Zeitkapsel 13. April 1926
926 vs. 2026: Russland sagt ab! 🚩 Damals wie heute: Moskau lässt die Abrüstungskonferenz in Genf platzen. Grund? Misstrauen gegen den Westen & Streit um Schweizer Neutralität. Die Geschichte wiederholt sich fast eins zu eins. 🔄 Ein Jahrhundert voller Echo!
Die Abend-Ausgabe der Vossischen Zeitung vor einhundert Jahren
Rußland kommt nicht zur Abrüstungs-Konferenz
Neue Absage an den Völkerbund
Die Sowjetregierung veröffentlicht nunmehr den Wortlaut ihres vom Außenkommissar der Sowjetunion gezeichneten Antwortschreibens auf die ihr zugegangene Mitteilung des Völkerbundsekretariats, daß die vorbereitende Kommission zur Abrüstungskonferenz in Genf zusammentreten werde. In dem Schreiben Sir Eric Drummonds war mitgeteilt worden, daß die endgültige Wahl von Genf als Versammlungsort vom Völkerbundrat beschlossen wurde, nachdem die schweizerische Regierung eine Erklärung abgegeben hatte, daß die Delegierten der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die gleichen Rechte genießen würden wie die Delegierten der anderen Länder.
In seinem Antwortschreiben, das in der Form diplomatisch höflich, in seinem Inhalt zum Teil mit äußerster Schärfe abgefaßt ist, betont Tschitscherin, daß diese Erklärung der schweizerischen Regierung der Sowjetregierung bereits vorgelegen habe, als sie am 16. Januar dem Völkerbundsekretariat mitteilen ließ, daß sie sich an einer Konferenz auf Schweizer Boden keinesfalls beteiligen würde. Der Außenkommissar begründet nochmals diesen Standpunkt mit dem Verhalten der Berner Regierung bei der Ermordung des Sowjetbotschafters Worowski in Lausanne am 10. Mai 1923 durch den Schweizer Conradi und bei den darauffolgenden Gerichtsverhandlungen, die bekanntlich mit dem Freispruch des Mörders endigten.
Es wird der Berner Regierung in diesem an die Adresse Sir Eric Drummonds gerichteten Schreiben noch einmal vorgeworfen, daß sie nicht nur keine Maßnahmen getroffen, die durch die Umstände zur Vorbeugung eines verbrecherischen Anschlages erforderlich waren, sondern, daß sie auch, nachdem das Verbrechen bereits begangen war, „alles getan hat, was in ihrer Macht stand, um den Verbrechern Straflosigkeit zu sichern“.
Tschitscherin spricht sodann ganz offen den Verdacht aus, daß man dadurch, daß der Sowjetregierung die Beteiligung an der Abrüstungskonferenz unmöglich gemacht werde, die ganze Aktion von vornherein sabotieren wolle. Die Stellungnahme der Leiter des Völkerbundes hat die Sowjetregierung endgültig von dem „wenig ernsten Charakter“ dieser Initiative überzeugt sowie von der Unfähigkeit des Völkerbundes, ein so wichtiges Werk wie eine allgemeine Abrüstungskonferenz zu verwirklichen.
Weitere Berichte der Ausgabe vom 13. April 1926
Neben der Absage Russlands befasste sich die Abend-Ausgabe der Vossischen Zeitung vor allem mit der europäischen Sicherheitsarchitektur und historischen Parallelen:
- Reform des Völkerbundes: In Londoner diplomatischen Kreisen wurden Vorstudien betrieben, um die Auswahl der Ratsmitglieder an „objektive Kriterien“ zu binden und sie dem Zufall politischer Konstellationen zu entziehen.
- Deutsch-französische Beziehungen: Unter dem Titel „Der Rhein und Nizza“ wurde das Werk des Historikers Hermann Oncken analysiert. Es wurde diskutiert, ob die französische Politik seit dem 17. Jahrhundert traditionell auf einen deutschen Bürgerkrieg hinarbeite.
- Annäherung an Frankreich: Es wird ein „Fortschritt auf dem Wege zu einer wahrhaft nationalen Realpolitik“ konstatiert, da selbst nationalistische Kreise wie der Jungdo-Hochmeister Mahraun sich nun für ein deutsch-französisches Bündnis aussprachen – als Alternative zu einer „Kampfgenossenschaft mit Moskau“, die den Bestand des Reiches gefährden würde.
Analyse: Russlands Verhalten – Damals und Heute
Betrachtet man diesen Artikel fast genau 100 Jahre später, zeigen sich frappierende Parallelen in der rhetorischen und strategischen Musterbildung Russlands:
- Die Rhetorik der Sabotage: 1926 warf Tschitscherin dem Westen vor, die Abrüstung durch die Wahl des Verhandlungsortes Genf bewusst zu „sabotieren“. Heute nutzt der Kreml ähnliche Argumente, um internationale Foren zu diskreditieren oder Verhandlungen (etwa zum Ukraine-Krieg) abzulehnen, indem er den Gastgebern oder den Rahmenbedingungen eine prinzipielle Voreingenommenheit unterstellt.
- Opferrolle und Misstrauen: Die Ablehnung der Schweiz als Verhandlungsort wurde 1926 mit dem Mord an Worowski begründet. Heute wird die Neutralität der Schweiz von Russland aufgrund der Sanktionen gegen den Ukraine-Krieg offiziell nicht mehr anerkannt, was erneut dazu führt, dass Russland internationale Friedensinitiativen auf Schweizer Boden (wie die Bürgenstock-Konferenz) ablehnt.
- Skepsis gegenüber internationalen Institutionen: Schon 1926 bezeichnete die Sowjetunion den Völkerbund als „unfähig“, den Weltfrieden zu sichern. Diese tiefe Skepsis gegenüber multilateralen Organisationen, die als Instrumente westlicher Machtinteressen wahrgenommen werden, prägt die russische Außenpolitik unter Wladimir Putin bis heute – von der Kritik an der UN bis zum Austritt aus dem Europarat.
Geschichte, Völkerbund, Russland, Diplomatie, Abrüstung, 1926
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