Macht einfach besseren Journalismus!

Die Debatte um die U-Bahn-Plakate von Nius offenbart die Doppelmoral unseres Medienbetriebs. Der Slogan trifft den blinden Fleck einer homogenen Medienlandschaft. Doch das Portal scheitert am eigenen Anspruch: Statt des vermissten bürgerlichen Qualitätsjournalismus liefert es nur Krawall-PR.

Teilen
Macht einfach besseren Journalismus!
Das Nius-Plakat: Richtige Diagnose, falscher Arzt

Warum die Nius-Werbung recht hat – und das Portal trotzdem scheitert

Man muss kein Freund von Nius sein, um die Ironie der Stunde zu begreifen. Da hängen nun Plakate in den Berliner U-Bahnen, auf denen der Slogan prangt: „Morgens um 6 schon wissen, was einem abends um 8 verschwiegen wird“. Ein genialer PR-Schachzug, der das etablierte Mediensekretariat der Republik in kollektive Schnappatmung versetzt. Über 100.000 Menschen unterschreiben Petitionen, Journalistenverbände verfassen Brandbriefe und die Berliner Verkehrsbetriebe winden sich in Erklärungsnot, als hätten sie die Apokalypse plakatiert.

Das Absurde daran? Die Prämisse der Nius-Werbung ist im Kern gar nicht so falsch.

Es gibt sie, die blinden Flecken im deutschen Journalismus. Wer den sprichwörtlichen „anderen Blick“ sucht, wer Nuancen abseits des politisch korrekten Konsenses und echte, ideologiefreie Debatten sucht, der wandert immer öfter ab – zum Beispiel zur Neuen Zürcher Zeitung. Dass ein Schweizer Qualitätsblatt in Deutschland Rekordzahlen feiert, ist die direkte, schmerzhafte Quittung für eine heimische Medienlandschaft, die sich viel zu oft im moralischen Gleichschritt bewegt. Wenn Redaktionen von der taz bis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk personell und ideologisch so homogen besetzt sind, dass Kritik an linken Narrativen als „rechts“ gilt, dann erodiert das Vertrauen. Der Vorwurf, dass gewisse Perspektiven im Mainstream schlicht ausgeblendet oder weichgespült werden, ist kein Hirngespinst. Er ist Realität.

Doch genau hier beginnt das eigentliche Trauerspiel. Denn so treffend die Diagnose ist, die Nius auf seine Plakate druckt – so kläglich scheitert das Portal an der eigenen Therapie.

Nius verspricht Aufklärung, liefert aber oft nur die Kehrseite derselben Medaille. Statt des von vielen schmerzlich vermissten, handwerklich sauberen, bürgerlich-konservativen Qualitätsjournalismus bekommt der Leser eine Dauerbeschallung aus Empörung, Zuspitzung und kalkulierter Erregung. Man kämpft nicht gegen die Einseitigkeit des linken Mainstreams, indem man eine ebenso unerbittliche Einseitigkeit von rechts entgegengesetzt. Wer Desinformation, Falschmeldungen und das Schüren von Ressorts zu seinem Geschäftsmodell macht, betreibt keinen Journalismus – er betreibt Aktivismus unter umgekehrten Vorzeichen. Dass die Klickzahlen des Portals massiv einbrechen und die Macher tief in den roten Zahlen stecken, zeigt, dass das Publikum den Unterschied zwischen kritischer Aufklärung und reiner Krawall-PR eben doch bemerkt.

Das Verhalten der Gegenseite macht es allerdings nicht besser. Der reflexartige Versuch von linken Verbänden und Aktivisten, die Werbekampagne am liebsten komplett zu verbieten, offenbart ein erschreckendes Verständnis von Meinungsfreiheit. Wer Vielfalt predigt, aber die Konfrontation mit unangenehmen Kampagnen im öffentlichen Raum nicht aushält, betreibt keine Medienkritik, sondern Meinungsmonopolismus.

Anstatt Energie in Verbotsdebatten, Petitionen und moralische Empörung über Plakate zu stecken, hätten die etablierten Akteure eine viel mächtigere Waffe in der Hand: Sie könnten einfach besseren Journalismus machen.

Wenn der linke Mainstream aufhören würde, das Publikum zu erziehen, und stattdessen anfangen würde, die Realität in ihrer gesamten Breite abzubilden – inklusive unbequemer Wahrheiten über Migration, Wirtschaft oder gesellschaftliche Fehlentwicklungen –, dann liefe die Werbung von Nius komplett ins Leere. Solange die großen Medienhäuser diesen Job aber verweigern, liefern sie Portalen, die vom Misstrauen leben, frei Haus die besten Argumente.