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Kolumnen

Karl Heinrich Ulrichs: Der schwule Pionier der Freiheit

Ein Jurist stellt sich 1867 vor seine Kollegen und fordert Straffreiheit für die Liebe zwischen Männern. Sie schreien ihn nieder. Karl Heinrich Ulrichs’ Geschichte zeigt, wie mühsam Freiheit erkämpft wird – und weshalb sein Vermächtnis keiner politischen Richtung allein gehört.

Karl Heinrich Ulrichs: Der schwule Pionier der Freiheit
Karl Heinrich Ulrichs erhob 1867 seine Stimme für die Freiheit schwuler Männer – gegen den Widerstand seiner Berufskollegen. Illustration: Dawid Jan Wiczorov / Vossische.

Er forderte Freiheit für schwule Männer – und wurde von Deutschlands Juristen niedergeschrien.

Warum Karl Heinrich Ulrichs’ Kampf uns bis heute herausfordert.

1867 forderte ein deutscher Jurist öffentlich die Straffreiheit der Liebe zwischen Männern. Seine Kollegen schrien ihn nieder. Karl Heinrich Ulrichs’ Geschichte handelt von schwuler Selbstbehauptung – und von der Frage, wie ernst eine Gesellschaft ihre eigenen Rechtsgrundsätze nimmt.

Am 29. August 1867 trat Karl Heinrich Ulrichs auf dem Deutschen Juristentag in München vor seine Berufskollegen. Er wollte die Abschaffung der Strafbestimmungen gegen sexuelle Handlungen zwischen Männern erreichen. Die Versammlung ließ ihn seine Argumentation nicht zu Ende führen. Unterbrechungen und Tumult zwangen ihn zum Abbruch. Ein Jurist verlangte eine rechtsförmige Auseinandersetzung mit staatlichem Unrecht. Die versammelten Rechtsgelehrten beantworteten ihn mit Geschrei. Universität Göttingen

Die Szene verdient einen festen Platz in der deutschen Freiheitsgeschichte. An ihr lässt sich erkennen, wie wenig Bildung, berufliches Ansehen und institutionelle Würde allein gegen Vorurteile ausrichten. Menschen können das Recht beherrschen und seine Grundsätze trotzdem verraten, sobald deren Anwendung die eigenen Gewissheiten stört.

Ulrichs stellte eine Frage, die bis heute unbequem bleibt: Mit welcher Berechtigung bestraft der Staat Menschen für eine Liebe, deren bloße Existenz anderen missfällt?

Sein Auftritt brachte ihm keinen unmittelbaren politischen Erfolg. Er machte jedoch einen Anspruch öffentlich, der sich nicht mehr vollständig aus der Welt schaffen ließ: Auch Männer, die Männer lieben, sind Rechtssubjekte. Sie können selbst sprechen, selbst argumentieren und dem Gesetzgeber widersprechen.

Die häufig verwendete Bezeichnung vom „ersten Schwulen der Weltgeschichte“ geht auf den Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch zurück. Als historische Zuspitzung beschreibt sie Ulrichs’ besondere Stellung; als wörtliche Aussage wäre sie unsinnig. Selbstverständlich gab es vor ihm Männer, die Männer begehrten. Seine Bedeutung liegt in der Verbindung von öffentlichem Selbstbekenntnis, eigener Begriffsbildung und dem ausdrücklichen Kampf um Gleichberechtigung. Forum, Archiv zur Geschichte homosexueller Menschen in München

Ulrichs wurde am 28. August 1825 auf dem Familiengut Westerfeld bei Aurich geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und Berlin und trat in den hannoverschen Justiz- und Verwaltungsdienst ein. Seine juristischen Arbeiten erhielten bereits während seiner Ausbildung Auszeichnungen. Als ihm wegen seiner Beziehungen zu Männern ein Disziplinarverfahren drohte, schied er Ende 1854 aus dem Staatsdienst aus. Anschließend arbeitete er unter anderem als Journalist, Schriftsteller und Sekretär. Deutsche Biographie

An diesem Karrierebruch zeigt sich die praktische Gewalt gesellschaftlicher Ächtung. Ein Mensch muss keineswegs jahrelang im Gefängnis sitzen, damit Verfolgung sein Leben verändert. Bereits die Aussicht auf Ermittlungen, beruflichen Ausschluss und öffentlichen Rufverlust kann eine Existenz beschädigen. Wer unter solchen Bedingungen lebt, wägt bei jeder Bekanntschaft und jeder beruflichen Entscheidung Risiken ab, die andere Menschen gar nicht kennen.

Aus ökonomischer Perspektive ist diese Art der Ausgrenzung zudem eine Verschwendung menschlicher Fähigkeiten. Eine Gesellschaft, die berufliche Chancen vom Sexualleben abhängig macht, verzichtet auf Leistung und belohnt Anpassung. Sie verteilt Möglichkeiten nach einem Kriterium, das über fachliche Eignung nichts aussagt. Der persönliche Schaden und der gesellschaftliche Verlust gehören zusammen.

Ulrichs begann, die herrschenden Urteile systematisch anzugreifen. Ab 1864 erschienen seine insgesamt zwölf Schriften unter dem Titel „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“. Für Männer, die Männer liebten, verwendete er die Bezeichnung „Urninge“. Damit schuf er einen eigenen Begriff in einer Zeit, deren Sprache über gleichgeschlechtliche Sexualität stark von Verdammung geprägt war. Landeshauptstadt Stuttgart

Sprache hatte hier eine handfeste politische Funktion. Wer Menschen ausschließlich mit den Begriffen des Strafrechts oder der Sünde beschreibt, legt das Urteil bereits vor der Diskussion fest. Ulrichs beanspruchte die Möglichkeit, die eigene Erfahrung selbst zu benennen. Er wollte erklären, wie ein männerliebender Mann empfindet, und daraus rechtliche Forderungen entwickeln.

Seine Erklärung war allerdings ein Kind des 19. Jahrhunderts. Ulrichs nahm eine weibliche Seele in einem männlichen Körper an, um die Anziehung eines Mannes zu anderen Männern zu erklären. Er versuchte, gleichgeschlechtliches Begehren als natürliche Veranlagung verständlich zu machen. Zugleich entwickelte er weitreichende Vorstellungen gesellschaftlicher Anerkennung, bis hin zu einer „urnischen Ehe“. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Ein schwuler Mann muss diese Seelentheorie heute keineswegs überzeugend finden. Ein Mann kann Männer lieben und sich dabei uneingeschränkt als Mann verstehen. Historische Anerkennung verlangt keine Zustimmung zu jeder historischen Erklärung. Man kann Ulrichs’ begriffliche Grenzen benennen und die Tragweite seiner Forderungen trotzdem erkennen.

Gerade darin liegt eine wichtige Unterscheidung: Eine Theorie über die Entstehung menschlichen Begehrens kann sich als unzureichend erweisen, während die Forderung nach gleichen Rechten Bestand hat.

Für eine liberale Rechtsordnung muss die Freiheit einvernehmlicher Beziehungen zwischen Erwachsenen ohnehin ohne abschließende Erklärung ihrer Ursachen gelten. Bürgerrechte hängen nicht davon ab, ob jemand seine Veranlagung wissenschaftlich nachweisen kann. Der Staat braucht einen tragfähigen Grund, um Freiheit einzuschränken. Die Abneigung einer Mehrheit liefert ihn nicht.

Ulrichs’ Münchner Anliegen lässt sich an seinem Antrag besonders deutlich erkennen. Liebe zu Männern sollte rechtlich unter denselben Voraussetzungen beurteilt werden wie Liebe zu Frauen. Der Maßstab war die Gleichheit vor dem Gesetz. Seine Kollegen verhinderten die vollständige Rede; Ulrichs selbst betrachtete das öffentliche Durchbrechen des Schweigens dennoch als einen Erfolg. LSVD

Diese Forderung ist bis heute präziser als manche feierliche Rede über Toleranz. Toleranz kann herablassend bleiben. Sie kann bedeuten, dass die Mehrheit etwas duldet, solange es möglichst unsichtbar bleibt. Gleiches Recht bindet dagegen auch jene, die den Lebenswandel ihres Nachbarn ablehnen. Es verlangt keine persönliche Begeisterung. Es verlangt, die eigene Ablehnung nicht zur staatlichen Strafnorm zu erheben.

Auch für einen konservativen Blick auf Gesellschaft ist das eine ernsthafte Herausforderung. Überlieferte Regeln können Erfahrung bewahren, Vertrauen ermöglichen und Zusammenhalt stiften. Ihr Alter allein begründet jedoch keinen Anspruch auf Fortbestand. Eine Tradition, die unbescholtene Menschen verfolgt, muss sich Kritik gefallen lassen. Wer den Rechtsstaat bewahren will, muss seine Grundsätze auch gegen vertraute Vorurteile verteidigen.

Umgekehrt wäre es bequem, Ulrichs nachträglich vollständig für eine heutige politische Richtung zu beanspruchen. Seine Biographie passt schlecht in solche Schubladen. Er wandte sich gegen die preußische Annexion Hannovers und wurde 1867 wegen seiner politischen Opposition zweimal verhaftet und schließlich ausgewiesen. Der Kämpfer für die Rechte männerliebender Männer hatte zugleich eine politische Heimatbindung, die sich aus den Konflikten seiner eigenen Zeit erklärt. Deutsche Biographie

Geschichtliche Personen werden interessanter, sobald man ihnen ihre Widersprüche und Eigenheiten lässt. Ulrichs muss weder zum heutigen Linksliberalen noch zum heutigen Konservativen erklärt werden, um für beide eine Zumutung zu sein. Seine Unabhängigkeit erinnert daran, dass sexuelle Orientierung kein politisches Gesamtprogramm vorgibt. Schwule Männer dürfen über Staat, Wirtschaft, Religion und Gesellschaft ebenso verschieden denken wie alle anderen.

Der Fortgang der Geschichte widerlegt jede Vorstellung eines geradlinigen Fortschritts. 1871 wurde der Paragraph 175 in das Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches aufgenommen. Die Nationalsozialisten verschärften ihn 1935. In der Bundesrepublik blieb diese verschärfte Fassung bis zur Reform von 1969 bestehen; vollständig gestrichen wurde der Paragraph erst 1994. Zwischen Ulrichs’ Münchner Auftritt und seiner endgültigen Abschaffung lagen fast 127 Jahre. Bundesfamilienministerium

Diese Zeitspanne sollte vorsichtig machen gegenüber der Behauptung, vernünftige Argumente setzten sich schon von selbst durch. Institutionen können Unrecht über Generationen verwalten. Gesellschaften können sich für fortschrittlich halten und zugleich Menschen wegen ihres Privatlebens verfolgen. Wohlstand und Modernisierung bieten dagegen keinen automatischen Schutz.

1880 verließ Ulrichs Deutschland und ging nach Italien. Nach Jahren in Neapel lebte er in L’Aquila. Dort widmete er sich auch einer weiteren Leidenschaft: der lateinischen Sprache. Mit seiner Zeitschrift „Alaudae“ wollte er Latein als internationale Verständigungssprache beleben. Am 14. Juli 1895 starb er in L’Aquila. Landeshauptstadt Stuttgart, Deutsche Biographie

Der Lateinpublizist gehört ebenso zu seinem Leben wie der mutige Redner. Ulrichs hatte wissenschaftliche Interessen, kulturelle Vorlieben und politische Überzeugungen, die über seine Sexualität hinausgingen. Gerade ein Artikel über einen schwulen Vorkämpfer sollte diese Selbstverständlichkeit ernst nehmen. Wer einen Menschen ausschließlich als Vertreter einer Gruppe betrachtet, verkleinert ihn.

Seine internationale Biographie eröffnet außerdem einen Maßstab für die Gegenwart. Die Freiheit schwuler Männer lässt sich an konkreten Lebensmöglichkeiten prüfen: Können sie Beziehungen eingehen, ihren Beruf ausüben und öffentlich für ihre Rechte eintreten, ohne staatliche Verfolgung befürchten zu müssen? Diese Fragen verdienen unabhängig davon dieselbe Klarheit, welche Regierung, Religion oder politische Bewegung für Einschränkungen verantwortlich ist.

Als junger schwuler Mann kann ich Ulrichs mit Dankbarkeit betrachten, ohne aus dieser Dankbarkeit eine Pflicht zur politischen Gefolgschaft abzuleiten. Seine Geschichte ermutigt gerade dazu, selbst zu urteilen. Sie verlangt, Freiheit auch dort zu verteidigen, wo das eigene Umfeld lieber schweigen würde.

Am 29. August 1867 brachten seine Kollegen ihn zum Verstummen. Sein Einwand blieb bestehen. Ein Gesetz wird durch die Zustimmung der Mehrheit noch nicht gerecht. Karl Heinrich Ulrichs hatte den Mut, das vor denen auszusprechen, die es hätten besser wissen müssen.


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Geschrieben von

Paul Fisher
Paul Fisher ist Ökonom, Journalist und konservativer schwuler Autor mit internationaler Perspektive. Er schreibt liberal, unabhängig und kritisch über Politik, Gesellschaft und Freiheit – faktenorientiert, pointiert und ohne Denkverbote.
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