Der Leitartikel: „Der Völkerbund – eine europäische Einrichtung“
Von Professor Gerhart von Schulze-Gaevernitz (Universität Freiburg)
„Ich bin nach wie vor für Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, obgleich ich denselben nie überschätzt habe. In minderen, aber nicht unwichtigen Fragen kann Deutschland im Völkerbund deutsche Interessen wahrnehmen, z. B. in Saarfragen, Danzigfragen, Minoritätenfragen. Wäre Deutschland zur Zeit der oberschlesischen Grenzfestsetzung schon im Völkerbund gewesen, die Entscheidung wäre vielleicht günstiger ausgefallen.
Die großen Fragen der auswärtigen Politik, die über Wohl und Wehe, Krieg und Frieden Europas entscheiden, können nur durch Verständigung der eigentlichen Großmächte, vor allem Englands, Frankreichs und Deutschlands, geordnet werden. Ihr Zusammengehen bedeutet eine wirkliche Befriedung Europas, worauf Jaurès kurz vor dem Kriege leider vergeblich hinwies.
Deswegen ist Locarno wichtiger als Genf. Aber zu diesem Zwecke könnte der Völkerbund eine nützliche Form bieten, die auch den kleinen Mächten, insbesondere den Neutralen des Weltkrieges, die Möglichkeit wertvoller und ehrenvoller Mitarbeit bietet. Voraussetzung hierfür ist, dass der Völkerbund zu dem gemacht wird, was er tatsächlich ist: einer europäischen Einrichtung.
Die Entscheidungen des Völkerbundes sind für Amerika, und damit auch für Ostasien, wertlos und unverbindlich, weil Amerika durch die Monroedoktrin abgesperrt ist. Die Vereinigten Staaten als die stärkste Weltmacht dulden nicht den Eingriff irgendwelcher fremden Macht in Amerika. Keine andere Macht, selbst nicht das seebeherrschende Britannien, wird Lust haben, sich etwa zur Durchführung einer Völkerbundentscheidung in Amerika oder im Pazifik die Finger zu verbrennen. Dies war die Schwäche des sogenannten Genfer Protokolls, welches tatsächlich nur Europa betraf, aber allgemeine Formeln anwandte.
Eine europäische Sektion des Völkerbundes muss ausgebaut werden und die Entscheidung über europäische Lebensfragen in die Hand bekommen. Die europäische Sektion hätte insbesondere auch der wirtschaftlichen Annäherung, letztlich Verschmelzung Europas zu dienen, dem einzigen Mittel, die unsinnigen Grenzlinien des Versailler Vertrages unwesentlich zu machen und damit dringende Kriegsgefahren dringend trotz alles Völkerbundes abzumildern und letztlich zu beseitigen.“
Die historische Brücke: Von 1926 bis 2026
Der Artikel von 1926 ist kein bloßes Zeitdokument, sondern beschreibt die Geburtsstunde von Konzepten, die unser heutiges Leben im Jahr 2026 fundamental bestimmen.
1. Die „Wirtschaftliche Verschmelzung“ als Friedensgarant
Schulze-Gaevernitz erkannte 1926, dass politische Verträge allein nicht ausreichen. Er forderte die wirtschaftliche Integration, um Kriege materiell unmöglich zu machen.
- Auswirkung bis 2026: Dies ist das Fundament der Europäischen Union. Die heutige wirtschaftliche Verflechtung (Binnenmarkt, Euro) hat dazu geführt, dass ein Krieg zwischen den Kernmächten Europas (Deutschland, Frankreich) heute unvorstellbar ist – genau wie es der Autor vor 100 Jahren als Ziel formulierte.
2. Die Rolle der USA und die Monroedoktrin
Der Autor analysiert die „Absperrung“ Amerikas durch die Monroedoktrin. Er sah voraus, dass Europa seine Probleme selbst lösen muss, da die USA sich nicht in kontinentaleuropäische Grenzstreitigkeiten hineinziehen lassen wollten.
- Zusammenhang 2026: Wir sehen heute eine verblüffende Parallele. In einer Ära, in der die USA ihre globale Präsenz zunehmend hinterfragen, steht Europa 2026 erneut vor der Notwendigkeit einer „europäischen Sektion“ – einer eigenständigen Sicherheitsarchitektur, die nicht mehr allein auf transatlantische Hilfe setzt.
3. Das Scheitern des Völkerbundes vs. Erfolg der EU
Schulze-Gaevernitz warnte vor „allgemeinen Formeln“, die keine reale Machtbasis haben. Der Völkerbund scheiterte, weil er keine institutionelle Tiefe besaß.
- Lehre für heute: Die Krisen der 2020er Jahre (Energie, Sicherheit, Technologie) haben gezeigt, dass nur tief integrierte Institutionen (wie die EU-Kommission) handlungsfähig bleiben. Der Artikel von 1926 war der intellektuelle Startschuss für diesen Weg.
Weitere Berichte vom 4. April 1926: „Aus vier Kontinenten“
Die Ausgabe zeigt eine Welt im Umbruch, deren Konfliktlinien teilweise bis heute existieren:
- Kalkutta (Indien): Schwere Kämpfe zwischen Hindus und Mohammedanern. Tempel wurden zerstört, die Großmoschee in Brand gesteckt. Die Vossische Zeitung vermutet, dass die Briten diesen Zwiespalt nach dem Prinzip „divide et impera“ (teile und herrsche) nicht ungern sahen, um ihre Macht zu sichern.
- Gibraltar & Marokko: Colin Ross beschreibt die strategische Lage am „Dschebel Tarik“ (Gibraltar). Er berichtet, dass das Protektorat in Nord-Marokko Spanien täglich eine Million Peseten kostete.
- Griechenland: General Pangalos verschiebt die Wahlen wegen „mangelhafter Vorbereitungen“, was die Opposition als Machtmissbrauch deutet.
- Kultur: Die Zeitung kündigt für Ostern Texte von Bert Brecht, Klabund und Jakob Wassermann an. Es ist die Blütezeit der Weimarer Kultur kurz vor dem Abgrund.
Die "Vossische" fungierte hier bereits als Medium der globalen Vernetzung, das lokale Konflikte (Indien, Marokko) in einen weltpolitischen Zusammenhang stellte – ein Vorläufer des modernen globalen Journalismus.
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