Die unbefleckte Empfängnis der Moderne
Das ZDF erklärt den Humor der 90er nachträglich zum moralischen Problem. Diese Satire denkt die Entwicklung konsequent weiter: bis zur kontaktlosen Fortpflanzung, zum staatlich geprüften Dating und zu einer sterilen Zukunft, in der niemand mehr aneckt – aber auch niemand mehr lacht oder frei liebt.
Wie das ZDF die Vergangenheit moralisch reinigt – und uns damit einen humorfreien Blick in die Zukunft eröffnet
Das ZDF hat es uns wieder einmal feierlich attestiert: Früher war alles Sexismus, heute ist alles Aufklärung.
Die großen Unterhaltungsshows der 1980er- und 1990er-Jahre werden aus dem Archiv geholt, mit den moralischen Maßstäben des Jahres 2026 vermessen und anschließend zur öffentlichen Nachschulung freigegeben. Thomas Gottschalk berührte Frauen am Arm. Harald Schmidt erzählte böse Witze. Rudi Carrell ließ Frauen als Assistentinnen auftreten. Und Millionen Menschen lachten, ohne vorher ein Seminar über strukturelle Machtverhältnisse besucht zu haben.
Heute wissen wir: Das Publikum war nicht unterhalten. Es war offenbar nur noch nicht ausreichend sensibilisiert.
Die vom ZDF koproduzierte Dokumentation „Was haben wir gelacht“ betrachtet die damalige Fernsehunterhaltung durch die gegenwärtig obligatorische Macht-, Geschlechter- und Sichtbarkeitsbrille. Dunja Hayali erklärte im „heute journal“, Frauen seien damals „Angrapsch-Objekte“, Ziel von Pointen und neben dominierenden Männern lediglich Begleitmusik gewesen.
Nun lässt sich über manches Verhalten früherer Fernsehgrößen durchaus streiten. Nicht jeder Scherz war geistreich, nicht jede Berührung angemessen und nicht jede Rollenverteilung besonders modern. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem: Aus einer berechtigten historischen Betrachtung wird schnell ein moralischer Gerichtsprozess, in dem die Ankläger zugleich Richter, Gutachter und Nachwelt darstellen.
Die Vergangenheit wird nicht mehr erklärt. Sie wird verurteilt.
Und weil jede gesellschaftliche Entwicklung konsequent zu Ende gedacht werden sollte, lohnt sich ein Blick in die Zukunft.
Der große Ausverkauf im Gen-Supermarkt
Es ist das Jahr 2035.
Die letzten klassischen Männer haben das Spenden eingestellt. Manche aus Trotz, manche aus Bequemlichkeit, andere, weil sie noch immer versuchen, die 97 Seiten der neuen Einverständniserklärung zu verstehen.
In den staatlichen Samenbanken herrscht gähnende Leere. Die Regale, in denen einst Kategorien wie „Akademiker, sportlich, 1,85 Meter“ lagerten, sind verstaubt. Das letzte Röhrchen mit dem Etikett „humorvoll, handwerklich begabt, gelegentlicher Fleischkonsum“ wurde bereits 2032 unter Denkmalschutz gestellt.
Doch die moderne Fortpflanzungsgesellschaft verzagt nicht. Wo ein Mangel entsteht, entsteht schließlich ein Markt.
Der Samenspender-Schwarzmarkt
Im Darknet blüht der illegale Handel mit historischem Genmaterial aus den frühen 2000er-Jahren.
Besonders begehrt sind Proben von Männern, die noch Auto fahren konnten, ohne ihre eigene Mobilität als moralisches Versagen zu empfinden. Spitzenpreise erzielen Spender, die ein Regal ohne Videotutorial montierten, Steaks bestellten und anschließend keinen öffentlichen Entschuldigungsbeitrag veröffentlichten.
Die Ware wird unter Codenamen gehandelt:
„Vintage Testosterone“.
„Pre-Woke Edition“.
„Ungefiltert, Baujahr 1998“.
Das Bundeskriminalamt warnt jedoch vor Fälschungen. Immer häufiger werde gewöhnliches Sojaprotein als traditionelles Erbgut angeboten.
Die staatliche Zuteilungsquote
Das Familienministerium reagiert auf den Mangel mit einer gerechten Verteilung der verbliebenen Bestände.
Wer eine Portion historischen Genmaterials beantragen möchte, muss zunächst einen dreiwöchigen Sensibilisierungskurs absolvieren. Bestandteil des Verfahrens sind ein Haltungsnachweis, ein klimaneutrales Kinderzimmerkonzept und die verbindliche Erklärung, dass das zukünftige Kind niemals ungefragt „Indianer“ spielen wird.
Zusätzliche Punkte gibt es für Lastenradbesitz, genderneutrale Haustiernamen und die glaubhafte Versicherung, dass bereits der erste Kindergeburtstag panelbasiert und diskriminierungssensibel moderiert wird.
Die Zuteilung selbst übernimmt eine unabhängige Kommission aus Soziologen, Gleichstellungsbeauftragten und Menschen, die beruflich Podcasts über Erschöpfung aufnehmen.
Das Geschlecht als behördlicher Verdachtsfall
Auch die medizinische Diagnostik hat Fortschritte gemacht.
Früher fragten werdende Eltern, ob das Kind gesund sei. Heute lautet die entscheidende Frage: Ist seine spätere Haltung zertifizierbar?
Bei männlichen Embryonen wird vorsorglich ein gesellschaftliches Risikoprofil erstellt. Schon kleinste Auffälligkeiten gelten als Warnsignal: überdurchschnittliche Bewegungsfreude, Interesse an Rädern oder eine verdächtige Reaktion auf Motorengeräusche.
„Ein Junge? In dieser gesellschaftlichen Struktur?“, fragt Chantal-Sophie, 32, freischaffende Diskursbeauftragte. „Das können wir uns klimatechnisch, emotional und moderationstechnisch eigentlich nicht mehr leisten.“
Selbstverständlich wird niemand aussortiert. Das wäre barbarisch.
Stattdessen erhalten männliche Föten bereits im vierten Schwangerschaftsmonat einen obligatorischen Präventionspodcast. Ab Woche 28 folgt ein digitaler Kurs über Mansplaining, emotionale Arbeit und die historisch problematische Nutzung von Fernbedienungen.
Nach der Geburt überwacht eine App die Entwicklung. Greift das Kind zu einem Spielzeugbagger, erscheint eine Warnmeldung:
„Ihr Kind reproduziert möglicherweise traditionelle Rollenbilder. Möchten Sie eine Beratungsstelle kontaktieren?“
Die kontaktlose Romantik
Auch das Dating wurde inzwischen sicherer.
Früher trafen sich zwei Menschen, redeten miteinander, missverstanden sich, verliebten sich möglicherweise und gingen dabei das erhebliche Risiko ein, peinlich zu wirken.
Heute übernimmt eine staatlich geprüfte App den gesamten Prozess.
Vor dem ersten Kontakt werden politische Übereinstimmung, CO₂-Fußabdruck, Sprachsensibilität und historische Tweet-Belastung geprüft. Bei weniger als 97 Prozent Kompatibilität wird das Treffen aus Gründen der emotionalen Nachhaltigkeit abgesagt.
Körperkontakt ist grundsätzlich möglich, bedarf jedoch einer digitalen Zustimmung in sieben Stufen.
Stufe eins: Blickkontakt.
Stufe zwei: Annäherung unterhalb von zwei Metern.
Stufe drei: humoristisch gemeinte Äußerung.
Stufe vier: Berührung des textilen Obermaterials.
Stufe fünf wird nur nach erfolgreich absolviertem Wochenendseminar freigeschaltet.
Die spontane Liebe gilt inzwischen als riskantes Altmodell. Sie ist unberechenbar, nicht standardisiert und lässt sich nur schwer durch eine Kommission begleiten.
Der Mann als kulturelles Auslaufmodell
Der verbliebene Rest der Männlichkeit passt sich unterdessen an.
Viele Männer haben erkannt, dass jede Äußerung missverständlich, jedes Schweigen verdächtig und jeder Flirt potenziell archivfähig ist. Sie ziehen sich daher in kontrollierbare Lebensbereiche zurück.
Dort warten Gaming, Gartengeräte, historische Dokumentationen und die beruhigende Gewissheit, dass eine Modelleisenbahn niemals nach einem Haltungsnachweis fragt.
Der moderne Mann kommuniziert vorsichtig. Auf die Frage „Wie findest du mein Kleid?“ antwortet er nicht mehr.
Er eröffnet einen neutral moderierten Gesprächsraum.
Auch Humor wird zunehmend vermieden. Ein Witz könnte einen Menschen verletzen, eine Gruppe unsichtbar machen oder dreißig Jahre später in einer öffentlich-rechtlichen Dokumentation auftauchen.
Deshalb beschränkt sich die Unterhaltung des Jahres 2035 auf verständnisvolles Nicken.
Das Publikum sitzt vor dem Bildschirm.
Niemand lacht.
Aber alle fühlen sich sicher.
Die moralische Rückwärtswaschanlage
Die Kritik an früheren Fernsehshows ist nicht grundsätzlich falsch. Natürlich gab es Sexismus. Natürlich wurden Frauen auf ihr Aussehen reduziert. Natürlich überschritten Männer Grenzen, und natürlich durfte darüber auch damals schon gesprochen werden.
Doch eine historische Einordnung muss mehr leisten als das Anlegen heutiger Sprach- und Verhaltensregeln an dreißig Jahre alte Unterhaltung.
Sie müsste erklären, warum Formate erfolgreich waren, wie Frauen und Männer damals selbst darüber dachten, welche gesellschaftlichen Regeln galten und welche Veränderungen tatsächlich erreicht wurden.
Vor allem müsste sie Unterschiede zulassen: zwischen einem schlechten Witz und einer Straftat, zwischen Geschmacklosigkeit und Gewalt, zwischen ungeschickter Nähe und tatsächlicher Nötigung.
Wer alles unter dem Begriff „Machtmissbrauch“ zusammenfasst, schärft das Bewusstsein nicht. Er verwischt die Maßstäbe.
Am Ende steht eine moralische Rückwärtswaschanlage: Alte Bilder werden hineingeschoben, mit gegenwärtiger Begrifflichkeit gereinigt und anschließend als Beweis dafür präsentiert, wie überlegen wir heute angeblich sind.
Dabei ist keineswegs sicher, dass unsere Zeit humorvoller, freier oder menschlicher geworden ist.
Sie ist lediglich besser darin geworden, ihre eigenen Vorurteile für Fortschritt zu halten.
Fazit: Hauptsache, die Haltung stimmt
Wenn die ideologische Brille erst einmal festgewachsen ist, sieht die Zukunft wunderbar steril aus.
Keine schlechten Witze mehr im Fernsehen. Keine missverständlichen Berührungen. Keine spontanen Flirts. Keine Männer, die ungefragt lustig sein wollen. Kein Publikum, das einfach lacht, ohne vorher die gesellschaftlichen Machtverhältnisse der Pointe zu analysieren.
Die Gesellschaft des Jahres 2035 wird sauber, sicher und vollständig sensibilisiert sein.
Nur Kinder bekommt sie möglicherweise keine mehr.
Aber das ist vermutlich kein Problem.
Dafür wird es sicher eine ZDF-Dokumentation geben.