Die Stimme aus dem Kornfeld

Um 4.36 Uhr ruft eine tote Frau bei der Polizei an. Elf Sekunden Ton, Wind im Korn, eine panische Stimme – dann Stille. Hinnerk Kuhlmann erkennt: Jemand hat Silke Harms’ Stimme benutzt, um die Ermittler ins Feld zu locken. Doch warum musste die Tote noch einmal lügen?

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Die Stimme aus dem Kornfeld
Die Stimme aus dem Kornfeld – Hinnerk Kuhlmann ermittelt

Ein Hinnerk-Kuhlmann-Krimi von Terry Simon

Um 4.36 Uhr rief eine tote Frau bei der Polizei an.

Die Aufnahme dauerte elf Sekunden.

Zuerst war nur Wind zu hören. Dann ein schneller Atemzug, das Rascheln trockener Halme und eine Frauenstimme:

„Er steht wieder am Feldrand.“

Danach ein Knacken. Ein dumpfer Schlag. Stille.

Als Hinnerk Kuhlmann eine Stunde später am Rand des Kornfeldes bei Trelde stand, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Blaulicht zuckte über die Halme. Der Tau hing silbern an den Ähren.

Jana Wrede hielt ihm ihr Telefon hin.

„Noch einmal“, sagte sie.

Hinnerk hörte die Aufnahme zum dritten Mal.

„Die Frau heißt Silke Harms“, sagte Jana. „Vierundvierzig, alleinstehend, wohnt im letzten Haus vor dem Feld. Ihr Handy hat den Notruf ausgelöst.“

„Und sie ist tot?“

„Seit gestern Nachmittag.“

Hinnerk sah sie an.

„Verkehrsunfall auf der B75“, sagte Jana. „Sofort tot. Das Handy lag in ihrer Handtasche im Wagen. Seitdem bei uns in der Asservatenkammer.“

Vor ihnen bewegte sich das Korn im Wind.

„Dann hat nicht Silke Harms angerufen“, sagte Hinnerk.

„Die Stimme klingt aber wie sie.“

„Tote klingen oft überzeugend.“

Silkes Haus stand zweihundert Meter entfernt. Ein eingeschossiger Bau, graues Dach, sauberer Vorgarten. Die Haustür war verschlossen. Im Wohnzimmer lagen noch die Blumen, die Nachbarn nach dem Unfall abgelegt hatten.

Auf dem Küchentisch stand ein Laptop. Daneben ein kleines Mikrofon.

„Sie hat Podcasts gemacht“, sagte Jana. „Lokale Geschichten. Verlassene Höfe, alte Verbrechen, Dorfgerüchte.“

Hinnerk öffnete den Laptop nicht. Er sah zum Fenster.

Vom Küchenstuhl aus konnte man das ganze Feld überblicken.

„Er steht wieder am Feldrand“, wiederholte er.

„Vielleicht hat sie jemanden beobachtet.“

„Vor ihrem Tod.“

Auf dem Laptop fanden die Techniker Hunderte Tonaufnahmen. Silkes Stimme, sauber sortiert. Einzelne Wörter, ganze Sätze, Versprecher, Atemgeräusche. Genug Material, um mit wenig Aufwand einen täuschend echten Anruf zu erzeugen.

„Künstliche Stimme“, sagte Jana.

„Echte Absicht“, sagte Hinnerk.

Die erste Spur führte zu Konrad Hesse, Landwirt und Eigentümer des Feldes. Silke hatte vor zwei Wochen eine Folge über verschwundene Fördergelder angekündigt. Hesse sollte darin vorkommen.

Er erwartete sie bereits auf dem Hof.

„Silke hat überall Dreck gesucht“, sagte er. „Und wenn sie keinen fand, hat sie welchen erfunden.“

„Wo waren Sie heute Morgen um halb fünf?“, fragte Jana.

„Im Bett.“

„Allein?“

„Seit zwölf Jahren.“

Hinnerk sah auf Hesses Stiefel. Trockener Staub, kein Tau.

„Gehen Sie nachts ins Feld?“

„Nur wenn Wildschweine drin sind.“

„Standen Sie gestern am Feldrand?“

Hesse wurde still.

„Ich habe dort jemanden gesehen“, sagte er schließlich. „Eine Frau. Dunkle Jacke. Sie hat zum Haus geschaut.“

„Silke?“

„Nein. Jünger.“

Die jüngere Frau hieß Nele Harms, Silkes Schwester. Sie wohnte in Hamburg und kam am Vormittag nach Trelde. Sie trug eine dunkle Jacke.

„Ich war gestern hier“, gab sie zu. „Wir haben gestritten.“

„Worüber?“, fragte Jana.

„Unsere Mutter.“

Die Mutter lebte in einem Pflegeheim. Silke verwaltete ihr Haus und ihre Konten. Nele glaubte, dass Geld fehlte.

„Wie viel?“

„Fast achtzigtausend Euro.“

„Und Silke?“

„Sie sagte, sie habe alles bezahlt. Pflege, Umbauten, Schulden. Ich wollte die Belege sehen.“

„Hat sie sie gezeigt?“

„Nein.“

Ein klares Motiv. Ein Streit. Eine Frau am Feldrand.

Zu klar, dachte Hinnerk.

Die Obduktion des Unfallopfers brachte am Nachmittag die erste Wendung. Silke Harms war nicht am Unfall gestorben.

Sie war vorher bewusstlos gewesen.

In ihrem Blut fand man ein starkes Beruhigungsmittel. Ihr Wagen war mit hoher Geschwindigkeit von der Straße abgekommen. Keine Bremsspur.

„Jemand hat sie betäubt und ins Auto gesetzt“, sagte Jana. „Vielleicht lief der Motor schon.“

„Dann brauchte der Täter die Stimme nicht, um uns auf einen Mord aufmerksam zu machen.“

„Sondern?“

„Um uns an einen bestimmten Ort zu bringen.“


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Eine tote Frau kann nicht telefonieren. Doch jemand hat ihre Stimme benutzt, um Hinnerk Kuhlmann an den Feldrand zu locken. Hinter der Paywall beginnt die eigentliche Frage: Wer spielt die Stimme der Toten ab — und warum?

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