Spahns Familienglück: Die Doppelmoral bei Leihmutterschaft
Jens Spahn und Daniel Funke feiern die Geburt ihres Sohnes in den USA. Doch ihr privates Glück wird politisch, weil Leihmutterschaft in Deutschland verboten bleibt. Der Fall offenbart eine soziale und moralische Schieflage: Was Wohlhabende im Ausland nutzen, bleibt anderen verwehrt.
Das exklusive Privileg: Jens Spahn, die US-Leihmutterschaft und das Schweigen der Union
Das private Glück ist unantastbar. Wenn zwei Menschen ein Kind in ihre Arme schließen, wenn Monate des Bangens, Hoffens und Planens in der Geburt eines Sohnes namens Georg münden, dann gebührt den frischgebackenen Eltern – in diesem Fall Unionsfraktionschef Jens Spahn und seinem Ehemann Daniel Funke – jede menschliche Gratulation. Ein neues Leben ist ein Grund zur Freude. Es ist das fundamentale Grundrecht auf Familie, das hier Wirklichkeit geworden ist.
Doch die Geschichte, die die BILD-Zeitung exklusiv inszenierte, hat eine Vorgeschichte und eine Gegenwart im Hier und Jetzt, die sich einer rein privaten Betrachtung entzieht. Sie ist hochgradig politisch. Denn hier feiert ein Spitzenpolitiker der Union ein Familienglück, das er selbst – maßgeblich als Bundesgesundheitsminister bis 2021 und als einer der einflussreichsten Strategen seiner Partei – der eigenen Bevölkerung unter Androhung von Strafe verwehrt. Es ist die Chronik einer moralischen Asymmetrie, die das Vertrauen in die politische Elite dieses Landes im Kern erschüttert.
Der transatlantische Ausweg der Wohlhabenden
Der Fall Spahn berührt eine fundamentale soziale Ungerechtigkeit. Ihr Sohn Georg erblickte in den USA das Licht der Welt. Die Vereinigten Staaten betreiben rund um die Reproduktionsmedizin eine hochgradig kommerzialisierte Milliardenindustrie. Agenturen werben auf regelrechten „Vertriebstouren“ in Europa um vermögende Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Doch dieser Weg steht unter einem massiven Finanzvorbehalt: Die Gesamtkosten für eine Leihmutterschaft in den USA – bestehend aus Agenturgebühren, juristischer Absicherung, medizinischen Prozeduren und den Zahlungen an die Leihmutter – bewegen sich im sechsstelligem Bereich, oft weit jenseits der 150.000-Dollar-Marke.
Das bedeutet in der bitteren deutschen Realität: Wer über das entsprechende Vermögen und den politischen Einfluss verfügt, kann das strikte deutsche Verbot mittels transatlantischem Fortpflanzungstourismus geräuschlos umgehen. Für den durchschnittlichen Krankenpfleger, die Verkäuferin oder das normalverdienende homosexuelle Paar bleibt der Kinderwunsch hingegen an der Grenze des deutschen Strafrechts hängen. Das Recht auf Familiengründung wird so von einer Frage der Ethik zu einer Frage des Geldbeutels.
Die historische Abwehrhaltung der Union
Jens Spahn ist kein unbeteiligter Beobachter dieser Rechtslage; er hat sie aktiv verteidigt. Das deutsche Embryonenschutzgesetz (ESchG) aus dem Jahr 1990 verbietet die Leihmutterschaft sowie die Eizellenspende kategorisch. Noch im Jahr 2015 goss Spahn seine tiefe Skepsis in deutliche Worte und schrieb im Magazin GQ:
„Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“
Auch während seiner Amtszeit als Gesundheitsminister und in den darauffolgenden Jahren stand die CDU/CSU-Fraktion wie ein Fels gegen jede auch nur ansatzweise Liberalisierung der Fortpflanzungsmedizin. Die Begründung der Union war stets von moralischem Absolutheitsanspruch geprägt: Leihmutterschaft sei eine Instrumentalisierung des weiblichen Körpers, sie mache Kinder zur Ware und verstoße fundamental gegen das christliche Menschenbild. Erst auf dem jüngsten Parteitag wurde diese Position zementiert.
Wenn nun derselbe Politiker, der diese prohibitive Gesetzgebung politisch legitimiert und getragen hat, ebendiese Schranken für sein privates Leben im Ausland überspringt, kollidiert das private Recht auf Glück frontal mit der Pflicht zur politischen Integrität. Es entsteht der verheerende Eindruck einer politischen Kaste, für die die eigenen Gesetze nur solange gelten, wie sie nicht den persönlichen Lebensentwurf beschränken.
Das kanadische Modell als ethischer Ausweg
Die Debatte darf jedoch nicht im Gestus der reinen Empörung verharren. Sie muss die Frage aufwerfen, wie eine moderne, gerechte und ethisch vertretbare Familienpolitik im 21. Jahrhundert aussehen kann. Das strikte deutsche Totalverbot hat die Realität moderner Familienformen längst aus den Augen verloren. Der Verweis auf das Ausland zeigt, dass Verbote den Wunsch nach Familie nicht auslöschen, sondern ihn lediglich exportieren – oft in unregulierte oder hochgradig kommerzialisierte Märkte.
Es gibt jedoch eine Alternative, die genau jene ethischen Bedenken ernst nimmt, die die Union stets vorgeschoben hat, ohne Paaren den Kinderwunsch brutal zu verwehren: das kanadische Modell (Assisted Human Reproduction Act).
Kanada zeigt, dass Leihmutterschaft kein Akt der Ausbeutung sein muss, sondern als partnerschaftliches, von Respekt getragenes Gemeinschaftsprojekt gestaltet werden kann. Die Säulen dieses Modells bieten eine Blaupause für eine deutsche Reform:
- Strikter Altruismus statt Kommerzialisierung: In Kanada darf für das Austragen des Kindes kein Honorar gezahlt werden. Es ist eine freiwillige, uneigennützige Tat. Erlaubt ist ausschließlich der Ersatz tatsächlich entstandener und nachgewiesener Auslagen (medizinische Versorgung, Schwangerschaftskleidung, nachgewiesener Verdienstausfall). Kommerzielle Agenturen sind illegal und werden streng bestraft.
- Gestationelle Trennung: Die Leihmutter ist in der Praxis niemals die genetische Mutter des Kindes. Bei homosexuellen Paaren stammt die Eizelle von einer separaten, oft anonymen Spenderin, während der Samen von einem der Väter kommt. Die psychologische Bindung der austragenden Frau wird dadurch geschützt, da sie von Anfang an als „Austragende“ agiert und nicht ihr eigenes genetisches Kind abgibt.
- Das Beziehungsprinzip: Wunscheltern und Leihmütter müssen sich vorab intensiv kennenlernen und gegenseitig akzeptieren. Es entsteht eine persönliche Beziehung auf Augenhöhe, die oft – wie im Fall von Familien, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind – über Jahre hinweg anhält. Es entstehen erweiterte familiäre Netzwerke, getragen von tiefer Dankbarkeit.
Ein solches Modell nimmt dem konservativen Argument der „Ware Kind“ das Fundament. Es reguliert, statt zu verbieten, und schützt die Würde der Frau, während es gleichzeitig homosexuellen wie heterosexuellen Paaren im Inland den Weg zum Familienglück ebnet – unabhängig vom Vermögen.
Fazit: Herr Spahn, bekennen Sie Farbe!
Jens Spahn und Daniel Funke haben betont, dass ihnen die Sensibilität des Themas bewusst ist. Ihr Partner ließ ausrichten, dass „der liebe Gott sich über jedes Kind freut“. Das mag theologisch tröstlich sein, entbindet den Unionsfraktionschef jedoch nicht von seiner politischen Verantwortung.
Jens Spahn steht nun an einer existenziellen Weggabelung seiner politischen Glaubwürdigkeit. Er kann sich nicht länger hinter der Floskel zurückziehen, dieses fundamentale Thema sei eine reine „Privatsache“. Wer die politische Macht beansprucht, das Recht eines Landes zu gestalten, muss sein Handeln an seinen eigenen Maßstäben messen lassen.
Es gibt jetzt nur noch zwei konsequente Wege für den CDU-Spitzenpolitiker:
Entweder besitzt Jens Spahn die persönliche und politische Größe, seine private Erfahrung in politische Energie umzumünzen. Er muss den Mut aufbringen, innerhalb der eigenen, traditionell verkrusteten Partei für eine kontrollierte, legale Öffnung der Fortpflanzungsmedizin nach kanadischem Vorbild zu kämpfen. Er muss sich dafür einsetzen, dass das Privileg, das er in den USA genossen hat, zu einem regulierten Recht für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wird – für homosexuelle Männer wie für heterosexuelle Paare gleichermaßen.
Oder aber, er verharrt im bequemen Schweigen der moralischen Inkonsistenz. Wenn er weiterhin eine Politik mitträgt, die den Deutschen im Inland verwehrt, was er selbst im Ausland in Anspruch nimmt, verliert er jede Legitimation, dieses Land politisch zu führen. Sollte er nicht bereit sein, diesen Kampf für eine Modernisierung des Familienrechts in der Union aufzunehmen, bleibt nur ein einziger Schritt: der Rücktritt von seinen politischen Ämtern.
Herr Spahn, das Versteckspiel im Windschatten exklusiver Privilegien ist vorbei. Bekennen Sie Farbe.