Am 7.April 1926 in der Vossischen Zeitung
Das Netz der Spritschieber entlarvt
Berlin, Mittwoch, den 7. April 1926 – In den Hallen der Justiz am Tegeler Weg bereitet man sich auf ein Schauspiel von monumentalen Ausmaßen vor. Wie unsere Redaktion erfährt, wird am kommenden Montag vor dem hiesigen Schöffengericht der erste der großen Strafprozesse gegen die sogenannte „Sprit-Mafia“ seinen Anfang nehmen. Unter dem Aktenzeichen „Peters und Genossen“ stehen nicht nur zwielichtige Kaufleute, sondern auch jene vor den Schranken des Gerichts, die eigentlich über das Gesetz wachen sollten.
Zweieinhalb Millionen Liter – Ein Raubzug am Staatsmonopol
Die Dimensionen des Betruges spotten jeder Beschreibung. Rund 2.500.000 Liter Branntwein, die für gewerbliche Zwecke wie die Lack- und Farbenfabrikation bestimmt waren, wurden am Fiskus vorbeigeschleust.
Das System war so simpel wie perfide: Die Monopolpriese für Trinkbranntwein lagen bei 5 Mark, während „Gewerbesprit“ für lediglich 1 bis 2 Mark abgegeben wurde. Eigentlich hätte dieser Alkohol unter strenger Aufsicht von Zollbeamten „vergällt“ – also ungenießbar gemacht – werden müssen. Doch die Angeklagten, allen voran der Kaufmann Hermann Weber, ließen die Fässer unberührt. Der reine Alkohol floss stattdessen in die Kessel neugegründeter Likörfabriken, die wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schossen und die ehrsame Konkurrenz mit Billigpreisen unterboten.
Verrat im Spritdezernat: Die korrupten Wächter
Dass dieses Treiben über Jahre unentdeckt blieb, liegt an einem Sumpf aus Bestechung, der bis in das Berliner Polizeipräsidium reicht. Kriminalkommissar Walter Peters, Leiter des eigens eingerichteten Spritdezernats, steht unter dem dringenden Verdacht, gegen bare Münze vor Kontrollen gewarnt zu haben.
„Wenn die Beamten zur unvermuteten Revision erschienen, war stets alles in bester Ordnung – die Schieber waren bereits informiert“.
Peters, ein hochdekorierter Offizier des Weltkriegs, der jedoch seit einem Schädelbruch als „vermindert zurechnungsfähig“ gilt, soll einen Lebensstil geführt haben, der in keinerlei Verhältnis zu seinem kargen Beamtengehalt stand. Sogar bei der Flucht des Haupttäters Weber soll er behilflich gewesen sein.
Ein Jahrhundert der Skandale: Der Blick ins Heute
Zieht man die Parallele in das Jahr 2026, so erkennt der geneigte Leser: Die Kulissen wechseln, doch das Stück bleibt dasselbe.
- Systematische Hinterziehung: Was 1926 der unversteuerte Sprit war, sind heute hochkomplexe Cum-Ex-Geschäfte oder digitale Steuer-Oasen. Damals wie heute nutzen Akteure die Trägheit staatlicher Kontrollapparate schamlos aus.
- Beamtenethos vs. Eigennutz: Der Fall Peters erinnert uns schmerzlich daran, dass die Unabhängigkeit der Kontrolleure das höchste Gut einer funktionierenden Gesellschaft ist. Wenn der Wächter zum Komplizen wird, wankt das Fundament des Rechtsstaates.
- Die Gier der „Neureichen“: Der Aufstieg dubioser Unternehmen in Krisenzeiten (damals die Inflation, heute die digitale Transformation) bleibt ein steter Quell für kriminelle Energie.
Was sonst noch die Spalten füllt
- Hindenburgs Jubeltag: Heute vor genau 60 Jahren trat Paul von Hindenburg als junger Sekondelieutenant in das 3. Garde-Regiment zu Fuß ein. Von den Schlachtfeldern von Königgrätz bis in das Reichspräsidentenpalais – ein Leben im Dienste des Vasallentums.
- Die Reichsbahn im Zwielicht: Nicht nur beim Sprit wird betrogen. Gegen 60 Beamte der Reichsbahndirektion Osten wird wegen passiver Bestechung ermittelt; es geht um Millionenbeträge bei Bauvorhaben.
- Gewalt in Venedig: Amerikanische Matrosen wurden über Ostern von organisierten Fascisten verprügelt. In diplomatischen Kreisen befürchtet man eine scharfe Auseinandersetzung mit der Regierung Mussolini.
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