Der Tote im alten Gasthaus

An der B1 verfällt seit Jahren das alte Gasthaus „Zur Linde“. Niemand hält dort noch an – bis eines Morgens Rauch aus den zerbrochenen Fenstern steigt. Im Schankraum liegt ein toter Notar. Hinnerk Kuhlmann folgt einem angekohlten Foto und einer Wahrheit, die 25 Jahre verborgen blieb.

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Der Tote im alten Gasthaus
Der Tote im alten Gasthaus

Ein Hinnerk-Kuhlmann-Krimi von Terry Simon

Das alte Gasthaus an der B1 hatte schon bessere Zeiten gesehen.

Das war Hinnerk Kuhlmanns erster Gedanke, als er vor dem verfallenen Bau stand und den Rauch aus den zerbrochenen Fenstern steigen sah. Früher hatten hier Lastwagenfahrer Schnitzel gegessen, Vertreter zu viel Korn getrunken und Familien auf dem Weg nach Hannover Pommes für die Kinder bestellt. Heute hing das Schild über der Tür schief im Wind. Zur Linde stand dort noch, wenn man wusste, welche Buchstaben fehlten.

Niemand hielt hier mehr an.

Außer der Feuerwehr.

„Kleiner Schwelbrand“, sagte Jana Wrede, als Hinnerk über den aufgeplatzten Asphalt des Parkplatzes kam. „Alte Gardinen, Müll, ein paar Holzbretter. Vermutlich Jugendliche.“

„Jugendliche stehen selten um sechs Uhr morgens auf, um Nostalgie anzuzünden.“

Jana sah ihn an. „Moin auch.“

Im ehemaligen Schankraum roch es nach Rauch, nasser Asche und altem Bier, das längst nur noch Erinnerung war. Die Feuerwehr hatte die Glut gelöscht. Zwischen umgestürzten Stühlen, zerbrochenen Flaschen und einer Theke mit Brandspuren lag ein Mann auf dem Rücken.

Er trug einen dunklen Anzug.

Das passte nicht.

Zu sauber für einen Obdachlosen. Zu ordentlich für einen Jugendlichen. Zu teuer für jemanden, der freiwillig in einem verlassenen Gasthaus schlief. Neben seiner rechten Hand lag ein Autoschlüssel. Neben der linken ein angekohltes Foto.

„Name?“, fragte Hinnerk.

„Noch nicht sicher“, sagte Jana. „Ausweis fehlt. Brieftasche weg.“

Hinnerk sah auf die Schuhe des Toten. Feines Leder, kaum Staub, kein Schlamm.

„Er ist nicht über den Parkplatz gekommen.“

„Warum nicht?“

„Da draußen ist Matsch. Hier drinnen ist Staub. Seine Schuhe haben weder das eine noch das andere.“

„Vielleicht getragen.“

„Oder hier abgelegt.“

Jana seufzte. „Bitte nicht wieder so früh.“

Der Tote war etwa fünfzig, gepflegt, graue Schläfen, Ehering. Keine sichtbaren Verletzungen. Der Notarzt vermutete Rauchvergiftung.

Hinnerk beugte sich nicht hinunter. Er sah zur Theke. Auf der alten Zapfanlage lag frischer Ruß. Doch darunter war ein heller Kreis, als habe dort kurz etwas gestanden.

„Nur noch eine Sache“, sagte er.

Jana schloss die Augen. „Jetzt schon?“

„Was hat hier gebrannt?“

„Müll. Gardinen. Holz.“

„Nein“, sagte Hinnerk. „Was sollte hier brennen?“

Das angekohlte Foto zeigte das Gasthaus in besseren Tagen. Blumenkästen, helle Fenster, Menschen vor der Tür. Auf der Rückseite stand in blauer Tinte: Sommer 1998. Letzte Nacht.

Der Autoschlüssel gehörte zu einem Mercedes, der nicht auf dem Parkplatz stand.

Um neun Uhr wussten sie, wer der Tote war: Dr. Henning Albers, 52, Notar aus Celle. Seit dem Vorabend vermisst. Seine Frau hatte ihn nicht gemeldet, weil er angeblich oft spät arbeitete. Sein Auto fand man drei Kilometer entfernt auf einem Rastplatz. Verschlossen. Sauber. Im Kofferraum: ein leerer Benzinkanister und eine Decke mit Rußspuren.

„Also doch getragen“, sagte Jana.

„Ja“, sagte Hinnerk. „Aber von wem? Und warum ausgerechnet hierher?“

Albers hatte in den letzten Wochen an mehreren Grundstücksverkäufen gearbeitet. Auch das alte Gasthaus gehörte dazu. Eigentümer war eine Erbengemeinschaft: zwei Geschwister, seit Jahren zerstritten. Ein Investor wollte das Grundstück kaufen, abreißen, Schnelllader bauen, vielleicht einen Drive-in. Etwas Glattes, Helles, Beliebiges. Etwas ohne Erinnerung.

„Ein Mann stirbt genau in der Immobilie, die er verkaufen soll“, sagte Jana. „Das ist immerhin praktisch.“

„Für jemanden.“

Die erste Erbin hieß Monika Rahlfs. Sie wohnte im Nachbarort und sprach über das Gasthaus wie über einen kranken Verwandten, den man nicht mehr besuchen wollte.

„Ich wollte verkaufen“, sagte sie. „Natürlich wollte ich das. Das Ding frisst Geld.“

Der zweite Erbe, ihr Bruder Thomas Rahlfs, wollte nicht verkaufen. Er lebte in einem Wohnwagen hinter dem Gasthaus, obwohl er dort offiziell nicht wohnen durfte. Die Polizei fand ihn gegen Mittag. Betrunken, wütend, mit Ruß an den Händen.

„Ich hab keinen umgebracht“, sagte er.

„Aber Sie waren drin“, sagte Jana.

„Ich wollte löschen.“

„Bevor oder nachdem Sie die Feuerwehr riefen?“

Thomas schwieg.

Hinnerk betrachtete den Wohnwagen. Auf dem Tisch lag ein altes Fotoalbum. Dieselben Bilder wie das angekohlte Foto im Gasthaus. Sommer 1998. Letzte Nacht. Junge Leute vor der Linde. Thomas mit langen Haaren. Monika lachend. Ein Mädchen im hellen Kleid. Und ein junger Mann, der Hinnerk bekannt vorkam.

„Wer ist das?“, fragte er.

Thomas sah nicht hin. „Weiß nicht.“

„Menschen vergessen Namen“, sagte Hinnerk. „Aber selten Gesichter.“

„Dann will ich ihn eben vergessen.“

Das Mädchen auf dem Foto hieß Sabine Rahlfs. Die jüngste Schwester. Seit fünfundzwanzig Jahren tot.

Autounfall, Sommer 1998, wenige Kilometer hinter dem Gasthaus. Angeblich war sie allein gefahren, betrunken, gegen einen Baum. Keine Fremdbeteiligung. Das Gasthaus wurde ein Jahr später geschlossen. Der Vater starb bald darauf. Die Geschwister redeten kaum noch miteinander.

Und Henning Albers?

Der junge Mann auf dem Foto war er.

Damals Referendar beim Amtsgericht. Heute Notar. Dazwischen lagen fünfundzwanzig Jahre Schweigen.

Die Obduktion kippte den Fall am Nachmittag. Albers war nicht am Rauch gestorben. Er war erstickt worden, bevor das Feuer gelegt wurde. Keine Kampfspuren. Betäubungsmittel im Blut. Der Brand sollte Spuren vernichten.


Hinnerk Kuhlmann ermittelt weiter.
Was wie ein Unfall, ein Gerücht oder ein Zufall beginnt, führt in seinen Fällen selten dorthin, wo alle zuerst hinschauen. Lesen Sie weiter und folgen Sie dem norddeutschen Columbo der Vossischen bis zu jenem Detail, das die ganze Geschichte kippen lässt.

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