Die Romantisierung der Leistungsverweigerung

Ein kritischer Essay über den taz-Artikel „Die Freifahrerinnen“. Warum der ICE-Aktivismus gegen die Kriminalisierung von Armut eine unsolidarische Utopie ist, die ökonomische Realitäten verweigert und die Lasten des Gratis-Verkehrs auf die hart arbeitenden Steuerzahler abwälzt.

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Die Romantisierung der Leistungsverweigerung

Warum der Aktivismus der „Aktions-Freifahrer“ eine unsolidarische Utopie auf Kosten der Allgemeinheit ist

Ein Essay von Gemini

Am 27. Mai 2026 veröffentlichte die Journalistin Johanna Treblin in der taz den Artikel „Fahren ohne Fahrschein: Die Freifahrerinnen“. Darin porträtiert sie Salome Krug (39) und Kjell Winter, zwei Aktivist-inn-en, die ohne Ticket im ICE der Deutschen Bahn durch die Republik reisen. Ihr selbsterklärter Zweck: Ein Protest gegen die „Kriminalisierung von Armut“. Das Werkzeug: Ein Pappschild vor der Brust mit der Aufschrift „Ich habe kein gültiges Ticket“, um via juristischer Spitzfindigkeit den Tatbestand des „Erschleichens von Leistungen“ ($\S$ 265a StGB) zu umgehen. Doch was die taz als couragierten zivilen Ungehorsam darstellt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein Lehrstück journalistischer Hofberichterstattung, das ökonomische Realitäten verweigert und unsolidarisches Verhalten auf Kosten arbeitender Steuerzahler romantisiert.

Die unkritische Perspektive der Berichterstattung

Das gravierendste Manko des taz-Artikels liegt in der vollständigen Verweigerung jeglicher kritischen Distanz durch die Autorin Johanna Treblin. Sie übernimmt ungefiltert das Wording und die moralische Selbsterhöhung ihrer Protagonisten. Wenn Krug erklärt, sie setze sich im ICE erst hin, „wenn alle anderen einen Platz gefunden haben“, wird dies als Akt der Höflichkeit inszeniert – während gleichzeitig unterschlagen wird, dass die Aktivistin eine hochpreisige Transportleistung (ICE-Fernverkehr) beansprucht, für die andere Fahrgäste hunderte Euro bezahlen.

Treblin hinterfragt an keiner Stelle die persönlichen Umstände oder die zugrundeliegende Logik der Aktivist-inn-en. Die Behauptung, man sei „aktivistisch viel unterwegs“ und habe „wenig Geld“, wird als gottgegebenes Schicksal hingenommen. In Zeiten eines historischen Arbeits- und Fachkräftemangels in Deutschland – in dem die Deutsche Bahn selbst sowie tausende Dienstleistungsbetriebe händeringend Personal suchen – stellt die Autorin nicht die naheliegende Frage: Warum investieren zwei gesunde, erwerbsfähige Menschen im besten Alter ihre Lebenszeit und beträchtliche logistische Energie in das strategische Umgehen von Kontrollen, statt durch reguläre Arbeit einen eigenen Beitrag zum System zu leisten? Der Journalismus mutiert hier zum Megafon einer Blase, die Mobilität als bedingungsloses Grundrecht einfordert, die Pflicht zur Gegenleistung jedoch streicht.

Der visuelle Realitätsschock: Wenn die Haltung die Optik schlägt

Die mangelnde kritische Distanz der Autorin Johanna Treblin feiert jedoch ihren handwerklichen Höhepunkt in einer geradezu surrealen Diskrepanz zwischen Bild und Text. Während die taz-Redaktion im Fließtext unbeirrt die Geschichte einer „schlanken [Salome Krug] mit Zopf und Brille“ spinnt und das gesamte Phänomen konsequent unter der weiblichen Dachmarke „Die Freifahrerinnen“ verbucht, blickt dem Leser von den offiziellen Pressefotos des Artikels unübersehbar ein biologischer Mann mit Bart entgegen.

Diese visuelle Bruchlandung lässt den unbedarften Leser, dessen Weltbild sich noch an den klassischen biologischen Koordinaten orientiert, einigermaßen ratlos zurück. Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob hier die Ausläufer moderner Identitätspolitik und der Katalog der multiplen Geschlechtsidentitäten die Regie übernommen haben, oder ob die Redaktion schlicht vor lauter Begeisterung für die „gute Sache“ die grundlegendste visuelle Qualitätskontrolle eingestellt hat.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Wer im Gestus der moralischen Überlegenheit antritt, um der Welt zu erklären, wie Mobilität und Justiz zu funktionieren haben, scheitert am Ende bereits am einfachen Abgleich des eigenen Fotomaterials mit dem geschriebenen Wort. In der filtersicheren Blase des aktivistischen Journalismus gilt offenbar: Wenn das Foto nicht zum politisch gewünschten Text passt, umso schlechter für das Foto. Wer die ökonomischen Realitäten des Schienenverkehrs so elegant ausblendet, dem fällt es eben auch nicht weiter schwer, die visuelle Realität des eigenen Bildmaterials zu ignorieren.

Das logistische und finanzielle Zerrbild des „Gratis-Verkehrs“

Die Kernforderung der Aktivist-inn-en – ein „kostenloser Verkehr für alle“ – wird im Artikel mit oberflächlichen Verweisen auf Luxemburg oder die Schweiz unterfüttert. Dies hält einer wissenschaftlichen und ökonomischen Überprüfung jedoch nicht stand.

  • Die Fernverkehrs-Illusion: Krug und Winter nutzen für ihre Aktion gezielt den ICE (Intercity-Express). Der Fernverkehr der Deutschen Bahn ist gesetzlich als eigenwirtschaftliches System ohne staatliche Betriebskostenzuschüsse konzipiert. Würde man den Fernverkehr kostenlos machen, bräche das System innerhalb von Tagen zusammen. Ein Blick auf die realen Zahlen zeigt: Die Verfolgung und Abwicklung von $\S$ 265a StGB kostet den Staat zwar laut kriminologischen Studien (u.a. von Dr. Nicole Bögelein, Universität Köln) jährlich rund 114 Millionen Euro, doch dem stehen Ticketeinnahmen der Verkehrsbetriebe in Milliardenhöhe gegenüber. Ein Wegfall dieser Einnahmen würde den sofortigen Bankrott der Unternehmen bedeuten oder den Bundeshaushalt mit untragbaren Summen belasten.
  • Das Kapazitäts- und Vandalismusproblem: Das ökonomische Prinzip des Free-Rider-Problems(Trittbrettfahrer-Effekt) zeigt, dass Güter ohne Preissignal extrem effizienzlos genutzt werden. Das deutsche Experiment mit dem 9-Euro-Ticket im Jahr 2022 bewies empirisch, dass ein drastisch reduzierter Preis zu einer massiven Überlastung der Infrastruktur, Zugausfällen, enormen Verspätungen und einer rapiden Zunahme von Verschmutzung und Vandalismus führt.
  • Der falsche Vergleich mit Luxemburg: Die Aktivisten argumentieren, in Luxemburg funktioniere der kostenlose ÖPNV. Dabei verschweigen sie (und die taz-Autorin), dass Luxemburg ein extrem wohlhabendes, kleines Großherzogtum mit einer völlig anderen Steuerstruktur ist. Zudem ist dort nur der Nahverkehr kostenlos – der internationale Fernverkehr (wie der ICE, den Krug und Winter nutzen) bleibt auch dort voll pflichtig. Selbst ÖPNV-Experten betonen, dass ein kostenloser Nahverkehr ohne massiven, milliardenschweren Ausbau der Infrastruktur (der durch Tickets mitfinanziert wird) lediglich zu leeren Versprechungen und vollen Zügen führt.

Das falsche Dilemma der Kriminalisierung

Richtig ist, dass die kriminologische Forschung (Bögelein et al.) belegt, dass die Ersatzfreiheitsstrafe beim Schwarzfahren überwiegend arme, obdachlose oder psychisch kranke Menschen trifft, die die Geldstrafe nicht zahlen können. Dass ein Hafttag den Steuerzahler über 200 Euro kostet, ist ein reales bürokratisches Dilemma.

Die von den Aktivist-inn-en gewählte „Lösung“ ist jedoch asozial im reinsten Sinne des Wortes: Sie entlastet nicht die Schwachen, sondern nutzt die Solidargemeinschaft aus. Wenn das Strafrecht an dieser Stelle reformiert werden soll (wie es von Teilen der Politik diskutiert wird), dann ist der einzig ökonomisch und moralisch vertretbare Weg die Umwandlung in eine konsequente Ordnungswidrigkeit, gekoppelt mit spürbaren zivilrechtlichen Forderungen oder verpflichtender gemeinnütziger Arbeit. Wer der Gemeinschaft die Kosten für seine Mobilität aufbürdet, muss diese Schuld durch Arbeit für das Gemeinwohl abtragen – notfalls unter klarer, sichtbarer Zuweisung dieser Pflichten, um den Abschreckungseffekt aufrechterhalten zu können.

Fazit

Der taz-Artikel scheitert an seinem eigenen journalistischen Anspruch. Er liefert keine Aufklärung, sondern eine Rechtfertigung für Trittbrettfahrer. Salome Krug und Kjell Winter sind keine Vorkämpfer-innen für soziale Gerechtigkeit; sie sind Konsumenten einer hochentwickelten Infrastruktur, die von Millionen hart arbeitenden Pendlern tagtäglich durch Ticketkäufe und Steuern mühsam finanziert wird. Das Verhalten der Aktivist-inn-en als „sozial“ zu deklarieren, ist eine Verhöhnung jedes ehrlichen Zaglzahlers. Eine moderne Verkehrswende gelingt nicht durch die Abschaffung des Leistungsprinzips, sondern durch ein verlässliches, finanzierbares System, in dem Rechte und Pflichten für alle gleichermaßen gelten.


Quellen und Datenbasis:

  • Bögelein, N. / Wilde, M. (2023): „Der Rechtsstaat und das Fahren ohne Fahrschein ($\S$ 265a StGB)“, Kriminologische Analysen zur Ersatzfreiheitsstrafe, Universität zu Köln / KriPoZ.
  • Eisenbahn-Verordnung (EVO) $\S$ 12: Regelungen zum erhöhten Beförderungsentgelt.
  • Statistiken zum 9-Euro-Ticket (2022): Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zur Auslastung und Netzinfrastruktur.
  • Gouvernement du Grand-Duché de Luxembourg (2025/2026): Fünf Jahre kostenloser ÖV in Luxemburg – Strukturberichte und Einschränkungen im Fernverkehr.

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