Gen Z regelt: Sechs Köpfe, 30 Organisatoren – aber wer sind diese Leute eigentlich?
Sechs Köpfe im Kernteam, rund 30 Organisatoren, doch kaum Namen: Wer führt „Gen Z regelt“ wirklich? Akram Selo, 18, ist das öffentliche Gesicht. Sein Impressum wechselte von Hoya über Dietmannsried in die Schweiz. Gleichzeitig sucht die Initiative Leiter für 18 Ortsgruppen. Die Fragen bleiben offen.
Wer regelt Gen Z?
Ein angeblich 18-jähriger Abiturient ist das Gesicht einer bundesweiten Protestbewegung. Er spricht von rund 30 Organisatoren, ein ehemaliger Sprecher von sechs Mitgliedern im engeren Team. Doch die meisten Namen bleiben unbekannt. Während Akram Selo seine Impressumsanschrift von Niedersachsen über Bayern in die Schweiz verlegt, sucht die Initiative öffentlich nach den Leitern von 18 Stadtgruppen. Was steckt hinter dieser Organisation?

Sechs Menschen sollen die Bewegung führen. Wer sind sie?
In drei Tagen sollen in zahlreichen deutschen Städten Zehntausende Menschen unter dem Motto „Gen Z regelt“ demonstrieren.
Eine professionelle Website, einheitliche Logos, Social-Media-Kanäle, Telegram-Gruppen, eine Spendensammlung und bundesweite Aufrufe vermitteln den Eindruck einer organisierten Bewegung.
Doch ausgerechnet bei der einfachsten Frage beginnt die Geschichte rätselhaft zu werden.
Wer sind die Menschen, die diese Bewegung tatsächlich organisieren?
Am 22. Oktober erklärte Gianni Matheja gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, dass zum engen Organisationsteam sechs Personen gehörten, darunter er selbst.

Fünf Tage später berichtete die taz über ein Telefonat mit Akram Selo. Nun war von rund 30 Organisatoren die Rede, zwischen 18 und 28 Jahre alt.
Selo, nach eigenen Angaben 18 Jahre alt und Abiturient, sei der Jüngste.
Das klingt nach einer beachtlichen Organisationsstruktur.
Nur: Wo sind diese Menschen?
Wer sind die sechs Mitglieder des engeren Teams? Welche Funktionen haben sie? Wer verantwortet die Finanzen? Wer entscheidet über politische Forderungen und organisatorische Fragen?
Eine öffentlich überprüfbare Liste dieses Führungskreises liegt bislang nicht vor.
Selbst der angeblich 28-jährige älteste Organisator bleibt ohne Namen.
Der Jüngste steht im Rampenlicht
Bekannt ist vor allem Akram Selo.
Er gibt Interviews, hat nach eigenen Angaben die Website entwickelt und erscheint als Verantwortlicher im Impressum.
Gianni Matheja war kurzzeitig Pressesprecher. Inzwischen ist er ausgestiegen.
Ein weiterer Name taucht in einer früheren Impressumsfassung auf: Arda Akyol, dort als Mitorganisator bezeichnet.
Ob Akyol zum ursprünglich sechsköpfigen Führungskreis gehörte, ist nicht dokumentiert.
Und die übrigen?
Sie bleiben für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar.
Das wirft eine besonders interessante Frage auf: Warum ist ausgerechnet das jüngste Mitglied das wichtigste öffentliche Gesicht einer Bewegung, deren übrige Organisatoren nach eigenen Angaben teilweise zehn Jahre älter sind?
Hat Selo die Rolle selbst übernommen? Haben die anderen ihn vorgeschlagen? Wurde innerhalb der Gruppe darüber abgestimmt?
Oder ist die öffentliche Außendarstellung bewusst auf den 18-jährigen Abiturienten zugeschnitten?
Letzteres würde zumindest zum Image einer Schülerbewegung passen. Denn ein 18-jähriger Schüler verkörpert jugendlichen Protest unmittelbarer als ein 28-jähriger Berufstätiger.
Das ist eine plausible journalistische Hypothese, kein Nachweis einer verdeckten Steuerung.
Aber warum lässt sie sich nicht durch eine einfache Offenlegung der Verantwortlichkeiten klären?
Erst Hoya, dann Dietmannsried, schließlich die Schweiz
Noch bemerkenswerter ist die dokumentierte Entwicklung des Impressums.
Die Spur der veröffentlichten Kontaktanschriften lässt sich anhand unterschiedlicher Fassungen der Website nachvollziehen.
Erste Station: Hoya, Niedersachsen.
In einer frühen Impressumsfassung wird Akram Selo unter einer Anschrift in der niedersächsischen Kleinstadt geführt. Dieselbe Anschrift erscheint in einer früheren Datenschutzerklärung.
Zweite Station: Dietmannsried, Bayern.
Später verschwindet Hoya aus dem Impressum. Stattdessen erscheint eine Geschäftsadresse im Oberallgäu.
An diesem Standort bietet der Dienstleister Akteno virtuelle Geschäftsadressen und digitale Postverwaltung an.
Ob Selo tatsächlich einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat, ist nicht unabhängig bestätigt.
Dritte Station: Altendorf, Schweiz.
Schließlich führt die Impressumsspur in den Kanton Schwyz.
Nun erscheint Selo unter einer c/o-Adresse bei der JL Consulting Group GmbH, einem Unternehmen, das ebenfalls Geschäfts- und Zustelladressen anbietet.
Drei Stationen in kurzer Zeit.
Hoya. Dietmannsried. Altendorf.
Es handelt sich nicht um drei nachgewiesene Wohnsitze. Dokumentiert sind drei nacheinander veröffentlichte Kontaktanschriften.
Gerade dieser Unterschied ist interessant.
Selo erklärte der taz, die Adresswechsel dienten dem Schutz seiner Privatsphäre. Er wolle sich vor Menschen schützen, die seine Bewegung ablehnen.
Dafür gibt es grundsätzlich legitime Gründe. Auch ein politischer Aktivist muss nicht seine Wohnanschrift im Internet veröffentlichen, sofern eine rechtlich geeignete Zustelladresse vorhanden ist.
Nur beantwortet der Verweis auf Privatsphäre nicht die organisatorischen Fragen.
Wer nimmt an diesen Anschriften rechtsverbindliche Post entgegen? Wer trägt die Verantwortung für die Website? Wer ist Ansprechpartner für finanzielle und organisatorische Verpflichtungen?
Und vor allem: Warum mussten die öffentlich angegebenen Kontaktdaten innerhalb so kurzer Zeit mehrfach verändert werden?
Die Vossische hat die Adressspur bereits in den ersten Teilen dieser Recherche dokumentiert.
Sie ist jetzt im Zusammenhang mit den übrigen organisatorischen Unklarheiten erneut relevant.
Die Zentrale sucht die Organisatoren ihrer eigenen Demonstrationen
Der bislang aufschlussreichste neue Hinweis kommt ausgerechnet von der Initiative selbst.
Auf ihrem offiziellen Telegram-Kanal veröffentlichte „Gen Z regelt“ einen Aufruf an die Verantwortlichen von 18 Stadtgruppen.
Die Leitungen aus Stuttgart, Erfurt, Bonn, Bielefeld, Magdeburg, Hannover, Nürnberg, Düsseldorf, Dortmund, Karlsruhe, Leipzig, Bremen, Dresden, Essen, Freiburg, Mainz, Aachen und Ulm werden gebeten, sich bei der zentralen Organisation zu melden.
Auch wer lediglich einen Kontakt zu den Verantwortlichen herstellen könne, solle sich melden.
Man muss sich das vor Augen führen.
Eine Initiative wirbt bereits bundesweit für Demonstrationen. Interessenten können ihre Teilnahme auf einer Website ankündigen. Gleichzeitig sucht die zentrale Organisation öffentlich nach den Ansprechpartnern zahlreicher örtlicher Gruppen.
Wie weit reicht unter diesen Umständen ihre tatsächliche Kontrolle über die beworbenen Veranstaltungen?
Die Initiative erklärt, unmittelbar nur für fünf Städte verantwortlich zu sein: Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main und München. Die anderen Demonstrationen sollen eigenständig organisiert werden.
Das mag eine dezentrale Struktur erklären.
Es beantwortet aber nicht, wie einheitliche Aufrufe, Sicherheitsvorkehrungen und Verantwortlichkeiten koordiniert werden.
Tausende digitale Zusagen – aber teilweise keine Anmeldung
Am heutigen Mittwoch veröffentlichte Apollo News eine Recherche, für die Behörden in 23 Städten befragt wurden.
Das Ergebnis macht die organisatorischen Probleme greifbar.
In Bonn, Dortmund und Freiburg lagen am Dienstag nach Auskunft der zuständigen Stellen noch keine entsprechenden Versammlungsanmeldungen vor.
In Bonn standen dem mehr als 6.000 digitale Teilnahmezusagen gegenüber.
In Erfurt war eine Versammlung für einen anderen Platz mit lediglich 30 erwarteten Teilnehmern angemeldet, während auf der Website von „Gen Z regelt“ Tausende Interessenten gezählt wurden.
Und in Ulm lag nach Angaben der Stadt eine Anmeldung für vier Teilnehmer vor.
Online-Zusagen sind selbstverständlich keine verbindlichen Teilnehmerzahlen.
Aber die Diskrepanz zwischen öffentlicher Mobilisierung und behördlich dokumentierter Vorbereitung ist erheblich.
Wer bundesweit Menschen zu Demonstrationen aufruft, sollte wissen, welche Veranstaltungen angemeldet sind, wer die Versammlungsleitung übernimmt und welche organisatorischen Voraussetzungen tatsächlich geschaffen wurden.
Berlin: Erst steigen die Beteiligten aus, dann kommen neue hinzu
Auch aus Berlin werden erhebliche interne Konflikte gemeldet.
Der Tagesspiegel berichtete am 27. Oktober, dass zahlreiche Beteiligte aus der Organisation ausgeschieden seien.
Nach seinen Informationen waren zu diesem Zeitpunkt wesentliche Fragen ungeklärt: Bühne, Ordner und Rednerliste.
Ehemalige Aktivisten warfen Selo vor, Entscheidungen stark auf seine Person zu konzentrieren.
Dieser Vorwurf ist besonders aufschlussreich.
Denn er wirft eine andere Frage auf als die Vermutung, Selo sei lediglich eine vorgeschobene Frontfigur.
Ist der 18-Jährige nur das öffentliche Gesicht einer größeren Organisation – oder beansprucht er tatsächlich selbst die Kontrolle über wesentliche Entscheidungen?
Beides lässt sich aus den bisherigen Aussagen nicht eindeutig rekonstruieren.
Nach dem Bericht des Tagesspiegels kamen in Berlin inzwischen wieder Beteiligte hinzu. Von einem dauerhaft vollständig aufgelösten Organisationsteam kann deshalb nicht gesprochen werden.
Die internen Auseinandersetzungen bleiben dennoch ein dokumentierter Bestandteil der Geschichte.
Und wer kontrolliert die Spendengelder?
Parallel zur politischen Mobilisierung sammelt „Gen Z regelt“ Geld.
Die öffentliche GoFundMe-Kampagne wurde am 20. Oktober gestartet. Der Tagesspiegel berichtete inzwischen über mehr als 11.000 Euro an eingeworbenen Spenden.
Gesammelt wird unter anderem für Werbung, Druckmaterialien und organisatorische Infrastruktur.
Der offizielle Telegram-Kanal wirbt darüber hinaus um Unterstützung für zusätzliche Mobiltelefone zur Presse- und Koordinationsarbeit.
Damit wächst eine weitere Liste unbeantworteter Fragen.
Wer entscheidet über Ausgaben? Wer kontrolliert Rechnungen? Welche Mittel gehen an lokale Gruppen? Wer kann die Verwendung des Geldes nachvollziehen?
Eine öffentliche Sammlung bedeutet nicht automatisch, dass jede einzelne Ausgabe sofort veröffentlicht werden muss.
Doch wenn ehemalige Beteiligte selbst Zweifel an der Transparenz äußern, wird die Frage nach Zuständigkeiten zum journalistischen Gegenstand.
Für eine Veruntreuung von Spenden liegt bislang kein Beleg vor.
Eine nachvollziehbare Darstellung der finanziellen Entscheidungsstrukturen wäre jedoch geeignet, die offenen Fragen zu beantworten.
Die politischen Netzwerke waren schon vor der Website aktiv
Hinzu kommt die Vorgeschichte.
Wie die Vossische bereits dokumentierte, mobilisierte die sozialistische Organisation Internationale Jugend spätestens am 15. Oktober unter dem Motto „#GenZ regelt!“ für den 31. Oktober.
Die Domain genz-regelt.de wurde nach den ausgewerteten Registrierungsdaten erst am 18. Oktober registriert.
Die Internationale Jugend gehört nach der Einordnung des baden-württembergischen Verfassungsschutzes zum Umfeld des linksextremistischen Kommunistischen Aufbaus.
Sie verfügt über eigene politische Strukturen, Ortsgruppen und organisatorische Erfahrungen.
Damit war eine bestehende marxistisch ausgerichtete Organisation bereits unter dem Protestmotto aktiv, bevor die später bekannt gewordene Website von Akram Selo registriert wurde.
Eine personelle oder finanzielle Steuerung seines Kernteams durch diese Organisation ist damit nicht belegt.
Aber die Frage drängt sich auf: Welche Kontakte bestanden zwischen der bereits organisierten Mobilisierung und dem neu auftretenden Team um Selo?
Wer hat den gemeinsamen Protesttermin vorgeschlagen? Wer lieferte die ersten Werbematerialien? Wer führte die örtlichen Gruppen zusammen?
Und wer besitzt heute die tatsächliche Autorität, im Namen von „Gen Z regelt“ zu sprechen?
Drei Tage vor den Protesten: Wer trägt die Verantwortung?
Es ist eine ungewöhnliche Konstellation.
Ein 18-Jähriger tritt als Gesicht einer Bewegung auf, die nach eigenen Angaben von bis zu 30 Erwachsenen organisiert wird.
Ein ehemaliger Sprecher spricht von sechs Personen im engeren Team.
Die überwiegende Mehrheit dieser Personen lässt sich öffentlich nicht namentlich zuordnen.
Die Impressumsanschrift führt nacheinander von Niedersachsen über Bayern in die Schweiz.
Gleichzeitig sucht die Bewegung nach den Verantwortlichen von 18 örtlichen Gruppen, während in mehreren Städten selbst die behördlichen Anmeldungen Fragen aufwerfen.
Das sind keine erfundenen Verdachtsmomente. Es sind dokumentierte Aussagen, Veröffentlichungen und Organisationsaufrufe.
Auch die Gewerkschaft der Polizei hat inzwischen die unklaren Verantwortlichkeiten ausdrücklich kritisiert.
Und gerade deshalb reicht der Hinweis, alle hätten sich über TikTok kennengelernt, nicht mehr aus.
Wer sind die sechs? Wer sind die 30? Wer entscheidet? Und weshalb kennen wir vor allem den Jüngsten?
Es geht nicht darum, ob Akram Selo eine Demonstration organisieren darf.
Es geht darum, ob die öffentlich dargestellte Führungsstruktur mit den tatsächlichen Verantwortlichkeiten übereinstimmt.
Drei Tage vor den angekündigten bundesweiten Protesten ist diese Frage ungeklärt.
Und das ist selbst eine Nachricht.
Denn eine Bewegung kann Hunderttausende Interessenten im Internet zählen. Wenn sie nicht nachvollziehbar erklären kann, wer für ihre Organisation verantwortlich ist, bleibt die wichtigste Zahl unbekannt: die Zahl derjenigen, die tatsächlich Entscheidungen treffen und dafür einstehen.
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