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Investigativ

26.000 Euro und ein Machtkampf: Wer will „Gen Z regelt“ übernehmen?

BILD zeigt erstmals Akram Selo. Doch hinter Gen Z regelt tobt ein Machtkampf um 26.000 Euro, die Protestplattform und den politischen Kurs. Moritz Neumann untersucht, welche Rolle linke Gruppen spielen, wer über Spendengelder entscheidet und wer die Initiative tatsächlich kontrolliert.

26.000 Euro und ein Machtkampf: Wer will „Gen Z regelt“ übernehmen?
Gen Z regelt“ fordert sinkende Lebenshaltungskosten. Gründer Akram Selo zeigt sich derweil im Ralph-Lauren-Pullover, dessen vergleichbares Modell in Deutschland rund 245 Euro kostet. Ein bemerkenswerter Kontrast zwischen sozialpolitischen Forderungen und persönlichem Markenbewusstsein.

BILD zeigt erstmals Akram Selo. Doch die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet: Wer hat die Sprecher von „Gen Z regelt“ legitimiert? Ein Gymnasiast kontrolliert die Website, eine SDS-Funktionärin tritt in Berlin auf, etablierte linke Gruppen mobilisieren eigenständig. Und jetzt wird um 26.000 Euro gestritten. Die Vossische untersucht die tatsächlichen Machtverhältnisse.

Drei Menschen sitzen vor den Mikrofonen. Sie sprechen über Deutschlands Zukunft, über die Wehrpflicht, über Schulen, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit. Journalisten stellen Fragen, Kameras laufen, Nachrichtenagenturen verbreiten ihre Aussagen.

Es sieht aus wie eine gewöhnliche politische Pressekonferenz.

Aber wer hat diese drei Menschen eigentlich beauftragt?

Wer hat Emma Hübner, Steven Sedehi und die unter einem Pseudonym auftretende „Lina Friedrich“ zu Sprechern von „Gen Z regelt“ bestimmt?

Wer hat ihnen das Mandat erteilt, politische Forderungen im Namen anderer Menschen zu formulieren?

Und wem sind sie dafür verantwortlich?

Am 30. Oktober treten sie in Köln vor die Öffentlichkeit. Der angebliche Gründer der Initiative, Akram Selo, ist nicht dabei.

Eine Woche später veröffentlicht BILD erstmals ein Foto des bislang weitgehend unbekannten Gymnasiasten. Gleichzeitig enthüllt die Zeitung erhebliche interne Auseinandersetzungen.

Es geht um Führungsansprüche, um politische Einflussnahme und um 26.000 Euro Spendengelder.

Plötzlich stellt sich eine andere Frage als bisher: Hat Akram Selo die Protestbewegung tatsächlich geführt – oder kontrollierte er lediglich ihre bekannteste Internetadresse?

Ein Foto, aber noch immer keine klare Führung

BILD zeigt Akram Selo am 6. November erstmals auf einem Foto.

Dunkle Locken, voller Bart: Das ist Akram Selo (18), Gründer der Jugend-Bewegung „Gen Z regelt“. Bisher zeigte er sich nicht öffentlich55

Der nach Angaben der Zeitung 18-jährige Gymnasiast aus Niedersachsen hatte Interviews zuvor überwiegend schriftlich gegeben. Bei öffentlichen Auftritten überließ er anderen die Bühne.

Sein Name stand im Impressum der Website. Er kontrollierte damit nach BILDs Darstellung einen wesentlichen Teil der zentralen Infrastruktur, über die Demonstrationen angekündigt und öffentliche Botschaften verbreitet wurden.

Das verschaffte ihm Einfluss.

Aber Einfluss auf eine Website ist nicht gleichbedeutend mit dem Mandat, sämtliche Demonstrationen zu führen.

Die Vossische hatte bereits vor dem 31. Oktober auf die ungeklärten Organisationsstrukturen hingewiesen.

Selo sprach von einem kleinen Führungskreis. Andere Darstellungen beschrieben einen erweiterten Kreis von etwa 30 Beteiligten. Zusätzlich organisierten lokale Gruppen eigenständig Demonstrationen.

Jetzt berichtet BILD, mehr als 7.000 Nachrichten und Beiträge aus Telegram und Instagram ausgewertet zu haben.

Darin wird Selos Führungsanspruch nach Darstellung der Zeitung wiederholt bestritten.

Andere Beteiligte werfen ihm vor, eigenmächtig Entscheidungen getroffen zu haben. Sie streiten über die politische Ausrichtung, die Kommunikation und über Spendengelder.

Das Foto Selos beantwortet keine dieser Fragen.

Das Phantom hat ein Gesicht bekommen. Die Machtverhältnisse bleiben umstritten.

Emma Hübner: Wer hat die 28-Jährige zur Sprecherin gemacht?

Beginnen wir mit der Pressekonferenz in Köln.

Emma Hübner ist nach übereinstimmenden Medienberichten 28 Jahre alt, kommt aus Köln und studiert Psychologie im Master.

Sie tritt öffentlich für die dortige Protestorganisation auf. Ihre Themen sind unter anderem Gesundheitsversorgung, psychotherapeutische Angebote und soziale Absicherung.

Daran ist nichts ungewöhnlich.

Ungewöhnlich wird es erst, wenn aus einer Sprecherin einer örtlichen Initiative in der medialen Darstellung eine Stimme der deutschen Jugend wird.

Hübner ist 28 Jahre alt. Sie ist damit weder Jugendliche im Sinne des Kinder- und Jugendhilferechts noch eine gewählte Vertreterin sämtlicher junger Menschen.

Das muss sie auch nicht sein, um demonstrieren oder eine Pressekonferenz geben zu dürfen.

Aber woraus ergibt sich ihr politisches Mandat?

Wurde sie von den Kölner Organisatoren bestimmt? Hat ein Plenum darüber entschieden? War sie Mitglied des Führungskreises um Selo?

Und wer hat ihr gestattet, über die politischen Ziele anderer Ortsgruppen zu sprechen?

Der WDR dokumentierte immerhin eine wichtige Einschränkung: Die drei Sprecher der Kölner Pressekonferenz wollten ausdrücklich nur für Köln, Hamburg, München und Berlin auftreten.

Damit beanspruchten sie selbst nicht, sämtliche Proteste in mehr als 30 Städten zu vertreten.

Aber auch die vier genannten Städte sind keine einheitliche Organisation.

Wer hat also diese vier Ortsgruppen ermächtigt, gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen?

Steven Sedehi: Ein Organisator, aber wessen Vertreter?

Steven Sedehi ist nach den verfügbaren Angaben 18 Jahre alt, Abiturient und ehemaliger Schülersprecher in München.

Seine praktische Organisationsarbeit ist dokumentiert.

Der Bayerische Rundfunk begleitete ihn am 29. Oktober bei einem Vorbereitungstreffen mit rund einem Dutzend Beteiligten.

Dort ging es um Lautsprecher, Demonstrationsrouten, Redner und politische Forderungen.

Sedehi war also tatsächlich an der Münchner Demonstration beteiligt.

Aber bereits seine damalige Darstellung macht den späteren Machtkampf interessant.

Gegenüber dem BR erklärte er sinngemäß, dass die Ortsgruppen weitgehend unabhängig voneinander arbeiteten. Es gebe keine übergeordnete Person, die sämtliche Entscheidungen kontrolliere.

Das wirft eine naheliegende Frage auf:

Welche Funktion hatte dann Akram Selo?

War er lediglich Betreiber einer Website? Einer von mehreren Gründern? Vorsitzender eines informellen Führungskreises? Oder jemand, der für sich eine stärkere Führungsrolle beanspruchte, als andere Beteiligte anerkannten?

Sedehi spricht inzwischen auch mit Parteien.

Nach einem Bericht des Südkuriers vom 6. November erklärte er, Vertreter der Initiative hätten in dieser Woche Gespräche mit der Linksfraktion im Bundestag geführt. Ein weiterer Austausch mit den Grünen im Bayerischen Landtag sei vorgesehen.

Damit wird die Frage nach seinem Mandat noch wichtiger.

Wer schickt Steven Sedehi zu einer Bundestagsfraktion?

Mit welchen Forderungen?

Für welche Ortsgruppen?

Und wer entscheidet, ob eine dort getroffene Absprache für andere Beteiligte verbindlich ist?

Ein politischer Kontakt zur Linksfraktion belegt noch keine parteipolitische Steuerung.

Er zeigt aber, dass aus einer zunächst locker organisierten Protestplattform inzwischen ein politischer Gesprächspartner geworden ist.

Und ein solcher Gesprächspartner sollte erklären können, wen er tatsächlich vertritt.

„Lina Friedrich“: Eine Sprecherin unter falschem Namen

Die dritte Person auf dem Kölner Pressefoto heißt nach den Angaben der taz nicht wirklich Lina Friedrich.

Sie soll 21 Jahre alt sein und studieren. Ihre bürgerliche Identität bleibt öffentlich verborgen.

Als Begründung nennt die Zeitung Hassnachrichten, die sie erhalten habe.

Das ist ein konkreter Hinweis auf Anfeindungen, der ernst genommen werden muss. Wer bedroht oder belästigt wird, darf seine privaten Informationen schützen.

Nur beantwortet das nicht die organisatorische Frage.

Wer hat diese Frau zur Sprecherin bestimmt?

Ist sie Mitglied eines Führungskreises? Spricht sie für Berlin? Für mehrere Städte? Oder für das bundesweite Presseteam?

Welche bisherigen politischen Funktionen übt sie aus?

Das Interview der taz ist eine reale journalistische Veröffentlichung. Friedrich ist außerdem öffentlich bei der Pressekonferenz und in weiterer Berichterstattung aufgetreten.

Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass die Interviewperson erfunden wäre.

Offen bleibt aber, welche biografischen Angaben die beteiligten Redaktionen unabhängig überprüft haben.

Eine Zeitung muss den geschützten bürgerlichen Namen einer Gesprächspartnerin nicht offenlegen.

Sie kann jedoch transparent machen, ob sie Identität, Alter und Sprecherfunktion intern verifiziert hat.

Eine Sprecherin unter Pseudonym ist nicht automatisch unglaubwürdig. Doch ihre öffentliche Zuständigkeit muss trotzdem überprüfbar bleiben.

Veronika Dinter: Eine Funktionärin des SDS

Noch interessanter wird es in Berlin.

Dort tritt unter anderem Veronika Dinter öffentlich für „Gen Z regelt“ auf.

Dinter ist nicht lediglich eine Person, die sich nach einem spontanen TikTok-Aufruf erstmals politisch engagiert.

Sie gehört nach den Recherchen der Vossischen dem Bundesvorstand von Die Linke.SDS an, dem sozialistischen Studierendenverband im Umfeld der Linkspartei.

Bereits vor den Demonstrationen war sie als politische Aktivistin öffentlich aufgetreten.

Bei der Berliner Mobilisierung spricht sie über soziale Ungleichheit, Aufrüstung, Wehrpflicht und die politische Zukunft junger Menschen.

Sie thematisiert außerdem Palästina und den Krieg im Gazastreifen.

Ihre politische Biografie ist relevant, weil sie zeigt, dass innerhalb der öffentlich auftretenden Protestorganisation bereits erfahrene Aktivisten tätig sind.

Eine Funktion im SDS beweist nicht, dass der Verband oder die Linkspartei die gesamte Protestinitiative kontrolliert.

Aber hier lässt sich ein konkreter organisatorischer Hintergrund feststellen.

Und deshalb muss gefragt werden:

Vertritt Dinter bei „Gen Z regelt“ eine eigenständige Berliner Gruppe?

Handelt sie zugleich im politischen Umfeld des SDS?

Welche Absprachen bestehen zwischen diesen Funktionen?

Und wer bestimmt, welche Positionen unter dem gemeinsamen Namen veröffentlicht werden?

Die Frage nach politischer Einflussnahme beginnt nicht bei den Fahnen auf einer Demonstration. Sie beginnt bei den Menschen, die Entscheidungen vorbereiten und öffentlich vertreten.

Kaja Schwab und Helen Britt: Das Berliner Organisationsteam

Neben Dinter treten in Berlin Kaja Schwab und Helen Britt auf.

Schwab studiert an der Humboldt-Universität. Die Vossische hatte bereits ihre früheren Aktivitäten bei Fridays for Future, gewerkschaftlich orientierten Klimakampagnen und „Studis gegen Rechts“ untersucht.

Sie gehört nach bisherigen öffentlichen Angaben zu einem größeren Berliner Organisationsteam.

Auch hier stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit.

Wer hat dieses Team zusammengestellt?

Welche Entscheidungsregeln gelten dort?

Und wie verhält sich das Berliner Team zum bundesweiten Führungskreis um Selo?

Helen Britt wiederum sprach vor den Demonstrationen über das Sicherheitskonzept.

Ordner, Sanitäter und ein Awareness-Team sollten einen friedlichen Ablauf unterstützen.

Über ihre weitergehende politische Biografie liegen bislang keine ausreichend gesicherten öffentlichen Informationen vor.

Eine fehlende Biografie ist kein Beweis für eine verdeckte politische Funktion.

Aber die unterschiedlichen Informationsstände zeigen, dass die öffentliche Organisationsstruktur bislang nicht durchgehend nachvollziehbar ist.

Wer ernennt in dieser Bewegung überhaupt die Sprecher?

Damit kommen wir zum eigentlichen Problem.

„Gen Z regelt“ präsentiert sich als überparteiliche, dezentrale Protestinitiative.

Ein eingetragener Verein oder eine gewählte Bundesführung sind dafür rechtlich nicht erforderlich.

Eine informelle Gruppe darf selbstverständlich Personen bestimmen, die mit Journalisten sprechen.

Doch wenn diese Sprecher politische Forderungen im Namen anderer Menschen erheben, ist die Frage nach ihrer Beauftragung legitim.

Wurden die Sprecher gewählt?

Von den örtlichen Gruppen entsandt?

Durch das zentrale Team bestimmt?

Oder haben einige besonders aktive Beteiligte die Pressearbeit selbst übernommen?

Keine dieser Möglichkeiten wäre für sich genommen rechtswidrig.

Aber sie haben sehr unterschiedliche Folgen für die Legitimation.

Wer von einer Münchner Ortsgruppe beauftragt wurde, spricht zunächst für diese Gruppe.

Wer für vier Städte auftritt, muss erklären können, wie diese vier Städte sich verständigt haben.

Wer als Sprecher einer Bundesinitiative auftritt, sollte nachvollziehbar machen, welche organisatorische Einheit ihn dazu bestimmt hat.

Und wer mit Parteien verhandelt, muss klarstellen, ob er eigene Forderungen vorträgt oder einen verbindlichen Beschluss der von ihm vertretenen Gruppen.

Ein Mikrofon schafft keine Legitimation. Eine Pressekonferenz ersetzt keine Beauftragung.

Die Internationale Jugend war bereits vorher organisiert

Die Vossische hat schon vor dem Protesttag auf bestehende linke Organisationsnetzwerke hingewiesen.

Besonders wichtig ist die Internationale Jugend.

Die Organisation mobilisierte nach unseren bisherigen Recherchen bereits Mitte Oktober unter dem Protestmotto.

Sie verfügte zu diesem Zeitpunkt über eigene Internetauftritte und politische Strukturen.

Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg ordnet die Internationale Jugend dem Kommunistischen Aufbau zu, einer linksextremistischen Organisation.

Nach Angaben der Sicherheitsbehörden beteiligte sie sich an den Protesten in Stuttgart, Freiburg und Ulm.

Außerdem waren in Baden-Württemberg weitere linksextremistische und auslandsbezogene extremistische Gruppierungen sichtbar.

Dazu zählten nach Angaben des Verfassungsschutzes Young Struggle, Yeni Demokratik Gençlik und in Freiburg eine Gruppierung mit der Bezeichnung „Palästina Spricht Freiburg“.

Das sind konkrete Feststellungen einer Sicherheitsbehörde.

Sie beweisen allerdings nicht, dass diese Organisationen die Bundesinitiative um Selo gegründet oder gesteuert haben.

Sie belegen ihre Beteiligung an örtlichen Protesten.

Und genau diese Differenz ist für den Machtkampf entscheidend.

Denn die örtlichen Organisationen verfügten teilweise schon über Erfahrung, eigene politische Programme und Mobilisierungskanäle.

Selos Website bot ihnen möglicherweise zusätzliche Reichweite.

Aber wer dadurch organisatorisch wem untergeordnet wurde, ist keineswegs geklärt.

Stuttgart: Die Linken wollen Selo nicht als Chef

Besonders deutlich wird der Konflikt in Stuttgart.

Die taz dokumentierte, dass dort beteiligte Organisatoren aus dem Umfeld der Internationalen Jugend die Bundesinitiative ausdrücklich nicht als ihre Führung betrachten.

Im Gegenteil: Sie warfen dem zentralen Team vor, Proteste für sich zu beanspruchen, die andere organisiert hätten.

Das ist ein bemerkenswerter Vorgang.

Eine bundesweit bekannte Initiative tritt öffentlich als Gesicht der Demonstrationen auf.

Gleichzeitig erklären örtliche Organisatoren aus bestehenden linken Netzwerken, dass sie sich von dieser Initiative gar nicht vertreten lassen.

Damit steht plötzlich nicht mehr allein die Frage nach einer möglichen Unterwanderung im Raum.

Es geht um konkurrierende Führungsansprüche.

Wer bestimmt den politischen Kurs?

Wer besitzt die organisatorische Infrastruktur?

Wer darf öffentlich erklären, welche Demonstrationen zur eigenen Bewegung gehören?

Und wer profitiert von der Reichweite eines bundesweit bekannt gewordenen Namens?

Eine plausible Deutung lautet, dass politisch erfahrene Gruppen zwar von der gemeinsamen Mobilisierung profitieren, aber Selos Führungsanspruch nicht akzeptieren wollen.

Ob sie deshalb gezielt versuchen, die zentrale Plattform zu übernehmen, ist nicht belegt.

Dass ein Konflikt um Einfluss und Zuständigkeiten existiert, ist dagegen dokumentiert.

Der Verfassungsschutz nennt konkrete Organisationen

Die Beteiligung linksextremistischer Gruppen ist keine bloße Vermutung der Vossischen.

Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg identifizierte bei den Protesten mehrere entsprechende Organisationen.

In Stuttgart ordnete das Innenministerium rund 300 Personen dem linksextremistischen Spektrum zu. Insgesamt waren dort etwa 6.000 Menschen unterwegs.

Die Polizei registrierte Straftaten und verletzte Einsatzkräfte.

Zugleich verliefen die bundesweiten Proteste überwiegend friedlich.

Beides gehört zum vollständigen Bild.

Nicht jeder Teilnehmer war Linksextremist. Nicht jede örtliche Versammlung wurde von solchen Gruppen organisiert. Und eine Teilnahme an derselben Demonstration beweist keine persönliche Verbindung zwischen sämtlichen Beteiligten.

Aber die dokumentierte Präsenz dieser Organisationen zeigt, dass die Proteste keineswegs nur aus politisch unerfahrenen Schülern bestanden.

Es handelte sich zumindest teilweise um eine Mobilisierung, an der etablierte ideologische Netzwerke beteiligt waren.

Das wirft die Frage auf, welchen Einfluss diese Netzwerke auf die politischen Botschaften und die künftige Organisationsstruktur gewinnen wollen.

26.000 Euro: Wer kontrolliert den Spendentopf?

Und dann ist da das Geld.

BILD berichtet am 6. November über Vorwürfe aus dem Umfeld von „Gen Z regelt“, Akram Selo halte Spendengelder in Höhe von rund 26.000 Euro zurück.

Daraus folgt noch kein finanzielles Fehlverhalten.

Interessant ist jedoch eine inzwischen öffentlich zugängliche Spendenübersicht der Initiative.

Die Seite weist zum 5. November einen Pool von 26.000 Euro aus.

Davon sollen 2.066,52 Euro an Ortsgruppen ausgeschüttet worden sein.

Genannt werden 456,08 Euro für Berlin und 1.610,44 Euro für Frankfurt.

Als verbleibender Betrag erscheinen 23.933,48 Euro.

Das sind Angaben der Initiative selbst, keine unabhängig geprüfte Rechnungslegung.

Noch interessanter sind die veröffentlichten Entscheidungsregeln.

Nach Darstellung der Seite müssen Ausgaben von einem Plenum mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden.

Fünf aktive Ortsgruppen werden aufgeführt: Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln.

Aber wer bildet dieses Plenum?

Wer hat seine Mitglieder bestimmt?

Wer kann neue Gruppen aufnehmen?

Und wer besitzt unabhängig von solchen Abstimmungen den tatsächlichen Zugriff auf das Konto?

Hier liegt der Zusammenhang zwischen Geld und Macht.

Denn eine Initiative, deren lokale Organisatoren untereinander über politische Zuständigkeiten streiten, muss erklären, wer die gemeinschaftlichen Mittel kontrolliert.

Wenn Selos Team Geld verwaltet, örtliche Gruppen aber seine Führungsrolle bestreiten, kann daraus ein erheblicher Interessenkonflikt entstehen.

Das wäre zunächst ein Streit über organisatorische Zuständigkeit.

Ob darüber hinaus Geld unberechtigt zurückgehalten wurde, ist gesondert zu prüfen.

Die 26.000 Euro sind deshalb nicht nur eine Finanzfrage. Sie sind ein Schlüssel zum Machtkampf.

Die Sprecher reden – aber wer unterschreibt die Entscheidungen?

An dieser Stelle laufen die verschiedenen Recherchespuren zusammen.

Emma Hübner spricht öffentlich über Gesundheit und Bildung.

Steven Sedehi organisiert Proteste in München und führt politische Gespräche.

„Lina Friedrich“ erklärt unter Pseudonym die Position der Initiative.

Veronika Dinter bringt ihre Erfahrung aus dem Umfeld des SDS ein.

Kaja Schwab verfügt über eine Vorgeschichte in anderen Protestbewegungen.

Helen Britt erläutert organisatorische Sicherheitsfragen.

Akram Selo kontrollierte nach bisherigen Berichten die zentrale Website.

Und mehrere bestehende politische Organisationen mobilisieren vor Ort eigenständig.

Aber wo werden aus all diesen Einzelpositionen verbindliche Entscheidungen?

Wer unterschreibt einen gemeinsamen Beschluss?

Wer entscheidet, welche Forderungen gelten?

Wer setzt Sprecher ein oder ab?

Und wer darf die Verfügung über gemeinschaftliche Gelder beanspruchen?

Die Öffentlichkeit kennt inzwischen zahlreiche Namen. Was ihr weiterhin fehlt, ist eine belastbare Darstellung der Entscheidungswege.

Selbst die Schülervertreter gingen auf Distanz

Auch die Bundesschülerkonferenz kritisierte vor den Demonstrationen die undurchsichtigen Strukturen.

Sie distanzierte sich von den Protestaufrufen, obwohl einzelne politische Anliegen durchaus Überschneidungen mit ihren eigenen Positionen aufwiesen.

Das ist bemerkenswert.

Denn hier kommt die Kritik nicht von einer gegnerischen Partei, sondern aus einer institutionalisierten Schülervertretung.

Selbst unter Organisationen, die sich mit Anliegen junger Menschen beschäftigen, wurde also infrage gestellt, wer die Initiative trägt.

Und der Blick auf die tatsächlich auftretenden Personen macht deutlich, warum eine präzise Unterscheidung notwendig ist.

Die 28-jährige Emma Hübner ist keine Jugendliche.

Auch viele andere Beteiligte sind junge Erwachsene oder ältere politische Aktivisten.

In Berlin waren nach Angaben des rbb ausdrücklich auch zahlreiche ältere Menschen bei der Kundgebung.

„Gen Z regelt“ ist der Name einer politischen Kampagne. Er ist kein Mandat, für eine ganze Altersgruppe zu sprechen.

Die entscheidende Frage an Selo und seine Kritiker

Die heutige BILD-Recherche verschiebt die Perspektive.

Akram Selo steht nicht mehr nur als unbekannter Gründer im Mittelpunkt.

Er ist zum Gegenstand eines internen Machtkampfes geworden.

Andere Beteiligte bestreiten nach den von BILD ausgewerteten Nachrichten seinen Führungsanspruch.

Sie kritisieren seine Entscheidungen und stellen Fragen zur Verwendung der Spendengelder.

Gleichzeitig werden die politischen Hintergründe einzelner Sprecher und örtlicher Organisationen deutlicher.

Damit richtet sich die entscheidende Frage nicht mehr ausschließlich an Selo.

Sie richtet sich ebenso an seine Kritiker und an jene Personen, die inzwischen öffentlich für die Initiative auftreten.

Wer hat euch eigentlich beauftragt?

Wer hat euch zu Sprechern bestimmt?

Wessen Interessen vertretet ihr?

Wer entscheidet über das Geld?

Und wer soll künftig die politische Richtung vorgeben?

Eine transparente Antwort wäre nicht schwer zu formulieren.

Die Initiative könnte erklären, welche Ortsgruppen zu ihr gehören, welche Entscheidungsregeln gelten und welche Personen für welche Aufgaben zuständig sind.

Sie müsste dafür weder private Anschriften noch geschützte persönliche Informationen veröffentlichen.

Sie müsste lediglich erklären, wie ihre politische Organisation funktioniert.

Wer steckt wirklich dahinter?

Nach den bisherigen Recherchen gibt es keine belastbare Grundlage für die Behauptung, ein einziger unbekannter Hintermann steuere sämtliche Proteste.

Das Bild ist komplizierter.

Es zeigt einen niedersächsischen Websitebetreiber, ein öffentlich auftretendes Presseteam, unterschiedliche Ortsgruppen, erfahrene linke Aktivisten und eigenständig mobilisierende Organisationen.

Ein Teil dieser Akteure arbeitet zusammen.

Ein anderer Teil streitet über Zuständigkeiten, politische Ausrichtung und Geld.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob sich irgendwo ein geheimer Chef finden lässt.

Sie lautet, wer innerhalb dieses Netzwerks die tatsächliche Entscheidungsmacht besitzt – und wer versucht, sie zu gewinnen.

Dabei ist die Trennung zwischen belegten Verbindungen und möglichen Motiven entscheidend.

Die Beteiligung linksextremistischer Organisationen ist dokumentiert.

Der interne Führungsstreit ist dokumentiert.

Die Rolle des SDS im persönlichen Hintergrund einer Berliner Sprecherin ist dokumentiert.

Der Streit um Spendengelder ist öffentlich geworden.

Eine bereits vollzogene Übernahme der Bundesinitiative durch eine bestimmte Organisation ist dagegen nicht nachgewiesen.

Aber die Frage nach einer möglichen politischen Vereinnahmung stellt sich angesichts der tatsächlichen Konflikte mit neuer Dringlichkeit.

BILD hat das Gesicht von Akram Selo veröffentlicht.

Die Vossische hat die politischen Netzwerke und Sprecherstrukturen untersucht.

Nun muss sich zeigen, wer die Entscheidungen trifft.

Denn wer im Namen anderer politische Forderungen stellt, sollte erklären können, von wem er dazu beauftragt wurde.

Ein Presseausweis ist kein Mandat. Ein Mikrofon ist keine Wahl. Und ein Protestmotto ersetzt keine nachvollziehbare Verantwortung.

Die Frage bleibt:

Wer regelt hier eigentlich wen?

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Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

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