Was haben Sie zu verbergen, Akram Selo?
Die Gen-Z-Proteste sind vorbei, doch wer führt die Bewegung? Akram Selo, der Sprecher Amadeo, wechselnde Impressumsadressen und Kooperationen mit linken Gruppen werfen Fragen auf. Die Vossische untersucht Organisation, Finanzierung, politische Netzwerke und die Verantwortung hinter den Forderungen.!
Wer steckt wirklich hinter den Gen-Z-Protesten?
Anonyme Organisatoren, wechselnde Adressen, linksextreme Netzwerke und eine Bewegung, die vieles fordert – aber über ihre eigene Verantwortung wenig verrät.
Am Tag danach sind die Straßen wieder frei. Die Absperrungen verschwunden, die Polizeifahrzeuge abgezogen, die letzten Transparente eingerollt. Was von den bundesweiten Demonstrationen der sogenannten Generation Z bleibt, sind nicht nur politische Forderungen, Polizeiberichte und Bilder von Ausschreitungen. Es bleibt eine Frage, die mit jedem weiteren Auftritt ihrer Organisatoren dringlicher wird:
Wer steckt eigentlich hinter dieser Bewegung?
Am 31. Oktober sollten in mehr als 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße gehen. Sie demonstrierten gegen steigende Lebenshaltungskosten, für bessere Schulen, gegen die Wehrpflicht und für mehr Klimaschutz. Die Veranstalter hatten mit mehr als 180.000 Teilnehmern gerechnet. Nach eigenen Angaben kamen rund 120.000. Eine unabhängig bestätigte bundesweite Gesamtzahl liegt nicht vor.
Aber die bemerkenswerteste Geschichte dieser Demonstrationen spielt sich nicht allein auf den Straßen ab.
Sie spielt sich hinter den Kulissen einer Initiative ab, deren öffentliches Gesicht Akram Selo heißt. Ein nach eigenen Angaben 18-jähriger Abiturient, der eine bundesweite politische Mobilisierung mit angestoßen haben will, in Interviews Auskunft gibt, zugleich aber wesentliche persönliche Angaben zurückhält.
Neben ihm steht ein Sprecher, der nur Amadeo genannt werden möchte. Dazu ein Führungskreis, dessen Mitglieder teilweise anonym bleiben. Und eine organisatorische Konstruktion, bei der nicht immer klar ist, wer wem gegenüber verantwortlich ist.
Gen Z regelt. Aber wer regelt eigentlich Gen Z?
Ein politischer Initiator, der seine Herkunftsregion nicht nennen will
Akram Selo hat sich innerhalb weniger Tage zum bekanntesten Namen der Initiative entwickelt. Er gibt Interviews, erklärt Forderungen, verteidigt die Demonstrationen und spricht über die Zukunft einer Generation.
Doch schon bei der Frage, aus welcher Stadt oder welchem Bundesland er kommt, endet seine Auskunftsbereitschaft.
Seine Erklärung lautet: Privatsphäre.
Gegenüber der taz begründete er die Zurückhaltung damit, dass sich die jungen Organisatoren vor Menschen schützen wollten, die ihre Bewegung ablehnen.
Das ist zunächst ein legitimes Anliegen. Niemand muss seine private Wohnanschrift veröffentlichen, nur weil er eine politische Meinung vertritt. Auch Aktivisten besitzen ein Recht auf Schutz vor Bedrohungen und Belästigungen.
Aber Selo ist nicht irgendein Teilnehmer, der mit einem Pappschild auf einer Demonstration steht.
Er ist einer der öffentlich auftretenden Verantwortlichen einer bundesweiten Initiative, die politische Entscheidungen beeinflussen will, Spenden einwirbt und Menschen zu Demonstrationen mobilisiert.
Die Öffentlichkeit darf deshalb fragen, wer diese Verantwortung trägt.
Welche konkreten Gefahren begründen Selos Sicherheitsbedenken? Hat er Drohungen erhalten? Hat er Anzeige erstattet? Oder handelt es sich um allgemeine Befürchtungen?
Öffentlich überprüfbare Belege für persönliche Bedrohungen gegen Selo liegen bislang nicht vor. Das beweist nicht, dass es keine gegeben hat. Es bedeutet aber, dass seine Begründung bisher nicht unabhängig überprüft werden kann.
Privatsphäre schützt das Privatleben. Sie beantwortet nicht die Frage nach politischer Verantwortlichkeit.
Amadeo: Ein Vorname für eine bundesweite Bewegung
Dann ist da Amadeo.
Unter diesem Vornamen tritt ein Sprecher des Presseteams auf. Er spricht mit Nachrichtenagenturen, erläutert die Haltung der Initiative und kündigt weitere Proteste an.
Seinen vollständigen Namen nennt er öffentlich nicht.
Nach den Demonstrationen erklärte er, die Bewegung wolle am 20. November erneut auf die Straße gehen. Zugleich verwies er darauf, dass die Initiative für Ereignisse nach dem Ende ihrer Kundgebungen nicht verantwortlich sei.
Das wirft Fragen auf.
Wer hat Amadeo zum Sprecher bestimmt? Ist er Mitglied des zentralen Führungskreises? Welche Entscheidungsbefugnisse besitzt er? Vertritt er ausschließlich „Gen Z regelt“, oder bestehen zusätzliche organisatorische Bindungen?
Nicht der Name selbst ist verdächtig. Auch aus seiner sprachlichen Herkunft lässt sich keine persönliche oder politische Zugehörigkeit ableiten.
Interessant ist vielmehr die Konstruktion einer öffentlichen Sprecherrolle, deren organisatorische Grundlage für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist.
Ein Pressesprecher muss nicht sein Privatleben offenlegen. Aber die Öffentlichkeit sollte erfahren können, von wem er beauftragt wurde und für welche Entscheidungen er Verantwortung übernimmt.
Fünf Organisatoren. Oder dreißig. Und wer kennt eigentlich wen?
Die Aussagen über die Größe der Organisation verdienen besondere Aufmerksamkeit.
In einem Gespräch mit der taz beschrieb Selo ein Organisationsteam von ungefähr 30 Menschen, die sich über soziale Medien kennengelernt hätten. Andere Darstellungen sprechen von 20 bis 30 Beteiligten.
Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schilderte er schließlich einen engeren Kern von fünf Personen. Drei von ihnen wollten anonym bleiben. Nicht alle sollen sich persönlich kennen.
Diese Angaben müssen sich nicht widersprechen. Ein kleines Leitungsteam und ein größerer Unterstützerkreis können problemlos nebeneinander existieren.
Aber gerade diese Unterscheidung wäre erklärungsbedürftig.
Wer entscheidet, welche Forderungen veröffentlicht werden? Wer genehmigt gemeinsame Aufrufe mit anderen Organisationen? Wer ist gegenüber den lokalen Veranstaltern weisungsbefugt? Wer kann im Namen der gesamten Bewegung sprechen?
Besonders bemerkenswert ist, dass die bundesweite Initiative keineswegs alle örtlichen Demonstrationen selbst organisiert hat. In mehreren Städten meldeten andere Gruppen die Veranstaltungen an.
Die Bewegung besitzt damit eine gemeinsame öffentliche Marke, aber offenbar unterschiedliche örtliche Verantwortungsstrukturen.
Das kann Ausdruck einer dezentralen Protestbewegung sein. Es kann auch die Möglichkeit eröffnen, dass bestehende politische Organisationen unter einem gemeinsamen Motto ihre eigenen Anliegen verfolgen.
Welche Erklärung zutrifft, lässt sich nicht aus der Zahl der Demonstranten ablesen. Dafür braucht es eine nachvollziehbare Organisationsstruktur.
Erst Süddeutschland, dann die Schweiz
Auch die Anschriften im Impressum sind Teil dieser Geschichte.
Die Vossische hat sich bereits vor den Demonstrationen mit der Registrierung der Protestwebsite und den öffentlich angegebenen Verantwortlichkeiten beschäftigt.
Am 18. Oktober tauchte die Domain genz-regelt.de in der dokumentierten Registrierungshistorie auf. Das Impressum führte zeitweise eine Adresse in Süddeutschland. Später erschien eine Schweizer Anschrift.
Andere Medien bestätigten diese Veränderungen. Nach Recherchen der WAZ handelte es sich bei den angegebenen Standorten um Adressen, an denen Dienstleistungen für Geschäftsanschriften angeboten werden.
Daran ist zunächst nichts Ungewöhnliches oder Verbotenes. Solche Dienste können unter anderem verhindern, dass die Privatadresse eines Selbstständigen öffentlich verbreitet wird.
Dennoch bleibt die Frage, warum die Angaben in der kurzen Entstehungsphase der Initiative mehrfach geändert wurden.
Wurde lediglich der Schutz der privaten Wohnanschrift verbessert? Gab es organisatorische Änderungen? Wer ist Vertragspartner des jeweiligen Adressdienstes? Und wer trägt die rechtliche Verantwortung für die Website und die dort eingeworbenen Mittel?
Eine gemietete Anschrift beantwortet diese Fragen nicht automatisch.
Der entscheidende Punkt ist auch hier nicht die Straße, in der Selo wohnt. Es geht um die Identität und rechtliche Zuständigkeit desjenigen, der eine bundesweite politische Kampagne betreibt.
Die roten Fahnen und die palästinensischen Flaggen
Und dann sind da die Bilder vom 31. Oktober.
In Hamburg dokumentierte der NDR kommunistische und sozialistische Gruppen, dazu palästinensische und libanesische Flaggen. Auch aus anderen Städten liegen Berichte über entsprechende politische Symbole vor.
Im von der Vossischen bisher untersuchten Bildmaterial sind rote Fahnen und palästinensische Symbole sichtbar. Deutsche Bundesflaggen waren in diesen ausgewerteten Aufnahmen nicht zu erkennen. Das ist keine Aussage darüber, welche Flaggen auf sämtlichen Demonstrationen getragen wurden.
Aber die politische Symbolik verlangt eine Erklärung.
Wer für bezahlbaren Wohnraum, bessere Schulen und gegen die Wehrpflicht demonstriert, benötigt dafür keine kommunistische Parteifahne. Und eine palästinensische Nationalflagge erläutert noch nicht, welche Reform des deutschen Bildungssystems gefordert wird.
Selbstverständlich dürfen Demonstrationsteilnehmer unterschiedliche politische Überzeugungen besitzen und diese öffentlich zeigen. Auch eine palästinensische Flagge ist für sich genommen weder ein Beleg für Extremismus noch für Islamismus.
Die entscheidende Frage ist eine andere: Welche Organisationen brachten diese Botschaften in die Proteste ein, und welche Rolle spielten sie bei deren Vorbereitung?
Das lässt sich nicht mit einem pauschalen Hinweis auf die Vielfalt einer Bewegung erledigen.
Wenn politische Gruppen unter einem überparteilichen Protestmotto auftreten, darf die Öffentlichkeit wissen wollen, welche Ziele sie verfolgen.
Die Verbindung zur Internationalen Jugend
Hier beginnt die eigentlich interessante Organisationsgeschichte.
Die WAZ dokumentierte vor den Demonstrationen gemeinsame Social-Media-Aufrufe von „Gen Z regelt“ mit der Internationalen Jugend in Leipzig. Diese wird vom sächsischen Verfassungsschutz dem dogmatisch-linksextremen Spektrum zugerechnet.
Auch für Hamburg wurden gemeinsame Beiträge mit der Internationalen Jugend beschrieben.
Das sind keine bloßen Vermutungen über politische Sympathien. Gemeinsame Veröffentlichungen sind konkrete Formen der Zusammenarbeit.
Sie beweisen allerdings nicht, dass die Internationale Jugend das bundesweite Führungsteam kontrolliert.
Selo hat eine solche extremistische Unterwanderung ausdrücklich bestritten. Gegenüber der taz erklärte er, im Organisationsteam gebe es keine Extremisten. Seine Bewegung grenze sich von beiden politischen Extremen ab.
Diese Erklärung gehört zur vollständigen Darstellung.
Sie erledigt aber nicht die Frage, weshalb lokale Strukturen der Initiative mit Organisationen zusammenarbeiteten, die sicherheitsbehördlich dem linksextremen Spektrum zugeordnet werden.
Wer hat diese Kooperationen vereinbart? Wurden sie vom zentralen Team gebilligt? Waren es unabhängige Entscheidungen örtlicher Veranstalter?
Gerade weil die Initiative ihre Dezentralität betont, müsste sie zwischen örtlicher Autonomie und bundesweiter Verantwortung unterscheiden.
Die Hildesheim-Spur
Die Vossische hat in ihrer bisherigen Recherche eine weitere Spur untersucht: die technische Infrastruktur rund um Internetauftritte der Internationalen Jugend.
Dazu gehören eine bereits seit 2019 bestehende Domain, ihre Nameserver-Historie und die mögliche Verbindung zu einem technischen Umfeld in Hildesheim, in dem auch der Name René Grebenstein auftaucht.
Diese Spur ist deshalb interessant, weil die Mobilisierung unter dem Gen-Z-Motto bereits erkennbar war, bevor die neue Kampagnenwebsite ihre bundesweite Aufmerksamkeit erhielt.
Die Chronologie stellt eine wichtige Frage: Wer verfügte über die Kommunikationskanäle, Mobilisierungserfahrung und organisatorischen Kontakte, bevor Akram Selo öffentlich bekannt wurde?
Eine Domain oder ein gemeinsamer technischer Dienstleister beweist allerdings keine persönliche Steuerung. Auch lassen sich daraus ohne weitere Belege weder Finanzierungsbeziehungen noch politische Weisungsketten ableiten.
Für eine belastbare Antwort brauchen wir die dokumentierten Kontakte zwischen den jeweiligen Organisationsteams.
Die Frage bleibt: War „Gen Z regelt“ eine neue Initiative, die Unterstützung durch bestehende Gruppen erhielt? Oder wurde ein bereits vorhandenes Protestnetzwerk nachträglich unter einer neuen Marke zusammengeführt?
Bislang ist keine dieser Varianten abschließend bewiesen.
Palästina, die radikale Linke – und die Frage nach weiteren Netzwerken
Die sichtbare Beteiligung pro-palästinensischer und linksradikaler Gruppierungen macht auch eine genauere Untersuchung möglicher organisatorischer Überschneidungen notwendig.
Dabei sind drei Dinge strikt auseinanderzuhalten.
Eine palästinensische Flagge zeigt zunächst einen politischen oder nationalen Bezug. Die Beteiligung einer marxistisch-leninistischen Gruppe belegt deren Teilnahme an einer Veranstaltung. Eine islamistische Organisationsbindung wäre dagegen ein eigenständiger, erheblich schwerwiegenderer Befund, für den konkrete Belege erforderlich sind.
Für eine Steuerung des bundesweiten Teams durch islamistische Organisationen gibt es derzeit keinen solchen Nachweis.
Ebenso wenig ist bislang belegt, dass Selo oder Amadeo persönlich für eine entsprechende Organisation tätig wären.
Was sich dagegen überprüfen lässt, sind gemeinsame Mobilisierungen, politische Erklärungen, öffentlich identifizierbare Funktionäre und organisatorische Kontakte.
Die Aufgabe einer investigativen Redaktion besteht nicht darin, hinter jeder Fahne eine Verschwörung zu vermuten. Sie besteht darin, festzustellen, ob und wo aus einer sichtbaren politischen Beteiligung tatsächlicher Einfluss auf Entscheidungen wird.
Wer finanziert die Bewegung?
Protest kostet Geld.
Plakate müssen gedruckt, Veranstaltungen technisch ausgestattet, Werbeanzeigen bezahlt und Kommunikationskanäle betrieben werden.
„Gen Z regelt“ hat öffentlich um Spenden geworben. Das Handelsblatt berichtete kurz vor den Demonstrationen von mehr als 15.000 Euro, die nach Angaben der Initiative bereits gesammelt worden seien.
Das ist noch kein Hinweis auf eine illegale Finanzierung.
Aber es ist ein Anlass für Rechenschaft.
Wer nimmt die Spenden entgegen? Wer ist verfügungsberechtigt? Wer entscheidet über Ausgaben? Werden die Gelder ausschließlich für zentrale Kampagnen verwendet oder auch an örtliche Gruppen weitergereicht? Gibt es eine veröffentlichte Übersicht über Einnahmen und Ausgaben?
Vor allem: Bestehen finanzielle Verbindungen zwischen der neuen Initiative und politischen Organisationen, die an den Demonstrationen beteiligt waren?
Ohne Kontounterlagen oder andere überprüfbare Finanzdokumente lässt sich diese Frage nicht beantworten.
Und genau deshalb muss sie gestellt werden.
Was wollen Sie eigentlich – und was bieten Sie selbst an?
Neben der Frage nach den Organisatoren steht eine zweite, grundsätzlichere Frage.
Die Initiative fordert bessere Schulen, mehr Geld für soziale und gesundheitliche Leistungen, bezahlbare Lebensbedingungen, eine gerechtere Verteilung der Lasten, mehr Klimaschutz und die Ablehnung einer Wehrpflicht.
Viele dieser Anliegen sind verständlich. Schulen kosten Geld. Wohnungen sind teuer. Die wirtschaftliche Zukunft jüngerer Menschen ist keineswegs für alle gesichert.
Doch gesellschaftliche Verantwortung besteht nicht ausschließlich darin, Forderungen an die Politik zu formulieren.
Was ist diese Bewegung selbst bereit, für die Gesellschaft zu leisten?
Wer soll die zusätzlichen Ausgaben finanzieren? Wer übernimmt die Aufgaben, die heute von Pflegekräften, Feuerwehrleuten, Rettungsdiensten und Beschäftigten im Katastrophenschutz geleistet werden?
Wer schützt die Bundesrepublik, wenn die allgemeine Wehrpflicht abgelehnt wird und freiwillige Rekrutierung nicht ausreichen sollte?
Die Ablehnung einer Wehrpflicht ist eine legitime politische Position. Sie bedeutet nicht automatisch, dass ihre Anhänger jeden Dienst für die Gesellschaft ablehnen.
Aber dann sollte die Bewegung sagen, welche Alternativen sie unterstützt.
Befürwortet sie einen freiwilligen Gesellschaftsdienst mit besseren finanziellen Anreizen? Würde sie einen verpflichtenden, verfassungskonform ausgestalteten Dienst für alle Generationen akzeptieren? Wie steht sie zu Pflege, sozialem Ehrenamt und zivilem Katastrophenschutz?
Im veröffentlichten Forderungskatalog findet sich dazu kein entsprechend ausgearbeitetes Konzept.
Das ist bemerkenswert bei einer Bewegung, die sich selbst einen so selbstbewussten Namen gegeben hat.
Gen Z regelt.
Was genau regelt sie? Und wer übernimmt die Aufgaben, für die sich keine Mehrheit begeistern lässt?
Auch die ältere Generation, der diese Bewegung politische und wirtschaftliche Verantwortung abverlangt, kann eine Antwort auf diese Fragen erwarten.
Das merkwürdige Schweigen über Verantwortung
Die Organisatoren sagen, ihre Proteste seien friedlich angelegt gewesen.
Das ist wichtig und wird durch die eigenen öffentlichen Erklärungen der Initiative gestützt.
Doch in mehreren Städten kam es zu Vermummungen, Pyrotechnik, Störungen und nach Ende einzelner Veranstaltungen auch zu schwereren Ausschreitungen.
In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 5.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor. Die Initiative sprach von 10.000. In Frankfurt berichtete die Polizei von bis zu 8.000 Teilnehmern und wiederholten Unterbrechungen des Demonstrationszuges.
Für die Bewertung solcher Vorfälle muss geklärt werden, welche Gruppen tatsächlich beteiligt waren und ob die Handlungen während oder nach den angemeldeten Versammlungen stattfanden.
Nicht jede Straftat eines Demonstranten lässt sich dem Veranstalter zurechnen. Und nicht jede spätere Ausschreitung gehört überhaupt zur entsprechenden Demonstration.
Dennoch ist eine politische Frage legitim.
Wer bundesweit Menschen mobilisiert, muss sich daran messen lassen, wie seine Organisation mit erkennbaren Risiken umgeht.
Welche Sicherheitskonzepte bestanden? Wer waren die örtlichen Ansprechpartner? Welche Gruppen wurden zur gemeinsamen Mobilisierung eingeladen? Und welche Konsequenzen zieht die Initiative aus den Ereignissen?
Ein Hinweis darauf, dass nach Versammlungsende keine Verantwortung mehr bestehe, reicht als politische Erklärung jedenfalls nicht aus.
Selbst die Schülervertretungen verlangen mehr Transparenz
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion der Bundesschülerkonferenz.
Sie distanzierte sich bereits vor dem Protesttag von der Mobilisierung unter dem Namen „Gen Z regelt“ und verwies auf unklare Organisationsstrukturen. Inhaltliche Forderungen unterstützte sie teilweise dennoch.
Damit kommt die Transparenzkritik keineswegs nur von politischen Gegnern.
Sie wird auch aus dem Umfeld jener jungen Menschen vorgebracht, für die die Bewegung zu sprechen beansprucht.
Hinzu kommt ein weiterer Vorgang: Der Influencer und ehemalige Sprecher Gianni Matheja legte seine Funktion nach kurzer Zeit wieder nieder. Gegenüber der Öffentlichkeit begründete er dies mit Zweifeln, ob ein einheitlicher friedlicher Rahmen bei den unterschiedlichen beteiligten Gruppen ausreichend gewährleistet sei.
Das ist noch kein Beweis für einen verdeckten politischen Plan.
Aber es zeigt, dass selbst Personen aus dem direkten Umfeld der Initiative Schwierigkeiten mit der organisatorischen Konstruktion hatten.
Die Bewegung will trotzdem weitermachen. Für den 14. November werden neue bundesweite Proteste beworben. Für den 20. November ist eine Beteiligung an weiteren Jugendprotesten angekündigt.
Vor einer Fortsetzung sollte sie ihre Zuständigkeiten deutlich erklären.
Was haben Sie zu verbergen, Herr Selo?
Nach den Demonstrationen vom 31. Oktober steht Akram Selo vor einer Entscheidung.
Er kann weiterhin darauf verweisen, dass seine Mitstreiter jung sind, ihre Privatsphäre schützen wollen und sich über soziale Netzwerke gefunden haben.
Oder er kann offenlegen, wie die politische Organisation funktioniert, für die er öffentlich eintritt.
Nicht seine private Wohnanschrift interessiert die Öffentlichkeit. Nicht seine Familie. Nicht seine Herkunft oder Religion.
Es interessieren die Menschen, die Entscheidungen treffen. Die Organisationen, mit denen zusammengearbeitet wird. Die Verantwortung für Spenden und Veranstaltungen. Und die politischen Ziele, die über die sechs veröffentlichten Forderungen hinaus möglicherweise verfolgt werden.
Solange diese Informationen fehlen, bleiben Fragen.
Warum bleibt ein Großteil des Führungsteams anonym? Warum ist die Zugehörigkeit des Sprechers Amadeo zum Leitungskreis nicht nachvollziehbar? Wie werden Kooperationen mit linksextremen Gruppen entschieden? Wer prüft örtliche Veranstalter? Wer verwaltet das Geld?
Und schließlich: Welchen eigenen Beitrag zur Gesellschaft bietet eine Bewegung an, die von dieser Gesellschaft so viele Leistungen erwartet?
Die derzeit dokumentierten Verbindungen beweisen keine verdeckte Steuerung durch eine extremistische oder religiöse Organisation. Sie reichen aber aus, um eine umfassende öffentliche Rechenschaft über die Strukturen zu verlangen.
Wer gesellschaftliche Verantwortung einfordert, muss auch über die eigene Verantwortung sprechen.
Das Demonstrationsrecht schützt den Protest. Es verpflichtet niemanden, sein Privatleben offenzulegen.
Es macht aber öffentliche Kritik an mangelnder organisatorischer Transparenz nicht unzulässig.
Akram Selo und seine Mitstreiter wollen gehört werden.
Die Öffentlichkeit darf nun verlangen, dass sie ihrerseits Antworten geben.
Denn eine Bewegung, die erklärt, sie werde die Zukunft regeln, sollte zunächst erklären können, wer bei ihr eigentlich das Sagen hat.
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