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Mussolinis „Panther“-Sprung

Während 1926 die "Eroberung" von Territorien wie Abessinien (Äthiopien) offen als politisches Ziel diskutiert wurde, ist die Region heute zwar souverän, aber Schauplatz komplexer Stellvertreterkonflikte und interner Instabilität.

Heute vor 100 Jahren in der Vossischen Zeitung vom 16. April 1926

Italienischer Aufmarsch gegen Abessinien?

Drahtmeldung Rom, 16. April (W. Z. B.)

Eine Abteilung italienischer Truppen ist an Bord des Transportdampfers „Alessandretta“ unter dem Schutz des Kreuzers „Campagna“ von Mogadischu (Italienisch-Süd-Somaliland) abgegangen und im Gebiet von Nogal (nördliche Zone des italienischen Somalilandes) gelandet, um dort die unmittelbare italienische Herrschaft herzustellen.

Die praktische Auswirkung der als Auftakt einer neuen Ära der italienischen Kolonialpolitik angekündigten Tripolisfahrt Mussolinis hat nicht lange auf sich warten lassen. Die Expedition nach dem nördlichen Somali-Land, die wohl seit längerer Zeit im Gange ist und jetzt erst amtlich aus Rom mitgeteilt wird, steht offenbar im Zusammenhang mit den Absichten Italiens, auf das letzte noch unabhängige Gebiet Afrikas die Hand zu legen: Abessinien, das uralte Kaiserreich, in dem sich eine eigenartige Kultur trotz aller inneren Wirren unversehrt erhalten hat.

Die Eroberung des bisher noch nicht unterworfenen nördlichen Hinterlandes von Somali soll offenbar die notwendige Basis für eine neue militärische Expedition gegen das Reich des Menelik schaffen.Schon einmal hat Italien versucht, Abessinien mit Waffengewalt an sich zu reißen. Erst vor wenigen Wochen hat man in Italien den dreißigjährigen Jahrestag der Schlacht von Adua begangen, in der die tapferen Krieger des Menelik die fremden Eroberer vernichtend aufs Haupt schlugen und den kolonialen Aspirationen Italiens auf lange Zeit hinaus ein blutiges Ende bereiteten. Abessinien ist übrigens Mitglied des Völkerbunds.


Weitere Schlagzeilen der Ausgabe

Neben der Kolonialpolitik prägten folgende Themen die Titelseite:

  • Die Parteiführer beim Reichskanzler: Verhandlungen über die Fürstenauseinandersetzung in der Reichskanzlei unter Dr. Luther.
  • Arbeitsüberlastung der Justiz: Debatte im Preußischen Hauptausschuss über die enorme Klageflut (303.000 Klagen im Januar 1926).
  • Peking zwischen den Schlachten: Bericht über die Bemühungen, die chinesische Hauptstadt aus den Kämpfen der Generäle Wu Pei-fu und Tschang Tso-lin herauszuhalten.
  • Schwierige Friedensverhandlungen: Bericht aus Paris über das Ultimatum an die Rifkabylen unter Abd el-Krim in Marokko.
  • Blutige Wahlen in Persien: Meldung über Zusammenstöße zwischen der religiösen Gesellschaft der Berchaisten und dem Militär in Schiras.
  • Der Verteidiger des Höfle-Erlasses: Die umstrittene Beförderung von Ministerialrat Dr. Krohne trotz Bedenken wegen des Todes von Dr. Höfle.

Vergleich zu heute (2026)

  • Geopolitik: Während 1926 die "Eroberung" von Territorien wie Abessinien (Äthiopien) offen als politisches Ziel diskutiert wurde, ist die Region heute zwar souverän, aber Schauplatz komplexer Stellvertreterkonflikte und interner Instabilität, die oft noch auf die kolonialen Grenzziehungen jener Zeit zurückzuführen sind.
  • Institutionen: Der im Artikel erwähnte Völkerbund erwies sich letztlich als machtlos gegen Mussolinis Ambitionen. Dies zieht Parallelen zur heutigen Kritik an der Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen in aktuellen globalen Krisenherden.
  • Justiz und Verwaltung: Die Klageflut in der Weimarer Republik erinnert an die heutige Überlastung deutscher Gerichte durch Massenverfahren, wobei 1926 die wirtschaftliche "Aufwertung" nach der Inflation die Ursache war.