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Gen Z regelt: Wer zieht die Fäden hinter den falschen Namen?

Gen Z regelt und die anonymen Sprecher: Akram Selo hält Angaben zurück, Amadeo nennt nur seinen Vornamen, Lina Friedrich nutzt ein Pseudonym. Moritz Neumann untersucht, wer die Proteste organisiert, welche Rolle linke Gruppen spielen und warum die Verantwortlichen weiter im Dunkeln bleiben. bislang?

Gen Z regelt: Wer zieht die Fäden hinter den falschen Namen?
Gen Z regelt: Anonyme Sprecher, unbekannte Führung und linke Netzwerke. Moritz Neumann fragt, wer hinter Akram Selo und Lina Friedrich steht. nun Illustration: Dawid Jan / Wiczorov Vossische.

Akram Selo hält persönliche Angaben zurück. Sprecher Amadeo nennt nur seinen Vornamen. „Lina Friedrich“ ist ein Pseudonym. Zugleich streiten linke Organisationen um Einfluss auf die Proteste. Wer entscheidet tatsächlich hinter den Kulissen? Und warum lässt sich die Führung einer bundesweiten politischen Initiative nicht eindeutig nachvollziehen?

Erst war es Akram Selo. Dann Amadeo. Jetzt heißt sie Lina Friedrich.

Oder eben nicht.

Denn die Frau, die der taz nach den bundesweiten Demonstrationen von „Gen Z regelt“ ein Interview gegeben hat, heißt nach Angaben der Zeitung in Wirklichkeit anders.

„Lina Friedrich“ ist ein Pseudonym.

Sie soll 21 Jahre alt sein. Sie soll eine der Pressesprecherinnen der Initiative sein. Und sie berichtet begeistert von ihrem Protesttag in Berlin.

Nur wer diese Frau tatsächlich ist, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

Damit stellt sich eine Frage, die bei „Gen Z regelt“ immer drängender wird:

Sind diejenigen, die öffentlich für diese Bewegung sprechen, tatsächlich ihre Entscheidungsträger? Oder bestimmen andere Personen und Organisationen im Hintergrund die politische Richtung?

Es ist eine Frage, keine bereits bewiesene Antwort.

Aber die inzwischen dokumentierte Anonymität, die widersprüchlichen Angaben über die Organisationsgröße und die Beteiligung etablierter linker Gruppierungen machen sie zu einer notwendigen Frage.

Eine Sprecherin, die anders heißt

Die taz veröffentlicht am 1. November ein Interview mit einer 21-jährigen Frau, die unter dem Namen Lina Friedrich auftritt.

Sie erklärt, sie habe in Berlin einen ausgesprochen positiven Demonstrationstag erlebt. Besonders bemerkenswert ist ihre Aussage: „Ich hatte sehr viel Spaß.“

Wenig später spricht sie über die Ausschreitungen des Samstagabends, unterscheidet zwischen Gewalt und Sachbeschädigung und erläutert, dass politische Frustration bei einigen Randalierern eine Rolle gespielt haben könnte.

Das allein wäre Stoff für eine kritische Betrachtung.

Aber interessanter ist zunächst die Identität der Frau.

Der Name stimmt erklärtermaßen nicht. Ob die Altersangabe überprüft wurde, ist öffentlich nicht ersichtlich. Ob sie tatsächlich ausschließlich für „Gen Z regelt“ arbeitet, lässt sich anhand des Interviews ebenfalls nicht unabhängig beurteilen.

Die taz erklärt, ihre Gesprächspartnerin habe bereits Hassnachrichten erhalten und wolle deshalb ihre Identität schützen.

Dafür kann es nachvollziehbare Gründe geben.

Aber dann stellt sich eine Frage an die Zeitung selbst:

Wissen die Journalisten, wer ihnen das Interview gegeben hat?

Haben sie den bürgerlichen Namen überprüft? Kennen sie die tatsächliche organisatorische Funktion? Haben sie das angegebene Alter unabhängig bestätigt?

Oder übernimmt das Publikum Angaben einer Person, deren Identität ihm bewusst verborgen bleibt?

Es gibt keinen belastbaren Hinweis darauf, dass das Interview erfunden ist. Lina Friedrich ist auch in der Berichterstattung über die Berliner Proteste als Sprecherin aufgetreten.

Dass ein Gespräch stattgefunden hat, beantwortet allerdings noch nicht, ob sämtliche biografischen Angaben und die organisatorische Rolle unabhängig verifiziert wurden.

Und genau darauf kommt es an.

Ist sie 21? Oder vielleicht älter?

Eine 21-jährige Sprecherin klingt nach authentischem Jugendprotest.

Aber was wäre, wenn sich herausstellte, dass sie tatsächlich älter ist? Oder seit Jahren Funktionen in einer bestehenden politischen Organisation ausübt?

Wir wissen es nicht.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Friedrich über ihr Alter täuscht oder einer bestimmten Organisation angehört.

Es bedeutet, dass die öffentliche Anonymisierung eine unabhängige Überprüfung erschwert.

Vielleicht ist sie tatsächlich 21, politisch unabhängig und erst seit wenigen Wochen aktiv.

Vielleicht ist sie längst in einer bestehenden Organisation engagiert.

Beide Möglichkeiten lassen sich anhand des veröffentlichten Pseudonyms nicht unterscheiden.

Und damit stellt sich eine grundlegende Frage an jene Medien, die ihre Aussagen verbreiten:

Warum werden die entscheidenden biografischen und organisatorischen Angaben nicht wenigstens nachvollziehbar eingeordnet?

Eine Redaktion muss den echten Namen einer bedrohten Quelle nicht veröffentlichen. Sie kann aber erläutern, ob sie deren Identität und Funktion überprüft hat.

Das wäre eine journalistische Selbstverständlichkeit.

Akram Selo, Amadeo, Lina Friedrich: Ein wiederkehrendes Muster

Bei einer einzelnen Sprecherin könnte man die Anonymisierung noch als besondere Schutzmaßnahme betrachten.

Doch bei „Gen Z regelt“ begegnet uns dieses Phänomen immer wieder.

Akram Selo, nach eigenen Angaben 18 Jahre alt und Abiturient, ist das bekannteste öffentliche Gesicht der Bundesinitiative. Er wollte gegenüber Medien nicht einmal seine genaue Herkunftsregion nennen.

Sprecher Amadeo tritt öffentlich lediglich mit seinem Vornamen auf.

Lina Friedrich verwendet ausdrücklich einen anderen Namen.

Und von den fünf Personen, die Selo gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als zentralen Führungskreis beschrieb, wollen drei anonym bleiben.

Das ergibt ein bemerkenswertes Bild.

Die Bewegung fordert politische Mitsprache und stellt weitreichende Forderungen an die Gesellschaft. Ihre tatsächlichen Entscheidungsstrukturen bleiben jedoch nur teilweise sichtbar.

Nicht die Privatadressen fehlen. Es fehlen überprüfbare Verantwortlichkeiten.

Wer bestimmt die Sprecher?

Wer legt die politische Linie fest?

Wer entscheidet über Kooperationen mit anderen Organisationen?

Und wer kann diese Entscheidungen verbindlich verantworten?

Warum gelingt anderen Jugendorganisationen, was hier offenbar nicht gelingt?

Deutschland kennt zahlreiche politische Jugendorganisationen.

Die Junge Union, die Schüler Union, die Jusos, die Grüne Jugend und andere Gruppen haben öffentlich benannte Vorsitzende und Funktionsträger.

Auch diese Menschen werden kritisiert. Auch sie müssen mit Anfeindungen rechnen.

Dennoch treten sie in ihren offiziellen Funktionen grundsätzlich mit ihren Namen auf.

Das ist keine Garantie gegen Fehler oder politische Einflussnahme. Aber es macht nachvollziehbar, wer für die jeweilige Organisation spricht.

Anonyme politische Aktivisten sind historisch keineswegs unbekannt. Neu ist Anonymität also nicht.

Auffällig ist hier jedoch die Häufung bei Personen, die ausdrücklich offizielle Sprecherfunktionen einer bundesweit auftretenden Initiative übernehmen.

Das Demonstrationsrecht setzt selbstverständlich keine öffentliche Namensnennung jedes Aktivisten voraus.

Aber wer als Sprecher einer politischen Organisation auftritt, übernimmt eine andere Rolle als ein gewöhnlicher Demonstrationsteilnehmer.

Er vermittelt Informationen, erhebt Forderungen und erklärt Entscheidungen.

Wer solche Aufgaben übernimmt, muss Fragen nach seinem Mandat akzeptieren.

Warum verlangt „Gen Z regelt“ Vertrauen in eine Führung, deren Zusammensetzung öffentlich nicht nachvollziehbar ist?

Wer zieht tatsächlich die Fäden?

Damit sind wir beim Kern der Recherche.

Eine teilweise anonyme Organisation muss nicht fremdgesteuert sein.

Aber Anonymität erschwert die Überprüfung, ob eine solche Fremdsteuerung vorliegt.

Das gilt für mögliche Einflüsse politischer Parteien, ideologischer Netzwerke, wirtschaftlicher Interessen oder anderer Organisationen.

Auch ausländische Einflussoperationen gehören grundsätzlich zu den Risiken politischer Kommunikation. Für eine Beteiligung russischer oder chinesischer Nachrichtendienste an „Gen Z regelt“ gibt es allerdings bislang keinen belastbaren öffentlichen Hinweis.

Ein solcher Vorwurf wäre deshalb gegenwärtig nicht gerechtfertigt.

Anders sieht es bei den Verbindungen zu etablierten linken Organisationen aus.

Hier gibt es konkrete, öffentlich dokumentierte Beteiligungen und Konflikte.

Und die sind erheblich interessanter als Spekulationen über einen unbekannten Geheimdienst.

Linke Organisationen streiten bereits darüber, wer sprechen darf

Nach den Demonstrationen vom 31. Oktober berichtet ausgerechnet die taz über Auseinandersetzungen zwischen der Bundesinitiative und örtlichen Protestorganisatoren.

Besonders aufschlussreich ist Stuttgart.

Dort erklärten Veranstalter aus dem Umfeld der Internationalen Jugend, die der taz zufolge Verbindungen zum Kommunistischen Aufbau besitzt, dass sie die Bundesinitiative nicht als ihre Führung betrachten.

Sie warfen „Gen Z regelt“ vor, sich die Proteste anderer Gruppen zu eigen machen zu wollen.

Das ist bemerkenswert.

Während Akram Selo und seine Sprecher bundesweit auftreten, bestreiten andere Beteiligte offenbar, von diesem Führungskreis vertreten zu werden.

Zugleich beschreibt die taz sozialistische Jugendgruppen als maßgebliche Akteure bei den Protesten.

Damit gewinnt eine Frage an Bedeutung:

Ist „Gen Z regelt“ eine eigenständige Bewegung, an der sich etablierte politische Organisationen beteiligen? Oder ist das gemeinsame Motto vor allem eine öffentliche Plattform, unter der unterschiedliche Gruppen ihre eigenen Ziele verfolgen?

Die bisher bekannten Informationen ermöglichen noch keine abschließende Antwort.

Sie zeigen aber, dass die Organisationsstruktur weit komplexer ist als das Bild einer spontanen Schülerinitiative.

Die Bundesschülerkonferenz wollte nicht mitmachen

Auch die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich vor den Demonstrationen von „Gen Z regelt“.

Als einen wesentlichen Grund nannte sie die unklaren Organisationsstrukturen.

Diese Kritik verdient besondere Aufmerksamkeit.

Sie stammt nicht von einer politischen Gegenbewegung, sondern aus dem Umfeld der institutionellen Schülervertretung selbst.

Wenn sogar dort Zweifel bestehen, wer hinter der Initiative steht und wie sie organisiert ist, kann man diese Fragen nicht einfach als feindselige Kampagne abtun.

Die Bundesinitiative spricht von einem kleinen Führungskreis.

Gleichzeitig ist von einem wesentlich größeren Unterstützerteam die Rede.

In verschiedenen Städten organisierten wiederum eigenständige Gruppen die Veranstaltungen.

Wer dabei wem Weisungen erteilen konnte, wer verantwortlich war und wer lediglich ein gemeinsames Motto verwendete, bleibt teilweise ungeklärt.

Erst der Spaß. Dann die Sachbeschädigung.

Zurück zu Lina Friedrich.

Die Sprecherin beschreibt den Demonstrationstag als besonders erfreulich.

Es ist ihr unbenommen, sich über eine friedliche Kundgebung zu freuen.

Nur waren die Ereignisse des 31. Oktober eben nicht überall friedlich.

In mehreren Städten kam es im Umfeld der Proteste zu Ausschreitungen. In Frankfurt wurden nach den Demonstrationen Geschäfte geplündert. In Stuttgart registrierte die Polizei rund 50 Straftaten; sieben Einsatzkräfte wurden bei einer Auseinandersetzung nach der Demonstration verletzt.

Die örtlichen Vorfälle dürfen den Organisatoren nicht ohne konkreten Nachweis persönlich zugerechnet werden.

Doch Friedrichs Umgang mit den Ereignissen verdient Kritik.

Sie unterscheidet ausdrücklich zwischen Gewalt gegen Menschen und Sachbeschädigung. Das ist juristisch nicht falsch.

Aber für einen Ladenbesitzer, dessen Geschäft geplündert wird, ist die Debatte darüber, ob eine eingeschlagene Schaufensterscheibe nun Gewalt oder Sachbeschädigung heißt, kaum die wichtigste Frage.

Er muss den Schaden tragen.

Seine Mitarbeiter müssen möglicherweise um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Und jemand muss für die Zerstörungen aufkommen.

Politische Frustration mag helfen, Motive einzelner Täter zu verstehen. Sie macht ihre Handlungen weder legitim noch entschuldbar.

Umso interessanter wäre es, zu erfahren, mit welcher Autorität die unter Pseudonym auftretende Sprecherin solche Ereignisse für die Bewegung politisch einordnet.

Spricht hier eine eigenständig handelnde Verantwortliche?

Oder transportiert sie eine Linie, die andere beschlossen haben?

Wer verwaltet das Geld?

Eine weitere Frage bleibt offen: die Finanzierung.

Die Initiative hat über eine Crowdfunding-Plattform Spenden eingeworben. Das erklärte Ziel lag bei 20.000 Euro für Plakate, Technik und Mobilisierung.

Spenden für politische Proteste sind grundsätzlich legitim.

Doch wer nimmt sie entgegen?

Wer besitzt die Verfügungsberechtigung?

Wer entscheidet über die Verwendung?

Und gibt es finanzielle Beziehungen zu den Organisationen, die unter dem gemeinsamen Protestmotto auftreten?

Dass solche Beziehungen tatsächlich bestehen, ist nicht belegt.

Aber eine Organisation mit anonymen Entscheidungsträgern und öffentlich eingeworbenen Mitteln muss nachvollziehbare Antworten auf diese Fragen geben können.

Eine vollständige private Offenlegung sämtlicher Aktivisten ist dafür nicht erforderlich.

Sehr wohl erforderlich ist eine klare Zuordnung von Zuständigkeiten und finanzieller Verantwortung.

Was verbirgt sich hinter „Gen Z regelt“?

Am Ende steht keine bewiesene Verschwörung.

Es steht ein dokumentiertes Transparenzproblem.

Eine bundesweit auftretende Initiative hat mehrere nur eingeschränkt identifizierbare Sprecher.

Ihre zentrale Führung ist nicht vollständig bekannt.

Die organisatorischen Beziehungen zu örtlichen Protestgruppen sind uneinheitlich.

Sozialistische Organisationen waren bei den Demonstrationen maßgeblich beteiligt und streiten teilweise mit der Bundesinitiative über Zuständigkeiten und politische Deutungshoheit.

Die Bundesschülerkonferenz kritisiert die Intransparenz.

Und die Öffentlichkeit erhält dennoch keine vollständige, nachvollziehbare Darstellung der Entscheidungsstrukturen.

Das ist genug, um kritisch nachzufragen.

Wer steht wirklich hinter den Sprechern?

Wer bestimmt ihre Botschaften?

Wer entscheidet über das Geld?

Und weshalb erfährt die Öffentlichkeit nicht eindeutig, wer die politische Verantwortung trägt?

Die Antworten könnten unspektakulär sein.

Vielleicht handelt es sich um eine junge, organisatorisch unerfahrene Initiative, die Privatsphäre und öffentliche Verantwortung noch nicht sauber voneinander trennt.

Vielleicht spielen bestehende politische Netzwerke eine wesentlich größere Rolle, als die bundesweite Selbstdarstellung erkennen lässt.

Welche Erklärung zutrifft, ist bislang offen.

Aber eine Bewegung, die unter dem Namen „Gen Z regelt“ politische Ansprüche erhebt, kann nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit ungeklärte Zuständigkeiten einfach hinnimmt.

Sie spricht nicht für eine ganze Generation, sondern zunächst für ihre tatsächlichen Mitglieder, Unterstützer und Teilnehmer.

Und genau deshalb muss geklärt werden, wer das ist.

Akram Selo, Amadeo und Lina Friedrich sind die öffentlichen Stimmen. Aber wer trifft im Hintergrund die Entscheidungen?

Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, wird die Vossische weiter recherchieren.

Denn politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch einen einprägsamen Namen, große Teilnehmerzahlen oder ein paar erfolgreiche Interviews.

Sie entsteht dort, wo Menschen für ihre öffentlichen Entscheidungen Verantwortung übernehmen.

Wer regeln will, muss zuerst erklären, wer bei ihm selbst das Sagen hat.


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Quellen

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Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

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