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Fratzschers Renten-Märchen: Die 104-Milliarden-Illusion

104 Milliarden Euro Entlastung durch Migration? DIW-Präsident Marcel Fratzscher erklärt seine Rentenprognose zum Erfolg. Doch die Originalstudien zeigen Modellannahmen, erhebliche Unterschiede zwischen Migrantengruppen und eine Rechnung, die entscheidende Fragen offenlässt.

Fratzschers Renten-Märchen: Die 104-Milliarden-Illusion
Fratzscher behauptet, Migranten retteten unsere Renten. Doch was beweisen seine Milliardenrechnungen wirklich? Wir prüfen Zahlen und Studien. Illustration by Richard Bergsirk

Der DIW-Präsident erklärt seine Flüchtlingsprognose von 2016 zum Triumph. Doch hinter seiner Erfolgserzählung stecken Modellrechnungen, statistische Kunstgriffe und eine entscheidende Verwechslung: Wer Rentenbeiträge zahlt, finanziert noch lange nicht den Sozialstaat.

Marcel Fratzscher hat wieder einmal gute Nachrichten. Jedenfalls für diejenigen, die seine Kolumnen lesen, ohne anschließend die Quellen zu überprüfen.

Am 16. Oktober erklärte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in der ZEIT, Migranten würden die Renten der Deutschen finanzieren. Mehr noch: Seine vor zehn Jahren aufgestellte Prognose, Geflüchtete würden künftig die Renten der Babyboomer bezahlen, sei inzwischen bestätigt.

Die Zahlen seien eindeutig, behauptet er.

Das Problem ist nur: Eindeutig sind vor allem die Dinge, die Fratzscher nicht auseinanderhält.

Arbeitsmigration und Fluchtmigration. Bruttobeiträge und fiskalische Nettobilanzen. Tatsächliche Haushaltszahlungen und theoretische Langfristmodelle.

Wer diese Kategorien vermischt, kann aus nahezu jeder Statistik eine Erfolgsgeschichte basteln.

Und Fratzscher bastelt ausgesprochen gern.

104 Milliarden Euro – ein Wunder auf dem Papier

Die spektakulärste Zahl seines Beitrags lautet: 104 Milliarden Euro.

So stark soll zusätzliche Zuwanderung die öffentlichen Haushalte jährlich entlasten. Pro Migrant seien es 7.100 Euro.

Das klingt nach einem finanzpolitischen Wunder. Deutschland müsste demnach nur genügend Menschen aufnehmen, um seinen maroden Sozialstaat zu sanieren.

Doch ein Blick in die zitierte Untersuchung von Martin Werding zeigt, was wirklich berechnet wurde.

Werding vergleicht zwei langfristige Szenarien: eines mit jährlich 150.000, das andere mit 350.000 Nettozuwanderern. Die Differenz ergibt eine rechnerische Verringerung des dauerhaft notwendigen fiskalischen Konsolidierungsbedarfs um 104,3 Milliarden Euro, gemessen an der Wirtschaftsleistung von 2024.

Das sind keine 104 Milliarden Euro, die heute zusätzlich auf staatlichen Konten liegen. Es ist ein theoretischer Unterschied zwischen zwei Zukunftsszenarien.

Die Berechnung ist wissenschaftlich legitim. Sie als Beweis für die gegenwärtige Rentabilität der Fluchtmigration zu präsentieren, ist es nicht.

Der Trick mit den Migranten

Fratzscher verweist auf 5,9 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ohne deutschen Pass.

Das stimmt. Diese Menschen zahlen Beiträge.

Aber was beweist das über die Flüchtlingspolitik seit 2015?

Unter diesen Beschäftigten befinden sich EU-Bürger, qualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten, langjährig hier lebende Arbeitnehmer und Geflüchtete.

Der indische Softwareingenieur, die polnische Krankenschwester und der syrische Asylbewerber mit einer schwierigen Erwerbsbiografie erscheinen in der politischen Erzählung plötzlich als austauschbare Belege.

Dabei unterscheiden sich Qualifikation, Erwerbsquote, Einkommen und Transferbedarf erheblich.

Selbst Werding betont, dass Geflüchtete gewöhnlich langsamer in den Arbeitsmarkt integriert werden. In seiner Berechnung erscheinen sie jedoch nicht als gesondert ausgewiesene Gruppe, sondern innerhalb allgemeiner Zuwanderungsdurchschnitte.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Aus der positiven Wirkung qualifizierter Arbeitsmigration folgt keine automatisch positive Gesamtbilanz jeder Form von Zuwanderung.

Die Zahlen, über die Fratzscher lieber nicht spricht

Besonders aufschlussreich ist die vom DIW-Präsidenten zitierte IAB-Untersuchung zur Fluchtmigration von 2015.

64 Prozent der damals zugezogenen Geflüchteten waren neun Jahre später beschäftigt.

Das ist ein echter Integrationserfolg.

Doch die Untersuchung dokumentiert zugleich:

  • Nur 35 Prozent der geflüchteten Frauen waren beschäftigt.
  • Die mittleren Vollzeitverdienste erreichten 2023 lediglich 70 Prozent des allgemeinen Vergleichswertes.
  • Noch 34 Prozent der Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter lebten 2023 in Haushalten mit SGB-II-Leistungsbezug.

Die Studie enthält auch positive Ergebnisse: 84 Prozent der abhängig Beschäftigten kamen ohne ergänzende SGB-II-Leistungen aus.

Aber genau deshalb muss man differenzieren.

Eine Beschäftigungsquote beantwortet weder die Frage nach der Höhe der Rentenbeiträge noch nach dem gesamten staatlichen Finanzierungsbedarf.

Wer wenig verdient, zahlt entsprechend geringe Beiträge. Und wer arbeitet, kann trotzdem staatliche Unterstützung benötigen.

Fratzschers Erfolgsmeldung erzählt nur einen Teil dieser Geschichte.

116 Euro Überschuss – dank eines statistischen Vorteils

Noch eindrucksvoller klingt seine nächste Rechnung.

Zugewanderte der ersten Generation leisteten monatlich durchschnittlich 116 Euro mehr an den Staat, als sie kosteten. Menschen ohne Migrationshintergrund dagegen 106 Euro weniger.

Die Zahlen stammen aus einer Mikrosimulation von Hend Sallam und Michael Christl mit Daten von 2018.

Was Fratzschers Darstellung zu kurz kommen lässt: Die Autoren erklären den Vorteil wesentlich mit dem jüngeren Durchschnittsalter der Migranten.

Wer häufiger im Erwerbsalter ist, zahlt naturgemäß mehr ein und beansprucht gegenwärtig weniger Renten- und Pflegeleistungen.

Kontrolliert man die demografischen Unterschiede, verändert sich der Vergleich erheblich. Dann liegen Einheimische und Migranten der zweiten Generation bei ihren Beiträgen vor der ersten Migrantengeneration.

Es handelt sich also weder um eine vollständige Lebenszeitbilanz noch um den Beweis, dass die Fluchtmigration seit 2015 einen fiskalischen Überschuss produziert.

Und wer bezahlt die Rechnung?

Im Finanzbericht 2026 veranschlagt das Bundesfinanzministerium rund 24,6 Milliarden Euro an flüchtlingsbezogenen Bundesausgaben und Mindereinnahmen.

Allein 13,4 Milliarden Euro entfallen auf Sozialtransfers nach Abschluss der Asylverfahren.

Weitere Milliarden betreffen Unterbringung, Integration und die Unterstützung von Ländern und Kommunen. Enthalten sind allerdings auch Ausgaben zur Fluchtursachenbekämpfung im Ausland.

Diese Summe darf man nicht einfach mit Rentenbeiträgen verrechnen. Sie umfasst unterschiedliche Haushaltspositionen und ist keine vollständige Nettobilanz.

Aber sie verdeutlicht, welche Größenordnungen eine seriöse Gesamtbetrachtung berücksichtigen muss.

Fratzscher nennt rund 40 Milliarden Euro jährliche Rentenbeiträge ausländischer Beschäftigter. Eine Überschlagsrechnung, keine amtlich ermittelte fiskalische Nettobilanz.

40 Milliarden Euro an Beiträgen sind eben nicht 40 Milliarden Euro Gewinn für den Staat.

Der Prophet und seine Prognosen

Ein Blick zurück ist angebracht.

Im Dezember 2023 erwartete das DIW für 2024 noch 0,6 Prozent Wirtschaftswachstum. Tatsächlich stagnierte die deutsche Wirtschaft nach dem im Sommer 2026 revidierten Datenstand.

Im September 2024 prognostizierte das Institut für 2025 eine wirtschaftliche Erholung um 0,9 Prozent. Heraus kamen 0,2 Prozent.

Wirtschaftsprognosen sind grundsätzlich unsicher. Fratzscher hat diese Zahlen nicht persönlich allein berechnet.

Doch ausgerechnet der Präsident eines Instituts, dessen Konjunkturprognosen wiederholt korrigiert werden mussten, sollte mit der Verkündung angeblich endgültiger Wahrheiten vorsichtiger sein.

Das Märchen hinter der Rechnung

Niemand bestreitet, dass Deutschland qualifizierte Zuwanderung braucht. Die Bundesagentur für Arbeit bestätigt, dass das Beschäftigungswachstum seit 2024 ausschließlich von ausländischen Arbeitnehmern getragen wird.

Aber daraus folgt nicht, dass jede Zuwanderung dieselbe ökonomische Wirkung entfaltet.

Und erst recht nicht, dass Migration notwendige Rentenreformen ersetzt. Selbst Fratzscher räumt ein, dass Zuwanderung allein das Rentensystem nicht retten kann.

Sein eigentliches Kunststück besteht darin, eine richtige Feststellung – beschäftigte Migranten zahlen Rentenbeiträge – in einen weitreichenden politischen Erfolgsbeweis umzudeuten.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Migranten in die Rentenkasse einzahlen.

Sondern welche Gruppen wie viel einzahlen, welche öffentlichen Leistungen sie erhalten, wie sich ihre Ansprüche über Jahrzehnte entwickeln und welche Belastungen oder Entlastungen sich daraus insgesamt ergeben.

Darauf liefert Fratzschers Kolumne keine umfassende Antwort.

Dafür präsentiert sie eine beruhigende Botschaft.

Und die ist offenbar leichter zu verkaufen als eine ehrliche Bilanz.

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Geschrieben von

Dirk Kirschberger
Dirk Kirschberger ist Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor. Er schreibt über Politik, Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklungen und verbindet analytische Einordnung mit journalistischer Erfahrung.

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