Hantavirus-Ausbruch auf der „MV Hondius“

Drei Tote, Quarantäne und Angst an Bord der „MV Hondius“: Während Passagiere vor Teneriffa evakuiert werden, berichtet ein philippinisches Crewmitglied heimlich aus dem Unterdeck über Hantavirus, Isolation und die Sorge, nach der Krise nie wieder Arbeit auf See zu finden.

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Hantavirus-Ausbruch auf der „MV Hondius“

Crewmitglied berichtet heimlich aus der Quarantäne

Die Vossische | 10. Mai 2026 | Von unserer Redaktion

Redaktioneller Hinweis

Der Hantavirus-Ausbruch auf der „MV Hondius“ beschäftigt seit Tagen internationale Gesundheitsbehörden, Regierungen und Medien weltweit. Drei Menschen starben, mehrere weitere Personen wurden infiziert oder stehen unter Verdacht. Während die Passagiere des Expeditionsschiffes unter strengen Sicherheitsmaßnahmen vor Teneriffa evakuiert wurden, bleibt ein Teil der internationalen Besatzung weiterhin an Bord.

Der Kontakt zu einem Crewmitglied kam über persönliche Verbindungen zustande. Die Mutter eines philippinischen Mitarbeiters arbeitet seit Jahren als Haushaltshilfe im Umfeld eines Redakteurs unserer Zeitung in Panama. Als die „Hondius“ tagelang kaum erreichbar war, verlor die Familie fast vollständig den Kontakt zu ihrem Sohn auf See.

Erst als das Schiff vor Teneriffa ankert und Mobilfunknetze vom Festland erreichbar werden, gelingt es dem Crewmitglied erstmals wieder, private Nachrichten zu senden. Über den Messenger-Dienst Signal spricht der Mann anonym mit unserer Redaktion — heimlich aus einer Gemeinschaftstoilette im Unterdeck.

Aus Sorge vor möglichen beruflichen Konsequenzen bittet er darum, weder seinen vollständigen Namen noch seine genaue Position an Bord zu veröffentlichen. Seine Aussagen lassen sich nicht unabhängig überprüfen, decken sich jedoch teilweise mit inzwischen bestätigten Abläufen rund um die Evakuierung und die Sicherheitsmaßnahmen auf Teneriffa. Wir nennen ihn zu seinem Schutz „Rey“.


Ein Anruf aus der Schiffstoilette

Wenn in Manila die Sonne aufgeht, ist es in Panama-Stadt noch tiefe Nacht. Und mitten im Atlantik liegt ein Schiff, das für viele Crewmitglieder in den vergangenen Tagen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten war.

Für Monachelle, die als Haushälterin in Panama arbeitet, drehte sich zuletzt alles nur noch um eine Frage:

Lebt ihr Sohn noch?

Ihr Sohn arbeitet auf der „MV Hondius“, jenem Expeditionsschiff, auf dem ein Ausbruch des Hantavirus drei Menschenleben forderte. Tagelang gab es kaum Kontakt. Die Satellitengebühren an Bord gelten als teuer, das Bordnetz ist nur eingeschränkt nutzbar.

Dann verändert sich plötzlich alles.

Als die „Hondius“ vor Teneriffa ankert, erreicht Reys Handy erstmals wieder ein normales Mobilfunksignal vom spanischen Festland. Unsere Redaktion lädt ihm online Guthaben auf. Wenige Minuten später klingelt das Telefon.

Rey hat sich auf eine Gemeinschaftstoilette im Unterdeck zurückgezogen — offenbar der einzige Ort, an dem er einige Minuten ungestört sprechen kann. Im Hintergrund sind dumpfe Schiffsmotoren, Wasserleitungen und metallische Geräusche zu hören.

Seine Stimme klingt erschöpft.


„Meine Mutter dachte vielleicht schon, ich bin tot“

Die Vossische: Rey, können Sie uns hören? Wie stabil ist Ihre Verbindung dort unten?

„Rey“:

(leise)
“Yes sir, I hear you okay now. Thank you really for helping with the load. My mother was crying already many days in Panama because she cannot reach me.”

(Deutsch: „Ja Sir, ich höre Sie jetzt gut. Vielen Dank wirklich für das aufgeladene Guthaben. Meine Mutter hat in Panama schon seit Tagen geweint, weil sie mich nicht erreichen konnte.“)

“For Filipino family, this situation is very hard, because when family cannot contact you on sea, they think already maybe something bad happened.”

(Deutsch: „Für philippinische Familien ist so eine Situation sehr schwer, weil man sofort denkt, dass vielleicht etwas Schlimmes passiert ist, wenn man auf See keinen Kontakt mehr bekommt.“)

“I cannot stay long here. If officer see me hiding with phone, maybe big problem for me later.”

(Deutsch: „Ich kann nicht lange bleiben. Wenn mich ein Offizier hier mit dem Handy erwischt, bekomme ich später vielleicht große Probleme.“)

“Maybe they not fire me immediately because quarantine, but after this contract maybe no more work already.”

(Deutsch: „Vielleicht feuern sie mich wegen der Quarantäne nicht sofort. Aber nach diesem Vertrag bekomme ich vielleicht keine Arbeit mehr.“)

“In shipping industry many Filipino workers are scared about blacklist. Maybe true, maybe not, but everybody fears this.”

(Deutsch: „In der Schifffahrt haben viele philippinische Arbeiter Angst vor schwarzen Listen. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht — aber jeder hat Angst davor.“)


Hantavirus auf der „Hondius“: Evakuierung unter Extremmaßnahmen

Die „MV Hondius“ durfte im Hafen von Granadilla auf Teneriffa nicht direkt am Kai anlegen, sondern musste mehrere Hundert Meter entfernt ankern. Die Ausschiffung erfolgte in kleinen Gruppen per Zubringerboot.

Passagiere trugen Schutzanzüge und FFP2-Masken. Handgepäck wurde in Plastiksäcken transportiert. Einsatzkräfte der spanischen Katastrophenschutzeinheit UME brachten die Reisenden anschließend über abgeschirmte Transportkorridore direkt zum Flughafen Teneriffa Süd.

Vor Ort waren spanische Behörden, internationale Mediziner sowie Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Einsatz. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte, das Risiko für die Bevölkerung sei weiterhin gering und es handle sich „nicht um ein zweites Covid-19“.

Nach bisherigen Angaben wurden auf der „Hondius“ sechs bestätigte Hantavirus-Fälle sowie zwei Verdachtsfälle registriert. Drei Menschen starben: ein niederländisches Ehepaar und eine deutsche Passagierin.


„Für die Passagiere ist es vorbei — für uns nicht“

Die Vossische: Wie erleben Sie die Evakuierung der Passagiere?

„Rey“:

“Sometimes I look through small window from lower deck. Honestly, it looks unreal already.”

(Deutsch: „Manchmal schaue ich durch ein kleines Fenster vom Unterdeck. Ehrlich gesagt wirkt alles inzwischen völlig surreal.“)

“Helicopters, police boats, people in white suits everywhere.”

(Deutsch: „Hubschrauber, Polizeiboote, überall Menschen in weißen Schutzanzügen.“)

“The passengers go home now with special flights. For them maybe nightmare finished already.”

(Deutsch: „Die Passagiere fliegen jetzt mit Sonderflügen nach Hause. Für sie ist der Albtraum vielleicht vorbei.“)

“But for crew it is different. We still stay here. We still clean, still work, still wait what will happen next.”

(Deutsch: „Für die Crew ist es anders. Wir bleiben hier. Wir reinigen weiter, arbeiten weiter und warten darauf, was als Nächstes passiert.“)

“Nobody can tell us clearly how long.”

(Deutsch: „Niemand kann uns wirklich sagen, wie lange das noch dauert.“)


Angst vor dem Virus im Unterdeck

Die Stimmung unter Teilen der Besatzung gilt als angespannt. Viele Crewmitglieder müssen trotz der Quarantänesituation weiterhin technische und organisatorische Abläufe an Bord sicherstellen. Dazu gehört offenbar auch die Reinigung betroffener Bereiche.

Die nachgewiesene Andes-Variante des Hantavirus kann in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Die Vossische: Was bedeutet die Situation konkret für Ihre Arbeit?

„Rey“:

“We continue working almost normal, sir. Cleaning cabins, garbage, disinfecting areas.”

(Deutsch: „Wir arbeiten fast normal weiter, Sir. Kabinen reinigen, Müll entsorgen, Bereiche desinfizieren.“)

“In beginning they told us maybe only strong flu. We had only simple mask and gloves before.”

(Deutsch: „Am Anfang sagte man uns, es sei vielleicht nur eine starke Grippe. Wir hatten zuerst nur einfache Masken und Handschuhe.“)

“Later we got protective suits, but many crew are not trained for this kind situation.”

(Deutsch: „Später bekamen wir Schutzanzüge, aber viele Crewmitglieder sind für so eine Situation gar nicht ausgebildet.“)

“We are seafarers, cleaners, kitchen staff. Not medical people.”

(Deutsch: „Wir sind Seeleute, Reinigungskräfte, Küchenpersonal. Keine medizinischen Fachkräfte.“)

“Everybody becomes nervous when somebody coughs now.”

(Deutsch: „Inzwischen wird jeder nervös, sobald jemand hustet.“)

“At night many crew check temperature again and again before sleeping.”

(Deutsch: „Nachts messen viele Crewmitglieder immer wieder Fieber, bevor sie schlafen.“)


„Wenn selbst der Arzt krank wird“

Auch der britische Schiffsarzt musste inzwischen evakuiert werden. Für viele Crewmitglieder war das offenbar ein Schockmoment.

Die Vossische: Wie reagierte die Crew darauf?

„Rey“:

“That was very difficult moment for many of us. Because doctor was the one telling everybody stay calm.”

(Deutsch: „Das war für viele von uns ein sehr schwerer Moment. Der Arzt war immer derjenige, der allen sagte, sie sollten ruhig bleiben.“)

“When he also became sick, many crew started thinking maybe nobody really safe here.”

(Deutsch: „Als auch er krank wurde, dachten viele Crewmitglieder plötzlich: Vielleicht ist hier niemand wirklich sicher.“)

“Many Filipino crew are Catholic. Some crew prayed together quietly after shift.”

(Deutsch: „Viele philippinische Crewmitglieder sind katholisch. Einige haben nach der Schicht still zusammen gebetet.“)

“Not because somebody forced us — because when people become afraid far away from family, they pray.”

(Deutsch: „Nicht weil uns jemand dazu zwingt — sondern weil Menschen beten, wenn sie weit weg von ihren Familien Angst bekommen.“)

“And many crew cannot just stop working. Families depend on salary back home.”

(Deutsch: „Und viele Crewmitglieder können nicht einfach aufhören zu arbeiten. Ihre Familien zuhause sind auf das Geld angewiesen.“)

“On one Filipino worker maybe five, six, seven people survive already.”

(Deutsch: „Von einem philippinischen Arbeiter leben oft fünf, sechs oder sieben Menschen mit.“)


Die Reise zurück in die Niederlande

Nach Abschluss der Evakuierung soll die „MV Hondius“ mit einer Restbesatzung Kurs auf die Niederlande nehmen. Dort soll das Schiff desinfiziert und technisch überprüft werden.

Zusätzliche Diskussionen löste die Entscheidung aus, die Leiche der verstorbenen deutschen Passagierin zunächst an Bord zu belassen. Auch Teile des Hauptgepäcks der evakuierten Reisenden verbleiben vorerst auf dem Schiff.

Die Vossische: Was wurde Ihnen über die nächsten Tage gesagt?

„Rey“:

“We continue to Netherlands with remaining crew. They say ship will be disinfected there.”

(Deutsch: „Wir fahren mit der verbleibenden Crew weiter in die Niederlande. Dort soll das Schiff desinfiziert werden.“)

“Many people feel uncomfortable because body of dead passenger still onboard in cooling area.”

(Deutsch: „Viele Menschen fühlen sich unwohl, weil der Leichnam der verstorbenen Passagierin noch im Kühlbereich an Bord ist.“)

“Mostly crew just want finish this safely and go home alive to family. That is all.”

(Deutsch: „Die meisten Crewmitglieder wollen das einfach nur sicher überstehen und lebend zu ihren Familien zurückkehren. Mehr nicht.“)

(Im Hintergrund ist ein Klopfen an der Toilettentür zu hören. Wenige Sekunden später bricht die Verbindung ab.)