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Was sind die „72 Geschlechter“ wirklich?

Die Behauptung von 72 Geschlechtern ist keine wissenschaftliche Tatsache, sondern ein ideologisches Konstrukt aus Online-Listen. Biologisch bleibt es beim Menschen bei zwei Geschlechtern – männlich und weiblich. Die Debatte sagt mehr über unsere Zeit als über die Biologie.
Was sind die „72 Geschlechter“ wirklich?
Aus biologischer Sicht ist die Antwort eindeutig: Beim Menschen existieren zwei Geschlechter.

Einordnung eines Begriffs zwischen Wissenschaft, Aktivismus und öffentlicher Debatte

Die Behauptung, es gebe „72 Geschlechter“, gehört zu den meistdiskutierten Aussagen der letzten Jahre im Zusammenhang mit Gender-Theorie, Identitätspolitik und Bildungsdebatten. Viele Menschen hören diese Zahl erstmals in sozialen Netzwerken, politischen Diskussionen oder Schulkontexten – und fragen sich: Stimmt das wirklich? Gibt es tatsächlich so viele Geschlechter?

Dieser Artikel erklärt, woher die Zahl stammt, was wissenschaftlich gesichert ist – und warum die Debatte darüber heute eine so große politische Rolle spielt.


Gibt es biologisch mehr als zwei Geschlechter?

Aus biologischer Sicht ist die Antwort eindeutig: Beim Menschen existieren zwei Geschlechter.

Biologisches Geschlecht basiert auf:

  • Chromosomen
  • Fortpflanzungsorganen
  • hormoneller Entwicklung
  • reproduktiver Funktion

Diese Faktoren unterscheiden zwischen:

  • männlich
  • weiblich

Seltene Varianten der Geschlechtsentwicklung (Intersexualität) stellen keine zusätzlichen Geschlechter dar, sondern medizinische Sonderformen innerhalb der biologischen Bandbreite menschlicher Entwicklung.

In der biologischen und medizinischen Grundsystematik gilt daher weiterhin:

👉 Es existieren zwei menschliche Geschlechter.

Diese Unterscheidung trennt sich klar von Fragen der sexuellen Orientierung oder persönlichen Identität, die andere Ebenen menschlicher Erfahrung betreffen.


Was bedeutet der Begriff „Gender“?

Der Begriff „Gender“ stammt aus den Sozialwissenschaften und beschreibt nicht das biologische Geschlecht, sondern gesellschaftliche und psychologische Rollenbilder.

Er umfasst unter anderem:

  • soziale Erwartungen
  • Selbstwahrnehmung
  • kulturelle Rollenbilder
  • individuelle Identitätserfahrungen

Während „sex“ das biologische Geschlecht beschreibt, meint „gender“ die soziale und subjektive Dimension von Geschlecht.


Woher stammt die Zahl „72 Geschlechter“?

Die Zahl 72 hat keinen Ursprung in Medizin oder Biologie.

Sie geht auf digitale Listen und Glossare zurück, die in den 2010er Jahren im Umfeld von Online-Communities, Aktivismus und universitären Kontexten entstanden sind.

Dort wurden zahlreiche Selbstbezeichnungen gesammelt, etwa:

  • agender
  • bigender
  • genderfluid
  • demigender
  • pangender

Diese Begriffe beschreiben individuelle Identitätserfahrungen, nicht biologische Kategorien.

Wichtig:

👉 Es existiert keine wissenschaftlich verbindliche Liste mit exakt 72 Geschlechtern.

Die Zahl ist eine symbolische Verdichtung unterschiedlicher Begriffe.


Beispiele aus solchen Listen (Auswahl)

Typische Begriffe, die in solchen Sammlungen auftauchen:

  • Agender (kein Geschlechtsgefühl)
  • Bigender (zwei Geschlechtsidentitäten)
  • Genderfluid (wechselnde Identität)
  • Demigender (teilweise Zugehörigkeit zu einem Geschlecht)
  • Non-binary (außerhalb der Zweigeschlechterordnung)
  • Pangender (mehrere oder alle Geschlechtsidentitäten)

Diese Begriffe stammen aus Selbstbeschreibungen, nicht aus biologischer Klassifikation.


Warum verbreitet sich die Zahl trotzdem?

Drei Gründe sind entscheidend:

  1. Konkrete Zahlen wirken wissenschaftlich exakt
  2. Sie vereinfachen komplexe Debatten
  3. Sie eignen sich für politische Kommunikation

Dadurch wurde „72 Geschlechter“ zu einer medialen Chiffre, nicht zu einem Fachbegriff.


Ist Gender-Theorie gleichbedeutend mit 72 Geschlechtern?

Nein.

Gender-Theorie ist kein einheitliches System, sondern ein Forschungsfeld mit unterschiedlichen Ansätzen.

Innerhalb dieses Feldes existieren verschiedene Perspektiven:

  • biologische Primärmodelle
  • sozialkonstruktivistische Modelle
  • hybride Ansätze

Die Vorstellung einer festen Anzahl von Geschlechtern ist eine Vereinfachung komplexer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten.


Warum ist das Thema politisch umstritten?

Die Debatte betrifft zentrale gesellschaftliche Bereiche:

  • Bildung
  • Sprache
  • Recht
  • Medizin
  • Sport

Ein Teil der Öffentlichkeit betont individuelle Freiheit und Selbstdefinition.

Andere Stimmen warnen vor einer Auflösung biologischer Kategorien als Grundlage gesellschaftlicher Ordnung.

Diese Spannung erklärt die Intensität der Diskussion.


FAQ

Gibt es wirklich 72 Geschlechter?

Nein. Die Zahl ist eine symbolische Sammelbezeichnung aus verschiedenen Online-Listen und hat keinen wissenschaftlichen Status.

Wie viele Geschlechter gibt es biologisch?

Aus biologischer Sicht gibt es zwei Geschlechter: männlich und weiblich.

Was ist Intersexualität?

Intersexualität beschreibt biologische Variationen der Geschlechtsentwicklung, nicht zusätzliche Geschlechter.

Ist Gender das gleiche wie biologisches Geschlecht?

Nein. Gender beschreibt soziale und individuelle Identität, biologisches Geschlecht beschreibt körperliche Merkmale.

Wer hat die 72 Geschlechter erfunden?

Niemand gezielt. Die Zahl entstand aus verschiedenen Internetlisten und wurde später populär verbreitet.


Fazit

Die Zahl „72 Geschlechter“ beschreibt keine biologische Realität, sondern eine Sammlung von Begriffen aus dem Bereich der sozialen Identitätsbeschreibung.

Biologisch bleibt die grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Geschlechtern bestehen.

Die Gender-Debatte ist damit weniger eine naturwissenschaftliche Frage als eine gesellschaftliche Diskussion über Sprache, Identität und Ordnungssysteme.


Stellungnahme der Vossischen

Die Redaktion der Vossischen sieht die gegenwärtige Ausweitung von Geschlechterkategorien kritisch, wenn sie den Eindruck erweckt, biologische Grundlagen seien beliebig interpretierbar.

Wir gehen weiterhin davon aus, dass das biologische Geschlecht des Menschen in zwei klar unterscheidbaren Formen existiert: männlich und weiblich.

Diese Einordnung verstehen wir nicht als politische Abwertung individueller Lebensrealitäten oder persönlicher Identitätserfahrungen, sondern als wissenschaftlich-biologische Grundbeschreibung des Menschen.

Gleichzeitig respektieren wir die Vielfalt persönlicher Lebensentwürfe und betonen die Bedeutung einer offenen, aber sachlich fundierten gesellschaftlichen Debatte.

Die Vossische steht damit für eine klare Unterscheidung zwischen biologischer Realität und sozialer Interpretation – ohne diese Ebenen zu vermischen.