolg feiert.

Ibrahim erscheint auf der Wahlparty in Neukölln. Er lässt sich unter anderem mit Koçak und Vanessa Emde fotografieren.

In einer später verbreiteten Botschaft gratuliert er der Linken zum Wahlerfolg. Er erklärt sinngemäß, sein politisches Umfeld habe zu diesem Ergebnis beigetragen.

Nach der Veröffentlichung der Fotos gerät Koçak unter Druck. Er distanziert sich von Gewaltverherrlichung und gibt später seinen Sitz im Innenausschuss des Bundestages ab.

Auch innerhalb der Linken wächst die Kritik.

Parteimitglieder stellen die Frage, weshalb bereits bekannte Beziehungen zwischen einzelnen Funktionären und radikalen Aktivisten nicht früher zu einer klaren politischen Auseinandersetzung geführt hätten.

Für die Parteiführung um Elif Eralp wird aus dem Neuköllner Vorgang schließlich ein landespolitisches Problem.

Nicht das Foto allein ist dafür verantwortlich.

Es ist die Vorgeschichte, die durch das Foto erneut öffentlich sichtbar wird.

Die Reaktion von Elif Eralp

Ende Oktober 2026 beschäftigt sich die öffentliche Diskussion zunehmend mit Eralp persönlich.

Nach einem Bericht des Spiegel hatte die Linken-Spitzenpolitikerin bei einem Interview Vorbehalte dagegen geäußert, Ibrahim ausdrücklich namentlich zu nennen.

Sie verwies dabei auf Sorgen um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Familie.

Später bekräftigte sie öffentlich, sich nicht einschüchtern lassen zu wollen und gegen Gewalt, Terror und organisierte Kriminalität vorzugehen.

Aus diesen Vorgängen ergibt sich kein Beleg für eine persönliche politische Zusammenarbeit zwischen Eralp und Ibrahim.

Die entscheidende Frage betrifft vielmehr ihre Verantwortung als Führungspolitikerin.

Welche Kenntnisse hatte sie über die Kontakte einzelner Parteigliederungen zum VPNK?

Wann wurde die Landesführung über die Zusammenarbeit informiert?

Welche Konsequenzen wurden intern diskutiert?

Und welche Regeln gelten für gemeinsame Veranstaltungen mit Organisationen, die Sicherheitsbehörden dem extremistischen Spektrum zurechnen?

Ibrahim widerspricht

Am 17. Oktober 2026 veröffentlicht Ibrahim über seine anwaltliche Vertretung eine ausführliche Stellungnahme.

Darin weist er die Vorwürfe der Terrorismusunterstützung und des Antisemitismus entschieden zurück.

Er erklärt, sein politisches Engagement sei friedlich und gesetzeskonform.

Außerdem betont er, kein Mitglied der Linken zu sein.

Seine Kritik richte sich gegen die Politik der israelischen Regierung, nicht gegen jüdische Menschen oder das Judentum.

Er fordert ein demokratisches Palästina, in dem Menschen verschiedener Religionen gleichberechtigt zusammenleben könnten.

Diese Erklärung gehört zwingend zu einer vollständigen Darstellung.

Sie beseitigt jedoch nicht die Fragen nach seinen früheren öffentlichen Äußerungen, den PFLP-bezogenen Veranstaltungen und der Forderung von 2019, die Organisation von der EU-Terrorliste zu streichen.

Die früheren Positionen und seine heutige Selbstbeschreibung müssen nebeneinander geprüft werden.

Ob Ibrahim einzelne frühere Aussagen inzwischen anders bewertet, geht aus der Stellungnahme nicht eindeutig hervor.

März 2026: Auch die iranische Botschaft taucht auf

Ein weiterer Vorgang erweitert die politische Landkarte.

Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost nahm Ibrahim im März 2026 an einer Delegation teil, die von Vertretern der iranischen Botschaft empfangen wurde.

Grundlage des Berichts ist ein von ihm selbst veröffentlichter Facebook-Beitrag.

Die Islamische Republik Iran unterstützt seit Jahrzehnten verschiedene gegen Israel gerichtete bewaffnete Organisationen, darunter die Hamas und die Hisbollah.

Das macht die Zusammensetzung der Delegation und den Inhalt des Besuchs journalistisch interessant.

Aus einem Botschaftsbesuch allein ergibt sich allerdings weder eine finanzielle Verbindung noch eine operative Zusammenarbeit mit iranischen staatlichen Stellen.

Ob weitere Treffen stattfanden und welche Themen dabei besprochen wurden, ist bislang offen.

Ein Mann, mehrere Organisationen, verschiedene politische Milieus

Wenn man die öffentlich dokumentierten Stationen Ibrahims zusammenführt, entsteht ein bemerkenswert weit verzweigter politischer Lebenslauf.

In den 1980er-Jahren wird er von einem Extremismusexperten dem West-Berliner PFLP-Umfeld zugeordnet.

2012 erscheint er als Vorsitzender eines eingetragenen palästinensischen Vereins.

2015, 2016 und 2017 folgen dokumentierte Auftritte in Zusammenhängen mit militanten Organisationen und deren bekannten Vertretern.

2019 unterstützt er öffentlich die Internationalistische Liste/MLPD und fordert die Streichung der PFLP von der EU-Terrorliste.

Ab 2023 tritt er verstärkt im Umfeld des VPNK auf.

2025 finden sich gemeinsame Veranstaltungen mit Politikern der Neuköllner Linken.

2026 folgen Wahlunterstützung, Bündniskontakte und schließlich die Fotos von der Wahlparty.

Diese Kontinuität ist die eigentliche Geschichte.

Sie zeigt einen Aktivisten, dessen öffentliche politische Tätigkeit sich über Jahrzehnte erstreckt und dessen Kontakte unterschiedliche organisatorische Milieus berühren.

Sie beweist nicht, dass all diese Organisationen Teil einer gemeinsamen Steuerungsstruktur sind.

Aber sie macht sichtbar, warum eine Untersuchung der einzelnen Beziehungen notwendig ist.

Die offenen Fragen an die Berliner Linke

Die Parteiführung kann sich zu Recht dagegen verwahren, dass aus einzelnen Fotos automatisch politische Schuld abgeleitet wird.

Doch der Sachverhalt reicht inzwischen über einzelne Fotos hinaus.

Es gibt frühere gemeinsame Veranstaltungen, öffentliche Unterstützungserklärungen und eine gemeinsame Bündnisplattform, die mehrere Parteigliederungen und das VPNK als Mitglieder aufführt.

Daraus ergeben sich konkrete Fragen.

Wer entschied über die Zusammenarbeit beim Solidaritätsfest 2025?

Welche Kenntnisse hatten die Verantwortlichen über die behördliche Einordnung des VPNK?

Wer vertrat die Linke in gemeinsamen Bündnisgremien?

Gab es Absprachen zur Berliner Wahl 2026?

Warum beanspruchte Ibrahim öffentlich einen Anteil am Wahlerfolg, während die Partei eine organisatorische Beteiligung zurückwies?

Und welche politische Konsequenz zog die Führung aus den längst bekannten Kontakten?

Es sind Fragen, die mit überprüfbaren Dokumenten und konkreten Aussagen beantwortet werden können.

Nicht das Foto ist die Geschichte

Ibrahim Ibrahim trat nicht erst im September 2026 in die Öffentlichkeit.

Seine politische Geschichte reicht über Jahrzehnte zurück. Seine PFLP-bezogenen Äußerungen und Auftritte waren lange vor der Wahlparty dokumentiert. Auch gemeinsame Veranstaltungen mit Teilen der Neuköllner Linken gab es bereits vorher.

Dass er im September auf einem Foto mit Ferat Koçak auftauchte, machte diese Vorgeschichte einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar.

Die politische Auseinandersetzung muss deshalb weiter reichen als die Frage, wer am Wahlabend neben wem stand.

Sie muss klären, welche Beziehungen bewusst gepflegt wurden, welche Organisationen miteinander arbeiteten und welche Verantwortung die jeweiligen Funktionsträger dafür übernahmen.

Ein Foto kann Zufall sein. Wiederholte gemeinsame Veranstaltungen, öffentliche Unterstützungsaufrufe und dokumentierte Bündnisstrukturen sind hingegen Tatsachen, die eine genauere Untersuchung verlangen.

Die Antwort auf die Frage nach der politischen Verantwortung der Berliner Linken liegt nicht allein im September 2026.

Ein Teil davon liegt in ihrer Vorgeschichte.


Die Vossische setzt die Serie „Die Linke und ihre Netzwerke“ fort. Im nächsten Teil untersuchen wir die politischen und organisatorischen Beziehungen zwischen dem VPNK, dem Neuköllner Bezirksverband, der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität und weiteren Bündnispartnern.

Quellen

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Geschrieben von

Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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